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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Abschnitt.

Die Sachen standen auf diese Art in dem Schlosse der Frau von Ehrenkolb, als sie sich vornahm, ihre Freundinn, die Gräfinn von *** zu besuchen, welche einige Meilen von ihr wohnte. Ihre Tochter hatte schon einigemal diese Reise hintertrieben, weil ihre Gesinnungen mit den Gesinnungen der Gräfinn gar nicht übereinstimmten, und sie sich von dem Aufenthalte bey ihr nicht das geringste Vergnügen versprach. Izt bestand aber die Mutter darauf, und die Tochter durfte nicht ferner widersprechen.

Die ganze Gesellschaft reisete also fort, und Säugling wiegte sich mit dem Gedanken, vor der Gräfinn, deren guten Geschmack er schon kannte, mit seinen Gedichten zu glänzen, unwissend, daß seiner ganz andere Vorfälle warteten.

Die Gräfinn empfieng sie bey ihrer Ankunft in einem offnen Gartensaale. Der Oberste führte die Frau von Ehrenkolb, Säugling das Fräulein. Kaum hatte die Gräfinn ihre Freundinn umarmen können, als das Fräulein, von Säuglings Hand, auf sie zurauschte, und sich mit einem: »Ah ma chere Comtesse, que je suis ravie de vous embrasser, c'est un million d'années, qu'on ne vous a pas vû« in ihre Arme warf. Indem dieses geschah, erblickte Mariane Säuglingen, und ward feuerroth; Säugling warf zu gleicher Zeit die Augen auf Marianen, und stand mit einemmale, wie eine Salzsäule, so daß er auch weder die Gräfinn noch Marianen grüßte. Die Gräfinn redete ihn an, er ward blaß und roth, wollte seine Verwirrung verbergen, und sahe noch dähmischer aus. Die Gräfinn stellte ihm Marianen, als eine vorige Bekanntschaft vor, er fieng an zu stammeln, und nannte sie Madame. Die Gräfinn lachte, und fragte, ob er seine ehemalige Freundinn nicht kenne. Säugling stotterte abermals, – und besann sich zu spät, zu sagen, daß er sich im Gesichte geirret hätte, wußte aber noch nicht, welche Miene er annehmen sollte.

Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung ein wenig erholt hatte, sah er wohl ein, daß er von seiner Tante sey hintergangen worden, und konnte auch die Absicht ihrer List leicht errathen. Nun entbrannte seine Liebe zu Marianen wieder viel stärker als zuvor. Er hieng wieder an ihren Augen, seine Gedichte waren wieder an sie gerichtet, er schrieb ihr öfters Briefe, indem er sehr selten so glücklich war, sich mit ihr unter vier Augen zu unterreden.

Mariane hingegen war gegen ihn ungemein zurückhaltend. Sie hatte der Gräfinn, mit der sie sonst auf einen sehr vertraulichen Fuß lebte, nichts von ihrer Neigung zu Säuglingen, noch weniger von den Verdrießlichkeiten, die sie deshalb erfahren hatte, entdeckt; sie wollte sich also nunmehr auch keinem Verdachte aussetzen. Dieß war die Ursach, die sie sich selbst angab; sie hatte aber noch eine andere und geheimere. Sie bemerkte nehmlich, daß Säugling nicht wenig verändert war, und daß er dadurch nicht wenig gewonnen hatte. Er war sonst ängstlich bescheiden, weil er glaubte, daß dem Frauenzimmer das Sanfte gefiele; er hatte einer rauschenden Hofschönheit gefallen wollen, und war lebhafter und ungezwungner geworden. Mariane war scharfsichtig genug, diese Veränderung der rechten Ursach zuzuschreiben, zumal da sie gewisse Achtsamkeiten bemerkte, die Säugling fortfahren mußte gegen das Fräulein zu bezeugen, und da sie, sonderlich im Anfange, des Fräuleins Augen oft auf Säuglings Augen gerichtet fand. Dieß, nebst der gedruckten Zueignungsschrift, die ihr nicht verborgen bleiben konnte, schien sie von einer nähern Verbindung zwischen Säuglingen und dem Fräulein zu überzeugen, und erregte bey ihr eine kleine Eifersucht, welche zu verbergen, das Frauenzimmer gemeiniglich eine kalte Zurückhaltung am dienlichsten hält, und sie dadurch gemeiniglich am ersten verräth.

