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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Band

Siebentes Buch.

Erster Abschnitt.

Das Schiff, worauf sich Sebaldus befand, segelte eine Zeitlang mit gutem Winde, und näherte sich schon der holländischen Küste, als plötzlich in Osten ein Sturm aufstieg, der das Schiff, Vlie und Texel vorbey schleuderte, und es an die Nordholländische Küste warf, wo es, da der Wind in Nord-West lief, ohnweit Egmont scheiterte. Der Schiffer und die vornehmsten Personen wollten sich in einem Boote retten, aber es sprangen zu viel Personen hinein, und das Boot sank, in dem Augenblicke, da die darinn befindlichen Unglücklichen, das auf dem Sande festsitzende Schiff von den Wellen zerschmettern sahen.

Jeder arbeitete gegen die ungestümen Wogen, so lange noch einige Kraft da war, aber die meisten ermatteten, und giengen zu Grunde. Sebaldus war unter den wenigen, die von den Wellen selbst ans flache sandigte Ufer geworfen wurden. Er kroch mit äusserster Mühe den Strand hinan, denn die beynahe völlig erschöpften Kräfte, der heftige Regen und Wind, die ausgestandene Mühseligkeiten, die Menge verschlucktes Seewassers machten ihn todkrank. Ohnweit von ihm, ward der Körper des Schiffers ans Land geworfen. Der halbtodte Sebaldus strengte alle Kräfte an, um seinem Wohlthäter zu helfen, umsonst, er lag, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben. Dieser neue Kummer, überwältigte die geringen Lebenskräfte des kaum mehr Athemschöpfenden Sebaldus. Er fiel in Ohnmacht, worum er eine geraume Zeit lag. Als er ein klein wenig zu sich selbst kam, sahe er, in dem schrecklichsten Wetter, da sich nur das äußerste Wüten des Sturms gelegt hatte, einige Strandbewohner die Ueberbleibsel der Ladung des zertrümmerten Schiffs aufs eilfertigste plündern, ehe sie der Schout in Egmont etwan ertappen könnte. Um ihn aber bekümmerte man sich so wenig, als um die übrigen todten Körper. So lag der hülflose Mann den Rest des Tages, von der ganzen Natur verlassen, trostlos, das Leben, dessen er schon vorher satt war, nicht weiter wünschend, fiel endlich, aus gänzlicher Ermattung, in ein taubes Hinbrüten zwischen Schlummer und Ohnmacht, sein letztes Bewustseyn, der Wahn, daß sein Hinsinken des Todes Anfang sey.

Er erwachte wieder, mit Tagesanbruch, bloß nur vermögend, zu empfinden, den erwärmenden Strahl der Sonne, und die Ruhe des besänftigten Meeres, aber ohne Kraft sich zu bewegen, ohne Anschein von Hülfe, in der todten Stille der Gegend, die Hofnung des nahen Todes, sein einziger Wunsch.

So fand ihn nach einigen Stunden, ein gutherziger nordholländischer Fischer, der weil er einige Zeichen des Lebens an ihm spürte, und aus seiner schwarzen Kleidung schloß, daß er ein Geistlicher sey, ihn weiter den Strand hinauf schleppte, so gut er konnte erquickte, und endlich Mittel fand, ihn bis in seine Hütte zu bringen. Der gutherzige Nordholländer pflegte ihn daselbst, wie es seine eigene Armuth erlaubte, so daß der Kranke bald wieder an Kräften zunahm.

Beide konnten nur mit vieler Mühe einander verstehen, durch Hülfe des Plattdeutschen, das Sebaldus in Holstein gelernet hatte. Sebaldus verheelte die Verlegenheit nicht, in der er sich befand, da er von allem Nothwendigen entblößt, die weite Reise nach Ostindien unternehmen sollte, die in seinem Elende noch seine einzige Hofnung war. Da der Fischer vernahm, daß Sebaldus lutherisch sey, schlug er ihm vor, er wolle ihn zu einem lutherischen Prediger nach Alkmar bringen, der ihm zu fernerem Fortkommen behilflich seyn werde.

