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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Fünfter Abschnitt.

Säugling kam den folgenden Tag, ermüdet und trostlos zurück, ohne Marianen gefunden zu haben, welches sehr natürlich zugieng, weil Rambold gar nicht für gut fand, ihn auf den Weg zu führen, den der Wagen genommen hatte. Er fand einen Brief von seiner Tante, die nunmehr, da Mariane aus dem Wege geschafft war, weiter keine Zeit verliehren wollte, und ihm empfahl, alles anzuwenden daß seine Verbindung mit dem Fräulein zu Stande käme. Dieß war aber, bey seinem itzigen ganz neuen Schmerze über Marianens Verlust, eine Sache, daran er gar nicht denken konnte und wollte. Die Frau von Hohenauf schrieb zu gleicher Zeit einen Brief an die Frau von Ehrenkolb, worinn sie derselben die Absichten ihres Neffen auf das Fräulein ziemlich deutlich zu verstehen gab. Aber auch dieser Brief kam sehr zur Unzeit. Denn theils hatte sich die Frau von Ehrenkolb niemals vorgestellt, daß die Absichten eines Menschen, wie Säugling, der nicht von Familie war, so hoch gehen sollten, daß er an ihre Tochter denken dürfte, theils hatte sie itzt ein viel nothwendiger Geschäfft im Sinne. Das Fräulein von Ehrenkolb, die zu allen Launen einer verfehlten Petitemaitresse noch allen Eigensinn eines verzärtelten Muttertöchterchens hinzuthat, hatte den vorigen Abend dem Obersten, der ihrer beständigen Eifersucht ohnedieß überdrüßig war, und den Marianens unvermuthete Entfernung noch verdrießlicher gemacht hatte, so übel mitgespielt, daß er ganz kurz mit ihr abbrach, den andern Morgen sich der Gesellschaft empfahl, und nach seinem Gute zurückreisete. Das Fräulein vermißte in ihm nur einen Anbeter, dessen Verlust sie zwar in der itzigen Einsamkeit empfand, aber künftig bald zu ersetzen vermeinte; ihre Mutter aber, welche die Sache, von Anfange an, viel ernsthafter angesehen hatte, befürchtete einen reichen Schwiegersohn zu verlieren, der ihre verschuldeten Güter wieder in Stand setzen könnte. Die Mutter hatte also mit der Tochter eine lange Konferenz über diese wichtige Sache, und die letzte ward endlich so gründlich überzeugt, welche nützliche Sache ein Mann von Range und Reichthum für eine Dame sey, die am Hofe leben will, daß sie mit ihrer Mutter übereinkam, den Liebeshandel mit dem Obersten von neuem wieder anzuknüpfen. Die Frau von Ehrenkolb antwortete also der Frau von Hohenauf in sehr kalten und in sehr stolzen Ausdrücken, und reisete den folgenden Tag mit ihrer Tochter nach ihrem Gute zurück, wobey Säugling kaum ein mäßiges Kopfneigen beym Abschiede erhielt.

Der Gräfinn war Säuglings Liebe gegen Marianen unverborgen geblieben. Da sie mit Marianen auf einem sehr vertraulichen Fuße lebte, so hatte sie auch derselben Neigungen zu erforschen gesucht; Mariane war aber in diesem Stücke gegen sie so zurückhaltend gewesen, daß sie von Marianens Liebe gegen Säuglingen nichts gemerkt hatte. Itzt aber glaubte sie, durch die Entführung, schnell ein Licht in dieser Sache zu erhalten. Sie war sehr geneigt, Säuglingen für den Urheber dieser Frevelthat zu halten, worinn, wie sie glaubte, Mariane gewilligt hätte. Sie ward in dieser Vermuthung bestärkt, da sie unter Marianens Sachen viele zärtliche Briefe und Gedichte von Säuglings Hand geschrieben fand, nebst verschiedenen Entwürfen zu Briefen von Marianens Hand, die zwar nicht waren abgesendet worden, aber itzt doch ein unwiderlegliches Zeugniß wider sie abzulegen schienen. Die Gräfinn war daher wider die arme Mariane äußerst entrüstet, und eben so zornig auf Säuglingen, der, wie sie glaubte, die Gastfreyheit so schändlich beleidigt hatte, der eine romanhafte Liebe vorgab, und ihr ihre Gesellschafterinn aus ihrem Schlosse entführte, wobey sie ihm, trotz seines züchtigen Anstandes, eben nicht die reinsten Absichten zutraute. Sie setzte Rambolden über die Aufführung seines Zöglings zur Rede, der, um den Verdacht von sich abzuwälzen, ihr in allen ihren Vermuthungen Recht gab, Marianen noch mehr anklagte, und die Geschichte ihrer Entlassung von der Frau von Hohenauf auf eine ihr sehr unvortheilhafte Art erzählte. Die Gräfinn hielt nun ihre Vermuthung für vollkommen bewiesen, und ließ den unschuldigen Säugling so viel Unwillen merken, daß er, ob er gleich die Ursach davon nicht recht begriff, dennoch sich entschloß, unverzüglich seinen Weg weiter fortzusetzen; in welchem Vorhaben er von Rambolden gar sehr bestärkt ward, der nichts mehr wünschte, als ihn nur erst zu seinem Vater nach Wesel gebracht zu haben, damit er bald zur Frau von Hohenauf zurückkehren, und die Früchte seiner Treulosigkeit einärnten könnte. Sie nahmen also von der Gräfinn Abschied, die sie mit sehr kalten Höflichkeitsbezeugungen entließ.

Auf diese Art ward die Gesellschaft plötzlich zertrennt, und jeder war, einzeln für sich, mißvergnügt, und schmollte; bis auf den boshaften Rambold, der sich heimlich freuete, daß sein Anschlag so gut von Statten gieng, und bis auf Säuglingen, der einen schwachen Trost darum fand, daß er, während der Reise, einige Stanzen über seine Entfernung von Marianen in seine Schreibtafel schrieb.

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