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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Zweyter Band

Viertes Buch.

Erster Abschnitt.

Sebaldus wanderte auf der von ohngefehr gefundenen Landstraße fort, ohne zu wissen wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fortgegangen, als er von weitem einen Fußgänger erblickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte, und erblickte einen Mann, der in einen grauen Rock von feinem Tuche gekleidet war, eine ungepuderte Stutzperucke auf dem Kopfe hatte, einen kleinen Bündel an einem Stabe auf der Schulter trug, und mit heller Stimme, das Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme, sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumahl gewisser enthusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem Wanderer, und summete das Lied, in einer mit vielen Terzien und Sexten untermischten extemporirten Baßpartie nach.

Als es geendigt war, grüßten sich die beiden Wanderer, und Sebaldus fragte den Fremden: »Wohin der Weg führe, auf dem sie giengen?«

»Nach Wustermark, sagte der Fremde, wo ich Nachtlager zu halten, und den andern Morgen nach Berlin zu gehen gesonnen bin.«

Sebaldus freuete sich, daß er auf dem rechten Wege war, denn ob er gleich, nachdem er seine Recommendationsbriefe verlohren hatte, nicht wußte, was er in Berlin machen sollte, so wußte er doch eben so wenig, was er an irgend einem andern Orte in der Welt hätte machen sollen.

Er bat also den Fremden um Erlaubniß in seiner Gesellschaft zu gehen, und erzählte ihm den Unfall, den er auf dem Postwagen gehabt hätte.

Der Fremde kreuzte und segnete sich über diese Begebenheit, und lobte seine eigene Vorsicht, daß er, da die Wege, nach dem Frieden, unsicher wären, lieber zu Fuße gegangen sey.

»Nicht eben, setzte er hinzu, als ob ich viel Geld bey mir hätte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch meine Vorsichtigkeit gesegnet.«

Sebaldus versetzte: »Ich bin so vorsichtig nicht gewesen. Ich hatte noch keinen Begrif davon, daß ein Mensch seinen Nebenmenschen mit kaltem Blute anfallen und berauben könnte.«

»Ach mein lieber Bruder, die arme menschliche Natur ist ganz verderbt. Wenn wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem unerforschlichem tiefem Verderbnisse.

»Ey, mein Freund, von den Lastern einiger Bösewichter kann man nicht auf die Natur der Menschen überhaupt schließen. Wir sind von Natur nicht geneigt, wie die wilden Thiere, uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben, und uns zu unterstützen.«

»Ach wir armen Menschen! wie könnten wir uns unterstützen, wenn uns die Gnade nicht unterstützte, wie könnten wir etwas gutes wirken, wenn es die alleinwirkende Gnade nicht wirkte!«

»Freylich! wir haben alles durch die göttliche Gnade. Aber die Gnade wirkt nicht wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Kräfte zum Guten in uns selbst gelegt. Er hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben. Er will, daß wir thätig seyn sollen, so viel gutes zu thun, als uns möglich ist. Er hat Würde und Güte in die menschliche Natur gelegt.«

»O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder! rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer aus: Wenn wir Gott wohlgefällig werden wollen, so müssen wir nichts als lauter Elend und Unwürdigkeit an uns sehen:

    Wollt ihr zu Jesu Heerden,
So müßt ihr gottlos werden!Woltersdorfs sämtliche neue Lieder. Berlin 1768. S. 37.
Daß heist, ihr müßt die Sünden
Erkennen und empfinden

wie ein theurer Knecht Gottes singet. Wir müssen an der Gnade hangen, die Gnade alles wirken lassen, der Gnade alles Gute zuschreiben; denn wird die Gnade in uns erst recht groß, wenn wir recht klein, recht unwürdig werden.

Wenn wir uns mit den Siechen
Ins Lazareth verkriechen!«

Sebaldus zuckte die Achseln, und sagte: »Dieß sind gesalbte Schalle, die einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen, die aber keinen Sinn enthalten. Wir besitzen Kräfte zum Guten. Wer dieß läugnen wollte, würde Gottes Schöpfung schänden, der uns so viele Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluß einer übernatürlich wirkenden Gnade zu erwarten, können wir Tugenden und edle Thaten ausüben. Oder sind etwan Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Großmuth, Mitleiden, Dankbarkeit nicht Tugenden?«

»Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit solchem Bettlersmantel, will der unwiedergebohrne Mensch, den Aussatz seiner natürlich verderbten Natur bedecken. Mit diesen sogenannten Tugenden aber, kann man auf ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus welchem keine Erlösung ist. Dieß sind nicht die wahren gottgefälligen Tugenden. Wenn Tugenden nicht aus der Gnade entspringen; so sind sie geschminkte Laster zu nennen.«

»Wozu soll man so seltsame Benennungen erdenken? Ich vergebe z. B. den Räubern die mich beraubt haben, ich wünsche ihre Besserung. Dieß ist so wenig die Wirkung einer übernatürlichen Gnade daß es vielleicht bloß nur die Wirkung meines Alters, oder meines Temperaments ist. Ist dieß aber deswegen Gott nicht gefällig? Ist es ein Laster?«

»Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen Versöhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltliches Tugendbild, eine nachgemachte Frömmigkeit, bey der man ewig verlohren gehen kann!«

»Sprechen Sie doch nicht so! Hiemit kan man alten Mütterchen allenfalls eine Furcht einjagen, aber man beweiset nichts. Ich habe über diese Sachen reiflich nachgedacht, und ich finde, daß weder eine blutige Versöhnung, noch eine ewige Verdamniß, mit den erhabenen Begriffen, die wir von Gott haben müssen, zusammenstimmen.«

»Ja! ja! so geht es! je mehr die Menschen alles durch ihre bloße Vernunft einsehen wollen, destoweniger erkennen Sie ihre angebohrne Blindheit und Finsterniß. Mir fällt hiebey ein, was ein lieber Sohn des Heilandes sagt:Der Pietist hat diese Worte buchstäblich aus den Büdingschen Sammlungen. 8ten Stück S. 257. genommen. ›Es ist unvermeidlich, daß Seelen, die sich nicht ganz in das evangelische Wesen verlohren haben, daß sie ihren Bissen Brod, den sie in den Mund stecken, gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen das im Namen Jesu auf den Abtritt gehen, noch ein Geheimniß ist, in allerhand Bedenklichkeiten verfallen; aber die Gnaden- und Bundesleute verstehen sich auf halbe Worte, und wissen die Theilung des Tempels des Heil. Geistes in allen Ein- und Ausgängen, ohne Kopfbrechen zu machen.‹«

Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte vielleicht, er verstumme aus Bewunderung oder Entzückung; Er fuhr also fort:

»Ach lieber! laß dich von der alleinwirkenden Gnade ergreifen! Laß dich von der Kraft des Bundesblutes anfassen. Bete herzlich um die Wiedergeburt. Bete daß du bald zum Durchbruch kommen mögest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber Bruder!«

Sebaldus sagte sehr kalt: »Ich pflege das Vater unser zu beten, darinn steht nichts vom Durchbruche, nichts vom Bundesblute, nichts von der Wiedergeburt und von der alleinwirkenden Gnade.«

Der Pietist schlug die Hände über sein Haupt zusammen, und rief aus: »Welcher Unglaube! welche fleischliche Sicherheit! O betrüge dich nicht Mensch! die Ewigkeit wird kommen, Quaal ohne Ende für den Sünder!« –

Sebaldus gerieth in Eifer, und fieng an die Ewigkeit der Höllenstrafen, mit dem besten ihm beywohnenden Gründen, zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von je her auf inneres Gefühl, nie aber auf Gründe eingelassen hatte, antwortete nichts, sondern schlug nochmals die Hände über sein Haupt zusammen, hob die Augen gen Himmel, und fieng an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied zu singen:Der Leser glaube nicht etwan, daß ein solches Lied zu Behufe dieses Gesprächs erdichtet worden. Er darf auch nicht glauben, daß es etwan ein unbedeutender Schwärmer für den Winkel eines fanatischen Conventikels verfertigt habe. Nein! dieß Lied steht S. 792. eines, in die evangelisch-lutherischen Kirchen in der Churmark, unter öffentlicher Autorität, eingeführten Gesangbuchs, betitelt: Geistliche und liebliche Lieder, welche der Geist des Glaubens durch D. M. Luther, Joh. Hermann, Paul Gerhard, und andere seiner Werkzeuge, in den vorigen und itzigen Zeiten gedichtet, und die bisher in den Kirchen und Schulen der Königl. Preuß. und Churf. Brandenb. Lande bekannt, u. s. w. herausgegeben von Johann Porst, Königl. Preuß. Consistorialrath, Probst und Inspector zu Berlin. Gedruckt zu Berlin in 12.