»Weg! rief Sebaldus, dessen Gemüth durch mannigfaltiges Unglück verbittert war, weg mit den Geistlichen, sie sind an allem meinem Unglücke schuld! wehe mir! wenn ich mich wieder an sie wenden sollte!«

»Aber dieser, sagte der Fischer, ist ein frommer wohlthätiger Mann.«

»Wohlthätig? rief Sebaldus voll Unwillen, ich kenne sie! Sind sie nicht kalt und hartherzig, so thun sie nur denen gutes, die mit ihnen im gleichen engen Zirkel ihrer Lehrmeinungen herumgehen, außer demselben, bestreiten sie, verdammen sie, lassen Hungers sterben, so sehr sie vermögen.«

»Dieser ist aber doch ein recht guter Mann, versetzte der Fischer. Der vorige Prediger, hat immer mit der Ehrw. Classis viel Streit gehabt, dieser aber verträgt sich mit den Reformirten und mit den Mennonisten, so wie mit seinen eignen Glaubensbrüdern.«

»Er ist verträglich? rief Sebaldus. Wohl! so laßt uns zu ihm gehen. – Doch lieber Mann, sagte er, seufzend, indem sie fortgiengen, wißt ihr nicht einen gutherzigen Krämer oder Bauern, zu dem würde ich beynahe mehr Zutrauen haben.« Der Fischer wuste sonst niemand, und sie giengen nach Alkmar.

Als sie in des Predigers Haus traten und ihn zu sprechen verlangten, rief ihnen die Magd entgegen: »Ihr werdet ihn ietzt nicht sprechen können, denn er ist eben von dem Leichenbegängnisse seines einzigen Sohnes zurückgekommen, und noch ganz in Traurigkeit versunken.« Doch als sie die Fremdlinge anmeldete, wurden sie vorgelassen.

Der Fischer sagte ihm kurz: Er bringe ihm einen auf der See verunglückten lutherischen Prediger aus Deutschland, der, weil er sonst keine Hülfe finden können, habe nach Ostindien gehen wollen.

Der Prediger fragte den Sebaldus lateinisch: »Was ihn bewogen habe, sein Vaterland zu verlassen?«

»Unglück und Mangel« antwortete Sebaldus, – sich nicht getrauend, gegen den Prediger eine nähere Veranlassung anzugeben. –

»Aber Unglück und Mangel, läßt sich besser in der Nähe abhelfen, ohne daß man die Seinigen verlasse.«

»Ach! mir ist niemand übrig, der mich vermissen könnte, niemand ist (die Thränen flossen ihm von den abgehärmten Wangen,) in diesem ganzen Welttheile, den ich den Meinigen nennen könnte.«

»Du bist also nicht verheurathet, Freund, hast keine Kinder?« – Er sah den Sebaldus starr an und seufzete. –

»Ach meine Frau ist längst unter Kummer und Unglück erlegen. Kinder? Ach ja, leider! ich habe Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwürdig ist, einen Sohn, der in der Welt herumirret, seinen Vater längst vergessen hat, – oder vielleicht auch, – setzte er verzweifelnd hinzu, – nicht mehr herumirret, denn seit zwey Jahren, habe ich keine Nachricht von ihm.«

»Und du nennest dich unglücklich, Freund! da du Kinder hast? Siehe mich an!« Er bedeckte sein Angesicht mit der Rechten, – »Mein einziger Sohn ist tod! die Stütze meines Alters ist dahin! – wollte Gott! er irrte noch in der Welt herum. – Ich wollte sein warten, Jahre lang sein warten! Hätte er Fehler begangen? welches göttliche Vergnügen, ihn zu bessern, ihm in meinen väterlichen Armen zu vergeben! Du hast Unrecht, Freund. Dein Sohn wird von seinen Wanderungen zurückkehren, deine Tochter wird den Irrweg verlassen, ins väterliche Haus, zur Tugend, zurückkehren wollen, – und das väterliche Haus ist leer! Ihr Vater ist von ihnen geflohen! – Ach, Freund! Sie sind unglücklicher, als du!«

»Für mich ist kein Haus mehr da!« – Er sahe den Prediger mit starrer Verzweiflung an. – »Nicht einmahl ein Obdach in diesem ganzen Welttheile!« Sein Haupt senkte sich, und er legte seine gefalteten Hände auf seine Knie. –

»Und wer hat es dir genommen?« sagte der Prediger mit einem Tone voll holländischer Kälte, die Sebaldus für Gleichgültigkeit nahm.

