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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Fünfter Abschnitt.

Wenige Tage darauf, brachte Säugling ein Gedicht auf die Errettung des armen Pachters zu Stande, welches an Marianen gerichtet war, und worin er ihr Lob sehr klüglich mit dem seinigen verbunden hatte. Mariane las dieses Gedicht mit Wohlgefallen. Es war mit einer Säuglings Liedern sonst ungewohnten Wärme des Herzens geschrieben, womit ihr Herz so sehr sympathisirte. Auch ihr Lob las sie mit einem geheimen Vergnügen. Wenn es einem jungen Frauenzimmer überhaupt leicht zu vergeben war, daß sie sich von einem artigen und witzigen jungen Menschen nicht ungern loben ließ; wie viel eher war ihr dies zu verzeihen, wenn sie fühlte, daß sie mit Wahrheit, und über eine aus der unbescholtensten Neigung fließende That gelobt wurde.

Dies war der Anfang einer nähern Bekanntschaft zwischen beiden. Sie gingen oft, bey den ersten Blicken der Sonne nach dem Winter, im Garten zusammen spazieren. Ihre Lectur war ihnen gemeinschaftlich. Säugling las ihr seine Gedichte vor, hörte mit innerer Zufriedenheit ihren Beifall, und ließ sich auch ihre Verbesserungen, die sie ihm mit grosser Bescheidenheit, aber aus der feinsten Empfindung gezogen, zuweilen an die Hand gab, sehr wohl gefallen. Kurz er betrachtete sie als eine Muse, die ihn zu neuem Schwunge seiner Gedichte begeistern konnte, sie ihn aber, als einen angenehmen Gesellschafter, der sie mit Lectur und mit Gesprächen unterhielt, die ihrer Neigung gemäß waren.

Von Anfange an hatten beide bey ihrem vertrauten Umgange, keine andere als diese Absicht. In kurzem aber verlohr sich Säugling, der Marianen beständig mit großer Inbrunst angaffte, und täglich an ihr neue Schönheiten des Körpers und des Geistes entdeckte, ganz in ihre Vollkommenheiten. Er empfand, er wuste nicht was, und betrug sich dabey, er wuste nicht wie. Sein Geist erblickte Marianens Schönheit, Tugend und Vollkommenheit, im herrlichsten Glanze, und mitten in diesem Anschauen, entdeckte er neue Schönheit, Tugend und Vollkommenheit; so daß er endlich davon ganz geblendet ward. Er ward trübsinnig und ängstlich in seinem Betragen, und weil Mariane, der wahren Ursach unwissend, ihn zuweilen in einem Anfalle von lustiger Laune darüber ein wenig aufzuziehen pflegte, so gerieth er in noch größere Verlegenheit, und trauete sich nicht, von seinen Empfindungen nur ein Wörtchen zu sagen. Er nahm seine Zuflucht zur Dichtkunst, und ließ in die Gedichte, die er Marianen vorlas, oder sie selbst lesen ließ, unvermerkt ganz kleine Züge seiner Empfindung einfliessen, aber mit so vieler Zurückhaltung, als ein so furchtsamer Mensch, furchtsamer Poet, und furchtsamer Liebhaber, wie er war, nur haben konnte. Mariane las über alle diese feinen Züge mit größter Freymüthigkeit weg, entweder weil sie sie nicht bemerkte, oder nicht zu bemerken Lust hatte. Säugling wuste nicht, was er beginnen sollte, ward noch ängstlicher in seinem Betragen, verehrte Marianen stillschweigend mit doppelter Ehrerbietung, kam allem ihrem Begehren aufs dienstwilligste zuvor, hielt sich sehr belohnt, wenn er einen lächelnden Blick von ihr erhielt, oder in Ermangelung dessen, war es schon Seligkeit, wenn er sie nur sehen, und mit schweigender Zärtlichkeit aus ihren Augen die Nahrung seines Daseyns ziehen konnte.

Es ist leicht zu erachten, daß er alle Gelegenheiten, in Marianens Gesellschaft zu seyn, werde mit Sorgfalt aufgesucht haben, aber er muste hiebey sehr behutsam zu Werke gehen. Er war mit den Gesinnungen der Frau von Hohenauf so genau bekannt, daß er schon zitterte, wenn er nur daran gedachte, daß sie von seiner Zuneigung zu Marianen etwas merken könnte.

