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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Sechster Abschnitt.

– – »Daß viele Prediger, alle Neun und dreißig ArtikelDas Glaubensbekänntniß der engländischen Bischöflichen Kirche, ist im Jahr 1562, unter der Regierung der Königinn Elisabeth, auf 39 Artikel festgesetzt und 1571 durch eine Parlamentsakte bestätigt worden. Wer ein geistliches Amt erhält, muß sie beschwören. Sie sind das, was in den meisten deutschen Provinzen die symbolischen Bücher sind. beschwören, ohne sie alle zu glauben, liegt am Tage, und man muß es entschuldigen. Wer ein Hausvater ist, und sich und seine Familie, um ungerechter Formalien willen, nicht in die bitterste Noth stürzen will, der sey von mir nicht verdammt. Verdamme ihn ein hartherziger Rechtgläubiger, wenn ers vermag!

Aber wie stehts um die Wahrheit? Muß die noch immer weg den Neun und dreißig Artikeln nachstehn? Ists nicht die Pflicht der gesetzgebenden Macht, zu sorgen, daß nicht, durch Formulare, die Ausbreitung der Wahrheit gehindert werde, und sollten die Bischöfe nicht selbst die Hand dazu bieten? Wenn die Neun und dreißig Artikel die Kette sind, welche die äußerste Weite mißt, in der der Verstand eines Geistlichen sich bewegen darf, so ists vergeblich, nach Wahrheit zu forschen.

Seltsam gnug! daß man denjenigen, die die besten Jahre ihrer Jugend angewendet haben, sich zu einem geistlichen Amt geschickt zu machen, vorsagen will, sie haben unrecht, sich über die Strenge der Neun und dreißig Artikel zu beklagen, da sie derselben entgehen könnten, wenn sie kein geistliches Amt suchten, oder es niederlegten, wenn sie es schon hätten. Dieß ist also die Gnade, die man uns anbietet? Die Uniformitätsakte verursachte, daß im Jahre 1662, am Bartholomäustage an 2000 dissentirende Prediger auf Einen Tag, ihr Amt niederlegten, daher zweytausend Familien, ohne Brod, und zweytausend Gemeinen, ohne Gottesdienst waren. Einen solchen Bartholomäustag wünscht ihr also wieder, die ihr so kalt daher plaudern könnt, es bedürfe nur, daß jeder, der nicht nachbeten will, sein Amt niederlege, damit gar kein Gewissenszwang da sey! Das nennt ihr Duldung der Dissenters? das nennt ihr Toleranz und Sanftmuth?

Bey Gott! diese Sanftmuth der Vertheidiger der Neun und dreißig Artikel, gemahnt mich, wie die Schonung der Rabbinen, die dem Verurtheilten nur neun und dreißig Streiche geben. Warlich! ob er gleich den vierzigsten nicht bekommt, so schmerzt doch deshalb keiner von den neun und dreißigen weniger.

Die Schriftgelehrten haben von je her ihre Lehrgebäude so künstlich angelegt, daß jeder das seine, trotz aller Widerlegung, beweisen kann. Sie gleichen Bergschlössern, die noch dazu mit hohen Wällen und tiefen Graben umgeben sind, so daß derjenige, der darinn ist, sich ewig vertheidigen, und der, der draußen ist, sie nimmer mit Vortheile angreifen kann. Aber wie? Wenn wir diese Vestungen, die uns eigentlich nichts hindern, liegen liessen, und mit der gesunden Vernunft geradezu ins Land drängen? Die Priester hatten bis ins sechszehnte Jahrhundert ihr System in gar künstliche dialektische Schlingen verwickelt. Luther ließ sie, und gieng gerade auf die Bibel, die er allen, die lesen konnten, in der Landessprache in die Hände gab. Die fleißige Lesung dieses Buchs erwärmte das Herz, und erleuchtete den Verstand, indem sie das Nachdenken beförderte. Wollen wir auf einem gleichen Wege nicht weiter fortgehen?

Man setzet immer die Vernunft der Offenbarung entgegen. Dieß mag der nöthig finden, der an eine unerklärliche Theopnevstie glaubt. Ich hoffe aber, es sey niemand jetzt mehr so einfältig, sich einzubilden, Gott habe die heiligen Bücher, ganz unmittelbar, und übernatürlich, eingehaucht. Es sind Bücher, welche zu schreiben, hat müssen Vernunft angewendet werden, und zum Lesen und Verstehen derselben, gehört auch Vernunft.

