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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Sechster Abschnitt.

Mariane war, unterdessen dieß vorgieng, mit ihren Entführern einen Tag und eine Nacht lang fortgefahren, ohne daß sie von ihnen durch ihre öfteren Fragen hätte erfahren können, wohin sie sollte geführt werden. Sie hatten, so viel möglich, die Landstraßen vermieden, und nur, auf abgelegenen Vorwerkern, Pferde, die schon für sie bestellt waren, gewechselt, ohne daß Mariane aus dem Wagen steigen durfte. Den zweyten Tag mußten sie nothwendig quer über eine Landstraße fahren. Mariane erblickte auf der Landstraße einen Postwagen. Sie schrie aus dem Wagen. Ihre Begleiter in der Kutsche wollten sie zwar zurückhalten, und riefen dem Kutscher zu, er solle eilen, welches auch geschah; aber auf Marianens fortdaurendes Geschrey, fuhr der Postwagen nicht allein geschwinder, sondern ein Mann zu Pferde, der neben dem Postwagen ritt, näherte sich, und holte in kurzem den Wagen ein. Er schrie dem Kutscher zu, er solle still halten, der sich aber daran nicht kehrte, und aus der Kutsche ward eine Pistole auf ihn gerichtet; indem sie aber losgedrückt wurde, schlug sie der Reiter mit seinem Hirschfänger herunter, so daß sie ihn nur am Fuße verwundete. Indem dieß geschah, öffnete Mariane auf der andern Seite den Schlag, und sprang ohne Schaden heraus. Der auf dem Bock sitzende Bediente traute sich nicht, dieses zu hindern, weil der Postwagen ganz nahe war, von dem vier oder fünf Reisende abgesprungen waren, und zu Hülfe eilten; daher der Kutscher mit verhängtem Zügel davon jagte.

Mariane fiel im Springen, doch ohne Schaden. Der eine Reisende, der, mit einem Spanischen Rohre in der Hand, vorangelaufen war, und den Wagen beynahe erreicht hatte, hob sie auf. Sie erkannte ihn sogleich für ihren Freund Hieronymus; und kaum erholte sie sich von ihrem ersten Erstaunen, so erblickte sie ihren Vater, und lag in seinen Armen. Indeß daß beide sich ihrer Freude über die unerwartete Zusammenkunft überließen, besichtigten die übrigen Reisenden den Verwalter, den die Kugel nahe am Schienbein gestreift hatte. Sie hoben ihn vom Pferde und auf den Postwagen, auf den Mariane gleichfalls stieg; das Pferd ward an den Wagen gebunden, und so zogen sie fort, bis in das nächste nicht weit entlegene Städtchen.

Hier blieben sie liegen, um ihren Verwundeten verbinden zu lassen, dessen Wunde, nachdem den andern Tag der Verband abgenommen war, nicht gefährlich befunden ward. Sie nahmen sich also vor, zu der Gräfinn zurückzukehren, zumal da der Verwundete in der Nachbarschaft wohnte. Hieronymus miethete dazu einen halb bedeckten dreysitzigen Wagen. In denselben setzte sich Mariane und der Verwundete vorwärts, und Hieronymus mußte den Rücksitz einnehmen; denn Sebaldus, der durch die Freude, seine Tochter wiedergefunden zu haben, ganz verjünget war, setzte sich, alles Zuredens ungeachtet, auf des Verwalters Pferd, und trabte neben dem Wagen her. Da ihm dieß in kurzem beschwerlich ward, so kam er auf den Gedanken voranzureiten, und in dem Dorfe, wo sie den Mittag anzuhalten gedachten, die Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Kutscher bezeichnete es ihm sehr genau, und versicherte, daß der Weg nicht zu verfehlen sey. Sebaldus stieß also sein Thier in die Seite, und sie verloren ihn bald aus den Gesichte.