Mariane war ohnedies seit dem unglücklichen Geburtsfeste, ob ihr gleich die Frau von Hohenauf, dem Anscheine nach vergeben hatte, noch in Ungnade. Es halfen keine reichen Garnituren, mit denen sie die Kleider der gnädigen Frau schmückte, kein neuer Kopfputz nach dem letzten Geschmacke gesteckt, nicht dreifache Manschetten von den feinsten Netzchen, die ihre kunstreiche Hand, mit Blumen von Kammertuch unterlegt, und mit fünferley Pointstichen durchbrochen hatte. So angenehm auch diese Opfer waren, mit denen Mariane den Zorn der Frau von Hohenauf versöhnen wollte; so schienen doch die Sünden, daß sie den Fräulein die bürgerliche Herkunft ihrer Mutter entdeckt hatte, und daß sie dieselben zu guten Menschen hatte erziehen wollen, ehe sie zu Hofdamen erzogen würden, aus der Classe der unvergeblichen zu seyn.

Die Frau von Hohenauf beobachtete wenigstens seit der Zeit, gegen Marianen eine mehr als gewöhnliche Zurückhaltung, sie wiederhohlte die weisen Lehren, fleißig gute Romanen zu lesen und den Fräulein das Air allemand abzugewöhnen, noch öfter als vorher. Daß Mariane sich unterstehen könnte, mit den Fräulein deutsche Bücher zu lesen, kam der Frau von Hohenauf so wenig in den Sinn, daß sie nicht daran dachte, das im Anfange ergangene allgemeine Verbot, abermahls zu wiederholen. Unglücklicherweise aber traf sie einst Fräulein Adelheid mit der Bestimmung des Menschen in der Hand an, die daraus ihrer Hofmeisterinn die menschlichen ErwartungenNach der Ausgabe Leipzig 1768. S. 119. vorlas. Die Frau von Hohenauf, die durchaus nicht wollte, daß ihre Fräulein andere Erwartungen haben sollten, als geputzt, bewundert, angebetet, Hofdamen, reiche und galante Frauen zu werden, confiscirte das Buch, als deutsch, augenblicklich, und nachdem sie eine halbe Viertelstunde lang den Inhalt untersucht hatte, warf sie es mit großem Ungestüm in den Camin, als für alle Fräulein, die ihr Glück am Hofe machen wollen, höchst verderblich.

Von diesem Augenblicke an, war das Vertrauen der Frau von Hohenauf zu Marianen so sehr vermindert, daß es jedermann im Hause wahrnahm. Da nun dieses Schloß vollkommen einem Hofe glich, wo dem, der in Ungnade ist, von allen Hofbedienten der Rücken zugekehret ward, so vermieden auch hier alle Hausgenossen Marianen, und Säugling, so sehr sein kleines Herz dadurch gemartert ward, muste aus Furcht Aufsehen zu erwecken oft die besten Gelegenheiten, sich mit Marianen zu unterhalten, vorbeigehen lassen.

Dieser Zwang war ihm so peinlich, daß wenn er sich nicht noch durch Versmachen hätte Luft schaffen können, seine Seele, die ohnedis nicht die stärkste war, unter der Last des Stillschweigens würde unterdrückt worden seyn. Dies Stillschweigen ward ihm täglich unerträglicher, daher nahm er sich vor, es bey der ersten Gelegenheit zu brechen.

An einem der ersten heitern Maytage gierig Mariane Mittags nach Tische in den Garten. Säugling folgte ihr von weitem nach, und als er vom Hause so weit entfernt war, daß er nicht bemerkt zu werden glaubte, eilte er ihr nach, um sie einzuholen. Er sahe dies für die beste Gelegenheit an, seine so lange verschwiegene Liebe zu offenbaren. Sein Herz klopfte ihm über diesem muthigen Vorhaben; je näher er zu ihr kam, desto mehr goß sich ein zärtliches Schaudern durch alle seine Glieder, und da er sie endlich erreichte, und sie stehen blieb um ihn zu bewillkommen, sahe er starr in ihre hellblauen Augen, die Zunge stammlete, der Athem fehlte ihm, und nachdem er anderthalb Minuten stillgeschwiegen hatte, sagte er:

»Es ist heute wirklich recht sehr schönes Wetter!«

»Die Bemerkung ist eines so witzigen Kopfes recht sehr würdig! sagte Mariane lächelnd, Sie hatten in der That das Ansehen, als ob Sie mir etwas wichtigers sagen wollten.«

Säugling durch diese Antwort niedergeschlagen, sahe sie abermahls starr an, und schwieg einige Minuten lang stille.

