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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Vierter Abschnitt.

Nachdem Rambold auf diese Art seinen Plan so simpel als künstlich angelegt hatte, erwartete er ruhig den erwünschten Erfolg, den er als unausbleiblich ansahe, sehr zufrieden mit seiner schlauen Erfindung. Hingegen die übrigen Personen wurden, durch die Lage, in der sie waren, unvermerkt immer unruhiger, unzufriedner und unwilliger gegen einander.

Marianen mißfiel es, daß ihr der Oberste beständig nachfolgte, und fortfuhr, sie mit vieler Dreistigkeit seiner Liebe zu versichern, ob er gleich sehr trocken und frostig abgewiesen wurde. Nicht weniger unzufrieden war sie mit Säuglingen, den sie im Verdacht hatte, daß er das Fräulein heimlich liebte, und weder seine Briefchen, darauf sie nie antwortete, noch seine Verschen, von denen sie argwohnte, daß sie mehr aus der Phantasie, als aus dem Herzen herrührten, konnten sie zufrieden stellen.

Das Fräulein war äußerst darüber erbittert, daß alle ihre Versuche, ihre beiden Liebhaber wieder zu sich zurück zu bringen, fruchtlos waren. Weil sie, aus Politik, ihren Zorn nicht ganz auslassen durfte, so blieb ihr nichts, als der armselige Behelf, die arme Mariane, bey aller Gelegenheit, das Uebergewicht fühlen zu lassen, welches ihr Stand ihr über sie gab. Dieß veranlaßte verschiedene kleine unangenehme Scenen, die, weil sie Marianen nur kränkten, ohne sie zu demüthigen, die üble Laune des Fräuleins nicht vermindern konnten.

Der Oberste war auf das Fräulein nicht wenig verdrießlich, weil sie seiner Liebe gegen Marianen im Wege stand, die er gern mit seiner Liebe gegen das Fräulein vereinigt hätte, zumal, da er die Verbindung mit der letztern anständigerweise nicht ganz und gar aufheben konnte. Säuglingen war er herzlich gram, weil er sich einbildete, daß dieser bey Marianen besser gelitten wäre, als er, und mit Marianen war er auch nicht sonderlich zufrieden, weil dieses kleine Mädchen, der er die Ehre einer gelegentlichen Eroberung zugedacht hatte, sich gegen eine Person von seinen Verdiensten so gar kalt und spröde bezeigte, daß es noch ungewiß schien, ob sie nicht auch einer förmlichen Belagerung würde widerstehen wollen.

Säugling war auch unglücklich, denn er liebte Marianen herzlich, daher konnte er ihre Zurückhaltung nicht ertragen, die er, weil er ihre Eifersucht nicht einsahe, bloß nur einer wirklichen Abneigung gegen ihn zuzuschreiben wußte. Sie kostete ihm viel Seufzer und nicht wenig Verse. Aber eben sein zweytes Unglück war, daß seine Gedichte, durch deren gute Aufnahme in dieser Gesellschaft er bisher eine so seltne Glückseligkeit genossen hatte, nun sehr zu fallen anfiengen, wovon er die Ursachen nicht einsehen konnte. Sie waren gleichwohl sehr natürlich. Mariane schwieg davon gemeiniglich ganz still, weil sie sich fürchtete, ihre geheimen Bewegungen, die sie zu verbergen suchte, unvermuthet zu verrathen. Das Fräulein hatte immer etwas daran zu tadeln, weil ihr die Eifersucht eingab, daß sie an Marianen gerichtet wären, oder auf sie anspielten; und der Oberste, der sich nie im Ernste um Verse bekümmert hatte, fand itzt nicht mehr, wie vormals, Ursach sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen, vielmehr pflegte er, in seiner itzigen üblen Laune, sich oft geradezu darüber aufzuhalten. Zum Unglücke für Säuglingen, ward er darinnen zuweilen von der Gräfinn unterstützt, deren feiner Geschmack schon längst in Säuglings Liedern eine gewisse Einförmigkeit und Läßigkeit wahrgenommen hatte, wofür ihm selbst der Sinn fehlte. Da er nun unabläßig fortfuhr, täglich neue Gedichte vorzulesen, so nahm sich die Gräfinn im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Jünglinge diese kleine Thorheit abzugewöhnen.

Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt, und die übrige Gesellschaft im Garten spazieren gieng, ergriff die Gräfinn Säuglings Arm, führte ihn in einen Gang besonders, und nachdem sie das Gespräch auf Lektur gebracht, sagte sie ihm gerade heraus: »Gedichte wären nicht die Lektur, die sie am meisten liebte.«

Säugling, nicht wenig beschämt und bestürzt, versetzte mit stammlender Stimme: »Ew. Gnaden scherzen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie die schönen Wissenschaften liebten.«

Gr. O ja! ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, die schönen Wissenschaften haben einen weiten Umfang, und die Dichtkunst ist nur ein Theil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit entfernt. Ich liebe vielmehr Gedichte herzlich, wenn sie ganz vortrefflich sind, sie wirken mit unbeschreiblichem Reize auf mich, sie bleiben meiner Seele tief eingeprägt. Aber sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind nur sehr wenige. Was die übrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen, die man wohl einmal anhören, aber auch entbehren kann; und mich dünkt immer, die Augenbraunen sind einem leichter, wenn man sie entbehrt.

S. Vielleicht sprechen dieß Ew. Gnaden – – nicht ganz – – im Ernste, – – die Damen pflegen doch sonst, – – wenigstens glaube ich es so gefunden zu haben, – – unter aller übrigen Lektur – – am meisten – – Gedichte zu lieben –

Gr. Glauben Sie das nicht, mein lieber Säugling; oft kaum, wenn wir darum gelobt werden, finden wir sie erträglich. Unter uns gesagt, wir haben oft herzliche lange Weile, wenn man sie uns vorlieset. Wir gähnen, und trauen uns nicht den Mund aufzuthun.

S. Ach! ich merke schon, hier ist ein kleines Mißverständniß, Sie wollen sagen:

    Die großen Verse, welche man
Auf einem großen Amboß schmiedet,
Die liest man nicht, man wird ermüdet;
Ihr Donner störet unsre Ruh.
So großer Lerm wozu? wozu?

Allein die kleinen niedlichen Verse:

    Die kleinen Dingerchen die sich,
Gefällig zu Gedanken schmiegen,
Zwar nicht bis an den Himmel fliegen,
Jedoch auch nicht, dahin verstiegen
Und dann gestürzet, jämmerlich
Zerschmettert auf der Erde liegen:
Die kleinen Dingerchen lieb' ich!
Sie pflegen sich mit Artigkeit
In das Gedächtniß einzuschleichen,
Darum zu bleiben, und nicht weit
Den großen Versen auszuweichen.

Gr. Ach! das ist meine Meinung gar nicht. Die kleinen Dingerchen sind so voll kalter Tändeleyen. Meinen Sie denn, daß dem Frauenzimmer das Süße und Tändelhafte so sehr gefällt? Wir sind nun freylich, weil es Ihrem Geschlechte so beliebt, das schwächere, aber glauben Sie mir, wir lieben an uns selbst die Schwäche nur, in so fern sie uns schön und niedlich macht, und ich weiß nicht, obs nicht gar bloße Eitelkeit bey uns ist, daß wir nicht wollen, daß die Mannspersonen schön und niedlich seyn sollen. Wissen Sie wohl, Säugling, daß Sie zu schön sind, und daß ich auf Sie eifersüchtig bin. Wenn Sie mich beruhigen wollen, waschen Sie sich nicht mehr mit Essenzen, und lassen Sie sich ein wenig von der Sonne verbrennen. Hören Sie wohl, schreiben Sie mir eine gute derbe Prose, so für den gesunden Menschenverstand, ohne Niedlichkeit. Oder, nehmen Sie sich in acht! wenn Sie mich böse machen, verdamme ich sie zum großen Amboß –

Indem die Gräfinn dieses sagte, erblickte sie das Fräulein und den Obersten, die aus einer benachbarten Allee auf sie zukamen.

»Kommen Sie, rief sie, weil sie den armen Säugling ein wenig quälen wollte: Kommen Sie, meine Liebe, helfen Sie mir die kleinen tändelnden Liederchen gegen den Hrn. von Säugling vertheidigen. Stellen Sie sich nur vor, er will ihnen entsagen! Wenn wir ihn gehen lassen, so wird er große mächtige Hexameter schmieden wollen, und dann ist er für uns verloren.« –

Das Fräulein antwortete mit sauersüßer Miene: »Ach nein! dazu ist der Hr. von Säugling viel zu zärtlich! Er wird nur merken, was ich schon lange gedacht habe, daß die Deutsche Sprache überhaupt zu bäurisch ist, um liebliche Ideen auszudrücken. Er wird künftig Französisch schreiben, für die große Welt, und nicht für die unpolirten Deutschen Bürger. Er liebt ja ohnedieß die Französische Nation vor allen andern.« Hiebey blickte sie Marianen, die aus einer andern Allee zu ihnen gekommen war, spöttisch über die Achsel an.

