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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Sechster Abschnitt.

Säugling war von allem Troste verlassen, als er erfuhr, daß Mariane weder seine Poesie noch seine Prose einer Antwort würdigen wollte. Er hielt sich für den unglücklichsten unter allen Menschen, und wuste, da seine Dichtkunst die erwartete Hülfe nicht leistete, nur bloß zu bittern Thränen seine Zuflucht nehmen. Rambold aber, der zwar weniger Zärtlichkeit, aber etwas mehr Erfahrung besaß, und dem überdies das Kammermädchen in ihrem Antwortsschreiben einen gewissen Wink gegeben hatte, that keck den Vorschlag, daß Säugling in seiner Gesellschaft, insgeheim nach dem Gute der Frau von Hohenauf reiten, und Marianen besuchen sollte. Säugling erschrak vor diesem Vorschlage, sowohl wegen dessen Folgen, als wegen der Beschwerlichkeit eines Ritts von fünf Meilen. Rambold aber wuste diese Bedenklichkeiten mit seinem gewöhnlichen Witze lächerlich zu machen, so daß Säugling anfing, diesen Vorschlag nur von der angenehmen Seite zu betrachten, und darin willigte.

Sie ritten also an einem schönen Sommermorgen aus, und Säugling, über seinen eigenen Muth erstaunt, kam sich, nach dem er eine Meile geritten hatte, und die Beschwerlichkeiten der Reise zu empfinden anfieng, als ein anderer Leander vor, der durch die Gefahr der wilden Wellen zu seiner Geliebten Hero eilte. Sie kamen des Abends sehr ermüdet auf einem Vorwerke an, das etwa zweihundert Schritte von dem Dorfe entlegen war. Des andern Morgens sehr früh, ermunterte und ermannte sich Säugling, seiner Müdigkeit ohnerachtet, und wanderte nach dem herrschaftlichen Garten, in den sie durch eine von dem schlauen Kammermädchen geöfnete Hinterthür traten. Sie führte Säuglingen ferner nach einer etwas abgelegenen grünen Laube, wo Mariane, in der Meynung ganz allein zu seyn, mit süßer Schwermuth Säuglings Heroide las.

Sie that einen lauten Schrey, als sie ihn erblickte, und wollte forteilen. Es war aber ein Glück, daß ihr ihre Füße diesen Dienst versagten, denn der zitternde Säugling war selbst in so großer Verlegenheit, daß er schwerlich so viel Besonnenheit gehabt haben würde, sie zurück zu halten. Er stand mit herunterhangenden Händen, wie ein stummes Bild da, und es währte einige Minuten, ehe er mit stamlender Zunge eine Entschuldigung seiner Verwegenheit vorbrachte. Da er in Marianens Augen, auf die er seinen Blick unverwendet heftete, keinen Zorn wahrnahm, so faßte er das Herz, sich ihr zu Füßen zu werfen, ihr nochmals die ganze Innigkeit seiner Liebe zu entdecken, und sie um Gegenliebe anzuflehen. Mariane wolte noch zurückhalten, aber sie konnte ihrer innern Zärtlichkeit selbst nicht Wiederstand thun, und entdeckte, unter sanftem Erröthen, alles was sie für ihn fühlte. Säugling glaubte in den dritten Himmel versetzt zu seyn, dankte ihr mit den herzrührendsten Ausdrücken, und beide schworen sich eine unverbrüchliche Treue und Zärtlichkeit.

Sie hatten sich so viel zu sagen, daß einige Stunden vergiengen, ehe sie voneinander schieden. Die Wollust dieser Unterredung war zu groß, als daß nicht noch mehrere gleich geheime Zusammenkünfte auf diese hätten folgen sollen, in denen beide Liebenden ihre Herzen aufs genaueste mit einander vereinigten, und den süßesten Reiz darin fanden, daß sie alles Widerstandes ohngeachtet, sich ewig lieben wollten.

Indessen hatte die Frau von Hohenauf insgeheim erfahren, daß Mariane täglich sehr früh aufstände, in den Garten gienge, und sich daselbst einige Stunden aufhielte. Sie gieng ihr eines Tages, ohne die wahre Ursach nur im geringsten zu vermuthen, nach, und behorchte das verliebte Paar, als sie eben in der zärtlichsten Unterredung waren. Sie kannte sich selbst nicht, vor heftiger Wuth. Sie fuhr wie eine Furie auf die arme Mariane los, belegte sie mit den schimpflichsten Namen, stieß sie aus der Laube heraus, und indem sie dem ganz erschrockenen Säugling, der wie eine unbewegliche Bildsäule da stand, zuschrie, daß sie seinem Vater seine abscheuliche Bosheit melden werde, und daß er ihr nimmermehr wieder vor die Augen kommen sollte, so schleppte sie die halbtodte Mariane nach dem Hause zu.

Säugling stand noch einige Zeit in zitternder Unthätigkeit, bis er sich endlich besann, daß es am besten seyn werde, wegzugehen. Er fand aber zu seinem grossen Erschrecken die Hinterthür des Gartens verschlossen. Rambold, der sich mit dem Kammermädchen, in einem dreißig Schritte hinter der Laube belegenen ziemlich dichten Gebüsche befand, vielleicht um ihr ein Kapitel aus dem vierten Bande der Insel Felsenburg zu erklären, war bey dem ersten Lärmen davongelaufen, und hatte in der Eil die Thüre hinter sich zugeschlagen, und das Kammermädchen war, durch ihr wohlbekannte Nebengänge, nach dem Hause zu gelaufen. Der arme Säugling, der sich also allein und eingeschlossen sahe, wußte nicht, was er vor Angst beginnen sollte. Er sahe für sich gar keinen Ausgang; denn über die Mauer zu steigen, ob sie gleich nicht sehr hoch war, war für ihn eine unmögliche Sache, er fieng also an, für sein Leben zu zittern, als wenn er in der Gewalt seines ärgsten Feindes gewesen wäre. Nachdem er aber eine Viertelstunde im Garten in der Irre gelaufen war, fiel ihm endlich ein, daß die große Gartenthüre offen seyn werde. Sie war es auch wirklich, und er gieng, obgleich mit Zittern und Zagen, dennoch ohne von jemand bemerkt zu werden, durch den Hof und durch das Haus, auf die freye Strasse des Dorfs.