»Aber wie kommt es, fuhr Mariane fort, daß Sie eine so tragische Physiognomie annehmen? Sehen Sie, wie alles um Sie herum erfreut ist. Sehen Sie diese blaue Veilchen, wie sie hervorsprossen und angenehmen Duft verbreiten.« Hier pflückte sie einige Veilchen und überreichte sie ihm.

Säugling nahm den Strauß an, betrachtete ihn, und seufzete.

»Wie sind doch die schönen Geister so nachsinnend? Mich dünkt ich sehe es an ihren Augen, daß Sie denken:

Ich sahe den jungen May
Seine Silberglocken
Hiengen um den Schlaf
Als er vom Himmel fuhr,
Blühten alle Wipfel,
Als er den Boden trat,
Ließ er Violen und Hyacinten im Fußtritt zurück.«Ramlers lyrische Gedichte, Berlin 1772. S. 266.

Säugling schlug die Augen auf, und antwortete: »Ach nein! meine Seele ist zu voll, als daß ich die Schönheiten der Natur empfinden könnte.«

»Ausgenommen die Schönheit des Wetters?

»Spotten Sie meiner nicht. Bloß weil ich meine innigste Gedanken mich nicht zu sagen getrauete, sagte ich etwas ganz gemeines. – Ach Mariane Sie haben recht, ich hätte Ihnen etwas viel wichtigers zu sagen. –«

»Nun so sagen Sie doch an! –«

»Sehen Sie diese Veilchen, sie sind klein, aber verbreiten süßen Duft, die allgewaltige Kraft der Sonne lockt sie aus der Erde hervor, ohne sie würden sie weder blühen noch duften. Ach meine Mariane! Ich bin dieses Veilchen, Sie sind meine Sonne.« –

Mariane erröthete, und nachdem sie eine halbe Minute Luft geschöpft hatte, sagte sie, mit niedergeschlagenen Augen: »Sie haben mich für meinen kleinen Scherz doppelt bezahlt; Ich werde mich hüten müssen, wieder zu scherzen.«

»O schönste Mariane, suchen Sie nicht Scherz aus einer Sache zu machen, die mir so ernsthaft ist. Schon lange hat Sie mein Herz stillschweigend angebetet, aber nun kann ich nicht mehr schweigen. Ich muß Ihnen sagen, was ich für Sie empfinde, daß ich Ihre Schönheit, ihre Tugend verehre, – darf ich es sagen, – daß ich Sie liebe, daß ich nie aufhören werde, Sie zu lieben, daß ich –«

»Was höre ich! Sie machen, daß ich mich wegbegeben muß. –« sie trat einen Schritt zurück.

»Grausame! wie können Sie mich verlassen! Nein! zu ihren Füssen, wiederhole ich ihnen, daß Sie meine ganze Seele liebt, daß ich ewig –«

»Ich bitte Sie, stehen Sie auf – – –«

»Nein! Ich stehe nicht auf, bis Sie mein Schicksal bestimmen, bis Sie mir sagen, ob ich hoffen darf von ihnen wieder geliebt zu werden. –«

»Ich bitte Sie nochmahls, stehen Sie auf, was soll man von uns denken, wenn jemand dieses Weges kommt. Sie wissen, daß ich Sie beständig geschätzt habe, so wie Sie es auch verdienen – aber Sie wissen auch selbst, unsere beiderseitige Lage ist so beschaffen, daß zwischen uns keine nähere Verbindung statt finden kann.«

»Warum nicht? Warum nicht? Lassen Sie mich nur in Ihr Herz sehen, lassen Sie mich erfahren, ob es mich wieder liebt, und alle Schwierigkeiten verschwinden – Sagen Sie, schönste Mariane, ich beschwöre Sie, ob Sie mich hassen können? –«

