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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Siebenter Abschnitt.

Unter solchen Gesprächen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange linker Hand abgeschlagen, und waren in die Lindenallee gerathen, wo sie sich ziemlich ermüdet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger mit einem Kandidaten in tiefem Gespräche saß.

»Es müssen doch noch einige andere Ursachen seyn, sagte der Kandidat, warum die Freydenkerey so sehr in Berlin überhand genommen hat. Ueppigkeit und Wollust gehen in andern großen Städten auch im Schwange, aber man siehet da nicht so viele öffentliche Freydenker.«

»Freylich, versetzte der Prediger, unsere schönen heterodoxen Herren, die die Religion so menschlich machen wollen, und die dabey die Würde unseres Standes ganz aus der Acht lassen, sind am meisten Schuld daran. Sie wollen den Freydenkern nachgeben, sie wollen sie gewinnen. Als ob es sich für uns schickte, mit Leuten solches Gelichters Wortwechsel zu führen. Man muß ihnen kurz und nachdrücklich den Text lesen, man muß ihnen das Maul stopfen, man muß sich bey ihnen in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schuldig sind.«

»Das ist wahr. Nur ists zu beklagen, daß diese Leute für alle ehrwürdigen Sachen, und besonders für den Predigerstand nicht die gehörige Ehrfurcht haben.«

»Daran sind wieder die neumodischen Theologen schuld, die sich selbst die Mittel benehmen, womit man die Layen im Zaum halten muß. Sie schwatzen immer viel vom Nutzen des Predigtamts, und vergessen das Wesen des Predigtamts hierüber. Sie geben sich selbst als die nützlichen Leute an, (Hier verbreitete sich ein mildes ironisches Lächeln, dicht unter seinem breiten Schiffhute), die der Staat verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. Eine rechte Würde! Weisheit und Tugend dünkt sich jetzt jeder Wochenblättler oder Romanschreiber zu lehren! Damit werden wir eine feine Ehrfurcht von Layen fordern können! Aber wenn wir, so wie es recht ist, darauf bestehen, daß unser Beruf ein göttlicher Beruf ist, daß die Ordination, die wir empfangen haben, nicht eine leere Ceremonie ist, sondern daß sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu Boten Gottes, zu Handhabern seiner Geheimnisse macht, daß sie uns das Amt der Schlüssel überträgt, so wird unser Orden bald wieder zu seiner vorigen Würde gelangen, und dann wird auch, natürlicher Weise, die Religion mehr geschätzt werden. Aber unsre feinen Lehrer der Rechtschaffenheit haben so eine große Begierde nützlich zu seyn, daß sie sich und ihren Orden und die Religion darüber vergessen.«

»Es ist wahr, sagte der Kandidat, indem er den Kopf schüttelte, es scheint mir auch fast, daß die Protestanten, in der Absicht eine päbstische Hierarchie zu vermeiden, den geistlichen Stand andern Ständen allzusehr gleich machen.«

»O! ein wenig Pabstthum wäre uns sehr nöthig, oder wir werden nie wieder Glaubenseinigkeit und Glaubensreinigkeit erlangen. Ich kann es dem Luther und Melanchthon nicht vergeben, daß sie die Hierarchie ganz aufgehoben, und auf die Vorzüge des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. Daraus ist denn endlich der ganze Verfall des Christenthums entstanden. Denn wer giebt darauf Achtung, was ein elender Prediger sagt? Hingegen, wenn ein Erzbischof spricht, so müssen die Freygeister wohl schweigen. Man sieht es auch noch, daß an den protestantischen Orten, wo den Geistlichen ein Schatten von Autorität übrig ist, daß da auch die Religion geachtet wird. Ich wollte es unsern Freydenkern rathen, daß sie einem Senior in Hamburg, oder einem Präpositus in Mecklenburg, oder einem Superintendenten in Sachsen, oder einer theologischen Fakultät in Greifswalde und in Göttingen in die Hände fielen, da würde ihnen ein kurzer Proceß gemacht werden. Aber mit uns armen Berlinischen Predigern können sie bald fertig werden; wir haben keine Würde mehr, wir verdienen keine Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, da wir vernünfteln und beweisen wollen, anstatt daß wir solchen Leuten imponiren, daß wir ihnen den Daumen aufs Auge drücken sollten.«

»Ach! rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, seitdem ich mich dem geistlichen Stande gewiedmet habe, habe ich es schon oft beklagt, daß dieses nicht mehr so recht angehen will. Nun muß man schon aus der Noth eine Tugend machen, muß die Zweifel der Gegner kennen lernen, muß sich auf Widerlegungen und Beweise gefaßt machen. –«

»Damit, fiel ihm der Prediger ins Wort, werden Sie nicht weit kommen. Die Layen müssen glauben, was ihnen an Gottes statt gesagt wird, und ihre Zweifel unterdrücken, darauf muß man dringen! Die Dogmatik ist eine Art von statutarischem Rechte, das man annehmen muß, wenn man es auch nicht allemal bis aufs Recht der Natur zurückführen kann. Und zuletzt wird bey dem Vernünfteln doch nichts herauskommen; denn, ich wiederhole es nochmals, dem Layen muß und soll man nicht erklären und beweisen, sondern er muß glauben. Es kömmt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern auf die Bibel, auf eine übernatürliche Offenbarung an. Hier muß man nur nicht schmeicheln, sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht zeigen, ihr aber keinesweges, wie unsre trefflichen Lehrer der Tugend thun, ein Recht in Glaubenssachen zugestehend

Herr F. hörte dieses Gespräch stillschweigend an, das Gesicht auf seinen Stock gestützt. Sebaldus aber war dabey sehr unruhig, und rückte sich auf der Bank hin und her, so daß er unvermerkt dem Prediger näher kam.

