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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Vierter Abschnitt.

Er kam des Morgens früh um fünf Uhr, vor Amsterdam, an dem Utrechter Thore, an. Gleich bey dem Aussteigen aus der Schuit, kam ihm ein Deutscher entgegen, der ihn sehr dienstfertig: Herr Landsmann, anredete, und sich erbot, ihn in eine gute Herberge zu bringen.

Sebaldus versetzte: »Wenn sie nur nicht zu kostbar ist, denn meine Baarschaft ist gering. Ich bin ein armer abgesetzter Prediger.«

»Sie sollen sehr billig behandelt, und doch gut bedient werden,« rief der Herr Landsmann, und griff nach Sebaldus Reisesack, den er dienstwillig auf die Schulter nahm.

Sie giengen also bey Eröfnung des Thores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht umhin, seine Freude zu bezeugen, daß er einen Deutschen gefunden, der ihn in dieser großen Stadt zurecht weise, zumahl da er der Sprache noch nicht gänzlich kundig sey.

»Ach ja, ehrwürdiger Herr, sagte sein Begleiter, es ist mir Ihretwegen selbst lieb, daß ich mich von ohngefehr am Thore befunden. Sie können gar nicht glauben, ehrwürdiger Herr, wie gefährlich es in dieser Stadt ist. Insonderheit giebt es böse Leute die man Seelenverkäufer nennet, welche die unerfahrnen Fremden, besonders Deutsche, mit List in ihre Häuser locken, um sie nach Ostindien, in ein unbeschreibliches Elend, zu verkauffen.«

Sebaldus erstaunte, daß es so boshafte Menschen geben könne. Indem schrie sie ein gemeines Weib auf holländisch heftig an: »Sieh den verdammten Seelhund, da hat er wieder eine Seele!«

»Kommen Sie geschwind, raunte ihm sein Begleiter ins Ohr, dieß ist eine Kreatur der Seelenverkäufer, welche mit uns Zank anfangen will, damit Sie im Tumulte den Seelenverkäufern in die Hände fallen.«

Sie verdoppelten also ihre Schritte, um diesem Unglücke zu entgehen, und kamen endlich an das Haus, wo die Herberge seyn sollte. Sie giengen eilig hinein. Die Thür ward hinter ihnen zugeschlossen. Wie erschrack aber Sebaldus, als ihn sein Begleiter in eine Art von Unterkammer stieß, wo ohngefähr dreißig elende Menschen auf Stroh lagen. Er brach in die heftigsten Vorwürfe gegen seinen Begleiter aus, die dieser, nachdem er ihm einigemahl in einem trotzigen Tone stillzuschweigen geboten hatte, durch derbe Schläge mit einem dicken Seile, beantwortete, wovon Sebaldus ganz betäubt auf das Strohlager niederfiel.

Als er sich ein wenig erholte, sah er um sich eine Anzahl elender Schatten-ähnlicher Menschen, von Hunger, Blöße, Schlägen, Krankheit und Kummer ganz ausgemergelt, von ihrem Strohlager aufkriechen. Neben ihm lag ein Mensch, günstiges Ansehens, aber vom Fieber ganz abgezehrt, der ihm, auf seine laute Klagen mit mattaufgehobner Hand, und schwacher Stimme, hochdeutsch zusprach: »Sey geduldig Freund, denn es wartet dein noch mehr Elend; das meinige ist hoffentlich bald zu Ende.«

Sebaldus fiel wieder in schwermüthiges Staunen, aus welchem er ohngefähr nach einer Stunde erweckt wurde, da man ihn holte, um vor dem Seelenverkäufer zu erscheinen, der nicht längst aufgestanden war.

Sebaldus fand ihn in einem prächtig aufgeputzten und mit Huysums und Mignons Meisterstücken ausgeziertem Seitenzimmer sitzen, das von dem Elende, womit im Keller Menschen gequält wurden, so wenig Spur zeigte, als das Augesicht des hartherzigen Besitzers. Dieser nahm mit zufriedner Geberde sein Frühstück zu sich, und vor ihm lagen Erbauungsbücher, aus denen er eben seine Morgenandacht hergelesen hatte. Denn Bücher dieser Art, sind dem Schurken und dem schwachen ehrlichen Manne gleich behaglich. Dieser zieht Trost im Unglücke, und Bevestigung frommer Entschließungen aus ihnen, jener aber, der tägliche Gottlosigkeit unstrafbar gemacht zu haben glaubt, wenn er sie Morgens und Abends in vorgeschriebenen Gebeten bereuet, der den Mangel innrer Rechtschaffenheit durch äussere Religion ersetzen will, sucht die Unruhe seines Gewissens, in der Ruhe einer selbstgefälligen Andacht zu ersticken.

