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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Abschnitt.

Indessen erscholl die Nachricht von Sebaldus Predigt und von ihren Folgen, bald bis in die fürstliche Residenzstadt. Sebaldus hatte im Consistorium zwey sehr mächtige Feinde. Der eine war der Präsident, der als ein Ehrenmitglied verschiedener deutschen und lateinischen Gesellschaften viele sehr fliessende deutsche Reime, und viele sehr deutliche lateinische Chronodistichen verfertigte. Alle am fürstlichen Hofe vorfallende Galatage, alle Landplagen, als Heuschrecken, Hagel, feindliche Einfälle, alle Promotionen der ihm untergebenen Conrectoren, und Landprediger, besang seine Muse ungesäumt. Wilhelmine war eine viel zu feine Kennerin der schönen Wissenschaften, als daß sie sich dem falschen Geschmacke, der in ihrem Vaterländchen beschützt ward, nicht hätte widersetzen sollen. Sie sprach bey jeder Gelegenheit von den deutschen Versen des Präsidenten überaus verächtlich, und seine lateinische Chronodistichen, wenn sie sie auch nicht verstand, so wuste sie sie doch aus dem Zuschauer mit einer Reihe Soldaten zu vergleichen, in welcher einige Riesen zwischen einer Anzahl Zwerge ständen. Nun ist es bekannt, daß alle Dichter sehr empfindlich, und die schlechten Dichter gemeiniglich die empfindlichsten sind. Es ist also leicht zu erachten, daß es der Präsident für einen unerhörten Eingriff in die Landesverfassung und gute Subordination hielt, daß eine Landpfarrerfrau sich über die Verse eines Mannes wie er, öffentlich aufhalten dürfte, und daß er keine Gelegenheit wird verabsäumet haben, ihrem Manne empfinden zu laßen, daß er sein Oberer war. Der zweyte Feind des Sebaldus, war der Generalsuperintendent D. Stauzius. Dis war eben der Pfarrer, der Sebaldus mit Wilhelminen getrauet hatte, der wilde Mann, der so gern von dem Obersten Menzel und von dem lustigen Treffen zu Roßbach sprach. Er hatte kurz nach Sebaldus Heirath die Ausgeberin des Präsidenten geheirathet, die Sebaldus verschmähst hatte, und war dadurch Generalsuperintendent worden. So wie er am Stande zunahm, wuchs auch sein Eifer für die Orthodoxie. Er lies sich zum Doctor der Theologie machen, damit er einen doppelten Beruf habe, sich der Orthodoxie alles Fleisses anzunehmen. Er erhielt im Lande eine solche Einförmigkeit in der Lehre, wie ein Hauptmann bey einer wohleingerichteten Compagnie Soldaten, bey der jeder Rock so lang als der andere, jeder Zopf so dick als der andere, jede Stiefelette so lang aufgeknöpft ist als die andere, und die sich nie nach ihrem eigenen Willen, sondern blos nach dem Wink ihrer Obern beweget. So bald ein Prediger nur den geringsten Geruch von Ketzerey an sich spüren ließ, ward er abgeschaft. Dadurch ward das Ländgen wirklich so rein gehalten, daß Sebaldus der einzige war, der auf der schwarzen Liste stand. Schon als D. Stauzius noch Dorfpfarrer war, hatte er sich mit Sebaldus oft über die Ewigkeit der Höllenstrafen gestritten, die er mit großem Eifer behauptete, und von der Sebaldus, wie wir dem Leser schon haben merken lassen, Begriffe hatte, die zwar ganz menschenfreundlich, aber gar nicht orthodox waren. Seitdem D. Stauzius Superintendent worden war, hatte er die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen noch nothwendiger gefunden. Er merkte beim Antritt seines Amts bald, daß er bey den Kammerjunkern und den fürstlichen Räthen, mit dem florentinischen Wetterglase, aus welchem er vormahls seinen Bauern Wind und Wetter vorhersagte,S. Wilhelmine S. 105. nicht viel ausrichten konnte. Er legte sich also, um sie in kirchlicher Zucht zu halten, auf ein recht derbes Gesetzpredigen. Er mahlte ihnen den höllischen Schwefelpfuhl recht schrecklich, und die Martern der Verdammten recht gräßlich vor, wobei er denn mit einem holen klagenden Tone das Wort ewig! ewig! ewig! sehr oft erschallen ließ. So streng und unerbittlich er aber auf der Kanzel gegen die Sünder war, so gefällig und nachgebend war er gegen seine Frau, die er aus so vornehmen Händen empfangen hatte. Sie regierte ihn ganz. Unglücklicherweise aber für Sebaldus war sie auf denselben und seine Frau auch sehr übel zu sprechen. Sie konnte es ihm noch nicht vergeben, daß er ihre Hand und mit ihr das einträgliche Amt ausgeschlagen hatte, bloß um eine jüngere und schönere Person zu heirathen. Wenn also D. Stauzius gegen Sebaldus nur ein verdriesliches Wort sagte, so setzte sie noch zwey oder drey hinzu, und brachte sowohl ihren itzigen Mann, als ihren gewesenen Herrn wider ihn auf. Welch Wunder also, daß Sebaldus sehr oft, auch bei den geringfügigsten Vorfällen nachdrückliche Verweise aus dem Consistorium bekam.

