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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Zweyter Abschnitt.

Der Kaufmann hatte bereits in seinem Hause einen Hofmeister, der zu Erziehung seiner beiden Söhne gar wohl hätte hinlänglich seyn können. Allein er hatte eine lutherische Frau, und in den Ehepakten war versehen, daß das erste Kind reformirt und das zweyte lutherisch erzogen werden sollte. Seine Frau, eine gutmüthige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch selbst in Absicht der zwischen ihnen verschiedenen Konfession, in größter Eintracht lebte, würde mit dem Einen Hofmeister für ihre beiden Söhne, ob er gleich reformirt war, sehr wohl zufrieden gewesen seyn; wenn nicht Domine Ter-Breidelen, ihr lutherischer Gewissensrath, ihr die Nichterfüllung dieses Theils der Ehepakten, so oft zu einer Gewissenssache gemacht, und über diese Beeinträchtigung der reinen Lehre, bey ihren Mitlutherischen Vettern und Muhmen, so oft bittere Klagen geführt hätte; daß Frau Elsabe endlich anfangen mußte, ihrem Manne über diese Sache in den Ohren zu liegen. Dieser würde auch zu Bevestigung des Hausfriedens, so wie des Kirchenfriedens, schon längst ihrem Verlangen ein Genüge gethan haben. Bloß der Mangel eines dazu fähigen lutherischen Kandidaten, war bisher daran hinderlich gewesen.

Es ward also der zweyte Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus übergeben, zu nicht geringem Misvergnügen des reformirten Hofmeisters, Meester Puistma, der den Knaben schon als sein Eigenthum betrachtet hatte, und es als ein Mistrauen gegen einen so gelehrten Mann, auslegte, daß man einen Knaben, dessen Erziehung er schon angefangen hatte, einem andern anvertrauen wollte. Wahr ist es, daß er zu Erziehung der Jugend, ganz besondere Talente hatte. Er war nicht umsonst fünf Jahre in Gröningen und in Utrecht gewesen, sondern hatte daselbst alle Worte der berühmtesten Hochlehrer nachgeschrieben und den reichsten Schatz holländischer Schulgelehrsamkeit und holländischer Rechtgläubigkeit gesammlet. Er hatte alle Spitzfindigkeiten der Voetischen und Coccejanischen Theologie durchkrochen. Er wuste so genau, in wie mancherlei Sinne alle mögliche Theologanten in den sieben vereinigten Provinzen, die Haushaltungen des göttlichen Gnadenbundes geordnet und verstanden hatten, daß er noch eine neue Haushaltung hätte erdenken können. Er konnte auf ein Haar bestimmen, ob Christus im alten Testamente nur ein Bürge und fidejussor für das menschliche Geschlecht gewesen, oder noch etwas anders. Dabey hatte Meester Puistma einen besondern Fleiß auf die gesegnete Lehre von der Prädestination gewendet, und konnte, trotz einem von Miltons philosophischen Teufeln, über Vorherbestimmung und freyen Willen disputiren.

Others apart sat on a hill retir'd
In thoughts more elevate and reason'd high
Of Providence, foreknowledge, will, and fate,
Fix'd fate, free will, foreknowledge absolute,
And found no end, in wandring mazes lost
.
Milton's Paradise lost. B. II. v. 557.
Ja was noch mehr, da nach Miltons Berichte, selbst die Teufel, sich aus dem Dispute über diese Materien nicht herausfinden können, so schien dieser holländische Theologant, eine höhere Scharfsinnigkeit zu besitzen, denn er wußte so genau zusammengekettete Schlußfolgen, um den partikularsten Partikularismus zu behaupten, daß er sich selbst der Verdammniß würde übergeben haben, wenn ihm hätte bewiesen werden können, daß er nicht prädestinirt wäre.

