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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Fünfter Abschnitt.

Sebaldus, durch die Ruhe sehr erquickt, wachte erst gegen acht Uhr auf, und fand schon seinen Wohlthäter bey seinen Schülern, dessen Frau beym Seidewickeln und die Tochter bey einem Nährahmen beschäfftigt. Er fieng sogleich ungebeten an, seinem Wohlthäter in seiner Schularbeit zu helfen.

Nach dem Mittagsessen dankte er ihm, von ganzem Herzen, für seine gastfreye Aufnahme, und fügte die Bitte hinzu, daß er ihm Anleitung geben möchte, selbst sein Brodt zu verdienen.

»Was meinen Sie zu verstehen, antwortete der Schulmeister, das hier in Berlin brauchbar wäre, und das Sie ausüben oder lehren könnten?«

»Ich habe gedacht, sagte Sebaldus, daß, da in dieser großen Residenz, die wichtigsten Landes- und Regierungsgeschäffte, Kriegsanschläge, Handlungs- und Nahrungsgeschäffte, u. s. w. vorkommen müssen, und da keine von diesen Sachen ohne Philosophie geführet werden kann, so würde ich am besten mein Auskommen finden können, wenn ich Unterricht in der Philosophie gäbe. Wenn ich auch nicht an die Großen käme, so muß doch ein jeder Bürger vernünftig zu leben suchen, und dieß kann ich nach den neuesten und gründlichsten Grundsätzen des Hrn. D. Crusius lehren. Ich kann aus der Thelematologie, aufs unwiederleglichste, die Ethik, die natürliche Moraltheologie, das Recht der Natur und die allgemeine Klugheitslehre herleiten. Denen, die nicht so tief eindringen wollen, kann ich einen halbjährigen Kursus über Wüstemanns Einleitung in die Philosophie des Hrn. D. Crusius halten.«

»Wer ist der Crusius? und wer ist der Wüstemann

»Wie? Herr D. Crusius ist ein weltberühmter Mann, den alle Gelehrten aus Einem Munde preisen, der die Thelematologie erfunden hat, der sich dem Wolfischen Fatalismus entgegengesetzt hat, der muß in Berlin in allen Gesellschaften genennet werden, dessen Schriften müssen alle Gelehrten sich zum täglichen Studium machen.«

»Es kann seyn. Ich bin kein Gelehrter, aber ich bin in vielen Häusern in Berlin bekannt; ich war drey Jahre Schreiber bey einem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften, zwey Jahre Bedienter bey einem Minister, und anderthalb Jahre Küster bey einem sehr gelehrten Prediger, der mir alle seine Manuskripte vorlas, und doch habe ich den Namen Crusius in meinem Leben nicht nennen hören. Und wie hieß der andere?« –

»Magister Wüstemann. Dieser hat die freylich etwas weitläuftigen Schriften des Hrn. Doktors in einen kurzen Begriff gebracht. Ich dächte, er müßte auswärts eben so berühmt seyn, als Wichmann, Reinhard, Schmid, Pezold, die des Herrn Doktors lateinische Schriften, den Ungelehrten zum besten, ins Deutsche übersetzt haben. Zudem wird, wie ich höre, in Leipzig und in Wittenberg über seine Einleitung gelesen.«

»Ich habe schon mehrmals bemerkt, daß Leute, die auf Universitäten für sehr berühmt gehalten werden, in Berlin keinem Menschen bekannt sind. Ich glaube überhaupt nicht, daß Sie in Berlin durch Philosophie Ihr Glück machen werden. Da hilft Gunst und Protektion, tiefes Beugen und langes Warten oft mehr, als das beste System. Was haben Sie sonst studirt, womit haben Sie sich außer der Philosophie am meisten beschäfftigt?«

»Ich habe meine Nebenstunden hauptsächlich zu Verfertigung eines Kommentars über die Apokalypse angewendet. Ich habe ihn bey einem Freunde niedergelegt. Mir fällt eben ein, ich könnte ihn kommen lassen; denn unter uns gesagt, ich beweise darinn, daß der König von Preußen in kurzem ansehnliche Provinzen erhalten wird, nebst vielen andern wichtigen und nützlichen Dingen.«