»Stehen Sie doch nur auf – Ich habe Sie nie gehasset. –«

»Wie könnten Sie auch ihren zärtlichsten, ihren treusten Liebhaber hassen! Aber darf ich für die reinste, für die zärtlichste Liebe, von ihnen Gegenliebe hoffen?« – Hier küßte er ihr voll Inbrunst die Hand –

Mariane erröthete abermals – »Ich bitte Sie, dringen Sie nicht ferner in mich –«

»Schönste Mariane! Lassen Sie mich mein Schicksal erfahren. Darf ich hoffen, so bin ich der glücklichste Sterbliche. Fragen Sie ihr Herz, lassen Sie mich dessen Empfindungen wissen. Sie seufzen? Wie glücklich wäre ich –«

»Dringen Sie nicht ferner in mich – Mein Herz hat Sie beständig geschäzt aber –«

»O wie glücklich bin ich. Sie lieben mich, Schönste« – Hier küßte er abermahl Ihre Hand. Mariane zog die Hand zurück und richtete ihn auf: –

»Ich bitte Sie, stehen Sie auf, und geben Sie nicht einer wilden Leidenschaft Gehör. In der Hitze derselben denken Sie, was Sie vielleicht bey kälterer Ueberlegung« –

»Wie! Ich sollte untreu, ich solte unbeständig seyn? Nein, meine Schönste, bestätigen Sie mir nur, daß ich Ihre Liebe hoffen darf, und Sie sollen sehen, daß meine Liebe nicht wanken wird, es mag auch geschehen, was da wolle. Die Liebe wird mich den äussersten Gefahren trotzen lehren.«

»Warum wollen Sie aber sich und mich den äußersten Gefahren bloß geben. Unterdrücken Sie lieber eine Leidenschaft, die Sie und mich nicht glücklich machen kann. Ich will aufrichtig mit Ihnen reden. Mein Herz hat Sie nie gehasset. Sie haben viel liebenswürdige Eigenschaften, die ich hochschätzen muß; aber ich wiederhole es nochmals, geben Sie der Vernunft Gehör, und bedenken Sie, daß unüberwindliche Schwierigkeiten« – –

»O meine Schönste, der Liebe sind keine Schwierigkeiten unüberwindlich. Lieben Sie mich nur« – –

»Wir wollen lieber die Schwierigkeiten vermeiden, als sie zu überwinden suchen. Ich schätze Sie aufrichtig hoch; seyn Sie damit zufrieden. Ich werde beständig Ihre wahre Freundin seyn, aber –«

Indem sie dieses sagte, trat wieder alles Vermuthen hinter einer geschnittenen Hecke die Frau von Hohenauf hervor, die seit der letzten Entdeckung von Marianens deutscher Lectur mißtrauisch, beständig alle ihre Schritte beobachtet hatte. Sie schalt ihren Neffen heftig aus, wegen seiner niederträchtigen Neigung gegen ein gemeines Mädchen. Der armen Mariane aber machte sie die bittersten Vorwürfe, daß sie einen jungen Menschen von Stande verführen wollte, welchen Ausdruck sie oft wiederholte. Sie verbot ihr aufs nachdrücklichste, ihren Neffen je wieder allein zu sehen, und ließ sie auch von der Zeit an nicht einen Augenblick aus den Augen.

Indeßen würde ihr freilich diese genaue Aufsicht auf zwey Liebende bald sehr beschwerlich geworden seyn, wenn nicht zween Tage darauf Hr. Rambold, der Hofmeister den der alte Säugling seinem Sohn sendete, angelanget wäre. Sie säumte also nicht, sondern schickte beide nach ein paar Tagen, auf die Universität wohin sie bestimmt waren, und empfahl dem Hofmeister, auf Säuglings Aufführung ein wachsames Auge zu haben.