Die Gräfinn verstand den Stich, wollte ihn aber nicht verstehen, fuhr daher im scherzenden Tone fort:

»Nein! Säugling, wenn doch einmal das Schicksal beschlossen hat, daß es Ihnen unglücklich gehen soll, so werden Sie lieber ein Original, als ein solches Mittelding, wie die meisten Schriftsteller sind, die in Deutschland Französisch schreiben: in Frankreich fremd, in Deutschland nicht zu Hause. C'est à Paris qu'il faut ecrire! ruft der Franzose mit vollen Backen, und wenn er von seiner Sprache redet, mag er immer Recht haben.«

Unter diesem Gespräche erreichten sie eine Laube, wo sie sich niedersetzten, und kurz darauf kam ein Bedienter, der Gräfinn zu melden, daß von der durchfahrenden Landkutsche ein wohlgebildetes aber todkrankes Frauenzimmer bey dem Prediger sey abgesetzt worden. Die Gräfinn, bey welcher Handlungen der Wohlthätigkeit allen Vergnügungen vorgiengen, begab sich sogleich dahin, und nahm Marianen mit sich.

In ihrer Abwesenheit nahm das Gespräch eine nicht sehr angenehme Wendung. Das Fräulein hatte mit dem Obersten über ihr beiderseitiges Mißvergnügen kurz vorher eine Erläuterung unter vier Augen gehabt, die ihre gute Laune eben nicht vermehrt hatte. Sie war von Natur eigensinnig und auffahrend, wie sichs auch für eine Petitemaitresse gebührt; nun aber war sie dadurch, daß man ihren Reizungen den Sieg streitig machen wollte, äußerst bitter geworden, und ließ itzt ihren Zorn, durch eine Menge anzüglicher Spöttereyen über Säuglings unveränderliche Ergebenheit gegen Marianen, ausbrechen. Der Oberste, der froh war, daß ihre Pfeile nur auf Säuglingen gerichtet waren, hielt sich außer dem Schuß, und sagte bloß etwa hie und da ein Wort. Säugling aber bekam Muth von seiner Liebe, und da er sich ohnedieß vorgenommen hatte, mit dem Fräulein, das er nie geliebt hatte, ganz zu brechen, so vertheidigte er sich nachdrücklich, obgleich anständig; ja sein offnes Herz floß von Marianens Lobe über, von dem es immer voll war. Das Fräulein verlor darüber alle Geduld und Fassung, und rückte auf dem Stuhle hin und her, aus Verdruß stillschweigend.

Gerade zu dieser Zeit kam Mariane zurück, ohne etwas von diesem Gespräche zu wissen. Sie erzählte, indem sie sich die Augen trocknete: »Das unglückliche Frauenzimmer ist höchst zu betauern. Sie ist eine Person bürgerliches Standes von guter Herkunft. Sie hat einen Lieutenant aus Liebe geheurathet, der, kurz vor dem Frieden, in einem Scharmützel tödtlich verwundet worden. Er hat zwar, wegen seines Wohlverhaltens, eine Compagnie erhalten, das Regiment ist aber auch, nach erfolgtem Frieden, abgedankt worden. Sie hat in seinem langwierigen Krankenlager, was sie gehabt, zu seiner Heilung verwendet. Er ist endlich gestorben. Sie hat zu weit entfernten Verwandten ihre Zuflucht nehmen wollen. Von Gram und Nachtwachen entkräftet, ist sie unterweges so krank geworden, daß sie, ohne Lebensgefahr, nicht weiter reisen konnte. Die Gräfinn, die den Beweis ihrer Aussage in einigen Briefschaften, die sie bey sich gehabt, gefunden hat, ist sehr gerührt. Sie hat mich vorausgeschickt, um einen Wagen anspannen zu lassen, und einen Reitknecht nach der Stadt zu senden, einen Arzt zu holen. Sie läßt sich bey der Gesellschaft, ihres langen Außenbleibens wegen, entschuldigen. Sie will die Kranke selbst nach dem Schlosse begleiten.«

Säuglingen trat eine mitleidige Thräne ins Auge, der Oberste aber drehte sich auf einem Absatze herum, und das Fräulein, dessen innerer Unmuth aufs höchste gestiegen war, fuhr hart heraus: »Die Gräfinn beweiset in der That eine übertriebene Gütigkeit, daß sie alles Gesindel bey sich aufnimmt. Eine Person von der Landstraße! – Am Ende gehts Personen so, die sich über ihren Stand erheben wollen. Wer weiß, wo sie Kammermädchen oder Gesellschaftsjungfer gewesen ist. – Es ist Zeit, daß wir abreisen, denn die Gesellschaft« – – Hier nahm sie eine Prise zur Contenanz, ließ ihre Dose fallen, und rief Marianen:

»Mein Kind! nehme Sie mir doch die Dose auf!« –

Mariane, über die ganze Scene erstaunt, stand sprachlos da; denn so weit hatte das Fräulein die Unhöflichkeit noch nicht getrieben. Säugling sprang auf, und überreichte dem Fräulein die Dose.

