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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Erster Band

Vorrede.

Obgleich die leidigen Poeten, Komödien- und Romanenschreiber zu glauben pflegen, sie hätten das Leben ihres Helden weit genug beschrieben, wenn sie ihn bis zur Heurath bringen: so sind doch gründliche Gelehrten der Meinung, daß die Begebenheiten nach der Heurath oft viel merkwürdiger sind, als die Liebesbegebenheiten vor derselben. Die Liebesbegebenheiten sind zwar für junge Herren und für junge Jungfern anmuthiger zu lesen; aber gemeiniglich wird diese Anmuth auf Kosten der Wahrheit verschafft: denn die verliebten Scenen werden nicht so wie sie in der Welt vorgehen erzählet; sondern so wie es das Bedürfniß des Dichters, seine Geistesgaben zu zeigen, oder die Leidenschaften seiner Leser zu vergnügen, mit sich bringt. In dieser wahrhaftigen Lebensbeschreibung hingegen, wollen wir nichts der Anmuth oder des Wunderbaren wegen erdichten, sondern alles ganz einfältig erzählen, wie es vorgegangen ist. Es wird uns dazu nicht wenig beförderlich seyn, daß wir das Leben unsers Dorfpastors erst nach seiner Heurath zu beschreiben anfangen dürfen, indem schon ein anderer Verfasser die Liebesbegebenheiten desselben vor der Heurath, in dem bekannten prosaisch-komischen Gedichte Wilhelmine,Moritz August von Thümmel: Wilhelmine oder der vermählte Pedant, Leipzig 1764. Ein zeitgenössisches Erfolgsbuch, das die Verlobung und Hochzeit der Kammerzofe Wilhelmine mit dem Landpfarrer Sebaldus Nothanker erzählt und dabei satirisch das Leben am Hofe eines Duodezfürsten schildert. beschrieben hat.

Freilich ist dieser Verfasser ein Poet, und ist daher nicht, wie es einem gründlichen Geschichtskundigen gebühret, beflissen gewesen, eine richtige Chronologie zu beobachten und seine Erzählungen von allen Erdichtungen rein zu erhalten. Es sind daher manche Umstände sehr verdächtig, und er scheint nicht im Stande zu seyn, eine einzige von seinen Erzählungen, mit ungedruckten Urkunden zu belegen. Daß er der Chronologie nicht genugsam erfahren gewesen, ist offenbar, da er die Heurath des Sebaldus im Jahre 1762, und also, wie aus ächten brieflichen Urkunden zu erweisen, an zwanzig Jahre zu spät annimmt. Er ist hierinn eben so unachtsam, wie sein Mitbruder, der nachlässige Virgil, in dessen Aeneide die verpfuschte Chronologie, von den gelehrtesten Commentatoren, mit vieler Mühe kaum hat in Ordnung gebracht werden können.

In dieser wahrhaften Lebensbeschreibung hingegen, hat man die Zeitrechnung so genau beobachtet, daß man nicht allein das Jahr, sondern auch den Monath und den Tag angeben kann, wenn eine jede Begebenheit vorgegangen ist, und an vollständigen diplomatischen Beweisen wird diese Geschichte keiner andern nachzusetzen seyn. Wir haben die Vocation des Sebaldus und seine Absetzungsacte, die Predigten des Doctor Stauzius, Säuglings sämmtliche hieher gehörige Gedichte, Wilhelminens, und Sebaldus, Säuglings, Marianens, der Gräfin von ***, Rambolds und anderer Personen Briefwechsel, mit ihren Siegeln und Unterschriften, ja selbst einige sonderbare tironische Zeichen des Bauers, der den Sebaldus beherbergte, in Händen, mit welchen unverwerflichen ungedruckten Urkunden wir jedes Wort das wir gesagt, aufs glaubwürdigste belegen können.

Sie würden im Drucke nur etwan sieben bis acht Quartbände betragen. Demohngeachtet können sie bloß aus der Ursach nicht mit der Geschichte zugleich bekannt gemacht werden, wegen deren schon so manche trefliche Urkundensammlung ungedruckt geblieben ist; nämlich wegen des wenigen Geschmacks unsers Jahrhunderts an gründlichen Studien. Es ist dies sehr zu beklagen, aber es ist schwerlich ein Mittel vorhanden, die Bekanntmachung dieser nützlichen Urkunden zu befördern. Wir haben zwar noch einige ob gleich nur schwache Hofnung, auf den Herrn Generalsuperintendenten Pratje in Stade und auf den Hrn. Professor Cassel in Bremen gesetzt. Diese grundgelehrten Männer haben schon so viele tüchtige Bände voll Urkunden zu der Brem- und Verdischen Staats- Schul- und Kirchengeschichte ans Tageslicht gebracht, daß sich manche Leser einbilden, man habe für so wenig interessante Wahrheit, schon viel zu viel uninteressante Beweise erhalten. Wir sind aber dieser Meinung gar nicht, sondern leben vielmehr noch der Hofnung, daß diese Herren, die beweisenden Urkunden zu unserer Geschichte, als ein Supplement von Urkunden zur Bremischen Kirchengeschichte, durch ihre hebammliche Sorgfalt, ans Licht bringen könten; weil, wie aus der Folge erhellen wird, Sebaldus, in der Nachbarschaft von Bremen eine Zeitlang herumgewankt hat.

Sollte auch diese Hofnung fehl schlagen, so wäre der Vorschlag zu thun, daß einmahl irgend eine Gesellschaft der Wissenschafften, einen kritischen Auszug daraus, in einigen Bänden in Großoctav herausgebe, oder wenn auch hiezu alle Hofnung verlohren wäre, so ist kein anderer Rath, als daß die wenigen gründlichen Gelehrten, welche die diplomatischen Beweise zu untersuchen pflegen, dem Verfasser eben so gut auf sein Wort glauben müssen, als die vielen leichtsinnigen Leser, die die Urkunden doch nicht ansehen, wenn sie gleich den Geschichtbüchern des breitern beygefügt sind.