Der verliebte Säugling war trostlos. Seine Seele schmolz von Zärtlichkeit, aber war auch von Zärtlichkeit so voll, daß kein einziger Gedanken, wie es möglich seyn sollte, sie zu sehen, darin Platz finden konnte. Je mehr er daran dachte, desto unmöglicher schien es ihm. Ihm fiel keines von den sinnreichen Mitteln ein, die die Romanenschreiber unserer lehrbegierigen Jugend so freigebig an die Hand geben. Z. B. auf einer Strickleiter ins Fenster zu kriechen; sich in einen Kasten sperren und zu ihr bringen zu lassen; einen doppelten Schlüßel machen zu laßen, um ihre Thüre zu öfnen; ja nicht einmahl die einfältigen auch außer Romanen so oft ausgeübten Mittel, das Kammermädchen zu bestechen, oder unter dem Fenster der Schönen hin und her zu spazieren, und so lange zu husten oder zu pfeifen, bis sie am Fenster erscheine. Da ihm also gar kein Mittel in den Sinn kommen wollte, so muste er mit schwerem Herzen abreisen, ohne seine Geliebte zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen.

Als er an den Ort seiner Bestimmung ankam, nahm seine Traurigkeit sehr zu. Er wendete sich zu seiner gewöhnlichen Zuflucht, der Dichtkunst, und schrieb eine Heroide unter dem Namen des Leander an die Hero, in welcher er seinen ganzen zärtlichen Schmerz über die Abwesenheit seiner Geliebten auszudrücken suchte. Nachdem er damit meist fertig war, fiel ihm plötzlich der Gedanken ein, daß er nicht die geringste Hofnung habe, diese Epistel seiner Geliebten in die Hände zu bringen. Er ging mit dem Papier in der Hand in seinem Zimmer so tiefsinnig auf und nieder spatzieren, daß er seinen Hofmeister nicht eher erblickte, als bis er vor ihm stand, ihm das Papier aus der Hand nahm, und es lächelnd durchlas.

Säugling sank vor Schrecken beynahe nieder, weil er für sich und seine Geliebte aus dieser Entdeckung des Hofmeisters die schlimmsten Folgen befürchtete. Glücklicherweise für ihn, gehörte Rambold nicht zu den mürrischen Hofmeistern die ihrer untergebenen Jugend alles Vergnügen versagen, vielmehr hatte er sehr politisch berechnet, daß ein junger reicher Patricier nur ein oder zwey Jahre auf Universitäten von seiner Aufsicht abhänge, hingegen hernach viel länger, – weil Väter sterblich sind u. s. w, – seines Vermögens genießen, und seinem Hofmeister eine kleine bewiesene Gefälligkeit reichlich vergelten könnte. Anstatt also Säuglingen zu schelten, zog er ihn bloß wegen seiner zuckersüßen Empfindungen ein wenig auf; denn er war ein witziger Kopf, der in den verschiedenen Stationen seines Lebens, die Seele aller Cotterien, Schmäuse und Trinkgesellschaften gewesen war. Endlich um Säuglingen, der noch immer in großer Verlegenheit da stand, gänzlich zu beruhigen, versprach er ihm treuherzig, daß er es selbst seine Sorge seyn lassen wolle, die zärtliche Epistel in Marianens Hände zu bringen. Er sagte ihm auch, wie; nämlich durch Hülfe des Kammermädchens der Frau von Hohenauf, mit der er, während seines zweytägigen Aufenthalts auf dem Gute des Hrn. von Hohenauf eine so vertraute Bekanntschaft gemacht hatte, daß er ihr eine solche Verrichtung gar wohl auftragen zu können glaubte.

Unterdeßen, befand sich Mariane in großer Unruhe. Säuglings Zuneigung zu ihr hatte schon lange vorher ehe er sie gestand, ihrer weiblichen Scharfsichtigkeit nicht entgehen können. Sie hatte Wohlgefallen daran gehegt, weil sie sie für die bloße Höflichkeitsbezeugung eines artigen jungen Menschen ansahe, ohne zu denken, daß sie sich jemals in eine feurige Liebe verwandeln, oder daß diese Liebe einen tiefen Eindruck auf ihr Herz machen könnte. Als er seine Liebe endlich erklärte, und er zugleich in demselben Augenblicke von ihr getrennet ward, fand sie zwar ihr Herz tief verwundet, glaubte aber, daß dies von ihrer beleidigten Empfindlichkeit, und vom Wiederwillen gegen die Härte der Frau von Hohenauf herrühre. Nachdem aber Säugling abgereiset war, und sie in der Heftigkeit ihrer Leidenschafft glaubte, daß sie ihn nie wiedersehen würde, merkte sie erstlich, vor sich selbst erröthend, wie sehr sie ihn liebte. Bald war sie sehr zornig, daß er nicht von ihr Abschied genommen hatte, bald entschuldigte sie ihn, und stellte sich vor, wie untröstlich er selber seyn müste, und dieses Bild ihrer Einbildungskraft selbst machte ihn ihrem Herzen liebenswürdiger. Jeden Ort wo sie ihn gesehen hatte besuchte sie mit einer zärtlichen Schwermuth, und des Nachts stand sein geliebtes Bild beständig vor ihren Augen.