Dieser fuhr fort: »Und unsern neumodischen Theologen, die die Welt haben erleuchten wollen, die so viel untersucht, vernünftelt, philosophirt haben, wie wenig haben sie ausgerichtet! wie müssen sie sich krümmen und winden! Sie philosophiren Sätze aus der Dogmatik weg, und lassen doch die Folgen dieser Sätze stehen; sie brauchen Wörter in mancherley Verstande, sie verwickeln sich in ihre eignen Schlingen, sie sind aufs äußerste inkonsequent. –«

Sebaldus fiel Ihm schnell in die Rede: »Und wenn sie denn nun inkonsequent wären? Wer einzelne Vorurtheile bestreitet, aber viele andere damit verbundene nicht bestreiten kann oder darf, kann, seiner Ehrlichkeit und seiner Einsicht unbeschadet, inkonsequent seyn oder scheinen. Die Verbesserer der Religion mögen immerhin ein zerrißnes Buch seyn, daß weder Titel noch Register hat, und in welchem hin und wieder Blätter fehlen; aber auf den vorhandenen Blättern stehen nöthige, nützliche, vortreffliche Sachen, und ich will diese Blätter, ohne Zusammenhang, lieber haben, als Meenens Beweis der Ewigkeit der Höllenstrafen, und wenn dieß Buch noch so komplet wäre.«

Der Prediger schaute, mit stierem Blicke, und verlängertem Angesichte, dem Sebaldus gerade ins Gesicht, zog seinen Hut langsam ab, und sagte, indem er sich gegen ihn neigte, mit einem Torte voll Nachdruck und Würde:

»Sie sind also, wie ich merke, ein Gönner der neuern heterodoxen Theologen. Sie werden vermuthlich alles, was dahin gehört, wohl überlegt haben; denn Herren Ihrer Art handeln niemals unüberlegt. Sagen Sie mir also doch, was für ein Christenthum wir bekommen möchten, wenn diese Herren so fortfahren, wie sie angefangen haben.«

»Ey nun! versetzte Sebaldus, es könnte wohl ein sehr christliches Christenthum werden.« –

»Christlich? ja ein heidnisches Christenthum wird es werden. Hören Sie wohl? heidnisch ist der wahre Namen!«

»Mag es doch heißen, wie es will; das menschliche Geschlecht wird durch eine Benennung weder glücklich noch unglücklich.«

»So? wenn Sie denn also meinen, so mögen die Herren immer auf den Naturalismus fort arbeiten. Indifferentisten sind sie ohnedem schon. Auf die Art könnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Glücke aber, setzte er mit einer weisen Miene hinzu, sind sie seichte Köpfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen, und so wie in ihrer Philosophie, auch in ihrer Theologie, auf dem halben Wege stehen bleiben.«

»Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so ists, meines Erachtens, kein geringes Verdienst, bis auf den halben Weg zu kommen. Der Weg der Wahrheit ist so steil und ungebahnt, daß der eine früh, und der andere spät, ermüdet. Ein jeder gehe, so weit es ihm seine Kräfte erlauben. Auch derjenige, der nur einen einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der nur eine ganz kleine Strecke durch seinen Fleiß bahnet, ist mir ehrwürdig. Aber nicht derjenige, der aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, der aus Trägheit, um nicht einen Schritt weiter zu gehen, die Falschheit die vor den Füßen liegt, für Wahrheit ausgiebt.«

»Also, rief der Prediger mit einem spöttischen Lächeln aus, wollen Sie erst neue Wege zur Wahrheit bahnen? Sie kommen zu spät, mein lieber Herr! der Weg ist schon ganz gebahnt; er heißt die Bibel. Und dabey haben uns unsere Vorfahren einen ganz untrüglichen Wegweiser gesetzt, der heißt die symbolischen Bücher. Die haben Sie freylich, vermuthlicher Weise, nicht gelesen, denn die Herren Selbstdenker pflegen nicht sehr belesen zu seyn. Wenn Sie mich zuweilen besuchen wollen, so können Sie sich näher belehren. Ich will Ihnen unsere ältern Theologen zu lesen geben, denn die werden ihnen wohl gänzlich unbekannt seyn. Sie werden darum, zu Ihrer Verwunderung, alle Streitfragen längst erörtert, alle Zweifel längst bestimmt, und alle die neuen Meinungen, auf die sich die neuen Heterodoxen so viel zu Gute thun, längst widerlegt finden. Leben Sie wohl, mein lieber Herr! – Ich wohne in der ...Straße.«

Hiemit stand er auf, das süße Lächeln der Selbstzufriedenheit auf seinen Lippen. Die andern standen gleichfalls auf, und jeder gieng seinen Weg.

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