»Priester haben mich verfolgt, versetzte Sebaldus, auffahrend, – weil ich Wahrheit bekannte.« – Er stand hitzig auf. – »Haben mich von Lande zu Lande gejagt, wollen mich nicht einen Bissen Brod essen lassen.«

»Und Freund! du bist gewürdigt worden, um der Wahrheit willen zu leiden, und nennest dich unglücklich? Weist du nicht, welcher Lohn deiner dort wartet? – Wer waren die Feinde die dich verfolgten? Vermuthlich herrschsüchtige Prälaten, blutgierige Mönche, die Gott einen Dienst zu thun glauben, wenn sie die Ketzer vom Erdboden vertilgen. Unsere reformirten Brüder in Deutschland denken wohl zu gut, als daß sie, wie hier zu Lande noch zuweilen geschiehet, ihre protestantischen Brüder verfolgen sollten.«

»Ja hat sich wohl! Reformirten? Lutheraner waren es, der Reformation Erstgebohrne, die auch nur allein die reine Lehre zuvor geerbt zu haben glauben –«

Und nun, weil der gute Mann mit dem Anblicke der niederdrückenden Last seiner Unglücksfälle, seine gewöhnliche Sanftmuth, und mit der Hofnung eines bessern Zustandes, auch seine Besonnenheit verlohren hatte, kam seine ganze Geschichte, und alle seine heterodoxen Meinungen an den Tag.

Der Prediger, voll Erstaunen, saß einige Minuten stille, schlug die Hände zusammen und rief:

»Wie? Keine Genugthuung, keine Erbsünde, keine ewigen Strafen? Freund, du behauptest verderbliche Irrthümer, die mit dem einzigen Wege zur Seligkeit nicht bestehen können!«

Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fischer in gebrochenem Holländischen an:

»Kennt ihr keinen Handwerker oder Taglöhner, der noch nichts vom einzigen Wege zur Seligkeit gehört hat, der wird vielleicht noch einen Bissen Brod mit mir theilen. Ich sagt euchs gleich, daß wir hier nichts ausrichten würden.« –

Damit wandte er sich zornig um und wollte zur Thür hinausgehen.

Der Prediger sprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Händen herum, hielt ihn fest, schaute ihm gerade ins Gesicht und rief: »Mensch warum verabscheust du einen Menschen, der den Weg zur Seligkeit für einzig hält? Warum hassest du ihn, ehe du ihn kennest?«

Sebaldus, bey dem der schnelle Zorn allemahl der Uebergang zur Selbsterkenntniß war, antwortete mit sehr gemäßigter Stimme:

»Ich hasse niemand, aber, Gott weiß es, diese Priester, welche ausschließende Seligkeit an Lehrformeln binden, haben mich gezwungen, sie zu verabscheuen, weil sie jeden hassen und verfolgen, der, so wie ich, glaubt, daß Leben und nicht Lehre, hier rechtschaffen und dort selig mache.«

»Und, wenn du, erwiederte der Prediger, indem er die Hände sinken ließ, und seine Rechte auf Sebaldus Schulter legte, – glaubst, daß man bey jeder Lehrmeinung rechtschaffen seyn kann, warum willst du, daß man es allein bey der orthodoxen lutherischen Lehre nicht seyn könne, die von frommen Leuten in Form gebracht worden, die die Kirche angenommen und die Obrigkeit bestätigt hat?«

»Guter Alter! versetzte Sebaldus, etwas stammlend, wenn du so viel Ungemach von herrschenden Rechtgläubigen erlitten hättest, als ich, so würdest du die Frage nicht thun. Sie verdammen den, der anders denkt als sie, in alle Ewigkeit, und hier auf Erden, hassen sie ihn als einen Verdammten, und vertreiben ihn, so weit sie ihn erreichen können.«