Diese theologantische Weisheit, hatte Puistma denn auch unverzüglich bey seinen beiden Zöglingen an den Mann gebracht, und sie bereits ziemlich tief in die Haushaltungen hineingeführt. Zugleich, da er sich erinnerte, daß diese Knaben einst Bürger eines Freystaates werden sollten, war er bemüht, ihnen die nützlichsten Stücke der vaterländischen Geschichte zu erklären. Dahin gehörte besonders die Geschichte des Synods zu Dordrecht, mit seinen politischen und theologischen Veranlaßungen, und wie wohl man gethan, die Remonstranten lieber nicht zu hören, damit man sie desto gemächlicher verdammen konnte, desgleichen die Vorfälle mit der sogenannten Loevesteinschen Parthie, nebst der löblichen Hinrichtung des unruhigen Oldenbarneveld u. s. w. Da er aber einst wahrnahm, daß die Knaben, als er pathetischer Weise beklagte, daß das Schloß Loevestein nicht jetzt noch zum Gefängnisse für die widerspenstigen Unrechtsinnigen gebraucht würde, indessen unter dem Tische mit Keulchen und papiernen Vögeln spielten; so ward er dadurch nicht wenig entrüstet, und erklärte sich, nach dem Beyspiele erfahrner Pädagogen, welche unartigen Knaben die Leckerbissen versagen, ihnen das köstliche Fest dieser Erzählungen so lange zu entziehen, bis sie hungriger darnach würden.

Daher bestand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der beiden Knaben, bloß darinn, daß sie täglich aus dem Heidelbergischen Katechismus, ein Pensum der Abtheilung von des Menschen Elende, auswendig lernen und hersagen, dabey täglich ein Kapitel aus Beza lateinischer Uebersetzung des Neuen Testaments exponiren mußten, und von einem besondern Lehrmeister in den fünf Specien der Rechenkunst unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein so gelehrter Mann, wie Meester Puistma, sich mit so gemeinen Dingen nicht abgeben konnte.

Sebaldus aber brauchte bey seinem Zöglinge, eine etwas veränderte Lehrart. Er lehrte ihn nebst dem Katechismus, der lateinischen Sprache und dem Schönschreiben, noch die Geschichte, Erdbeschreibung und die hochdeutsche Sprache. Diese Lehrart gefiel den Eltern, obgleich der gelehrte Puistma über diese unnütze Dinge seine Verachtung bezeugte. Als aber Sebaldus sich freywillig erbot, beide Knaben das Rechnen und die Musik zu lehren, fieng Meester Puistma darüber Feuer, lief zu dem reformirten Domine Dwanghuysen, und klagte, daß man den ältesten Knaben lutherisch zu machen suchte, weil ihm der lutherische Informator Stunden geben sollte. Domine Dwanghuysen war mit dieser Neuerung freylich nicht recht zufrieden, weil aber der Kaufmann gedeputeerde Ouderling, oder Kirchenvorsteher war, so wollte er ihn in etwas schonen, und sprach noch vorjetzt den eifrigen Puistma zufrieden.

Noch schlimmer aber ward es, als Sebaldus anfieng, seinen Zögling im Griechischen zu unterweisen, und der Kaufmann, seinem ältesten Sohne, aus dem er einen gelehrten Mann machen wollte, befahl, daß er diesen Lehrstunden beywohnen sollte. Sebaldus ließ darum Xenophons Denkwürdigkeiten des Sokrates lesen und übersetzen, und erklärte auch zuweilen einige Stellen aus Antonins Betrachtungen. Er nahm hierbey Gelegenheit, den Knaben, gute moralische Grundsätze einzuprägen, und diese Grundsätze, ihnen selbst durch Erklärung dieser vortreflichen Bücher anschauend zu machen. Hierüber setzte Puistma den Sebaldus in Gegenwart beider Eltern, aufs heftigste zur Rede. Er sagte sonder Scheu, wenn Sebaldus ein rechter Christ wäre, so würde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren und andere christliche Bücher vorlegen, ihnen aber nicht solche ungeweihte blinde Heiden, wie Sokrates und Antonin, zu Beyspielen vorstellen, deren Tugend schon der heilige Augustin als blendende Laster verdammt habe. Sebaldus vertheidigte sich, aber was konnte vernünftige Vertheidigung bey einem Manne, wie Puistma, helfen. Der schrie, ohne Gründe anzuhören, und lief voller Wuth, abermahls zu Domine Dwanghuysen, ihm diese neue Ketzerey zu berichten.