Einst ergriff sie von ohngefehr die Lettres d'une Religieuse portugaise, die sie, auf Befehl, so oft ihren Fräulein ganz ruhig vorgelesen hatte. Sie erstaunte darüber, daß ihr so viel Bilder belebt, so viel Klagen herzrührend, so viel Empfindnisse aus der Seele herausgezogen schienen, über die sie vorher weggelesen hatte. So sehr wahr ist es, daß Bücher voll verliebter Empfindungen, die auf den Weisen und Gleichgültigen wenig Eindruck machen, in ein junges unerfahrnes Herz, das den ersten Eindrücken dieser gefährlichen Leidenschaft offen steht, den süßen Gift weit tiefer hineinflößen als selbst die Reden des Geliebten: weil die erhitzte Einbildungskraft, mit ihren eigenen Geschöpfen nach Belieben spielend, die Empfindungen viel reiner inniger und heftiger vorstellt, als sie in der wirklichen Welt seyn können, in der sie durch hundert ganz gemeine gleichgültige Umstände vermischt, seichter gemacht und gemildert werden.

Nun ward dieses Buch Marianens tägliche Lectur. Sie wünschte, daß ihr Säugling solche Briefe voll Liebe und Beständigkeit schreiben möchte, als der Ritter v. C. und sie versprach sich, daß sie ihm mit eben so viel Inbrunst und Sehnsucht antworten wollte, als die zärtliche Nonne. Sie sahe in diesem Briefwechsel eine so anmuthige Beschäftigung voraus, daß sie die Zeit nicht erwarten konnte bis er seinen Anfang nehmen würde. Es waren schon einige Wochen verlaufen, und sie hatte schon alle zärtliche Gründe erschöpft, um das Stillschweigen ihres Geliebten zu entschuldigen, als ihr das Kammermädchen Säuglings Heroide, mit einem prosaischen Briefe begleitet, übergab, worin er alles was er bey ihrer beiderseitigen Trennung empfand, ausgedrückt hatte, und sie beschwor, ihm wenigstens schriftlich zu sagen, daß sie gegen seine Zärtlichkeit nicht unempfindlich sey, wozu er ihr das Kammermädgen als ein sicheres Werkzeug empfahl.

Die verliebte Mariane las beide Sendschreiben mit heftiger Begierde, und überlas sie fünf oder sechsmahl mit noch innigerm Vergnügen. Als sie sich aber niedersetzen wollte, um sie zu beantworten, empfand sie die unaussprechliche Empfindung eines wohlgezogenen Frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter Strenge ihre Pflichten beobachtet, und noch nie einen Schritt gethan hat den sie hätte verheeren dürfen. Sie erröthete und erschrack vor sich selbst. Je mehr sie, in den süßen Vorstellungen ihrer Einbildungskraft, eine Gelegenheit gewünscht hatte die Feder ansetzen zu können, um ihre innerste Neigungen auszudrücken, desto mehr sank sie ihr nieder so bald sie sie wirklich ansetzen wolte, und je öfter sie es versuchte, desto mehr verlohr sie den Muth es zu wagen. Auch half es nichts, daß das Kammermädgen ihr öfters zuredete, auf den Brief eine Antwort zu geben. Vielmehr da das dienstwillige Mädchen, der die feinen Scrupel die Marianens Gemüth beunruhigten in ihrem Leben nie in den Sinn gekommen waren, die ganze Sache sehr auf die leichte Achsel nahm; so konnte dies vielleicht einige widrige Wirkung thun, indem Marianens Delicatesse bewogen ward diese Sache von einer Seite zu betrachten, von der sie bald den Blick wegwandte, aus Furcht allzusehr darüber nachzudenken.

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