»Zu spät ists zu erfahren, was Höll und Ewigkeit, ach! willst du's darauf sparen, thu's nicht, heut ists noch Zeit, bekehre dich von Herzen, daß du der Quaal entgehst, denk, dann giebt es nicht Scherzen, wenn du vorm Richter stehst.

Der dir das Urtheil fället, das Leben rund abspricht, zum Teufel dich gesellet, des ewgen Todsgericht, o Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen wird da seyn, wenn in die Marterkammer, der Henker schleppt hinein.

Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann, die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an! Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden hat, der Leib der fühlt das seine, die Seel' auch früh und spat.

In großer Furcht und Schrecken, in finstrer Dunkelheit, wird die Verdammten decken, Angst, Grauen, Traurigkeit, die Zähne werden klappen für Frost und großer Hitz, und werden blindlings tappen, nach einem frischen Sitz.

Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen Grund, und auf einander prallen zusammen in den Schlund, sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen, lästern stets, der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende: Seht, so gehts.

So geht es den Verfluchten in ihrem Höllenloch, den Schlemmern und Verruchten, ach gläubets, gläubets doch, wollt ihr daran noch zweifeln? so wahr ists, so wahr Gott, ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das halt't für Spott!«

Dieß Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben sichtbare Kennzeichen der Ungeduld. Nach dessen Endigung, gerieth er einige Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen, und fragte endlich seinen Mitwanderer:

»Sind Sie denn also ein Wiedergebohrner?«

»Ja, antwortete er, mit sehr sanfter Stimme: das bin ich durch Gottes Gnade. Vor drey Jahren den 11ten September, Nachmittags um 5. Uhr, hatte ich zuerst das selige innere Gefühl der Gnade, die bey mir zum Durchbruch kam, seitdem habe ich an der Gnade beständig gehangen, bin nie der Gnade satt worden,«

»Also glauben sie doch gewiß ewig selig zu werden?«

»Ach ja! dessen bin ich gewiß:

Denn ich will stets ein Bienelein
Auf des Lammes Wunden seyn
Und fahren so in'n Himmel nein.«

»So! Und werden ewige Freude haben, und werden ganz geruhig zusehen,Manchen eifrigen Gottesgelehrten, muß es nicht so anstößig seyn, als dem ehrlichen Sebaldus, daß die Seligen im Himmel die ewige Quaal der Verdammten ganz geruhig, ohne Mitleid, ansehen sollen. Z. B. In M. Cyriacus Höfers kurzem und richtigem Himmelsweg, wie ein Kind in 24 Stunden lernen kann, wie es soll der Höllen entgehen und ewig selig werden, einem Katechismus, der im Churfürstenthume Sachsen, und vielleicht auch in andern Provinzen, in vielen Schulen, zur Unterweisung der Jugend gebraucht wird, und der noch 1772 zu Leipzig gedruckt worden, findet man S. 97. folgende Fragen und Antworten: wie Millionen ihrer Nebenmenschen sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen und lästern, wie der Tod sie recht plagt ohne Ende. Welcher Gräuel! können Menschen ihre Nebenmenschen so verdammen, und können mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung ein feyerliches Lied singen!«

Der Pietist lächelte, und sagte mit sanfter Stimme. »Da siehet man den natürlichen Menschen! Ich verdamme sie ja nicht, sondern (er lächelte nochmals) die Bibel verdammt sie. Da steht es deutlich.«

Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: »Nein, das steht nicht in der Bibel; und wissen Sie, wenn es darinn stünde, so wäre sie nicht Gottes Wort. Ich möchte eben so gern ein Atheist seyn, als solche abscheuliche Begriffe von Gott haben, daß er uns das Leben rund abspricht, daß er uns dem Teufel zugesellet, daß er uns durch Henker in Marterkammern schleppen läßt, wo keine Reue, keine Klagen helfen kann. – Entsetzlich! von Ihm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem Geber alles Guten!« –

Sebaldus war in großen Eifer gerathen; er brach plötzlich ab, und fieng an nachzudenken, wie der gute Mann gemeiniglich that, wenn er merkte, daß er sehr heftig geworden war, um zu überlegen, ob er sich auch vergangen, oder zu viel geredet habe.

Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweymal auf und nieder, und sagte sanftmüthiglich:

»Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen Unglauben; und du kannst noch in ungöttlichen Eifer gerathen! Hier kann man den sichtlichen Unterschied des Standes der Natur und der Gnade sehen. Wer in der Gnade ist, der ist so ruhig, der erträget alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim.« –

Indem er dieß sagte, sprangen unvermuthet zwey Räuber, von welchen damals, nach eben geschlossenem Frieden, die ganze Gegend wimmelte, mit gezogenen Säbeln aus einem dicken Gebüsche, und fielen die Reisenden an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Bewußtseyn, daß er sich nicht wehren könnte, und daß er wenig zu verlieren hätte, das wenige Silbergeld her, das ihm übrig geblieben war. Der Pietist hingegen war unter den Händen der Räuber todtenblaß, zitterte, und bezeugte sich sehr ungeberdig. Er wälzte sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, empfieng aber darüber verschiedne Stöße und Schläge. Seine Taschen wurden demungeachtet sämtlich ausgeleeret. Man nahm ihm auch sein neues feines Kleid, und den einen Räuber gelüstete endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er mußte, alles Weigerns ungeachtet, sich auf die Erde setzen, um sie auszuziehen: da aber einer noch nicht völlig ausgezogen war, entstand ein Geräusch im Busche, und ein Hund schlug an. Hierüber wurden die Räuber flüchtig. – Der Pietist sprang auf, und schrie aus Leibeskräften: »Halt Diebe! halt Diebe!« Als aber niemand kam, so setzte er sich, mit dem Stiefel in der Hand, abermals unter einen Baum, um recht herzlich auf die Bösewichter zu fluchen, die die Straßen berauben.Er soll, wie verschiedne Nachrichten bezeugen, den frommen Wunsch hinzugethan haben, daß ihnen, wenn das eiskalte Fieber ihre Glieder zerrütte, weder bittre Essenz noch Kirchengebet helfen möchten, welchen Wunsch der Verfasser des Gedichts Wilhelmine, der, nach Art der Dichter, wegen der genauen Bestimmung der Zeiten und Personen, wohl die ungedruckten Urkunden nicht eben mag nachgeschlagen haben, dem Sebaldus beylegt. (S. Wilhelmine S. 79.) Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß Sebaldus einen solchen Wunsch sollte gethan haben, da aus sichern Nachrichten erhellet, er sey der Meinung gewesen, daß das Kirchengebet überhaupt keine Krankheiten lindere.

Zuletzt sagte er zum Sebaldus, indem er ihm im Stiefel ein geheimes Täschchen zeigte, worinn er sein Gold verwahret hatte: »Sehen Sie nun, wie der Herr die Gottlosen mit Blindheit schlägt. Ist nicht dieß Gold durch ein Wunder gerettet worden?« Hier zog er seinen Stiefel an, und stand auf.

Sebaldus versetzte: »Ich finde, daß der Stand der Natur und der Gnade, wie Sie vorher bemerkten, wirklich unterschieden ist. Ich natürlicher Mensch kann den Verlust meines Geldes ruhig ertragen. Es waren freylich nur wenige Groschen, aber mein letzter Heller ist mit weg. Ihnen ist noch weit mehr übrig geblieben, als ich vorher hatte. Ey! Ey! ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht fluchen!«

Der Pietist ward feuerroth, und sagte stotternd: »Die Bösewichter verdienen den Fluch, daß sie, wie Sie vorher ganz recht sagten, Menschen wie wilde Thiere anfallen, da wir uns einander unterstützen sollten. Ach! und das wenige Gold hat der Herr nicht meinetwegen mir so wunderbarlich erhalten, sondern um nothleidender Brüder und Schwestern willen, für die ich es von christlichen Seelen gesammlet habe. Wiewohl ich itzt selbst nothleidend bin.« –

Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im bloßen Hemde da, indeß ein ziemlicher Landregen zu fallen anfieng, Sebaldus zog ungebeten seinen alten Ueberrock aus, und überreichte ihm denselben.

»Nehmen Sie, sagte er; ich begehe freylich ein geschminktes Laster, indem ich Ihnen diesen alten Kittel anbiete. Aber der Regen fällt zu stark, als daß wir itzt feine Distinktionen machen könnten.«

Der Pietist nahm den Ueberrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer vielleicht über das Vorgefallene nachzudenken für gut fanden, so schwiegen sie auch den übrigen Theil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen.

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