Die gegenwärtige Sache hingegen war zu wichtig, als daß sie mit einem bloßen schriftlichen Verweise konnte abgemacht werden. Sebaldus ward also in Person nach der fürstlichen Residenz, vor dem Consistorium zu erscheinen, gefordert. Als er erschien, sahe ihn der Präsident von oben bis unten an, seufzte, machte die Augen zu, hob das Angesicht gen Himmel, und hielt ihm in einem feinen etwas heisern und langgezogenen Ton seinen Unfug vor, daß er von etwas anders, als von Busse und Zerknirschung des Herzens gepredigt hätte, welches den symbolischen Büchern schnurstracks zuwider sey. Kaum hatte er ausgeredet, als der Superintendent aufstand. Er schrie mehr, als er sprach, zitterte vor Eifer, ward feuerroth im Gesichte, runzelte seine starke halbgraue und halbrothe Augenbraunen, konnte noch nicht sprechen, und schüttete als er anfieng, in einem holen bellenden Ton, so schnell daß ein Wort das andere jagte, ein gestottertes Anathema über das andere auf den armen Sebaldus aus. Er hielt ihm vor, daß die zehn angeworbenen Bauerkerl, vermuthlich hätten in den Stand der Gnade kommen können, daß sie aber nun in dem Lande wohin sie gebracht würden, Atheisten werden, und also ewig verdammt werden müsten. Auch Er, Sebaldus, hätte die ewige Verdammniß dadurch verdient, daß er an dem ewigen Wehe von zehn Seelen schuld wäre, u. s. w.

Sebaldus antwortete bescheiden mit wenig Worten, und ließ am Ende seiner Rede einfließen, »daß Gott gnädiger wäre, als erbitterte Menschen, daß er uns nach der reinen Absicht unsers Herzens, nicht aber nach einem nicht vorhergesehenen Erfolge unserer Handlungen, richten werde.« Stauzius fuhr ihn mit unbeschreiblicher Wuth an: »Ob er die Ewigkeit der Höllenstrafen glaube?« Sebaldus antwortete ganz gelassen: »Er glaube nicht, daß es Menschen gezieme, der Güte Gottes Maaß und Ziel zu setzen.« »Sie sehen, meine Herren, redete der äusserst aufgebrachte Superintendent die anwesenden an, daß dieser gottlose Mann in den Grundlehren des Glaubens irrig ist, und schändliche grundstürzende Irrthümer behauptet, ich trage also darauf an, daß er unverzüglich seines Amtes entsetzt werde, damit er die Seelen der ihm anvertrauten Heerde nicht ferner in Gefahr bringe.« Der Präsident antwortete hierauf mit sanftmüthiger Mine: »Es ist zwar wahr, daß Ehrn Nothanker sich eine schwere Verschuldung hat zur Last kommen lassen, doch erfordert die christliche Liebe, daß man in einer so wichtigen Sache, als die Absetzung vom Amte ist, sich nicht übereilen müsse. Daher ist meine Meynung, daß dem Fiscal aufgetragen werde, eine in gehöriger Form abgefaßte Klage zu überreichen, welche dem Beklagten mit dem Bedeuten, sie in zween Tagen zu beantworten, sub poena praeclusi und daß alsdenn in contumaciam wider ihn erkannt werde, zu communiciren sey, desgleichen daß derselbe auf nächste Session in vierzehn Tagen beschieden werde, um die alsdenn abzufassende Sentenz anzuhören.« Dieser Meinung fielen alle bey, und Sebaldus verfügte sich mit schwerem Herzen nach Hause.