Samuel WerenfelsS. Sam. Werenfelsii Opuscula theologica philosophica & philologica. Lausannae 1739 4to. Tom. II. p. 509. Der ehrliche Sebaldus hat diese Verse, nach seiner Art, folgendermaßen übersetzt:

»Von Gott gemacht ist dieses Buch,
Daß jeder seine Lehr' drinn' such'
Und so gemacht, daß jedermann,
Auch seine Lehr' drinn finden kann.«

einer der gelehrtesten und rechtschaffensten Gottesgelehrten in der Schweiz, schrieb in seine Bibel:

Hic liber est, in quo sua quaerit dogmata quisque;
Invenit & pariter dogmata quisque sua.

Daß dieß wahr sey, lehret die Kirchengeschichte aller Sekten. Der viel, und der wenig glaubet, der Rechtgläubige, wie der Schwärmer, suchen und finden ihre Lehre in der Bibel. Was nun? Ich meine, was geschehen ist, sey nicht ohne weise Absichten der göttlichen Vorsehung geschehen. Gott hat weder das Alte Testament noch das Neue Testament, selbst, unmittelbar, aufgezeichnet. Er hat gute Leute ausersehen, welche Bücher geschrieben haben, die durch verschiedene Vorfälle, (in denen, wie in allen Dingen, auch die göttliche Vorsehung mit gewirkt hat) bey einem großen Theile des menschlichen Geschlechts in solches Ansehen gekommen sind, daß er aus denselben seine Pflichten hat kennen lernen wollen. Diese Bücher aber sind so eingerichtet, daß dieß nicht ohne Betrachtungen und Schlüsse, folglich nicht ohne Nachdenken geschehen kann. Also sind diese Bücher hauptsächlich in so fern; eine Quelle der Wahrheit, als sie das Nachdenken über Wahrheit befördern. Und wenn denn nun auch die Schlüsse und Folgerungen aus denselben verschieden sind! Wenn sie nur alle zuletzt in gemeinsame Wahrheit zusammenfließen, wollen wir uns beruhigen. Der heil. HieronymusS. Hieronymus in Epistolis: Margaritum est Verbum Dei, ex omni parte forari potest. Nimirum ut Diatraetarii margaritas, prout commodum visum fuerit, perforant: ita haeretici verba Dei, pro captu suo interpretantur, ut volunt. S. Fried. Lindenbrogii Var. Quaest. n. 2. adi. Altercationi Hadriani Aug. & Epicteti Philosophi. Francof. 1628. 8., hat schon gesagt: ›das Wort Gottes ist eine Perle. Ja wohl, eine Perle! denn gleichwie die Künstler die Perlen, wo es ihnen gutdünkt, durchbohren, so haben alle Sekten Gottes Wort, nach ihrem Sinne ausgelegt, und es, wie Perlen, auf den Faden ihres Lehrsystems gereihet.‹

Die heiligen Bücher sollen mir beständig Quellen des Nachdenkens über Wahrheit bleiben. Wer aber andere Quellen des Nachdenkens über Wahrheit zu finden glaubt, besonders, wenn er mit mir auf gleiche gemeinsame Wahrheit zurückkommt, den verdamme wer will, ich nicht. Verdamme wer will, fast ganz Asien und Afrika, und den größten Theil von Amerika. Sie kennen diese Bücher nicht, und doch hat sie der allgemeine Vater, gewiß nicht ohne Wahrheit, und ohne Glückseligkeit, ihre Folge, lassen wollen.

Wenn ich in den heil. Büchern, eine Stelle finde, in welcher von einem Gotte die Rede ist; und lese, erst nach Jahrhunderten sey gefunden worden, daß ein durch ein zu dünnes Pergament durchgeschlagener QueerstrichIm Alexandrinischen Kodex, scheint, der mittelste Queerstrich des ersten E in dem Worte EYCEBEIAC, durch das Pergament, gerade an der Stelle durch, wo der Spruch 1 Tim. III. 16. geschrieben ist. Dadurch, scheint das O in OC ein Θ zu seyn, deshalb man lange Zeit ΘC gelesen, welches die Abbreviatur von Θεος ist. S. Wetstenii Proleg. in N. T. Edit. Halens. S. 54. u. f., den Gott veranlaßet hat. Wenn ich lese, daß nach Jahrhunderten entdeckt worden, es habe sich ein nichtDer berühmte Clericus warf zuerst Röm. V, 14. das μη aus dem Text, in einem Briefe, der der zweyten Ausgabe von Mills N. T. vorgedruckt ist, und in Arte crit. P. III. Sect. 1. c. XV. §. 15.

