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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Achtes Buch.

Erster Abschnitt.

Die frische Luft, und der wohlthätige Einfluß der Sonne gaben unvermerkt dem matten Körper des Sebaldus so viel Kräfte, daß auch sein Geist wieder ruhiger ward, und er anfieng, seinen Zustand, so elend er war, zu ertragen.

Eines Tages sahe er zwey Leute zu Pferde, von weitem ankommen, einen, mit einem blauen Frack bekleidet, auf einem muthigen Hengst, und den andern, in einem rosenrothen Rocke mit silbernen Franzen, auf einem gemächlichen Pasgänger. Er eilte, das Heck so geschwind aufzumachen, als es seine Schwachheit erlaubte. Er zog zugleich seine Mütze ab, und zeigte sein von Alter, Gram und Ungemach gereiftes Haupthaar.

Als die Reiter näher kamen, meinte der Blaurock, für seinen Stüber, den er schon in der Hand hatte, den dienstfertigen Thorwärter noch hohnnecken zu dürfen.

»Alter Knasterbart! rief er, in einem Tone, der spaßhaft seyn sollte, was für einen zureichenden Grund hast du, das Heck aufzumachen?«

»Ich habe einen determinirenden Grund, sagte der Alte mit bescheidener Mine: Mangel und Krankheit haben mich auf diesen Posten gestellt.«

»Determinirend? schrie der Blaurock mit einem lauten Gelächter, ich glaube wahrhaftig, in dem zerrissenen Kittel, steckt ein verdorbner Crusianer. He! weistu nicht auch 'ne kleine Weißagung aus der Apokalypse?«

»Ja, sagte Sebaldus, und sahe ihn ernsthaft an: Siehe ich komme baldOffenb. Joh. XXII, 12. und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke seyn werden

»Ha! Ha! Ha! rief der Blaue, er moralisirt auch, warhaftig, Herr Säugling, (denn die beiden Reiter waren niemand anders als Säugling und Rambold) siehe da, eine Scene für ihren empfindsamen Roman, der Kerl hat einen wahren Lorenzokopf! Hat er nicht?«

Dieses zu verstehen, muß man wissen, daß Säugling, seitdem ihm die Gräfinn abgerathen hatte, Verse zu machen, auf den Gedanken gekommen war, einen Roman zu schreiben, worum ihn Rambold bestärkte, damit er Gelegenheit hatte, ihn täglich damit aufzuziehen.

Rambold warf seinen Stüber hin, und sprengte fort, Säugling ritte vorbey, indem der Alte sich bückte, aber kaum war er vier Schritte vorbey, so kehrte er um und steckte dem Alten, mit einem herzlich mitleidigen Blicke, einen Gulden in die Hand.

Ob er das Almosen, der Armuth, oder der schönen Scene, oder dem Lorenzokopfe gegeben habe, kann niemand, auch vielleicht der Geber selbst nicht, bestimmen. Genug; Sebaldus rief:

»Gott segne Sie mein junger Herr, auch den Segen eines armen alten Mannes, läßt Gott auf einem mitleidigen Jünglinge ruhen.«

Säugling spornte sein Pferd, und da er Rambolden einholte, floß ihm eine Thräne sanft die Wange herunter.

»Ich glaube gar, Sie weinen, spottete Rambold, fi! wer wird so weibisch seyn!«

Säugling vertheidigte seine Empfindsamkeit, Rambold fiel in seine gewöhnliche Schrauberey, und so ritten sie weiter.

Der Leser wird vielleicht wissen wollen, wie Rambold und Säugling hier so in der Nähe erschienen. Sie waren, als sie von dem Schlosse der Gräfinn abreiseten, gerade nach Wesel gegangen, wohin sie Säuglings Vater beschieden hatte, weil er sich daselbst, Geschäfte wegen, aufhielt. Nachdem diese geendigt waren, gieng er, obgleich der Herbst schon da war, mit seinem Sohne, und dessen ehemaligen Hofmeister nach einem Gute, das er in der dortigen Gegend angekauft hatte. Säugling war seitdem beständig bey seinem Vater geblieben, wo er seinen poetischen Phantaseyen ungestört nachhängen konnte. Rambold hingegen, der, nachdem Mariane, zu seinem Erstaunen, gleichsam verschwunden war, weiter keine Hofnung hatte, durch die Frau von Hohenauf befördert zu werden, rechnete zwar dieserhalb einigermaßen auf den alten Säugling: weil aber der Aufenthalt bey demselben, besonders als der Winter angieng, für seinen unruhigen Geist, viel zu einförmig war; so machte er, in kurzem, Bekanntschaft mit dem Herrn von Haberwald, einem benachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold, ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd, und hielt, so wie er, eben nicht auf die strengste Sittenlehre; daher diese Gleichheit der Neigungen, die Freundschaft sehr bald so heiß machte, daß der Herr von Haberwald nicht einen Augenblick ohne seinen Rambold seyn konnte, und ihn vermochte, ganz zu ihm zu ziehen. Zuweilen besuchte Rambold indessen noch seinen ehemaligen Zögling, und eben an diesem Tage, war er, um einen sehr schönen Sommertag zu genießen, mit ihm spazieren geritten.

Als sie nach Hause kamen und Rambold gegen Abend nach dem Rittersitze des Herrn von Haberwald zurück gekehrt war, beschäftigte sich Säugling den Rest des Abends, mit Sebaldus Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Er ließ den andern Morgen ein Karriol anspannen und fuhr allein nach dem Dorfe, wo Sebaldus wieder am Hecke zu finden war. Auf Verlangen erzählte ihm der Alte seine vornehmsten Unglücksfälle. Säugling war zu gutmüthig, um einen solchen Mann länger in einem so traurigen Zustande schmachten zu laßen. Er ließ ihn neben sich ins Karriol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters Dorfe zurück, befahl ihn einem Pachter an, versorgte ihn mit reiner Wäsche und Kleidern, und mit nöthigen Nahrungsmitteln.

Beym Mittagstische erzählte er seinem Vater Sebaldus Begebenheiten, und zugleich, daß er denselben bey dem Pachter untergebracht habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, eine gute Handlung, die er verrichtet hatte, auch andern kund zu thun, an dieser Erzehlung, mehr oder weniger Antheil könne gehabt haben, als die Begierde seinen Vater zur fernern Wohlthätigkeit gegen Sebaldus zu veranlaßen; wird jeder Schreiber einer theologischen Moral, je nachdem die Falschheit der menschlichen Tugenden, mit seinem Lehrgebäude mehr oder weniger verbunden ist, zu bejahen oder zu verneinen wissen. Genug, des alten Säuglings Neugier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen.

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