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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Zweyter Abschnitt.

Die Frau von Ehrenkolb, nebst ihrer Fräulein Tochter, begaben sich, auf geschehene Einladung, nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Die Fräulein hatte in der Blüthe ihrer Jahre, (denn sie war noch nicht völlig achtzehn Jahre alt) eine sehr glückliche Erziehung genossen, unter der Aufsicht einer Französinn, die in Frankreich eine Trödelkrämerinn gewesen, in Deutschland aber, mit dem Reste ihrer Bude ausgeschmückt, sich zur Comtesse erhob, und, nachdem sie verschiedene Deutsche Höfe besucht, und auf maskirten Bällen und auf Lustschlössern, mit Herzogen und Reichsfürsten, gegessen und gespielt hatte, sich endlich, des Hoflebens satt, aus angeborner Gutherzigkeit, bereden ließ, ein Deutsches Landfräulein zur Dame umzuschauen, und es auf den guten Ton zu stimmen, den sie selbst in Paris, obgleich freilich nur aus der dritten oder vierten Hand, gelernt hatte. Das Fräulein machte einem so trefflichen Unterrichte wirklich Ehre, indem sie alles, was ihr die Französinn anpries, noch zu übertreiben suchte. Sie konnte, mit geläufiger Zunge, jedermann Rede angewinnen, alles verachten, sich zu allem drängen, sich nichts übel nehmen, dreyerley auf einmal sprechen und thun, um in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; widersprechen, um eigensinniger Laune Lauf zu laßen, die oft für lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlichkeit schmollen zu können; in Einem Nachmittage an sechs Orten, und allenthalben abwesend seyn; in der ganzen Gesellschaft am lautsten reden, und am wenigsten sagen; sich putzen, schminken, spielen, tanzen, liebäugeln, Liebeshändel anspannen und Sentimens plaudern, alles zugleich und ohne daran zu denken. Kurz sie besaß den bon ton vollkommen, und hatte sich, um ihn an Mann zu bringen, den vergangenen Winter, an einem benachbarten fürstlichen Hofe, zum erstenmal als eine ausgemachte Petitemaitresse gezeigt. Sie war mit ihrem Anfange selbst nicht übel zu frieden; denn sie hatte mehr Aufsehen gemacht, als irgend ein anderes Fräulein, einige ihrer Moden waren nachgeahmt worden, die Schönheiten des vorigen Winters, kamen gegen sie nicht mehr in Betrachtung, die Anbeter drängten sich um sie, Geschenke, Nachtmusiken, Bälle, von denen sie die Königinn war, folgten sich unaufhörlich, und sie besaß wirklich ein sehr großes Paket Liebesbriefe, von den bestfrisirten Köpfen des Hofes.

Die Frau von Ehrenkolb gehörte zu den guten Müttern, die sich selbst in ihren Töchtern genießen. Daß ihre Tochter Aufsehen machte, und gerühmt wurde, gefiel dem guten mütterlichen Herzen, und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche Frivolität setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlänglich, die schwache Mutter nachgebend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war genug, ihr einzubilden, daß ihre Tochter gesetzt und weise wäre.

So ungelegen es dem Fräulein gewesen war, daß sie der verdrießliche Frühling aus der fürstlichen Residenz auf das Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung der Frau von Hohenauf. Sie hatte bey derselben schon oft große glänzende Gesellschaften gesehen, und hoffte also daselbst ebenfalls wieder viel schöne Welt, und unter derselben viele Anbeter zu finden. Sie probirte schon in Gedanken die Rollen, die sie spielen wollte, und träumte schon viel von zahlreichen Partien, vom Neide anderer Damen, und von einer muntern Jugend, die sie mit Einem Blicke an ihrem Siegeswagen hinter sich zog. Wie sehr erschrocken war sie daher, als sie niemand antraf; denn den schüchternen Säugling, der eine so rauschende Petitemaitresse, als ein niegesehenes Wunderthier anstaunte, und Einen Reverenz über den andern machte, rechnete sie wirklich für nichts. Sie sahe sich also einige Tage lang in der traurigen Nothwendigkeit, drey Stunden nach Sonnenaufgang aufzustehn, sich zu putzen, ohne gesehen zu werden, den lieben langen Tag in frischer Luft und in grünen Auen herumzugehn, und des Abends sich zu einer einsamen Whistpartie zu setzen, bey der sie keine andere Beschäfftigung hatte, als aufs Spiel Acht zu geben.

