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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Abschnitt.

In dem dritten Monate von Marianens Aufenthalte bey der Frau von Hohenauf, traf derselben Neffe, der Sohn des Tuchhändlers Säugling, bey ihr ein. Die Bedienten wurden befehligt, ihn Ew. Gnaden zu nennen, und sie stellte ihn allem benachbarten Adel, unter dem Nahmen des Hrn. von Säugling vor. Dieser junge Mensch war mit seinen Universitätsstudien halb fertig, denn er hatte schon zwey Jahre auf einer Universität zugebracht, und es kam nur noch darauf an, daß er ein oder zwey Jahre auf einer andern zubrächte, wohin ihn sein Vater den künftigen Frühling mit einem neuen Hofmeister senden wollte, den er ihm selbst ausgesucht hatte. Indessen wollte er sich mit Genehmhaltung seines Vaters, den Winter über auf seiner Schwester Gute aufhalten. Weil sie von Adel war, und mit dem benachbarten Adel viel Umgang hielt, welchem sie den Ton gegeben hatte, den Aufenthalt auf dem Lande, nicht mit ländlichen Vergnügungen, sondern nach städtischer Etikette, mit Besuchen, Gastmahlen, Assembleen, Spielpartien und Bällen, zuzubringen; so glaubte er, bey ihr Kenntniß der großen Welt zu erlangen und alles was sich noch etwa von Schulstaube an ihm finden möchte, rein abzuschütteln.

Dieses Schulstaubes konnte an ihm auch nicht so gar viel seyn, denn er hatte als ein reicher Jüngling sich nicht auf Brodstudien gelegt, und noch weniger sich mit den alten Sprachen und mit den trocknen Lehrgebäuden der speculativen Wissenschaften beschäftigt; sondern seine Studien waren lachend und reizend und bestanden in Collegien über die schönen Wissenschaften, und in fleißigem Lesen aller deutschen Poeten sonderlich derjenigen, die Freude, Wein und Liebe besungen haben. Er hatte überdies französisch, engländisch und italienisch gelernt, und hatte in diesen Sprachen alle Poeten und die besten Kritiker gelesen.

Er hatte sehr viele Gedichte an Phillis und Doris gemacht, und dies blieb noch beständig, nebst der Sorge für seinen Anzug, seine vornehmste Beschäftigung. Er hielt sehr viel von seiner eignen kleinen Person, die daher auch beständig geputzt, geschniegelt, und auf vier Nadeln gezogen war. Er gefiel sich selbst sehr wohl, nächst diesem aber war sein hauptsächlichstes Augenmerk, dem Frauenzimmer zu gefallen. Er vermied möglichst alle Gesellschaften, worin bloß Mannspersonen waren. In vermischten Gesellschaften saß er allemahl einem Frauenzimmer zur Seite, und wenn er wählen konnte, allemahl bey der, die den sanftesten Blick hatte. Er bewunderte, um Bekanntschaft zu machen, ihre Arbeit, die sie eben verfertigte, lobte ihr wohl gestecktes Demi-ajusté,Weil zu vermuthen ist, daß eher Buchgelehrte, als Gens du bon ton dieses Werk lesen werden, so müssen, der beklagenswürdigen Unwissenheit der erstern zu Liebe, hier schon einige Wörter erklärt werden, die sonst jedermann versteht, dès qu'il entre dans le monde. Ein Bonnet à demi ajusté ist ein Kopfzeug, unter dem eine Dame halb frisirt seyn muß. Ein Assassin ist nichts als ein Schönpflästerchen, das aber seiner Größe wegen, wenn ein gemeines Schönfleckgen verwundet, gar wohl todtschlagen kann. Ein Postillion d'Amour ist eine große Brustschleife von Band, welche weder Pferd noch Horn hat. Eine Respectueuse ist eine Bedeckung des Busens, mit Spitzen, Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermuthlich den Namen davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlaßt. und sagte ihr über einen Assassin tausend artige Sachen. Von da gieng er unvermerkt zum Erforschen ihres Verstandes über. Er sagte ihr mit sanftlispelnder Stimme, er sehe die kleinen Amorn und Amoretten auf ihrem Postillion auf und niedersteigen, und sich unter den Falten ihrer Respectueuse verbergen, oder andere dergleichen niedliche Imaginatiönchen. Wenn er nun merkte, daß sie Verstand und Geschmack genug hatte, mit seinen lieblichen Empfindungen zu sympathisiren, so fing er gemeiniglich an zu stammlen, sahe etwas schaafmäßig aus, und langte aus seiner Tasche einige von seinen Gedichten, die er ihr vorlas, und von Zeit zu Zeit mit seitwärts schielenden Augen, die Wirkung seiner Geistesfrucht, zu erforschen suchte. Erhielt er ein ruhiges Gehör, und durch einen lächelnden Mund und sanftes Kopfneigen einen gütigen Beyfall, so hatte er ein vergnügtes Tagewerk gehabt. Empfing er aber eine laute Bewunderung, bat man sich eine Abschrift des Gedichts aus, oder bemerkte er gar, daß der Busen seiner Zuhörerin sich zu einem Seufzer empor hob, oder daß sie aus blauen Augen, (denen er, als seinem eigenen schmachtenden Charakter am gemäßesten, vor allen andern den Vorzug gab,) einen empfindenden Blick auf ihn schießen ließ, so zerfloß er in sanften Empfindungen, überließ sich ganz einer zerschmelzenden Zärtlichkeit, und war von dem Augenblicke an, der Sclave der Schönheit, die, was er gedacht hatte, so gut zu empfinden wuste. Er holte aus der Begeisterung ihrer Augen, Stoff zu neuen Gedichten, und je mehr ihm diese gefielen, desto mehr gefiel ihm die Schöne die sie veranlaßt hatte und an die sie gemeiniglich gerichtet waren.