Als sie Mittags im Dorfe ankamen, fanden sie, daß keine Mittagsmahlzeit bestellt war, und, was noch mehr, daß niemand den Sebaldus gesehen hatte. Mariane und Hieronymus wurden dadurch nicht wenig beunruhigt. Nachdem sie ein Paar Stunden gewartet hatten, schickten sie einige Bauern auf verschiedenen Wegen aus, die aber zurück kamen, ohne etwas von ihm gehört zu haben; wodurch ihre Angst nicht wenig vermehrt ward. Sie warteten diesen und den folgenden Tag auf ihn; da er aber nicht erschien, so reiseten sie in großer Bekümmerniß weiter, nachdem sie eine Nachricht für ihn zurückgelassen hatten.

Sie kamen in kurzem auf dem Gute der Gräfinn an. Mariane begab sich sogleich mit Hieronymus nach dem Schlosse. Sie hoffte von der Gräfinn mit Vergnügen empfangen zu werden; aber diese Dame war, besonders durch Rambolds tückische Einblasungen, so sehr wider die gute Mariane eingenommen, daß sie dieselbe sehr kalt bewillkommte. In der That war der äußerliche Anschein ganz wider Marianen. Auf die Frage der Gräfinn, wie die Entführung veranlasset worden, konnte sie nichts mehr antworten, als daß sie von unbekannten Leuten auf einen unbekannten Weg geführet worden, ohne daß sie die geringste Veranlassung dazu gegeben habe. Dieß war in der That unwahrscheinlich, und daß Mariane schien die Warheit verhehlen zu wollen, that ihr in dem Gemüthe der Gräfinn noch mehrern Schaden. Die Gräfinn erinnerte sie, wie vertraulich sie mit ihr umgegangen wäre, und daß sie ihr doch aus den Vorfällen bey der Frau von Hohenauf, und aus ihrer Verbindung mit Säuglingen, ein Geheimniß gemacht hätte. Sie zeigte ihr die gefundenen Briefe von Säuglingen an sie, woraus genug erhellte, wie genau diese Verbindung gewesen, Sie erinnerte sie an ihre und seine Verlegenheit, bey seiner Ankunft, und an viele andere kleine vorher nicht bemerkte Umstände. Sie erzählte, mit welchem ungewohnten Eifer sie Säugling gegen den Obersten vertheidigt habe. Alles dieß zeugte wider Marianens Aussage. Sie konnte sich durch nichts vertheidigen, als durch ihre Thränen, die oft die Waffen der Unschuld, aber eben so oft auch der Deckmantel der Verstellung sind; und Hieronymus Vorstellungen, dem alle vorgefallenen Begebenheiten unbekannt waren, konnten wenig Gewicht haben.

Die Gräfinn brach endlich kurz ab. Sie sagte zu Marianen: »Es ist in dieser Sache ein Geheimniß, das ich nicht aufzuklären vermag. Ich liebe Sie, und wünsche daher, daß Sie unschuldig seyn mögen. Sind Sie es, so erinnern Sie sich doch aufs künftige, daß ein Frauenzimmer, das sich mit einer Mannsperson in ein Liebesverständniß, in einen geheimen Briefwechsel einläßt, und wenn es auch in der unschuldigsten Absicht wäre, derselben einen großen Vortheil über sich einräumt, und daß sie Verdacht erregen kann, wo sie es am wenigsten wünschet. Eine solche kleine Intrigue kömmt einem jungen Frauenzimmer, ich weiß es wohl, so romantisch, so empfindsam vor, es dünkt sich so vom gemeinen Haufen unterschieden, einer Sappho oder Hero so ähnlich, wenn es an seinen Phaon oder Leander denken und schreiben kann. Dieses romantische Wesen aber, (wozu Sie, meine liebe Mariane, einige Anlage haben,) ist zwar in Büchern und in Gedichten schön und gut; wenn es aber ins gemeine Leben gebracht wird, so verursacht es, daß niemand sich in die Lage schickt, in die er vom Schicksale gesetzt ist, sondern eine eigne Welt für sich allein haben will. Ich wenigstens bin keine Liebhaberinn davon, und ich verlange eine Gesellschafterinn, die davon ganz frey ist. Die unbekannte Person, die sich für Sie so stark interessirt, wird nicht sogleich ablassen; und dieß könnte sich in eine neue Entführung oder in eine andere unvermuthete romanhafte Scene endigen. Wir können also nicht auf dem vorigen Fuße zusammenbleiben. Indessen sollen Sie nicht verstoßen seyn; bleiben Sie in meinem Hause, bis Sie auf eine anständige Art versorgt werden; und wenn Sie sich über den letztern unerklärlichen Vorfall rechtfertigen können, will ich selbst für Ihr ferneres Glück Sorge tragen.«

