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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Elfter Abschnitt.

Kaum war er entschlafen, als der Prediger, welchen Sebaldus unter den Linden auf der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte bey seiner Zuhausekunft, die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte, so sehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein anderer Fresenius, durch die Bekehrung eines Freygeistes auf dem Todtenbette zu signalisiren dachte; denn weil er sich um alles, was in seinem Kirchensprengel vorgieng, bekümmerte, so war ihm unverborgen geblieben, daß der Major besondere Meinungen hege, und weder ihn noch einen von seinen Kollegen zum Beichtvater gehabt habe.

Als er sahe, daß er zu spät kam, rief er aus:

Pr. O Gott! wie groß sind deine Gerichte! Auch diesen Sünder, dem du so lange Zeit zur Besserung gegeben, und der die Gnadenzeit muthwillig hat verstreichen lassen, hast du ins Gericht der Verstockung dahin gegeben! daran mag sich jeder spiegeln, und Buße thun, weil es noch Heute heißet!

Seb. Mein Herr! schmähen Sie diesen todten Leichnam nicht! Der selige Major war ein rechtschaffener Mann. Sein Innerstes wird Gott richten, vor dessen Richterstuhle er stehet.

Pr. Wie können Sie einen verstockten Sünder selig nennen? Wissen Sie wohl, daß dieser unglückliche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Hölle, keinen Gott und keinen Teufel geglaubt, und in seinen Sünden dahin gelebt hat?

Seb. Ich weiß es, daß er viel Trugschlüsse gemacht hat. Ich habe schon oft gewünscht, und dieser Fall erneuert bey mir den Wunsch, daß der Gebrauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein würde, damit auch unstudirte Personen über transcendente Sätze, die sie nicht ganz entbehren können, richtige Begriffe hätten. Jeder Mensch – –

Pr. O! Sie mögen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben; was gehört eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heil ist in Gottes Wort vorgeschrieben, und in den Schriften bewährter Theologen, die es erklärt haben, die wollen Sie doch wohl nicht verwerfen? Wollen Sie?

Seb. Davon ist nicht die Rede. Meine Meinung ist nur: Wer sich bey der gewöhnlichen Auslegung und bey der gewöhnlichen Dogmatik beruhigen kann, der thue es; kann er aber nicht, und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich nicht, ohne das Licht einer gesunden Philosophie, in die Irrgänge der Dogmatik und Exegese, er wird sich sonst immer mehr in seine Zweifel verwickeln. Indessen kann ich nicht glauben, daß Gott jemand verdammen werde, weil er nicht richtig genug gedacht hat,Diese Meinung des Sebaldus, die vielen Gottesgelehrten als nach Ketzerey schmeckend vorkommen möchte, hegte auch ein sehr verständiger und gottseliger Mann. Er sagt: »So ist es im Heidenthume den Epikuräern, und im Judenthume den Sadducäern ergangen. Wobey mir ein öfters eingekommener Gedanke wieder einfällt: was doch die Ursache seyn müsse, daß unser Heiland, der bey allen Gelegenheiten die Pharisäer so hart anlässet, weit gelinder mit den Sadducäern umgeht, die doch, weil Sie die Auferstehung, und ein anderes Leben, wo das Gute belohnt, und das Böse bestraft wird, das Daseyn der Geister, mithin auch gute und böse Engel, leugneten, den Grund aller Religion umstießen? Ich erinnere mich nicht irgendwo etwas gründliches darüber gelesen zu haben. Sollte vielleicht daraus zu schließen seyn, daß in Gottes Augen, die Heucheley, der geistliche Hochmuth, und der versteckte Aberglauben, für grössere Fehler angesehen werden, als die bloßen Irrthümer des Verstandes, wenn sie auch noch so wichtige Gegenstände betreffen?« S. v. Bünau Betrachtungen über die Religion. Leipzig 1769. in 8. 1tes Buch. S. 90. und Menschen sollten es auch nicht thun.

Pr. O! der schönen Philosophie! O! der sündlichen Weichherzigkeit eines natürlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht für Gottes Wort hält, wer sich der Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmittel nicht gebraucht, und so in seinen Sünden dahin stirbt, der ist verdammt.

Seb. Wenn Sie nähere Nachrichten von dem Zustande in jenem Leben haben, so muß ich es geschehen lassen. Ich wenigstens kann mich nicht überzeugen, daß ein Mensch, der, so viel er gekonnt, seinen Pflichten nachgelebt, und Gutes gethan hat, der uneigennützig, gerecht und wohlthätig gewesen, und sich bey seinem Ende in des barmherzigen Gottes Arme geworfen hat, – daß dieser von Gott ausdrücklich müsse verdammt werden. Ists anders, so weiß ichs wenigstens nicht.

Pr. Ja! Ich aber weiß es besser! Ich, als ein berufener und verordneter Diener Gottes, sage Ihnen, daß Gottes Wort ausdrücklich lehret: Wer nicht an den dreyeinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine Erlösung für ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit.

Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammniß sehr leicht erhitzt ward, fuhr auf, und wollte im Zorne heftig antworten. Er faßte sich aber zum Glücke bald, und sagte bloß, indem er einen Schritt zur Thüre gieng:

»In der That, bloß der, welcher glaubt, er sey ein unmittelbarer Gesandter Gottes, darf sich unterstehen, das Schicksal eines Menschen so positiv zu bestimmen. Verantworten Sie dieß bey dem, der Sie gesandt hat zu verdammen.« Und so gieng er zur Thür hinaus.

Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wendete sich an Franzen. Er bewies ihm, daß der Major ewig verdammt seyn müsse. Franz weinte, schlug sich an die Brust, und rief aus:

»Ach! er war doch so sehr böse nicht, daß nicht für seine arme Seele Hülfe seyn sollte. Ich wollte gern selbst für ihn hundert Rosenkränze beten, wenn ich seine Seele aus dem Fegefeuer retten könnte. Doch was kann ich armer einfältiger Mensch! Nein! ich kenne einen frommen Prior in Böhmen, dessen Kloster der Major vom Anzünden und Plündern gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Werken des Klosters etwas zukommen lassen, den will ich bitten, daß er für ihn Seelmessen lese.«

Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, daß Franz katholisch war. In dem Eifer seiner Bekehrungssucht fieng er an, ihm den Gräuel des papistischen Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, daß er, wenn er sich nicht zur reinen seligmachenden Lehre wendete, eben wie sein Herr, ewig verdammt werden würde.

Franz, der solche Worte nie bey dem Major gehört hatte, sah den Prediger starr an, und segnete sich über solche Lästerungen; und da der Prediger fortfuhr, den Pabst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie, und lief zur Thür hinaus.

Der Prediger blieb also bey dem Leichnam allein, und da derselbe auf seine Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so gieng er auch hinaus. Als er über den Hausflur gieng, machte Franz zwey große Kreuze vor sich, und spie ihm nach.

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