Doch so zärtlich seine Liebe war, so pflegte sie doch nicht allzulange zu dauren; nicht als ob er unbeständig gewesen wäre, sondern weil der Gegenstand seiner Zärtlichkeit gemeiniglich, nach einiger Zeit, seine Gedichte nicht mehr so feurig verlangte, und wohl gar unvermerkt seine Gesellschaft zu vermeiden suchte. So bald er dies merkte, ward er sehr traurig, klagte den Wäldern und den Fluren sein Leiden, tröstete sich aber, wenn ihm ein zärtliches Liedchen über die Untreue seiner Chloris gelang, und fand gemeiniglich um diese Zeit eine andere Zuhörerin, mit der er eben denselben Roman von vorn an spielte.

Dieser kleine Mann schien freilich denjenigen, die nicht ganz seine zuckersüßen Empfindungen nach empfinden konnten, etwas ungeschmackt, aber er war sonst das unschädlichste Geschöpfchen unter der Sonne. Er that nie etwas böses, war nachgebend, gefällig, mitleidig und gutherzig, beleidigte kein Kind, und beleidigt, war er nie geneigt sich zu rächen, kurz er war aller guten Eigenschaften fähig, zu denen nicht nothwendig Stärke des Geistes erfordert wird. Wenn es wahr ist, daß die schönen Wissenschaften, die Herzen ihrer Liebhaber erweichen, so waren sie es vermuthlich, die seine Seele so breyweich gemacht hatten, daß sie einer herzhaften That, oder einer lebhaften Entschließung, so wenig im Guten als im Bösen fähig war. Die lebhafteste Empfindung in seiner Seele, war immer die Begierde, seine Gedichte und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf milchweiß, und seine Spitzenmanschetten caffebraun gewaschen, dieser Absicht wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor, war gefällig, nachgebend, kam jedermann mit Höflichkeit zuvor, und pries mit gleicher Behendigkeit, bey den modischen Schönen das Putzwerk, bey den tugendhaften die Tugend, und bey den witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so unglücklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, als daß er darüber jemand anders, als den stillen Wänden sein Leid geklagt hätte, und zu gutherzig, als daß er diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, gehasset hätte. So bald er nur wirklich merkte, daß jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie ihm nie auf, sodaß, wenn er jemand zur Last fiel, es sicherlich ohne sein Wissen geschah, denn seine Absicht war allemahl, Vergnügen und Zufriedenheit, die er in so großem Maaße in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu verbreiten.

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