»Mein lieber Freund, die Apokalypse ist in Berlin noch weniger in gutem Geruche, als die Philosophie. Wenn Sie hätten weißagen wollen, so hätten Sie müssen vor drey oder vier Jahren kommen, als wir noch Krieg hatten. Da galten noch die Weißagungen etwas. Und doch ist die Frage: ob nicht Pfannenstiel, der Leinweber, weit über Sie gewesen seyn würde, welcher nicht allein die Schlacht bey Zorndorf auf den Tag vorher sagte, da sie wirklich geschah, sondern auch, was noch mehr war, den Gesang, der den darauf folgenden Sonntag in der Kirche gesungen werden sollte. Nein! mit Weißagungen kommen wir nun in Berlin nicht mehr fort. Verstehen Sie nichts anders? Können Sie Französisch, können Sie rechnen, können Sie tanzen, können Sie den Hunden den Tollwurm schneiden? Dieß sind Künste, die ihren Mann ernähren.«

»Von alle dem verstehe ich nichts, sagte Sebaldus, mit kleinmüthiger Miene. Ich verstehe zwar noch etwas, aber das wird mich auch zu nichts führen, da man in Berlin sogar mit der Philosophie nicht fortkömmt. Ich kann ein wenig auf dem Klaviere spielen; aber was wird mir das nützen?«

»Halt, mein Freund, damit kommen wir weiter, als mit allem andern. Diese Geschicklichkeit wird Ihnen nicht reichliches, aber doch nothdürftiges Brodt geben. Sie werden auch Noten schreiben können. Mit diesen beiden Künsten habe ich mich selbst über zwey Jahre erhalten.«

Sebaldus ward also zu einem Musiker von der untern Klasse umgeschaffen. Er unterwies gemeiner Leute Kinder auf dem Klaviere, und für vornehmere schrieb er Noten. Er ward hiedurch, zu seinem großen Vergnügen, in gar kurzer Zeit in den Stand gesetzt, seinem Wohlthäter, der nun sein vertrauter Freund geworden war, nicht ferner beschwerlich zu fallen, ob er gleich fortfuhr bey ihm zu wohnen.

Es waren schon ein Paar Monathe, in Zufriedenheit, und ohne merkwürdige Vorfälle, verflossen, als eines Tages dem Sebaldus von einem gewissen Hrn. F. einige Musikalien zum Abschreiben zugeschickt wurden. Er ward auf diesen Namen sehr aufmerksam, er glaubte ihn irgendwo gehört zu haben, er erkundigte sich näher nach diesem Manne, und erfuhr, daß er bey einem Grafen Hofmeister gewesen, und von einer von demselben erhaltenen ansehnlichen Pension lebe. Nun besann er sich, daß an einen Mann dieses Namens des Majors in Leipzig Rekommendationsschreiben gerichtet gewesen wäre, an das er, seitdem es verloren war, nicht gedacht hatte. Er ward begierig diesen Mann näher kennen zu lernen, er überbrachte seine Abschriften selbst, gab sich zu erkennen, und ward von Hrn. F. mit der größten Freundschaft aufgenommen. Noch mehr, er erfuhr von ihm, daß der Major, durch Wunden zum Dienste untüchtig, von einem erhaltenen Gnadengehalte in Berlin lebe.

Er sah denselben noch an eben dem Tage in Gesellschaft des Hrn. F. Der Major empfieng den Sebaldus mit herzlichem Händedrücken. Er biß die Zähne zusammen, als er hörte, wie treulos Stauzius, nach dem Abmarsche des Obersten, gegen seinen Freund gehandelt habe; er erbot sich, auf die treuherzigste Weise, ihm durch Vorsprache noch eine Feldpredigerstelle zu verschaffen, und bis dahin sein Gehalt mit ihm zu theilen. Sebaldus, obgleich über diese großmüthigen Anträge gerührt, verbat sie doch. Das unabhängige Leben fieng ihm an zu gefallen, und da er gewohnt war so wenig zu bedürfen, so erwarb er mit seiner Arbeit mehr, als er zu seinem Unterhalte nöthig hatte.

Mit Mühe ließ er sich bereden, bey dem Hrn. F. eine bequemere Wohnung einzunehmen, und desselben Tischgenosse zu werden, weil ihn derselbe versicherte, daß er, seitdem er Wittwer sey, und seine Kinder verloren habe, in seiner Einsamkeit einen Gesellschafter zu haben wünsche.

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