»Lassen Sie, rief sie, lassen Sie, Herr von Säugling, Mariane wird sie schon...«

Säugling nahm allen seinen Ernst zusammen, und versetzte: »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, Ihnen aufzuwarten, halte ich nur für meine Schuldigkeit.«

Das Fräulein maß ihn mit den Augen von oben bis unten, und schlug ein bitteres Gelächter auf.

Mariane, welche empfand, daß die Demüthigung, wodurch sie bis zu einer gemeinen Dienstmagd herunter gesetzt werden sollte, zu den Beleidigungen gehöre, für die man, so grob sie sind, keine Worte hat, um sich darüber zu beschweren, konnte nicht verhindern, daß sich nicht eine Thräne in ihr Auge drängte, und gieng stillschweigend ab, doch nicht ohne auf Säuglingen einen Blick zu werfen, in welchem er ihr ganzes Herz las.

Der Oberste, ob er wohl, an sich, Marianen gern diese Demüthigung erspart hätte, war doch wohl damit zufrieden, weil er glaubte, daß sie Säuglingen, den er haßte, weil er ihn von Marianen geliebt glaubte, verdrießen würde. Um ihn noch mehr zu kränken, spottete er unhöflich über Marianen, nachdem sie weggegangen war.

Beleidigungen, die stufenweise steigen, können den geruhigsten Menschen endlich aufbringen, und wenn er edel denkt, wie Säugling wirklich dachte, so wird er die Beleidigung seiner Geliebten höher empfinden, als seine eigene.

Säugling antwortete also dem Obersten lauter und entschlossener als jemals; der Oberste fuhr im hohnneckenden Tone immer weiter fort, bis ihm Säugling sehr trocken sagte:

»Ich kann Ihnen, in Gegenwart des Fräuleins, hierauf weiter nicht gehörig antworten, aber wir wollen uns deshalb besonders sprechen.«

Der Oberste lachte ihm in die Zähne, und rief spöttisch: »Mein gutes Herrchen, trotz des kleinen Federhuts, den es Ihnen zu tragen beliebt, sind Sie nicht von solchem Stande, daß ich Ihnen Satisfaktion geben werde.«

»So! rief Säugling, Sie halten mich für wehrlos, und erlauben sich doch, mich anzugreifen? Ist dieß wie ein Mann von Ehre gedacht? Aber ich bin nicht wehrlos. Wenn Sie mir nicht Genugthuung geben wollen, werde ich sie mir nehmen, oder Sie müßten jede kahle Sticheley doppelt von mir zurück bekommen, und es ruhig ertragen wollen.«

Der Oberste ward lauter, Säugling auch. Das Fräulein saß ruhig, und wiegte sich mit dem Gedanken, auszusprengen, daß um ihretwillen ein Zweykampf geschehen wäre. Die Gräfinn kam, nachdem sie die Kranke bis in das für sie bereitete Zimmer begleitet hatte, zurück, forschte nach der Ursach des Streits, gab dem Obersten Unrecht, und vereinigte beide um so viel leichter, weil der Oberste eben kein Liebhaber vom Halsbrechen war, und sich wirklich eingebildet hatte, der sanfte Säugling sey ein bloßes Jungferngesicht, und werde alles, was es auch sey, ohne Antwort einstecken.

Unterdessen gieng Mariane im Garten herum, um sich zu fassen, weil sie die Gräfinn mit Erzählung des ihr unangenehmen Vorfalles nicht kränken wollte, zumal da sie glaubte, daß die Ehrenkolbische Familie nächstens abreisen würde. Rambold begegnete ihr, der, voll von seinem Projekte, im Garten herumirrte. Sie gab ihm den Arm, weil sie durch seine Unterhaltung ihre Gedanken am geschwindesten zu zerstreuen hoffte. Rambold schwatzte, wie schon gedacht, viel von gelehrten Sachen, war voll von Anekdoten und Journalhistörchen, und die gute Mariane, die einen Ansatz hatte, eine Gelehrte vorzustellen, mochte gern von Rambolden diese gelehrten Diskurse hören, um so viel mehr, da aus der Gesellschaft der Gräfinn alles, was das Ansehen von Belesenheit hatte, verbannet war.