Die Klage des Fiscals lief in wenig Tagen ein, und weil darin noch mehr auf die Ewigkeit der Höllenstrafen, als auf die gehaltene Predigt Rücksicht genommen war, so glaubten Sebaldus und Wilhelmine, darin die Feder des D. Stauzius zu erkennen. Sebaldus beantwortete sie in den gesetzten zween Tagen ausführlich, und Wilhelmine fügte noch einige Anmerkungen hinzu, die ihrer Meinung nach die Unschuld ihres Mannes so treffend bewiesen, daß sich auch nicht das geringste nur mit einigem Scheine, dawider sagen liesse. Die Verantwortung ward übergeben, und Sebaldus schwebte indessen zwischen Furcht und Hofnung. An dem angesetzten Tage begab er sich nach der Residenz. Er muste in dem Vorzimmer der Sessionsstube eine halbe Stunde warten, unterdessen daß über sein Schicksal gerathschlagt ward. Darauf ward er hineinbeschieden, um die Sentenz anzuhören, welche, nach dem gewöhnlichen Eingange, folgendermaßen lautete: »daß Beklagter wegen irriger Lehre und Abweichung von den so theuer beschwornen symbolischen Büchern, wobey er aller liebreichen Ermahnungen ohnerachtet verharret, seines Predigt- und Lehramts zu entsetzen, und er bedeutet werde, sich alles fernern Lehrens, Predigens und sonstiger Actuum ministerialium gänzlich zu enthalten, so lieb als ihm die Vermeidung fürstl. Ungnade, und zweyjähriger Zuchthausstrafe sey. V. R. W.« Es fand keine Appellation statt. Es ward dem guten Sebaldus von dem Consistorialbothen unverzüglich Kragen und Mantel abgenommen, zugleich ward er ernstlich bedeutet, die Pfarrwohnung zu räumen, indem die Pfarre bereits vergeben sey, und darauf ward er mit einer väterlichen Ermahnung in Frieden entlassen. Das Consistorium aber blieb noch versammlet, um den Präsidenten, ein lateinisches Chronodistichon, auf diesen merkwürdigen zur Festhaltung der reinen orthodoxen Lehre abzweckenden Actum, verlesen zu hören, das er in den vierzehn Tagen seit der letzten Seßion zu Stande gebracht hatte.

Sebaldus war, als er auf die Straße kam, von dem, was vorgegangen war, so betäubt, daß er alle Besonnenheit verlobt. Seine Füsse trugen ihn mechanischer Weise gerade nach Hause. Wilhelmine hatte sich, aus zureichenden Gründen, von dem Ausgange des Processes die beste Hofnung gemacht. Sie hatte daher, in der von ihr selbst gepflanzten Laube, neben dem Pfarrhause, eine ländliche Abendmahlzeit zugerichtet. Als sie damit fertig war, gieng sie ihrem Manne, mit ihren beiden Töchtern, entgegen. Er kam endlich. Als er noch einige Schritte von ihr war, sahe sie schon in seinen wilden starr auf sie gerichteten Augen, einen Theil des über sie schwebenden Unfalls. Er kam näher, und sagte ihr in wenig Worten, wie groß ihr Unglück sey. Wilhelmine ward blaß, die Knie zitterten ihr, sie fiel in ihrer Tochter Arme, und die kleine Charlotte warf sich auf ihre Mutter und weinete. Wilhelmine ward erst nach geraumer Zeit ihrer Sinne wieder mächtig, und in großer Schwachheit nach Hause gebracht. Alle die Vergnügungen, die sich diese kleine Familie, bey dem Abendmahl in der Laube, nach der Zurückkunft ihres Vaters versprochen hatte, waren dahin. Wilhelmine war von dem heftigen Schrecken so sehr beweget worden, daß sie in wenig Stunden in einem starken Fieber lag. Mariane, ob sie gleich ihr Herzeleid verbarg, konte doch, indem sie ihrer Mutter Handreichung leistete, ihre naßen Augen nicht verbergen. Die kleine Charlotte winselte unaufhörlich, weil sie ihre Mutter leiden sahe. Sebaldus aber, über sein Unglück kaum so sehr niedergeschlagen, als über die Härte rachgieriger Menschen bestürzt, saß staunend, in der stillen Schwermuth die äusserlich kalt scheint, aber innerlich mit desto größerer Heftigkeit auf die Lebensgeister wütet.

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