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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Fünfter Abschnitt.

Säugling, der von diesen, so wie von allen seit Marianens Entführung vorgefallenen Begebenheiten, nichts wußte, blieb in seiner Zuneigung gegen seine Geliebte beständig. Sie war noch beständig der Gegenstand aller seiner einsamen Phantasien. An sie waren alle verliebte Verse gerichtet, die er nicht unterlaßen konnte, von Zeit zu Zeit zu machen. Er gab sich unabläßig, obwohl fruchtlos, Mühe, Nachricht von ihr einzuziehen. Er beklagte sich deshalb oft bey dem treulosen Rambold, welcher aber, besonders in den letzten Zeiten, seine Liebe zu einer abwesenden Person, die vielleicht wer weiß wo in der Weit herumschweifen möchte, mit gewöhnlicher Narrentheidung zu bespötteln suchte, welches auf das Gemüth des treuen Säuglings, so empfindlich er sonst auch gegen das lächerliche war, keinen Eindruck machen konnte.

Ob nun gleich, Mariane immer die Königinn seines Herzens blieb, der alle seine Gedanken gewidmet waren, so würde doch seine so weiblich gestimmte Seele unglücklich gewesen seyn, wenn er nicht mit einem gegenwärtigen Frauenzimmer öfters hätte umgehen können. Auf dem Gute seines Vaters aber, war keine weibliche Seele, seiner Achtsamkeit würdig, daher war es ein Glück für ihn, daß sich bald eine Gelegenheit fand, mit einem jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft bekannt zu werden.

Die Betstunden, welche Säugling der Vater zu halten anfieng, machten ihn mit der Frau Gertrudtinn, einer reichen Wittwe bekannt, die in einem benachtbarten Städtchen wohnte. Ihr seliger Gemahl, Herr Gertrud, war ein betriebsamer Mann, der beständig bedacht gewesen war, sein kleines Talent, so gut wie möglich, und zwar hauptsächlich zu seinem eigenem Vortheile zu nützen. Weil er wußte, wie viel leichter es ist, auf einem gutmüthigen Menschen zu reiten, als pfiffige Kunden zu überlisten, und weil er von Natur ein ehrbares und bedächtiges Ansehen hatte, so trieb er sein Wesen hauptsächlich unter verschiedenen enthusiastischen und separatistischen Religionspartheyen. Er fügte sich ganz ihren Einrichtungen, drang sehr geflissentlich in die ihnen am Herzen liegende Glaubenspunkte ein, besorgte ihre Angelegenheiten, correspondirte mit den entfernten Brüderschaften, und vertheilte ihre Almosen. Er hatte sich besonders, lange bey den Herrnhutern aufgehalten, und war nur erst alsdenn von ihnen geschieden, da man ihn über gewisse Verwaltungen brüderlich befragen wollte, über welche er nicht brüderlich zu antworten gemeinet war. Seine Frau war ihm, ehe dieß geschah, durchs Loos des Heilandes zu gefallen, und dieses Loos behagte ihm sehr wohl, denn die ihm zugefallne Schwester, war in ihrem neunzehnten Jahre, hatte eine feine Haut, ein wohlbeleibtes Ansehen, und große blaue Augen, die sie bey geistlichen und weltlichen Entzückungen sehr andächtig zu verdrehen wuste. Als er starb, ließ er seiner Wittwe, nebst einem Vermögen von funfzigtausend Thalern, eine einzige Tochter, die Jungfer Anastasia Gertrudtinn. Diese war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre, und sahe ohngefähr eben so aus, als ihre Mutter, zu der Zeit, als sie ihrem Vater durchs Loos zufiel. Sie hatte das gebenedeyte Ansehn, welches der Frömmling aus der Zerknirschung des Herzens herleitet, und der Weltling zuweilen in einem ganz andern Verstande annimmt. Ihre Augen waren fast immer niedergeschlagen; doch wenn sie sie aufhob, war ihr Blick zwar sehr durchdringend, aber ihre Augen fielen sogleich wieder ehrbarlich nieder. Sie trieb keine Kleiderpracht, und gieng weder in Sammt noch Seide, aber das allerfeinste Leinen, die ausgesuchtesten Spitzen, die Chitse erster Sorte, obgleich sittsamer Farbe, dienten, eine sehr zarte Haut und eine volle Wange, zu erhöhen, die, ohne daß es schien, doch sehr sorgfältig gepflegt wurden. Sie sprach sehr wenig, eigentlich, weil sie nicht viel zu sprechen wuste: aber diese Einfalt diente ihr zu einer frommen Koketterie. Sie schien aus verschämter Zurückhaltung zu schweigen, indem sie sanft seufzete, und das Haupt langsam seitwärts sinken ließ.

Mit diesem jungen Frauenzimmer unterhielt sich Säugling der Sohn, wenn ihre Mutter seinen Vater oder er sie besuchte, welches fast wöchentlich geschahe. Unterdessen die Frau Gertrudtinn mit Sebaldus über theologische Materien disputirte, wie sie denn in der Dogmatik, so gut wie in der Polemik, bewandert war, oder unterdessen sie mit seinem Vater die Materie von Hypotheken und Pfandbriefen abhandelte; pflegte Säugling mit der Jungfer Anastasia die süssen Gedanken zu theilen, die wie Honig von seinen Lippen flossen. Daß sie sie nicht verstand, that nichts zur Sache, sie machte doch einen bescheidenen Knix, als ob sie sie verstünde, schlug ihre großen Augen kurz auf und wieder nieder, und erröthete zuweilen, wenn etwas von Liebe, oder heidnischer Mythologie vorkam. Säugling der dieses bemerkte, und, einem Frauenzimmer zu gefallen, gern alle Gestalten annahm, versuchte einige geistliche Lieder nach bekannten Melodien zu machen. Dieses gelang ihm über Vermuthen. Denn die Jungfer Anastasia, begann sie nicht allein mit vieler Begierde zu lesen, und sang sie ihm mit ihrem schönen Munde vor, sondern die Frau Gertrudtinn fand auch so viel Salbung darinn, daß sie, aus eignem Betriebe, sich dahin zu verwenden versprach, daß diese Lieder in ein Gesangbuch, von welchem im Herzogthume Jülich eine verbesserte und vermehrte Auflage besorgt werden sollte, eingerückt würden. Eine Hofnung, welche Säuglings kleiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte.

Auf diese Art ward der Umgang zwischen Säuglingen und der Jungfer Anastasia täglich genauer, und die schüchterne Anastasia, ward, obgleich in aller Ehrbarkeit, etwas gesprächiger und unterhaltender, welches beiderseits Eltern sehr wohl gefiel. Denn Säugling der Vater, der den Reichthum der Frau Gertrudtinn kannte, berechnete, daß sein Sohn keine bessere Partie thun könnte, und Frau Gertrudtinn, welche auch wohl wußte, wie warm der alte Säugling saß, fieng an, der Sache etwas näher zu treten, indem sie zuweilen bemerkte, daß die Ehen im Himmel geschloßen würden, und daß die Menschen, sobald dieß ersichtlich sey, dem Himmel nicht widerstreben müßten.

Säugling der Sohn, argwohnte alle diese Absichten gar nicht, sondern der Umgang mit einem Frauenzimmer diente ihm nur, wie einer Uhr das Oel, um seine zärtlichen Phantasien in einem gleichem Gange zu erhalten. Er lebte ganz unbefangen mit der Jungfer Anastasia, und widmete nichts destoweniger beständig, seiner abwesenden Mariane die zärtlichste Liebe.

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