Mariane weinte bitterlich, daß sie erst ihren Vater und nun auch ihre Gönnerinn verlor, und daß ihr Schicksal sie, ohne ihr Verschulden, in einen Verdacht brachte, den sie nicht widerlegen konnte, und der noch dazu, unglücklicherweise, wahrscheinlich war. Sie gieng in ihr Zimmer, und überlegte mit Hieronymus, was in ihren itzigen Umständen zu thun sey, oder vielmehr Hieronymus überlegte es allein; denn die gute Mariane lag halb sinnlos auf einem Lehnstuhle, und zerfloß in Thränen. Hieronymus sann auf verschiedene Vorschläge, die er wieder verwarf. Endlich besann er sich auf den Freyherrn von D***. Dieser würdige Mann hatte eigentlich Wilhelminens Heurath mit Sebaldus veranlassetS. Wilhelmine, S. 100., und Mariane war seine Pathe. Er hatte, als er noch am Hofe war, den unüberlegten Vorsatz gehabt, ein ehrlicher Mann zu seyn, nie zu schmeicheln, keinen mächtigen Bösewicht erheben, und keinen rechtschaffenen Mann, in Ungnade, unterdrücken zu helfen. Es konnte also nicht fehlen, daß er nicht endlich ein Opfer der List und der Ränke der Hofschranzen werden mußte, und selbst in Ungnade kam; wenn man es Ungnade heißen kann, daß ein ehrlicher Mann der Abhängigkeit entzogen, und sich selbst, seinen Gütern, und seiner Familie wiedergegeben wird. Der Herr von D*** hatte seitdem, auf seinen Gütern im Hildesheimischen, im Schooße seiner Familie und als ein Vater seiner Unterthanen gelebt. Er hatte sich noch kürzlich nach seiner Pathe, der er in ihrer ersten Jugend sehr gewogen gewesen war, erkundigt, und dieß brachte den Hieronymus auf die Gedanken, daß Mariane bey ihm die sicherste Zuflucht finden könnte.

Er überlegte Abends mit seinem Reisegefährten, dem Verwalter, wie dieser Vorsatz am besten auszuführen sey. Denn seine Geschäffte riefen ihn auf eine weitere Reise, entfernt von seiner Vaterstadt; und hier wollte er Marianen auch nicht lassen, weil er wirklich das Geheimniß der Entführung nicht ergründen konnte, und noch mehrere Folgen davon befürchtete. Der Verwalter, dem Marianens Unfall sehr zu Herzen zu gehen schien, bestärkte ihn in diesen Gedanken; und um ihn zu beruhigen, schlug er vor, daß er Marianen mit sich nach Hause nehmen wollte, wo sie so lange bey seiner Frau bleiben könnte, bis seine Wunde völlig geheilt sey; alsdann wolle er sie selbst zum Hrn. von D***, der ihm sehr wohl bekannt war, bringen, und denselben auch vorher davon benachrichtigen.

Hieronymus billigte diesen Vorschlag, und die Gräfinn, die Marianen im Grunde herzlich liebte, und des Hrn. von D*** vortreffliche Eigenschaften kannte, war damit auch sehr wohl zufrieden. Sie nahm von Marianen den freundschaftlichsten Abschied, gab ihr, mit einer mütterlichen Fülle des Herzens, die weisesten Lehren und Erinnerungen, und beschenkte sie mit einer ansehnlichen Summe. Mariane empfand alles, was sie an dieser edlen Dame verlor, küßte ihr weinend die Hände, umarmte ihren Freund Hieronymus, und so stieg sie mit schwerem Herzen in den Wagen, und kam, in kleinen Tagereisen, in der Wohnung des Verwalters an.

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