Da indessen die Frau von Hohenauf ihren Neffen, so viel möglich, in dem bestem Lichte darzustellen suchte, und er Selbst, dem es zur andern Natur geworden war, gegen jedes Frauenzimmer galant zu seyn, es an Achtsamkeiten gegen das Fräulein nicht ermangeln ließ, so faßte sie ihn endlich in die Augen, und wollte, da sie an seiner Kleidung einen ziemlichen Geschmack bemerkte, aus langer Weile versuchen, ob aus ihm etwas zu machen wäre. Dieß gelang ihr, über Vermuthen; denn kaum hatte sie den ersten Bogen von Säuglings gedruckten Gedichten, die er ihr vorlas, gelobt, so zeigte er sich als ein ganz anderer Mensch. Seine weibische Schüchternheit, die der ungestüme Rambold durch Schrauberey wegzuspotten vergebens versucht hatte, verschwand, sobald er einer petillirenden Petitemaitresse gefiel, und wieder gefallen wollte. Er fieng an, zu schwatzen, zu wiedersprechen, sich dreymal in einer Minute herumzudrehen, zu antworten, ehe die Frage vorbey war, und zu fragen, ohne Antwort zu verlangen, jedermann dreist in die Augen zu sehen, und sich des pour cela, eh mais, tant pis, und tant mieux, so geschickt zu bedienen, daß man schier hätte glauben mögen, er hätte monde. Dabey war, weil er seine liebe Poesie nie vergaß, das Fräulein der Gegenstand aller seiner Gedichte, ja, weil er überhaupt (wie mehrere junge Poeten, und alte Poeten, die lange jung bleiben) nur allzugeneigt war, seine poetischen Phantasien ins wirkliche Leben überzutragen, so deuchte ihm oft, daß er etwas für das Fräulein empfände, welches er, ohne Bedenken, würde Liebe genennet haben, wenn ihm nicht sein gutes Herzchen augenblicklich geklopft, und erinnert hätte, daß seine Mariane, obgleich ungetreu, doch von ihm noch nicht vergessen werden müsse. Das Fräulein, ihrer seits, betrachtete ihn als ihre Kreatur, und triumphirte, einen Anbeter, und zwar einen Anbeter von einer so neuen Gattung, als ihr ein Poet war, erworben zu haben. Denn sie hatte noch nie Deutsche Verse gesehen, noch weniger Verse, deren Gegenstand sie selbst war. Diese neue Seltsamkeit war hauptsächlich die Ursach, warum sie Säuglings Verse so allerliebst fand, obgleich der Verfasser wirklich glaubte, die Vortreflichkeit seiner Verse sey die Ursach davon. Ein sehr gewöhnlicher Irrthum. Denn wenn z. B. unsere Deutschen Hofleute, neben ihrer gewöhnlichen standesmäßigen Französischen Lektur, zuweilen auch ein Deutsches Buch durchblättern, und davon reden, geschieht es oft bloß deshalb, weil sie dadurch am Hofe einen gewissen Anstrich von Sonderbarkeit zu erhalten meinen, der sie unter den übrigen flachen Hofgesichtern ein wenig hervorziehen könnte; indessen halten dieß unsere gutherzigen Deutschen Genien doch oft für einen wirklichen Beyfall, und träumen wohl gar, die Zeit sey nahe, da sich der reichste und wollüstigste Theil der Nation, des witzigsten und verständigsten nicht mehr schämen wird.

Säugling, dem ein Zweifel dieser Art nicht einfallen konnte, schwamm in dem Vergnügen, daß seine Geisteswerke, von einem so schönen Fräulein bewundert würden. In dieser Entzückung kam er auf den Gedanken, ihr seine Sammlung von Gedichten, deren Abdruck eben geendigt werden sollte, zuzueignen. Dieß setzte ihn ganz in die Gunst des Fräuleins. Ihren Namen gedruckt zu erblicken, sich vor dem ganzen H. Römischen Reiche für schön und witzig erklärt zu sehen, (denn Säugling hatte in seiner Zueignungsschrift die poetischen Floskeln nicht gespart) war ihr so schmeichelhaft, daß ihr Säugling ein homme adorable war, und daß sie bey sich Kraft fühlte, ihn wirklich vierzehn Tage nacheinander zu lieben.

Nun waren beide unzertrennlich. Obgleich diese beständigen Zusammenkünfte von beiden Seiten eigentlich nur Eigenliebe und Galanterie zum Grunde hatten, so hielt sich doch die Frau von Hohenauf, die beide von Anfang an mit aufmerksamen Augen betrachtet hatte, und die sich nicht wenig Geschicklichkeit, die Geheimnisse anderer zu errathen, zutraute, festversichert, daß Liebe im Spiele wäre, und freute sich insgeheim, daß ihr Anschlag anfienge, fast ohne ihre Bemühung, so gut von statten zu gehen.