Auf der andern Seite, war Mariane auch dem Obersten in die Augen gefallen. Da er in seinem Herzen gar wohl für mehr als Eine Liebe Raum hatte, und er es, nach der hohen Meinung, die er von seiner eigenen Person hatte, nicht für möglich hielt, daß ihm ein Frauenzimmer sollte widerstehen können, so glaubte er, daß Mariane gar wohl ein flüchtiger Gegenstand seiner Neigung werden könne, und daß er bey ihr sehr bald seinen Zweck erreichen würde. Er griff sie in der zuversichtlichen Stellung eines Hofmanns an, wie ein kühner Eroberer eine Festung stürmt, ohne sie aufzufodern oder Laufgräben zu eröffnen. Gleichwie aber ein Belagerer, wenn ihm ein zu früher Sturm abgeschlagen worden, oft nicht weiß, welche Miene er gegen den Belagerten annehmen soll; so war auch der Oberste, durch die kalte und verächtliche Art, mit der Mariane seine Liebeserbietungen ausschlug, um Deutsch zu reden, ziemlich aus der Fassung gebracht, und deshalb, um Undeutsch zu reden, nicht wenig intriguirt.

Das Fräulein übersah mit Einem Blicke, daß ihr Mariane ihre beiden Liebhaber raubte, und setzte alle Kräfte der Schönheit und der Koketterie in Bewegung, um über sie den Sieg davon zu tragen.

Indeß daß alle diese Personen ihre kleinen Entwürfe machten, dachte Rambold, Säuglings Hofmeister, einen Meisterstreich auszuführen. Rambold war ein schwarzhäriger, rothbäckiger, wohlbewadeter Magister, der auf Universitäten zwar sehr locker gelebt, aber doch auch, mit Hülfe eines offnen Kopfes, so viel von den Wissenschaften erschnappt hatte, daß er ziemlich fertig davon plaudern konnte. Er hielt sich selbst für sehr gelehrt, weil er, mit der Selbstgenügsamkeit eines Gecken, der von allem hat reden hören, und über nichts nachgedacht hat, über alles entscheiden konnte. Sein Eigendünkel trieb ihn, jedermann zu hohnnecken, auch der klüger war, als er, und zu widersprechen, ehe er noch wußte, was er sagen wollte. War jemand einer Meinung, so war dieß für ihn genug, das Gegentheil zu behaupten, und er glaubte, er zeige seinen Witz, wenn er den andern niederschreien, und seinen Scharfsinn, wenn er seinen Satz, so ungereimt er auch war, durchsetzen konnte. Ob er wahr oder falsch sey, war ihm einerley; denn es war in seiner Philosophie ein ausgemachter Satz, daß Wahrheit, sowohl als Schönheit und Tugend, nur relative Begriffe wären. Ein Satz, den er nicht nur glaubte, sondern auch im gemeinen Leben fleißig anwendete; daher er in Anwendung der Mittel, seine Zwecke zu erlangen, eben nicht delikat war.

Dieser feine Mann hatte auf Marianen ein Auge geworfen, und gieng damit um, sie zu heurathen, wovon er ihr doch nicht ein Wort sagte, weil er, durch einen Umweg, seinen Zweck besser zu erreichen meinte. Er war von den Absichten, welche die Frau von Hohenauf mit ihrem Neffen hatte, sehr wohl unterrichtet. Sie hatte ihm sogar eine einträgliche Pfarre, die auf ihren Gütern nächstens offen werden mußte, versprochen, wenn er etwas dazu beitragen würde, daß Säugling das Fräulein von Ehrenkolb heurathete. Daher glaubte er zwey Schläge mit Einem Streiche zu thun, wenn er der Frau von Hohenauf von Säuglings und Marianens Zusammenkunft Nachricht gäbe, und die Folgen derselben zu verhindern suchte.

Er schrieb ihr also, daß sie Marianen, die sie, aus weisen Absichten, von ihrem Schlosse entfernt hätte, auch hier wegschaffen müßte, weil ihr Neffe, so lange er ihren Auffenthalt wüßte, auch nach seiner Abreise, nicht von ihr ablassen würde. Sein unmaßgeblicher Vorschlag war, sie solle insgeheim einen Wagen mit drey starken Kerlen senden, und er nahm es auf sich, Marianen, ohne großes Aufsehen, in derselben Hände zu liefern. Zuletzt gab er zu verstehen, daß wenn nur erst die bewußte Pfarre vakant wäre, sich auch ein anständiger Ehemann für Marianen finden würde, wodurch Säuglings unbedachtsamer Liebe und ihrer Furcht auf einmal würde ein Ende gemacht werden.

Er schmeichelte sich, es so einzurichten, daß Mariane es nicht merken könne, daß er an der Entführung Theil habe, und nahm sich vor, sobald er nur seinen jungen Herrn nach Hause gebracht hätte, zurückzukehren, und aus den Händen der Frau von Hohenauf eine reiche Pfarre und eine schöne Frau zu erhalten; denn daß sich Mariane weigern könnte seine Hand anzunehmen, schien ihm gar nicht wahrscheinlich.

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