Unter den deutschen Auslegern hat der berühmte Semler eben dieses, aus guten Gründen gethan. Man sehe dessen Apparat. ad libr. N. T. interpr. S. 59. und dessen Paraphrase dieser Stelle.

in den Text geschlichen, so daß anstatt der nicht sündigenden, die sündigenden verstanden werden müssen. – Bin ich verdammenswerth, weil ich glaube, die bloßen Buchstaben dieser Offenbarung, die so vielen Veränderungen unterworfen seyn können, über deren wahre Lesarten man noch nicht einig ist, können nicht bloß und allein den Grund der Wahrheit und meiner künftigen Glückseligkeit enthalten.

Wenn ich in der Kirchengeschichte lese, man habe Jahrhunderte lang gestritten, welche Bücher kanonisch seyn sollten und welche nicht. Wenn ich finde, daß der Kanon auf Koncilien bestimmt worden, und aus der Kirchengeschichte weiß, wie die meisten Koncilien beschaffen gewesen. Wenn ich finde, daß das Buch des weisen Sirach unter den apokryphischen, und ein anderes Buch, voll mystischer Bilder unter den kanonischen stehet, – kann ich mich enthalten zu zweifeln, zu untersuchen? Und was kann ich dazu brauchen, als meine Vernunft, die auch eine Gabe Gottes ist.

Wenn ich in einem dieser Bücher lese:2 Brief Joh. v. 9-11. ›Wer übertritt und bleibet nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott. So jemand zu euch kommt, und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause, und grüßet ihn nicht, denn, wer ihn grüßet, der macht sich theilhaftig seiner bösen Werke.‹ Wenn ich in einem andern lese:Brief Juda v. 5. ›Der HErr brachte um, die da nicht glaubeten.‹ – – Bin ich verfluchenswerth, weil ich nicht mit blindem Köhlerglauben alles annehme, wie es buchstäblich da stehet, sondern vermeine, daß in diesen Büchern, vieles, nicht für die allgemeine Menschheit, nicht für mich, geschrieben sey, aber dennoch redlich, alle das Gute und Nützliche, das ich in diesen Büchern finde, zu der Masse der Erkenntniß schlage, die ich aus Natur und Erfahrung geschöpft habe.

Wenn ich zurückdenke, was man ein Paar Jahrtausende lang mit der Bibel vorgenommen hat, um alles, was man wollte, darum zu finden, so muß ich erstaunen. Man hat sie, dogmatisch, exegetisch, typisch, mystisch, prophetisch erklärt. Man hat sie übersetzt und kommentirt, parallelisirt und analysirt, abgekürzt und wieder paraphrasirt!

But that'sNach Sebaldus Uebersetzung:

»Das arme Buch! Was muß es nicht ertragen!
Von jeher hat es sich geduldig laßen plagen,
Und schief verzerrn, nach jedes Lehrers Lehren,
Griech'sch und Hebräisch kann sich ja nicht wehren!«

no news to the poor injur'd page
It has been us'd as ill in every age –
And is constrain'd with patience all to take,
For what defence can Greek and Hebrew make!

Ist zwischen blindem Glauben an die Offenbarung und schädlichem Unglauben gar kein Mittelweg? Ist jeder Freydenker verwünschenswürdig? O Waterland! Waterland!D. Waterland war ein eifriger Vertheidiger der Anglikanischen Orthodoxie. Wenn du gleich den Biedermann Herbert, und den Sittenlehrer Shaftesbury, mit Rochester, Etherege und Villers, in Eine Klasse wirfst; glaub mir, es kommt eine Zeit, wo weise Gottesgelehrten, einem Tindal den Beweis, daß das Christenthum so alt als die Welt ist, verdanken werden.

Das folgende Kapitel, soll D. Pococke in einem zu Cairo befindlichen Codex, anstatt des 22ten Kapitels des 1. Buchs Mose gefunden haben. Kanonisch oder nicht, ich gebe das erste bis neunte Kapitel des ersten Buchs der Chroniken dafür.

