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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Zehnter Abschnitt.

Der Major ward von seinen Freunden täglich besucht. Im Anfange schien die Wunde nicht gefährlich. Aber nach einigen Tagen verschlimmerten sich die Umstände sehr. Das Wundfieber ward heftiger, die Entzündung nahm zu, und die Kräfte nahmen ab. Der Wundarzt erklärte endlich, daß sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung da wäre. Die sämmtlichen Freunde des Majors waren darüber sehr niedergeschlagen, der gute Franz aber, der über dreißig Jahre in des Majors Dienste gewesen war, weinte unablässig, so daß ihn der Kranke selbst tröstete, der unter allen diese Nachricht mit der größten Gleichmüthigkeit aufnahm. Die geschwinde Abnahme seiner Kräfte ließ nur allzusehr befürchten, daß sie wahr seyn möchte.

Eines Tages war der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in einen Schlummer, in dem er einige Stunden verblieb, und als er erwachte, äußerlich ein wenig erquickt schien. Franz, der über dessen mißlichen Zustand sehr traurig war, ergriff die Gelegenheit, da der Major heiteres Gemüths, und sie beide allein waren, und that, nach vorgängiger Entschuldigung, eine Frage, die ihm schon lange auf dem Herzen gelegen hatte, nehmlich:

»Ob der Herr Major, nicht das Sakrament nehmen wollte.«

»Lieber Franz, du meinst es recht gut, sagte der Kranke, aber wozu? Ich habe das Abendmahl immer nur genommen, wenn entweder das Regiment kommunicirte, oder wenn ich besondere Ursach fand, mich zu sammeln, und ernsthaft über mich nachzudenken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager von drey Wochen giebt an sich selbst Gelegenheit genug zum ernsthaften Nachdenken.«

»Aber, lieber Herr Major! ein Mensch muß doch so schwer sterben, wenn er nicht gebeichtet hat.«

»Höre nur, mit der Beichte habe ich niemals etwas zu thun gehabt. Anstatt der Beichte sagte ich allemal laut und ernstlich: Schaff in mir Gott ein reines Herz, und gieb mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesichte, und sey mir gnädig. Damit war mein Feldprediger zufrieden, und ich denke, Gott wird auch damit zufrieden seyn, wenn ichs jetzt sage. Aber höre, Franz, ich will jetzt thun, was ich sonst bey der Beichte that, ich will dich wegen alles dessen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwider gethan haben; vergieb es mir.« Hier reichte er Franzen die Hand.

Franz küßte des Majors Hand, die er mit Thränen benetzte, und sagte schluchzend: »Ach, Herr Major! ich kann Ihnen nichts vergeben, Sie sind immer mein guter Herr gewesen, und haben an mir mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben Sie mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. Ich dachte doch, man könnte nicht ruhig sterben, wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordentlich vorbereitet würde. Als Sie daher schliefen, lief ich geschwind zu einem Prediger, der nicht weit von hier wohnt, aber er war nicht zu Hause.«

»Du hasts recht gut gemeint, Franz; da er aber nicht zu Hause war, ists nun auch eben so gut. Ich habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu thun, wenn ich sie nicht vorher genau kenne. Ich lag, du weißt es, auf dem Schlachtfelde bey Torgau, hart verwundet, an zwölf Stunden, ehe du mich unter den Todten und Blessirten herausfandest. Damals konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und ich war zum Tode eben so bereit, wie jetzo.«

Indem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen.

»Sie kommen, mein lieber Freund, sagte der Kranke, gerade zur rechten Zeit. Ich werde von diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiß es, und bin ganz völlig gefaßt zu sterben. Nun meint mein guter Franz, (er drückte demselben die Hand) es sey nöthig, daß ich von einem Geistlichen zum Tode bereitet würde. Dieß wünschte ich von niemand lieber, als von Ihnen, mein Freund. Thun Sie, als ob Sie mein Beichtvater wären. Fragen Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir.«

Sebaldus sagte sehr gerührt: »Der Zuspruch auf dem Todtenbette ist allezeit eine sehr schwere und zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst schwerlich noch eine Veränderung des Geistes vorgehen, wenn sie vorher im ganzen Leben nicht geschehen ist. Glaubenslehren zu beweisen, ist die Zeit zu kurz und der Geist nicht heiter genug; Pflichten einzuschärfen, ist zu spät. Die Schwachen aufzurichten, ist was ein menschenfreundlicher Prediger am leichtesten thun kann.«

Maj. Herr! ich bin nicht schwach! schonen Sie meiner gar nicht, sondern gehen Sie mit mir um, wie ein Pfarrherr am Todtenbette thun soll, recht wie es vorgeschrieben ist.