Menschliche Tugenden, besonders die Tugenden der Heiden, waren zu der Zeit in Rotterdam eben nicht im besten Rufe. Zwar hatte damahls Domine Hofstede, noch nicht, die Laster der berühmten Heiden angezeigt, zum Beweise, wie unbedachtsam man dieselben selig gepriesenDieses Buch ist ins deutsche übersetzt. Leipzig 1769. 8.. Es ist aber auch leicht zu erachten, daß die unsinnige Behauptung: die größten Männer des Alterthums wären, ohne Ausnahme, lasterhaft gewesen, nicht auf einmahl in eines Menschen Gehirn kommen kann, ohne daß vorbereitende Thorheiten anderer Leute vorhergegangen wären. Wirklich war schon seit geraumer Zeit in Friesland und durch das ganze Südholland, die Meinung gänge und gäbe gewesen, das menschliche Geschlecht sey von Natur elend, dumm und zum Guten unfähig. Wenn irgend jemand auf einige Art das Gegentheil behaupten, besonders wenn er sich etwann auf die Tugenden der Heiden berufen wollte, war es sehr gewöhnlich, von Arminianischer Ansteckung, Pelagianischem Sauerteige, und Socinianischem Gifte zu reden, auch wohl zu schreiben. Domine Dwanghuysen war nicht der geringste unter den rechtsinnigen Verdammern der Heiden; also ist leicht zu begreifen, daß Meester Puistma's Klage, ihn in nicht geringe Bewegung möge gesetzt haben.

Er gieng auch unverzüglich zum Kaufmanne, und fuhr den Sebaldus, in dessen Gegenwart, heftig darüber an, daß er der Jugend heidnische Schriften in die Hände gebe, um ihr darum Beyspiele der heidnischen sündlichen Tugend, zur Nachahmung vorzustellen. Er decidirte, daß weder Xenophon noch Sokrates, noch Antonin prädestinirt gewesen, daß sie wegen ihrer vermeintlichen scheinbaren Tugenden kein Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit hätten seyn können, und also in dem höllischen Schwefelpfuhle ewig braten müsten. Sebaldus unternahm unbedachtsamer weise, die großen Männer, wider dieses harte Verdammungsurtheil zu vertheidigen, machte aber dadurch das Uebel viel ärger, denn Dwanghuysen ward sehr heftig ergrimmt, daß Sebaldus gegen ihn, als gegen einen Seelenhirten, ohne Scheu solche seelenverderbliche Meinungen behaupten wolle, und schrie, indem er aus dem Zimmer schritt, dem Kaufmanne zu, daß er einen solchen heidnischen Unchristen nicht ferner einen Augenblick unter seinem Dache dulden sollte, weil er sonst für nichts stehen wollte, wenn der seinen Hirten liebende Pöbel, sobald er ein solches Anathema Maran Atha1 Cor. XVI. 22. verspüre, Unheil anfangen sollte.

Der Kaufmann, der den Frieden liebte, und wohl wuste, mit welcher Heftigkeit Domine Dwanghuysen, das durchzusetzen pflegte, was er einmahl begehrt hatte, wäre sehr geneigt gewesen, von Sebaldus zu scheiden. Aber seine Frau nahm ihren lutherischen Sebaldus in Schutz, und wollte ihn eher nicht wegschaffen, bis ihr lutherischer Gewissensrath auch sein Gutachten darüber gegeben hätte.

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