Dieser Bube, der mit kalter Fühllosigkeit jeden Menschen im Elende konnte schmachten sehen, ließ es dabey an keiner äusserlichen Religionsübung mangeln. Er war in der gangbaren Landestheologie sehr bewandert, und fand sogar durch dieselbe eine Hinterthür, alles Böse, was ihn zu thun gelüstete, mit seiner pflegmatischen Gewissensruhe zu vereinigen, denn er hatte sich überzeugt, alles sey absolut nothwendig, er sey daher prädestinirt die MoffenSo pflegt der niederländische Pöbel, die Deutschen, besonders die Niedersachsen und Westphälinger zu nennen. zu schinden, und die Moffen seyen prädestinirt, sich von ihm schinden zu lassen. Deshalb konnte er mit eben der Gleichmüthigkeit einen Moffen in seinen Keller stossen sehen, als der Koch einen Krebs in den siedenden Kessel wirft.

Er fragte den Sebaldus, dessen geistlichen Stand er von seinem Unterhändler erfahren hatte, zuvörderst nach der Geschichte seiner Absetzung, und nach seinen folgenden Begebenheiten, und da er dadurch dessen heterodoxe Meinungen erfuhr, so ließ er sich in einen theologischen Disput ein, dessen Ende war, zu behaupten, daß die dem Sebaldus aufgestoßnen widrigen Begegnisse, eine Folge der göttlichen Strafgerechtigkeit wären, deren unwürdiges Werkzeug er jetzt auch seyn solle. Er führte ihm dabey zu Gemüthe, daß er Gott versuchen würde, wenn er lieber zu den stinkenden Ketzern, den Kollegianten, gehen wollte, als nach Batavia, der orthodoxen Stadt, wohin sich noch nie eine Ketzerey habe wagen dürfen. Er legte also dem Sebaldus einen schon aufgesetzten Kontrakt zur Unterschrifft vor. Dieser weigerte sich aber, weil ihm die Art, wie er zu dieser Reise gezwungen werden sollte, eine schreckliche Aussicht gab, und verlangte endlich, nach verschiedenem Hin- und Wiederreden, wenigstens Bedenkzeit, welche ihm endlich auch, bis den morgenden Tag, aber länger nicht, verstattet ward, worauf ihn der Seelenverkäufer entließ, und wieder ruhig auf sein Erbauungsbuch fiel.

Als Sebaldus in den Keller zurück kam, sah er ihn von Stroh aufgeräumt, und seine Unglücksgefährten, theils in stummem Kummer, theils in fühlloser Sorglosigkeit, theils in tobender Verzweiflung. Nur sein vorheriger Nachbar lag in einem Winkel, in großer Schwachheit. Da des Sebaldus geistlicher Stand schon bekannt worden war, so verlangte der Kranke seinen Zuspruch, den ihm Sebaldus, so trostlos er selbst auch war, von ganzem Herzen gewährte. Der Kranke wurde dadurch in etwas erquickt, und konnte nun des Sebaldus Erzehlung und Klagen anhören, dem noch alles, was ihm diesen Morgen begegnet war, als ein Traum vorkam, und der sich besonders noch nicht zu überreden wuste, daß Menschen so tief sinken könnten, ihre Nebenmenschen vorsetzlich ins Elend zu stürzen.