Da wir übrigens eine wahre Geschichte zu erzählen haben, so muß man in derselben weder den hohen Flug der Einbildungskraft suchen, den ein Gedicht haben müßte, noch den künstlich verwickelten Plan, den die Kunstrichter, von Theorie und Einsicht erfüllt, den Romanen vorschreiben. Alle Begebenheiten sind in unserer Erzählung so unvorbereitet, so unwunderbar, als sie in der weiten Welt zu geschehen pflegen. Die Personen welche auftreten sind weder an Stande erhaben, noch durch Gesinnungen ausgezeichnet, noch durch ausserordentliche Glücksfälle von gewöhnlichen Menschen unterschieden. Sie sind ganz gemeine schlechte und gerechte Leute, sie strotzen nicht so wie die Romanenhelden von hoher Imagination, schöner Tugend und feiner Lebensart, und die ihnen zustoßenden Begegnisse sind so, wie sie in dem ordentlichen Laufe der Welt täglich vorgehen. Solle bey allem diesem unsere Erzählung etwas langweilig werden, so trösten wir uns damit, daß mehrere gründliche deutsche Geschichtschreiber, die die unwidersprechlichsten Thatsachen in der besten Ordnung erzählen, das nämliche Schicksal gehabt haben.

Hingegen könte der Leser vielleicht, durch die in dieser Geschichte bekannt gemachten Meinungen, in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder Mensch seine eigenen Meinungen für sich hat: so wäre es möglich, daß unter den hier vorgetragenen Meinungen etwas neues und wenigstens in so fern interessantes vorhanden wäre. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters Sebaldus, aber man könnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht gänzlich darauf zu rechnen seyn dürfte, daß alle Meinungen die er erzählt, auch die seinigen wären.

Man beliebe nicht sich zu wundern, wenn es sich etwan ergeben sollte, daß, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen, als Geschichte und Handlungen vorkämen. Der ehrliche Sebaldus kannte die grosse Welt nicht, die die Engländer high-life nennen. Speculation war die Welt in der er lebte, und jede Meinung war ihm so wichtig, als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist dieses Werk auch gar nicht für die große Welt, sondern – deutsch heraus zu reden – nur für Gelehrten von Profession geschrieben. Wir hoffen nicht von der halbunangekleideten Schöne am Nachttische gelesen zu werden, die indem sie den Grazien opfert, auf Tant mieux pour elle einen schrägen Blick wirft; nicht von dem piruettirenden Petitmaiter, beym Aufstehen oder Frisiren, auch nicht wenn er en Chenille mit ungepuderten Haaren und hochaufgebundenem Cadogan von Toilette zu Toilette schwärmt; nicht von dem Hofmanne, der den Wink des Fürsten und des Ministers zu studieren versteht und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von der Buhlschwester; nicht von –

Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebäude der Wissenschaften aus einem Kapitel seines ontologischen Compendiums übersieht; ein feister Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worinn eine Ketzerey verborgen seyn könnte; ein weiser Schulmann, der über Handel Manufacturen und Luxus, Programmen geschrieben hat; ein Student mit der Kennermine, der auf Universitäten die Kunst aus dem Grunde studiert; ein belesener Dorfpastor, der die Statistik verbessern will, und über die politische Regierungskunst gelehrte Rathschläge geben kann; – so mögen sie hinzutreten und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem Geiste aufgetischt wird.

Dies ist wenigstens die Gattung Leser die wir uns gewiß versprechen, ob wir aber auch Leser anderer Art erhalten werden, ist eben so ungewiß, als das Schicksal überhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich ist zu vermuthen, daß durch viele Erzählungen, Spaltungen in der Kirche erregt werden möchten, und daß man in verschiedenen Meinungen, Abweichungen von den allgemeinen symbolischen Büchern, und von den besondern formulis committendi einzelner Kirchen entdecken könnte. Man wird vielleicht daraus schliessen, daß der Verfasser das Staatsrecht nicht verstehe, und daß er im Kirchenrechte gefährliche Neuerungen einzuführen zur Absicht habe. Man wird sich vielleicht ins Ohr raunen, daß er verschiedene Gelehrsamkeit nicht für Gelehrsamkeit, verschiedene Gelehrten nicht für gelehrt, und verschiedene berühmte Leute nicht für berühmt halte u. s. w.

Man könnte ihn sonach etwa zum Scheiterhaufen verdammen, in den Bann thun, in eine Vestung schicken, oder auch ein Buch wider ihn schreiben, ein Pasquill wider ihn machen, oder ihm in einer Recension beweisen, daß er kein gutes Herz habe, sondern ein hämischer und boshafter Mensch sey.

Doch vielleicht könnte auch von allem diesem nichts geschehen. Vielleicht lieset niemand dieses Buch, niemand findet etwas besonders darin, und es erregt vielleicht bloß die vorübergehende Aufmerksamkeit eines Gewürzkrämers, der schon bey sich überdenkt, welche dauerhafte Caffedüten aus dem haltbaren Papiere könnten gemacht werden.

Es dürften sich auch wohl einige wenige Leser finden, die sich an dem Leben des Sebaldus, bloß weil er ein ehrlicher aufrichtiger Mann ist, eine Viertelstunde ergötzen, oder von seinen Meinungen Gelegenheit nehmen möchten, über gewisse Materien weiter nachzudenken; da dies aber offenbar bey weitern die kleinere Anzahl seyn kann, so werden sie eben nicht in Anschlag kommen.

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