Seb. Ich würde mich warlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines Mannes, den ich so werth schätze, etwas beytragen könnte. Da Ihr Gemüth gelassen ist, so ist es vielleicht am nützlichsten, wenn ich Sie an verschiedene Wahrheiten, die den Menschen ehrwürdig und wichtig seyn müssen, erinnere. Ich kann nicht wissen, ob Sie dieselben in Ihrer gehörigen Verbindung gedacht haben; wäre dieses nicht, so könnte ich vielleicht ihre Wirkungen vermehren, wenn ich, durch eine kurze Ueberlegung, eine Lücke zwischen denselben ausfüllen könnte. Dieserhalb wünschte ich Ihre Gesinnungen über gewisse Lehrpunkte zu wissen.

Maj. Ganz recht; examiniren Sie mich nur, ich will auf alles antworten.

Seb. Sie glauben vermuthlich, daß ein Gott da ist, der Himmel und Erde geschaffen hat?

Maj. Ja, freylich! Wer sollte nicht an Gott glauben?

Seb. Sie glauben auch, daß Gott die Welt, und alle Dinge darum, mit einer weisen Vorsehung regiere?

Maj. Freylich! ohne Gott geschiehet nichts.

Seb. Und daß nach diesem Leben noch ein künftiges zu gewarten sey?

Mai. Nein, mit dem Tode ist alles aus.

Seb. Ich habe zuweilen aus Ihren Reden geschlossen, daß Sie eine solche Meinung hegten, ohne daß es sich gefügt hätte, sie näher erläutern zu können. Wäre diese Meinung wahr, so wären wir, wie Sie selbst nicht läugnen werden, in vielen Begegnissen des Lebens völlig trostlos. Gott hat aber, wie ich glaube, so wie er kein Uebel, ohne zu gutem Zwecke zuläßt, auch, als ein gütiger Vater, für jedes Uebel den Trost in die Natur gelegt. Dieß hat mir schon vor langen Jahren über diese Meinung näher nachzudenken Gelegenheit gegeben; ich weiß daher, daß, in der Vernunft und in der Schrift, viele Gründe zu finden sind, die sehr bald das Gegentheil wahrscheinlich, und, bey reiferm Nachdenken, gewiß machen.

Maj. Herr! ich habe immer gedacht, daß die Vernunft nicht einmal weiß, wenn ein Todter recht todt ist, wie sollte sie wissen, was nach dem Tode vorgehet. Wenigstens meine Vernunft reicht so weit nicht. Was die Schrift betrifft, so steht viel gutes darinn. Ich habe alles gelesen. Es läßt sich vieles hier in diesem Leben recht wohl nützen. Aber von einem künftigen Leben, so wie von so viel andern unbegreiflichen Dingen, glaube ich nichts, wenns auch in einem Buche steht.

Seb. Wenn Sie denn also die Bibel gelesen haben, glauben Sie denn, daß darinn der Willen Gottes enthalten ist, dem wir folgen sollen?

Maj. Gottes Willen ist, daß ein Mensch ein rechtschaffner Kerl seyn soll, und nicht Unrecht thun. Das weiß jeder, und es steht auch in der Schrift. Das übrige mag für euch Herren Geistlichen gut seyn. Ein Soldat kann nicht so vielerlei Dinge in seinen Kopf kriegen, worüber ihr euch disputirt.

Seb. Sie gestehen also, daß kein Mensch Unrecht thun sollte. Gleichwohl thun die meisten, ja man kann wohl sagen alle Menschen mannichfaltig Unrecht. Wie ists nun, wenn wir mit unsern Sünden Bestrafung verdient hätten?

Maj. So mögen wir sie leiden. Wer heißt uns sündigen?

Seb. Die Frage läßt sich vielleicht nicht so gerade zu entscheiden. Denn, wenn nun unsere Natur so unvollkommen ist, daß wir nicht ohne Sünde bleiben können, wenn wir nun zu schwach sind, den Willen Gottes vollkommen zu befolgen.

Maj. Ey! denn kann Gott auf uns nicht zürnen. Er hat uns selbst gemacht, und warhaftig recht mit großer Klugheit gemacht, daß nichts an uns ohne Ursach ist. Wie könnte er denn von uns etwas verlangen, das wir nicht leisten könnten? Sehen Sie hier meinen Hühnerhund, der ist ein Hühnerhund, und weiter nichts, er wird vor einem Huhn stehn; aber wenn ich verlangen wollte, daß er eine Sau stellen sollte, so kann ich nicht sagen, der Hund sündigt, wenn ers nicht kann.