»Was bewegt diese Leute zu solcher Ungerechtigkeit? rief er zuletzt aus, warum sind wir hier wie Uebelthäter eingeschlossen? Was will man mit uns anfangen? Darf man in diesem Lande der Freyheit den friedsamen Wanderer, unverschuldet ins Gefängniß schleppen? Ist hierwider kein Schutz bey der Obrigkeit zu finden.«

»Er würde gewiß zu finden seyn, erwiederte der Kranke mit schwacher Stimme, wenn ihr unsere Noth nur bekannt werden könnte. Aber in den sechs Wochen, die ich in diesem abscheulichen Loche zugebracht habe, merkte ich gnugsam, welche sichere Maasregeln unsere Peiniger nehmen, um dieses unmöglich zu machen. Von aussen hat diese Einrichtung das Ansehen, als ob der Zweck sey, ganz armen Leuten, die von allen Hülfsmitteln entblößet sind, und freiwillig nach Ostindien gehen wollen, bis zur Abfahrt Nahrung und Equippirung zu geben, und sich durch das Handgeld, welches die Ostindische Compagnie giebt, und durch eine Verpfändung des künftigen Soldes, wieder bezahlt zu machen. Es kann seyn, daß die Absicht im Anfange ganz gut gewesen seyn mag, aber jetzt wird sie, durch die List hartherziger Bösewichter, oft zu einem Misbrauch, der der Menschheit Schande macht. Wenige gehen freiwillig, viele werden durch Ränke ins Garn gelockt, durch Peinigungen zur Unterschrifft gezwungen, in Gefängnisse gesperrt, mit der elendesten Kost kaum beym Leben erhalten, und zuletzt oft, von übler Begegnung und Kummer abgemergelt, anstatt aller Erfordernisse, zu einer Seereise von einigen tausend Meilen, kaum mit ein Paar groben Hemden versehen. Und für diese elende Verpflegung werden so große Kosten angesetzt, daß das unglückliche Schlachtopfer, in Ostindien, wohl sechs oder sieben Jahre, nicht für sich, sondern für den Seelhund fahren muß. O! könnte doch die christliche Obrigkeit dieses Landes, solche unmenschliche Begegnung allezeit wissen, sie würde gewiß die Gerechtigkeit, die sie sonst immer ausübt, auch hier ausüben. Sie hat wirklich schon in den wenigen Fällen, die zu ihrer Kenntniß gekommen sind, exemplarisch gestraft. Könnte die edle Ostindische Kompagnie doch nur erfahren, wie unerhört man oft ihren Namen mißbraucht, sie würde zu ihrem Ruhme und zu ihrem Nutzen, Bösewichtern ein schändliches Handwerk dadurch legen, daß sie, auf dem ostindischen Hause, diejenigen, die sich ihrem Dienste widmen wollen, öffentlich und freiwillig annehmen, und selbst, unter der Aufsicht redlicher Leute, unterhalten und ausrüsten liesse. Aber, bis einst ein Menschenfreund, die Stimme der Nothleidenden bis zu den Ohren derer bringt, die dem Elende bis in die geheimsten Winkel nachspüren, und ihm abhelfen können; – möchten doch diese schreienden Ungerechtigkeiten, wenigstens in Deutschland bekannt seyn, möchte man sie doch in den Seestädten, auf allen Strassen, in allen Wirthshäusern, bey allen Zünften bekannt machen, möchte man auf den Kanzeln dafür warnen. Denn die Bösewichter schicken ihre Unterhändler nicht nur bis an die Gränze, sie schicken sie bis Hamburg, Bremen und Stade. Sie gebrauchen unzähliche Ränke, um den unvorsichtigen Seemann, den einfältigen Handwerker, den treuherzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Ich selbst bin von ihnen, aus Bremen, durch die süßesten Vorspiegelungen, weggelockt und in diesen elenden Zustand gebracht worden, ich habe aber zur Vorsicht das Vertrauen, daß er sich nun bald endigen wird.«

Hier schwieg der Kranke, aus Entkräftung, und Sebaldus war wieder seinen traurigen Gedanken überlassen. Er blieb darinn den ganzen übrigen Tag, die Zeit ausgenommen, da eine sparsame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich so elend war, daß kaum der härteste Hunger den Widerwillen dagegen bezwingen konnte. Abends mußte er sich, unter den übrigen, auf das elende Strohlager legen.

Den andern Morgen ward er wieder vor den Seelenverkäufer gebracht. Dieser suchte ihn nunmehr durch freundliches Zureden und durch starkes Getränk zur Unterschrift zu verleiten. Da Sebaldus sich aber standhaft weigerte, und aus seiner ungerechten Gefangenschaft entlaßen zu werden verlangte, so hieß es endlich, er möchte vierzehn Gulden für Wohnung und Kost des gestrigen Tages zahlen, so könne er frey weggehen. Sebaldus, froh, griff in die Tasche, aber ein angestellter Bube, hatte ihm in der Nacht sein Geld gestohlen. Er ward nunmehr hart angefahren, und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben, und da er alsdenn noch bey seiner Weigerung blieb, ward er auf den Söller geführt, daselbst an einen Pfosten gebunden, und so lange unbarmherzig gegeisselt, bis die Schmerzen ihn nöthigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben.

