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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Drittes Buch.

Erster Abschnitt.

Sobald Mariane nebst ihrem französischen Namen auf dem Wohnsitze des Herrn von Hohenauf angelangt war, war die gute französische Aussprache die erste Sache wonach gefragt ward. Die gnädige Frau, die sehr füglich darüber urtheilen konnte, weil sie selbst mit einem angenehm gemischten halb thüringischen halb wetterauischen Accente französisch sprach, erklärte nach einer viertelstündigen Unterredung, daß Marianens Aussprache ohne Tadel sey, und fragte ihren neben ihr sitzenden Gemahl »ob sich nicht gleich die Aussprache einer gebohrnen Französinn, von der Aussprache einer Deutschen durch ein gewisses je ne sai quoi unterscheide?« welches dieser, den seine Gemahlinn schon seit den ersten Tagen ihrer Vermählung gewöhnt hatte, alles was sie mit einem gewissen Tone fragte, zu bejahen, mit einem deutlichen: »Allerdings!« bekräftigte.

Nun schritt die gnädige Frau zur Instruction der künftigen Hofmeisterinn ihrer Kinder. Der Hauptpunkt war, daß sie beständig französisch und niemals deutsch mit ihnen sprechen, und daß sie die Kinder anweisen sollte, sich als Personen von Stande zu betragen, und jederzeit artige Manieren zu haben. Hierauf ward gefragt, ob sie Gelegenheit gehabt habe, öfters Personen von Stande zu sehen und ihr Betragen zu beobachten. Mariane ob sie gleich hier eine Französinn vorstellte, hatte doch das zuversichtliche Bejahen noch nicht gelernt, welches schon oft, sowohl mancher französischen Hofmeisterinn und Kammerjungfer, als manchem französischen Kammerdiener und Projektmacher, aus der Noth geholfen hat; sie bekannte daher mit Erröthen, daß sie selten in dem Falle gewesen wäre.

»Desto schlimmer, sagte der Hr. von Hohenauf, denn bey der Erziehung vornehmer Kinder ist das nothwendigste, ihnen standesmäßige Manieren beizubringen. Zum Glück kann sie ihren Mangel abhelfen, Mamsell, wenn sie fleißig auf meine Gemahlinn Acht hat, denn die ist ein vollkommnes Muster standesmäßiger Aufführung.«

Die Frau von Hohenauf neigte ihr mit starken Knochen versehenes Vorderhaupt nachläßig auf die rechte Schulter, lächelte über ein paar vorwärts geworfene Lippen, blinzelte mit ihren grauen roth unterlaufenen Augen, und sagte:

»Sie sind sehr gütig Hr. von Hohenauf, aber wahr ists, daß ich eine gewisse Decence in meinem Betragen zu beobachten suche, die Personen vom Stande eigen ist. Hiernach, Mamsell, muß sie meine Fräulein auch bilden, daß sie sich niemals vergessen, sondern beständig vor Augen haben wer sie sind. Dies, Mamsell, muß Sie auch niemals aus den Augen lassen, sondern bedenken, daß sie in meinen Fräulein, Personen von Stande vor sich hat. Sie muß ihnen beständig mit Nachsicht begegnen, ihnen niemals befehlen, noch weniger gegen sie strenge oder unfreundlich seyn, wenn sie auch ein wenig Lebhaftigkeit zeigen; denn Jugend hat keine Tugend. Es ist genug, wenn sie nur die Decence und ihre Geburt nie vergessen. Nächstdem kann sie ihnen oft gute französische Bücher geben, daß sich der Geist aufklärt. Wir lassen deshalb monathlich den Mercure de France kommen, darin stehen die neuesten Enigmes und Logogryphes, wie sie am Hofe zu Versailles eben gänge und gäbe sind, auch schöne Poesies fugitives, davon müssen die Fräulein urtheilen lernen, damit sie, wenn künftig ihr Amant ihnen ein Madrigal à Silvie mit einem galanten Envoy zusenden wird, die Finesse davon einsehen, und mit Esprit antworten können. Auch sind in dem Mercure Nachrichten von den neuesten Opera comiques und von den neuesten Almanacs, Modes und Chansons, dadurch lernen sie, was izt in Paris du bon ton ist, zu loben. Hauptsächlich aber muß sie gute Romanen mit ihnen lesen, als Hippolyte Comte de Douglas, die Memoires d'une Dame de qualité qui ne s'est point retirée du Monde, die Lettres d'une Religieuse portugaise, u. s. w. damit die Fräulein beizeiten lernen, wie eine Affaire de Cœur geführet wird, und damit sie die grace plus belle que la beauté lernen, durch die unser Geschlecht über das männliche einen so sichern Sieg zu erhalten weiß.«

Hier minaudirte sie aus dem rechten Augenwinkel, in Ermangelung einer andern Mannsperson, auf ihren Gemahl, der dadurch beherzt gemacht, sein Wort auch dazu geben wolte, und sagte: »Imgleichen Gellerts Fabeln könnten auch wohl mit den Kindern gelesen werden.«