  1. Nach diesen Geschichten begab sichs, daß Abraham saß in der Thür seines Hauses, da der Tag am heißesten war.
  2. Und siehe, ein Mann kam von der Wüsten her. Er war gebückt für Alter, und sein schneeweisser Bart hieng ihm bis auf seinen Gürtel, und er lehnete sich auf einen Stab.
  3. Und da ihn Abraham sahe, stand er auf, und lief ihm entgegen von der Thür seiner Hütten und sprach:
  4. Komm herein ich bitte dich. Man soll dir Wasser bringen, deine Füße zu waschen, und du sollst essen und die Nacht bleiben, morgen aber magst du deinen Weg ziehen.
  5. Und der Mann sagte: Nein, ich will unter diesem Baume bleiben.
  6. Aber Abraham bat ihn sehr; da wandte er sich und gieng in die Hütte.
  7. Und Abraham trug auf, Butter und Milch und Kuchen, und sie aßen und wurden satt.
  8. Da aber Abraham sahe, daß der Mann nicht Gott segnete, sprach er zu ihm: Warum ehrest du nicht den allmächtigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erden?
  9. Und der Mann sprach: Ich ehre nicht deinen Gott, auch rufe ich seinen Namen nicht an; denn ich habe mir selbst Götter gemacht, die in meinem Hause wohnen, und hören mich, wenn ich sie anrufe.
  10. Und Abrahams Zorn entbrannte gegen den Mann, und er stand auf, und fiel auf ihn, und trieb ihn fort in die Wüsten.
  11. Und Gott rief Abraham, und er antwortete: Hie bin ich.
  12. Und er sprach: Wo ist der Fremdling, der bey dir war.
  13. Und Abraham antwortete und sprach: Herr, er wollte dich nicht ehren und deinen Namen anrufen, darum habe ich ihn von meinem Angesichte getrieben, in die Wüsten.
  14. Und der Herr sprach zu Abraham: Habe ich ihn nicht ertragen, diese hundert und acht und neunzig Jahre, und habe ihm Nahrung und Kleider gegeben, ob er sich gleich gegen mich auflehnet, und du konntest ihn nicht Eine Nacht ertragen?
  15. Und Abraham sprach: Laß den Zorn des Herrn nicht entbrennen gegen seinen Knecht. Siehe ich habe gesündigt, vergieb mir, ich bitte dich.
  16. Und Abraham stand auf, und gieng fort in die Wüsten, und rief, und suchte den Mann, und fand ihn, und kehrte mit ihm zurück in seine Hütte, und that ihm gütlich, und den andern Morgen früh ließ er ihn ziehen in Frieden.

D. Thornton in seiner Vertheidigung der Neun und dreißig Artikel, sagt: Zu behaupten, es sey nicht nöthig, daß die Meinungen der Prediger mit den symbolischen Büchern übereinstimmen müßten; würde eben so ungereimt seyn, als zu behaupten, es sey besser, die Decken auf den viereckigten Tischen, welche mitten in unsern Zimmern stehen, lägen schief und zipflicht, als gerade und rechtwinklicht. Wahr ists, zu den Zeiten der Königinn Elisabeth, war unser Religionssystem, wie unsere Philosophie, einem unansehnlichen viereckigten Tische ähnlich, den wir dennoch mitten im Zimmer stehen ließen. Er hatte also die Decke sehr nöthig, und sie paßte auch ganz wohl darauf. Aber seit einiger Zeit meine ich bemerkt zu haben, daß, besonders bey Leuten nach der Welt, gar keine Tische in der Mitte des Zimmers stehen. Ich sehe zwar an den Wänden zierlich ausgeschweifte Marmorplatten, die auf vergoldeten Füßen ruhen. Die bedürfen aber keiner Decke, und wollte man die alte Decke darauf legen, so würde sie eben deshalb zipflicht hängen, weil sie viereckigt ist. Hat aber noch jemand einen Tisch nach der alten Art in seinem Zimmer, der lege meinetwegen auch die alte Decke darauf. –

Der du einen neuen geraden Weg bahnen willst! Du wirst auf Hügel stoßen! Laß dich keine Mühe reuen, sie abzutragen, um den schönen Weg nach der Schnur zu führen! Aber, wenn dein neuer Weg auf ein Haus stößet, reiß es nicht weg, so lang Menschen drinn wohnen, achte es nicht, daß der Weg lieber etwas gekrümmt daneben weg gehe! Es kommt in der Zukunft wohl noch eine Zeit, daß das Haus, Baufälligkeitshalber, oder aus andern Ursachen, neu muß gebauet werden, alsdenn wird ein kluger Mann nicht versäumen, es auf eine andere Stelle zu setzen und den Weg ganz gerade zu machen. Sey mit dem zufrieden, was du hast thun können, und überlaß das übrige der Nachkommenschaft.«

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