Er ward wieder in den Keller zurückgebracht, und konnte die ganze Nacht kein Auge schliessen, theils wegen Schmerzen, theils wegen der Seufzer seines kranken Nachbars, welcher mit dem Tode rang und gegen Morgen starb. Sebaldus fiel in die stumpfe Fühllosigkeit, die den tiefsten Jammer erdulden hilft, und erwartete sonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn schleppen würde, und welchem unbekanntem Elende er noch entgegen sehen sollte.

Indessen verschafte der Tod des einen Unglücklichen, den übrigen unvermuthet einige Erleichterung. Des Seelenverkäufers Geiz machte ihn etwas menschlicher. Er glaubte ein Kapital verlohren zu haben, indem er den Verstorbenen sechs Wochen vergebens genährt hatte. Bey einigen der übergebliebenen äußerten sich Schwachheiten, die die Furcht erweckten, daß ein ansteckendes Fieber unter ihnen einreißen möchte. Er entschloß sich also, sie sämmtlich, nachdem sie mit Wein und starken Getränken etwas erquickt worden, frische Luft schöpfen zu lassen. Vorher wurde jeder, der unterwegs nur muchsen würde, mit der schärfsten Strafe bedrohet, und so ließ er sie unter Begleitung von sechs seiner Knechte und Unterhändler, ausgehen.

Sie zogen ganz langsam fort. Mancher ehrlicher Bürgersmann sah ihnen mit Mitleiden nach. Hin und wieder zuckte ein Vornehmerer über sie die Achsel, und rief: »'s sind ja nur Mofjes!« So zogen sie durch die schattigen Gänge der Plantage endlich zum Muider Thore heraus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu geniessen.

Sebaldus Geist, obgleich von tiefem Elende niedergedrückt, erhob sich, bey Erblickung der Aussicht die nirgend ihres gleichen hat: auf dem Y und auf der Südersee, tausend Seegel, das ganze Gewühl des arbeitsamen Fleißes, auf der Landseite, grünende Wiesen und Gärten, die ruhige Schönheit der Natur.

Die Gesellschaft warf sich ins Graß, und ruhte eine Stunde lang, erquickt von dem kühlen Wehen der Luft, und dem frischen Geruche des federweichen Lagers. Sebaldus insonderheit, an Geist und Körper erfrischt, brach in der Fülle seines Herzens, endlich in ein lautes Lob des Allmächtigen aus, der, für seine geplagtesten Kreaturen, in den einfältigsten Genuß seiner Schöpfung Trost und Stärkung gelegt hat.

Der Schall seines Dankgebets, erweckte die Aufmerksamkeit zweener ehrwürdigen Geistlichen, die in der Gegend gleichfalls spazieren giengen. Sie hatten vorher die unglückliche Gesellschafft nur mit der allgemeinen Theilnehmung betrachtet, welche die Menschenliebe keinem Elenden versagt. Itzt traten sie näher, durch Sebaldus Stimme und Geberden gerührt, ob sie gleich seine Worte nicht verstehen konnten. Sie betrachteten ihn aufmerksam, besonders schien der älteste von beiden sehr bewegt, hob endlich die Hände empor, that einen Ausruf und wolte auf den Sebaldus zugehen. Der andere hielt ihn zurück, und man hörte, daß er sagte: »Last's seyn, Ihr würdet's sonst noch schlimmer machen.« Sie kehrten sich darauf um, und sprachen einander ins Ohr.

Sebaldus, in frommer Entzückung, hatte diesen Vorfall nicht einmahl bemerkt, aber seine Gefährten fiengen an, die Köpfe zusammen zu stecken. Dieß war genug für die argwöhnischen Wächter, den ganzen Trupp sogleich aufstehen zu lassen, und ihn nach Hause zu führen. Die beiden Geistlichen, nachdem der Zug sich in etwas entfernt hatte, folgten demselben von weiten, bis an des Seelenverkäufers Haus, das sie auf diese Art entdeckten.

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