Rambold hub also an, die lange Geschichte von der Regierung Königs Joh. Christoph, des Dummen, und Königs Joh. Jakob, des Klugen, und von ihren Streiten um die Monarchie, und von ihren Schlachten, und wie sie gewonnen, indem sie verloren, und verloren, indem sie gewonnen. Und wie unter vielem Getümmel und fruchtlosem Streben nach der Alleinherrschaft, der Geist der Freyheit erwacht sey unter dem Volke, und entstanden seyn Demagogen, die Litteraturbriefsteller, die laut gerufen, das ganze Volk habe gleiches Recht seine Meinung zu sagen über alle Vorfälle; und wie keine Oberherrschaft sey gewesen, und wie jedermann habe gedacht und gethan, was ihm recht deuchte; und wie man die Demagogen im Verdacht gehabt habe, daß sie wollten Könige werden, und Ephoren der Könige; und wie diese schwachen Köpfe nicht daran gedacht, sondern ihre Hanthierung getrieben hätten, und wären gar nicht mehr gekommen ins Forum; und wie da gar keine Zucht und Ordnung sey gewesen unter der Menge. Und wie sich da hätten weise und erlauchte Männer zusammengethan, und hätten festgesetzt, dem Volke sey es nützlich, wenn es beherrscht würde. Hätten ausgemacht, daß stattliche und ernsthafte Männer sollten am Regimente seyn, sollten umthun lange Feyerkleider, und aufsetzen grüne Eichenkränze, sollten sitzen auf breiten Stühlen, und sollte ihnen jedermann tiefe Reverenze machen, und desgleichen mehr. Hätten auch Rathsfahrten angesetzt und Gerichtstage, Gesetze gemacht und Strafen festgesetzt; und wäre nunmehr alles richtig; nur, wer regieren solle, wisse man noch nicht, darüber wären die Herren sehr uneins; und so lange diese Uneinigkeit daure, habe mancher noch Hoffnung, in den Rath zu kommen; und würden darüber heimliche Unterhandlungen gepflogen, woran er, Rambold, vielen Antheil habe, und, wegen seiner weitläuftigen Verbindung mit vielen Zunftmeistern und Ausrufern, noch gewiß glaube, ein ansehnliches Ehrenamt davon zu tragen.

Alle die Nachrichten hörte Mariane an, bloß weil sie ihr ganz neu waren, ob sie gleich sonst an diesen gelehrten Reichsangelegenheiten, bey aller ihrer Liebe zur Lektur, keinen Theil zu nehmen wußte; so wie etwan wunderbare Geschichten von neu entdeckten Völkern im Südmeere, der Sonderbarkeit wegen, Aufmerksamkeit erregen, auch bey denen, die sonst nicht Lust haben diese fremden Völker zu besuchen, die sich weder von den Otahitischen Jungfern, voll Süßigkeit, wollen liebkosen, noch von den Neuseeländischen Herren, voll Stärke, wollen fressen lassen.

Unter diesem langen Gespräche hatte sie Rambold unvermerkt in das an den Garten stoßende Wäldchen geführt, sie waren in demselben schon eine ziemliche Strecke weiter gegangen, als plötzlich einige starke Kerle hinter einem Baume hervorsprangen, und Marianen ergriffen. Rambold war unbewaffnet. Er suchte zwar von einem Baume einen Knüttel abzureißen, er hielt sich aber so lange dabey auf, daß Mariane gemächlich zu einem nahestehenden sechsspännigen Wagen geschleppt werden konnte, der sogleich eiligst fortfuhr. Rambold lief zwar hinterher, und Mariane, die ihn erblickte, suchte aus dem Wagen zu springen, aber sie ward festgehalten, und der Wagen kam ihm bald aus dem Gesichte. Er verweilte noch einige Zeit im Walde, um dem Wagen Zeit zu lassen, sich zu entfernen; hernach eilte er zurück, und verkündigte, außer Athem, und mit erschrocknem Gesichte, Marianens Entführung. Die ganze Gesellschaft erstaunte. Säugling, dessen Nerven durch den Zank mit dem Obersten schon ziemlich erschüttert waren, bekam eine Anwandlung von einer Ohnmacht, erholte sich aber augenblicklich, und eilte in den Stall, um ein Pferd satteln zu lassen, so sehr ihm auch Rambold dieß widerrathen wollte, der endlich, als Säugling auf seinem Sinne blieb, selbst mit ihm Marianen nachritt. Der Oberste wollte ein gleiches thun, aber das Fräulein verlangte seinen Arm und seine Gesellschaft, führte ihn in den großen Saal, und zwang ihn, Piket zu spielen.

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