Er eilte nun mit verdoppelten Schritten nach dem Vorwerke, wo er die Pferde schon gesattelt und Rambolden seiner erwartend antraf. Sie setzten sich sogleich zu Pferde, Säugling in der größten Traurigkeit, die ihn Rambolds Lustigkeit weder zu mildern, noch dessen Schrauberey zu verbergen bewegen konnte. Sie brachten auf der Zurückreise zween Tage zu, demohnerachtet legte sich Säugling sogleich bey der Ankunft ins Bette, um sich theils von einem Fieber, welches die Gemüthsbewegung, theils von einigen andern kleinen Beschwerlichkeiten, welche die Strapazen der Reise, seinem zarten Körper zugezogen hatten, heilen zu lassen.

Der unglücklichen Mariane, ward von der Frau von Hohenauf mit der äußersten Härte begegnet. Keine Entschuldigung ward angenommen, die schimpflichsten Vorwürfe wurden nicht gesparet. Sie wäre sogleich auf die Strasse geworfen worden, wenn nicht zu befürchten gewesen wäre, daß Säugling, durch ihr Unglück, noch näher mit ihr verbunden werden möchte. Sie ward also eingesperret, bis sich eine Gelegenheit fände, sie gänzlich wegzuschaffen.

Die Fr. von Hohenauf besann sich, daß die Gräfinn von *** bey ihrer Anwesenheit, im Discurse beiläufig geäußert hatte, sie wünschte eine Person von guter Aufführung und von Talenten um sich zu haben, die ihr Gesellschaft leisten, und ihr vorlesen könnte. Die Gräfinn, obgleich aus einem der ältesten Geschlechte, und unter der Pracht und den Lustbarkeiten des Hofes erzogen, schätzte Verdienst mehr als Adel, und die Schönheiten der Natur und eine in der Stille wohlverbrachte Zeit mehr, als den glänzendesten Pomp. Diese Neigungen der Gräfinn von *** waren den Neigungen der Frau von Hohenauf, so schnurgerade zuwieder, daß zwischen ihnen mancher Wortwechsel darüber entstanden war, und daß die letztere die erstere – wie es immer zu geschehen pflegt, wenn ein Thor gegen einen Klugen Unrecht hat – herzlich zu haßen anfieng, ob sie gleich freilich, dem Wohlstande gemäß, eine Dame von diesem Range äußerlich mit den größten Freundschaftsbezeugungen überhäufte.

»Ha! sagte die Frau von Hohenauf, für diesen Zieraffen wird die schöne Mariane eine würdige Gesellschaft seyn.« Hiezu kam, daß die Güter der Gräfinn an fünf und zwanzig Meilen entlegen waren, indem sie zur Zeit des Geburtsfestes, nur um eine Verwandtinn zu besuchen, in diese Gegend gekommen war. Die Frau von Hohenauf schrieb also an die Gräfinn, und schlug ihr Marianen zur Gesellschafterin vor, doch ohne die wahre Ursach dieses Vorschlags im geringsten zu erwähnen. Die Gräfinn, welche sich Marianens Betragen gegen den armen Pachter noch mit Vergnügen erinnerte, antwortete nach Wunsch.

Nun trat die Frau von Hohenauf in Marianens Gefängniß, zwang sich zu einer Freundlichkeit, die ihr gar nicht von Herzen gieng, stellte ihr die unverdiente Gnade vor, daß sie ihr, anstatt sie zu strafen, einen so guten Platz verschaft habe, versicherte, daß sie alles vergangene vergessen wolle, verlangte aber auch, daß Mariane alle Verbindung mit Säuglingen aufheben, ja ihm nie ihren Aufenthalt melden sollte.

Mariane, die einige Wochen, in großer Verlegenheit über ihr itziges und künftiges Schicksal, zugebracht hatte, war sehr erfreut, daß es eine so glückliche Wendung nahm. Sie hatte die vortreflichen Gesinnungen der Gräfinn, bey derselben Anwesenheit, kennen lernen, und sahe also sehr wohl ein, daß der Vorfall mit Säuglingen, derselben Zutrauen zu ihr mindern könnte. Sie versprach also mehr als verlangt wurde, nämlich niemand, wer es auch sey, das geringste von der Sache zu entdecken, ja sie versprach sich selbst, wenn sie von Säuglingen nichts mehr hörte, ihn ganz zu vergessen, und hofte dadurch wieder in den ruhigen selbstgenügsamen Zustand zurück zu kommen, in dem sie war, ehe sie die Wirkungen dieser unglücklichen Liebe erfuhr.

Um jedermann den Ort ihres künftigen Aufenthalts zu verbergen, ließ sie die Frau von Hohenauf des Nachts, mit Postpferden, nach einer nicht weit von den Gütern der Gräfinn gelegenen Stadt bringen, von dannen sie die Gräfinn in einem Wagen abholen ließ.

Ende des dritten Buchs.

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