»Ja, versetzte die gnädige Frau, mit trübem Blicke, und etwas gerümpfter Nase: Gellerts Fabeln gehen allenfalls an, aber andere deutsche Bücher muß sie sie nicht lesen lassen, denn das deutsche Zeug nützt den Fräulein nichts, wenn sie nach Hofe kommen, Picard mein Homme de Chambre sagt immer, es ist kein brin von bon ton darin, und das ist auch wirklich wahr. Es klingt alles so deutsch, wahrhaftig ich bekomme Vapeurs, wenn ich nur die gothischen Buchstaben von ferne sehe.«

Marianen war alles unerhört, was ihr gesagt ward. Sie dünkte sich in einer ganz neuen Welt zu seyn. Sie verstand von dieser Rede, die noch dazu von einer etwas stämmigen deutschen Dame, in dem nachlässigen Tone einer Petite-Maitresse dahingelallt ward, nicht den dritten Theil; versprach aber doch mehrere Gelehrigkeit, als sie sich vor der Hand noch selbst zutraute. Eben so hörte sie, ohne ein Wort dawider einzuwenden, die Anordnung ihres häuslichen Lebens an, welche ihr bekannt gemacht wurde. Man sagte ihr nämlich, daß sie in Nebenstunden für die gnädige Frau und die beiden Fräulein Putz machen, und der Cammerjungfer helfen müsse Kleider garnieren. Man gab ihr zu verstehen, daß man erwarte, sie werde, wenn große Gesellschaft da wäre, helfen den Tisch anordnen, und wenn die Jungemagd viel zu thun hätte, auch darnach sehen, daß die Schränke gebohnt, und der Staub von den porcellanenen Aufsätzen abgewischt werde. Zuletzt erfuhr sie, daß sie zwar, wenn die Herrschaft allein wäre, der Fräulein wegen, die Gnade haben solte an die hochadeliche Tafel gezogen zu werden, wenn aber Gesellschaft da wäre, so würde sie sich selbst bescheiden, mit den übrigen Domestiken höhern Rangs zu essen.

Dies waren sämtlich Personen, die nützliche Talente besaßen, feine Sitten hatten, und die Welt kannten. Sie bestanden in dem französischen Friseur der gnädigen Frau, in dem Gerichtsactuar, der zu gleicher Zeit das Amt eines Tafeldeckers wahrnahm, in der Kammerjungfer der gnädigen Frau, die in den Kohlgärten vor Leipzig in der Schule der artigen Lebensart gewesen war, in der Ausgeberin, die bey einem Hauptmanne, dem sie drey Campagnen durch als Köchin gefolgt war, die Oekonomie gelernet hatte, in einem ausgedienten Fahnenschmiede, der im Hause ehrenhalber der Stallmeister des gnädigen Herrn titulirt ward, und in einem armen vater- und mutterlosen Verwandten, welcher von einem Regimente, unter das man ihn als Fahnjunker gebracht, bloß deswegen war weggejagt worden, weil er in der Schlacht bey Roßbach zuerst sich umgekehrt hatte. Freilich war diesem löblichen Beyspiele hernach das ganze Regiment gefolgt, doch ohne seine Schuld, indem er in der That schon über funfzig Schritte entfernt war, als es geschahe.

Dieser Herr Vetter ward auch, wie Mariane, wenn keine Gesellschaft vorhanden war, zur Tafel gezogen. Dagegen ließ er sich gefallen, allerhand kleine Dienste zu leisten, Z. B. den Stuhl wegzurücken, wenn seine gnädige Tante aufstand, den Pfropfzieher zu holen, wenn sein gnädiger Oheim trinken, oder die Pfeife zu stopfen, wenn er nach Tische rauchen wollte, laut zu lachen, wenn er einen Schwank erzählte, und den Augenblick stille zu schweigen, so bald sie durch eine gerunzelte Stirne zu erkennen gab, daß sie keinen Gefallen daran hätte. Er muste auf jede Frage sogleich eine Antwort bereit haben, und wenn die Antwort mißfiel, sich nicht verdrießen lassen, daß ihm stillzuschweigen geboten, oder er vom Tische aufzustehen befehliget ward, und muste nicht sauer aussehen, wenn er wieder erschien. Kurz, er hatte den Posten manches Kammerjunkers an manchen fürstlichen Höfen, einen Posten, der seines äusserlichen Glanzes wegen, von denen die ihn nicht haben können, so oft gewünscht, und von denen die ihn bekleiden, so oft vermaledeyet wird. Einen Posten, für den, ob ihn gleich so viele Deutsche besitzen, dennoch in der an Conversationsausdrücken armen deutschen Sprache noch keine besondere Benennung zu finden ist, und für den die in der Conversationssprache so reichen und scharfsinnigen Franzosen und Engländer, noch keine bessere Benennung haben finden können, als daß sie die Inhaber eines solchen Postens, Schlangen- und Krötenesser nennen.

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