Seb. Sie schließen viel zu rasch. Wir würden langsamer gehen müssen, wenn wir diese Frage gründlich untersuchen wollten, dazu fehlt uns itzt aber die Zeit. Lassen Sie uns auf das künftige Leben zurückkommen. Ueberlegen Sie wohl, daß wenn es wegfällt, auch alle Belohnungen und Bestrafungen wegfallen, welche Tugend und Laster, wie es offenbar ist, in diesem Leben nicht in angemessenem Maße erhalten. Und damit würden also auch alle Bewegungsgründe zur Tugend wegfallen.

Maj. Warum das? Ein ehrlicher Kerl muß Recht thun, weil es Recht ist, und nicht weil er dafür belohnt seyn will. Werde ich belohnt, so ists gut, wofern aber nicht, so muß ich doch rechtschaffen handeln. Ich habe im letztern Kriege oft mein Leben gewagt, ob ich gleich immer Major geblieben bin. Oder glaubt er, Herr! daß ich nur deswegen den Schurken da oben zur Rede gestellt habe, damit ich dadurch in jenem Leben könnte Oberstlieutenant werden?

Seb. Die Belohnungen sind aber doch Folgen guter Thaten. Auch in diesem Leben verlangt ein Soldat für seine Tapferkeit vom Könige Belohnung, und ist unzufrieden, wenn er sie nicht bekömmt.

Maj. Ey, ists nicht Belohnung genug, wenn ich weiß, daß ich Recht thue. Und dann, Herr! ists mit Gott eine ganz andere Sache, als mit dem Könige. Der Herr, ist ein Mensch wie ich, und kann nicht alles wissen, sonst wäre ich auch wohl weiter. Aber Gott weiß alles, und da hats gute Wege, der wird mir schon zukommen lassen, was mir gehört.

Seb. Setzen Sie nun aber einmal auf einen Augenblick voraus, daß ein künftiges Leben wäre, welches doch, wie Sie gestehen werden, an sich nicht unmöglich ist; setzen Sie voraus, daß alle unsere Handlungen, gute und böse, auch in jenem Leben Folgen haben müssen, und daß diese Folgen, wenn uns gleich die Art noch unbegreiflich ist, in vielen Fällen überschwenglich groß seyn können. Wird nun derjenige nicht viel vorsichtiger gehandelt haben, der seine Handlungen, nach einer strengen Richtschnur, so eingerichtet hat, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als derjenige, der, in der Meinung, es sey nach dem Tode alles aus, gethan hat, was ihm beliebt, und in dieser Sorglosigkeit vieles begangen hat, das er nicht rechtfertigen und dessen Folgen in jenem Leben er nicht ändern kann? Und überlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Bürger, und ein rechtschaffenerer, tugendhafterer Mensch seyn werde.

Der Major sah den Sebaldus mit starren Augen an, und schwieg still. Sebaldus auch. Endlich brach der Kranke aus:

»Herr! daran habe ich noch in meinen Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich itzt eben. Wenn auch ein künftiges Leben, und ein jüngster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann ein Herz fassen, und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Laß ihn kommen den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muß mich doch vor Gott anklagen, und der weiß, daß ich nie wissentlich etwas böses gethan habe. O! du mein allmächtiger Schöpfer! würde ich sagen, (er richtete sich ein wenig auf, und faltete seine Hände,) du weißt, daß ich nie den hilflosen Unglücklichen gedrückt, daß ich nie Wittwen und Waisen betrübt, daß ich nie wissentlich diese Hände zum Bösen gebraucht habe. Zwar – (hier schwieg er ein wenig still, und schlug seine Augen nieder) ich hätte noch mehr Gutes thun können – Aber (hier hob er seine Augen abermals empor) allgütiges Wesen, ich werfe mich in deine Hände. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz vollkommen seyn. Ich verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan zu stehen.«

Hier sank er, von der Anstrengung entkräftet, sanft zurück, die Luft fehlte ihm, er erholte sich, und sprach noch mit stammlender Stimme zum Sebaldus, indem er ihm die Hand drückte:

»Ach! mein Freund, wenn Gott ein Regiment von Seligen hat, so wäre es schon genug, wenn unser einer nur ein Gemeiner werden könnte.« – –

Er wollte noch etwas sagen; aber der Steckfluß nahm überhand, er fieng an zu röcheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen ihm zu helfen, verschied er einige Minuten darauf, und Sebaldus drückte ihm weinend die Augen zu.

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