Als die Frau von Ehrenkolb, nebst ihrem Fräulein, nach einiger Zeit auf die Rückreise nach ihrem Gute dachte, that die Frau von Hohenauf den Vorschlag, daß ihr Neffe nebst seinem Hofmeister in ihrer Gesellschaft reisen sollte, weil der Aufenthalt der Frau von Ehrenkolb wirklich auf dem Wege nach Westphalen lag, den sie zu reisen hatten. Daß dem Fräulein dieser Vorschlag angenehm gewesen sey, ist leicht zu erachten, und die Mutter war gleichfalls damit zufrieden, weil Säugling auch ihre Gunst erlangt hatte, indem er sich zuweilen zu ihr setzte, mit ihr zu schwatzen, und ihre Arbeit lobte, wenn sie im Tambour stickte.

Uebrigens fand die Frau von Hohenauf noch nicht für gut, der Frau von Ehrenkolb ihre Absichten zu entdecken. Ihrem Neffen aber ließ sie, kurz vor der Abreise, ihren Willen vernehmen, der dazu nicht Nein sagen durfte, aber auch nicht Ja sagte. Denn ein schönes Fräulein, und das seine Gedichte liebte, war zwar eine sehr verführerische Anlockung, aber das Andenken an seine Mariane, verstattete es ihm noch nicht, in völligem Ernste an eine andere Verbindung zu denken.

Sie reiseten nunmehr sämmtlich nach dem Landsitze der Frau von Ehrenkolb. Hier gieng Säuglings Umgang mit dem Fräulein wie vorher fort, bis nach einigen Tagen die Ankunft eines jungen Obersten, den das Fräulein an dem Hofe, wo sie sich den Winter über aufgehalten hatte, schon hatte kennen lernen, den Sachen ein etwas anderes Ansehen gab. Er war drey und zwanzig Jahr alt, wohlgebildet, plapperte im Tone der großen Welt, trug eine glänzende Uniform und eine reiche Schulterschleife, fuhr mit sechsen, hatte einen Läufer und vier Lakaien, alles Dinge, die ihm, bey einem jungen Fräulein nach der Welt, einen großen Vorzug vor dem armen Säugling zuwegebringen mußten, der ihm, außer einer kleinen netten geschniegelten Person, einem geringen Anfange von Weltmanieren, und vielen Gedichten, nichts entgegen zu setzen hatte. Säugling stellte also von dem Augenblicke an, da der Oberste erschien, nur die zweyte Person vor. Glücklicherweise ward er dieses nicht einmal gewahr; denn das Fräulein verstand nicht allein die Kunst sehr wohl, sich mit mehr als Einem Anbeter zu unterhalten, sondern der Oberste, ein feiner Weltmann, der alle Dinge so zu nehmen wußte, wie sie waren, wollte auch nicht umsonst mit einem ihm so neuen Geschöpfe, als ein Deutscher Poet war, vierzehn Tage lang in Gesellschaft gewesen seyn. Er hatte sich, schon seit einiger Zeit, in der am Hofe so nützlichen Kunst geübt, sich anzustellen, als ob er jedes Ding verstehe oder daran Antheil nehme, was er zu verstehen oder woran er Antheil zu nehmen scheinen wollte. Diese von vielen Hofleuten für ein großes politisches Geheimniß geachtete Kunst besteht, im Grunde, bloß in einigen Geberden und kahlen Gemeinsprüchen, die, wie in manchen Ländern geringhaltige Münze, am Hofe für vollgültig angenommen werden. Die meisten Hofleute machen diese Grimasse so oft, daß sie sie für etwas wirkliches halten, und sich einbilden, sie verständen viel, und nähmen an vielen Dingen Antheil, merken aber nicht, daß sie oft von denen, die sie am meisten überredet zu haben glauben, durch und durch gesehen werden.

Diese Kunst nun suchte der Oberste zu üben, indem er sich stellte, als ob er von Gedichten entzückt würde, an denen ihm eigentlich nichts gelegen war, und wovon er weder etwas verstand noch empfand. Säugling, der nicht weit sahe, sondern glaubte, daß man es aufrichtig meinen müßte, wenn man seine Gedichte lobte, war sehr zufrieden. Der Oberste war es auch, weil er seine Geschicklichkeit genoß, einen andern zu überlisten. Das Fräulein auch, weil sie, anstatt Eines Anbeters, zwey hatte. Und endlich die Frau von Ehrenkolb auch, weil sie glaubte, daß zwischen ihrer Tochter und dem reichen Obersten eine Vermählung geschlossen werden könne. Denn daß Säugling, ein bürgerlicher Poet, auf ihre Tochter sollte Anspruch machen wollen, kam ihr gar nicht in den Sinn; und Säugling selbst hatte, mit gutem Herzen, das, was ihm die Frau von Hohenauf darüber gesagt hatte, gänzlich vergessen; denn sein ganzer Geist war von dem Vergnügen seine Gedichte täglich vorzulesen und gelobt zu hören so eingenommen, daß er selbst nur in wenigen Minuten voll Phantasie an seine ungetreue Mariane denken konnte.

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