»Und das thun alle? Kennst du sie alle? Freylich, mein Freund! wer herrschen will, wird verfolgen. Auch ich lebe unter einer herrschenden Kirche, die verfolgt, so weit es die Obrigkeit zuläßet. Aber dazu treibt nicht Lehre, sondern Herrschsucht und Rechthaberey. Du hast Ungemach erlitten, von heftigen und herrschsüchtigen Männern, die orthodox waren. Freund! Hast du noch keinen Heterodoxen gesehen, der auch herrschsüchtig war? – Dann hättest du weniger Erfahrung als ich. Ich habe schon oft mit dem ersten Keime der Heterodoxie, auch Eigendünkel und Rechthaberey aufsprießen sehen.«

Sebaldus, beschämt, vermeinte: »die böse Lehre von der ewigen Verdammniß, mache doch die Gemüther so sehr geneigt, denjenigen, den man schon als einen künftig ewig Verdammten ansiehet, auch schon hier zu verabscheuen.«

»Mein Freund! rief der Prediger: die dordrechtischen Rechtgläubigen dieses Landes, haben nebst der Ewigkeit der Höllenstrafen noch die unbedingte Prädestination. Und dennoch, ist in Alkmar so mancher brave Kalvinist, der mich nicht für prädestinirt hält, und mich doch herzlich liebet. Ich bin lange in Amsterdam gewesen, wo hundert Sekten sich ihrem Lehrsysteme nach verdammen, und friedlich neben einander leben.«

»Ich bin, fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort, in Berlin gewesen, wo auch Religionsverwandten aller Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort nicht einmahl vom Verdammen etwas gehört, – ausgenommen etwann einmahl.«

»Ey, rief der Prediger, wenn du es auch nur einmahl gehört hast, so wird es doch wohl, auch dort, mehrmahl geschehen. Höre meine Meinung: Nach meinem Lehrsysteme, daß ich Jahre lang durchgedacht habe, bist du – ich kann es nicht bergen – in Irrthümern, die deiner künftigen Seligkeit hinderlich sind, wenn Gottes Gnade nicht viel weiter gehet, als die Einsichten die ich aus seinem Worte schöpfen kann. Dieß getraue ich mir aber, nicht zu bestimmen. Sey also Gotte und deinem Gewissen überlassen. Und nun? Warum sollte ich dich nicht lieben, wenn du sonst Liebe verdienst? Ich sagte vorher, wenn mein Sohn, dessen Tod ich beweine, bloß verirrt wäre, und endlich wieder zu mir käme, würde ich ihm vergeben, und ihn zu bessern suchen. So denke ich auch gegen jeden verirrten Glaubensbruder, so gewiß denke ich so, als ich wünsche, daß jeder Glaubensbruder, wenn ich mich verirre, gegen mich so denke. Auch dich, Freund! sehe ich als meinen Bruder an! Nicht dieser ganze Welttheil hat dich verstossen, hier ist noch ein Ort, und er ist hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, Eintracht und Gastfreundschaft herrschen. Bleib bey mir, mein Bruder! Mein Haus ist das deinige, und meinen Bissen theile ich mit dir, so lange ich selbst noch einen Bissen habe.«

Hiemit schloß er ihn in seine Arme, und Sebaldus, seiner Uebereilung halber beschämt, vor freudigem Erstaunen stumm, konnte nur durch Thränen antworten.

Der Prediger hielt redlich, was er versprochen hatte. Er nahm den Sebaldus in sein Haus auf, er versahe ihn mit den nothwendigsten Erfordernissen. Sie hatten den freundschaftlichsten Umgang. Freylich konnte es nicht fehlen, daß nicht beide, sehr bald, über Erbsünde, Wiedergeburt und Genugthuung zu disputiren anfiengen, aber dieses machte in den menschenfreundlichen Gesinnungen des Predigers keine Aenderung, selbst alsdann noch nicht, wann Sebaldus zuweilen Argumente vorbrachte, bey denen der gute Prediger einige Minuten still schweigen, und sich erst auf Gegenargumente besinnen mußte.

Auf diese Art giengen einige Wochen vorbey, bis ein Kaufmann aus Rotterdam, der eine Parthey Güter auf dem gestrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach Egmont reisete, und sich bey dieser Gelegenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er den lutherischen Prediger, seinen alten Bekannten, besuchte. Er sahe daselbst den Sebaldus, und nach einiger nähern Erkundigung, trug er demselben die Erziehung seines zweyten Sohnes unter vortheilhaften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte sich also bey seinem Wohlthäter, und reisete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam.

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