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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Abschnitt.

Inzwischen konnte Sebaldus die Gespräche, die er mit dem Magister und mit dem Hieronymus gehalten hatte, gar nicht vergessen. Er sollte die ganze Idee, die er sich von dem Zwecke des gelehrten Lebens, und von dem Zustande der deutschen Schriftstellerey gemacht hatte, ändern. Er solte glauben, daß der gröste Theil der Schriftsteller von Profession, nicht so uneigennützig als er selbst, bloß um die Ausbreitung der Wahrheit besorgt wären. Dies war ihm unerträglich. Er redete also mit jedem von dieser Sache, der ihm vorkam. Besonders war er an einen seiner Nebencorrectoren gerathen, der es als eine Versorgung ansahe, wenn er bis zu dem Posten eines Uebersetzers fortschreiten könte. Er war auch so glücklich gewesen, wir wissen nicht, ob von einer Paraphrase übers neue Testament in einigen Foliobänden, oder von einer Antideistischen Bibel in einigen Quartbänden, die einem Uebersetzungsunternehmer in Pausch und Bogen war verdungen worden, durch die vierte Hand, ein halbes Alphabet zum Uebersetzen zu erhalten. Er hatte das Vergnügen seine Handschrift gedruckt zu sehen, und fand sich um einen Zoll größer als ein gemeiner Corrector. Er konnte nicht umhin, seinen Nebencorrector Sebaldus seine Größe fühlen zu laßen. Er war nicht wenig erstaunt, daß dieser, anstatt das Geschäft eines Uebersetzers, wie er, zu verehren, vielmehr davon mit der äußersten Verachtung sprach. Es entstand daher ein ziemlich lebhafter Wortwechsel zwischen ihnen, welcher endlich heftig ward, da sie, ich weiß nicht wie, auch auf die Apocalypse geriethen, wovon der Corrector die richtigen bengelischcrusianischen Begriffe hatte. Er erstaunte nicht wenig darüber, daß Sebaldus, anstatt die Apocalypse von der christlichen Kirche erklären zu wollen, sie für eine Wiederholung der Geschichte Frankreichs ausgab; aber er gerieth in Wuth da er vernahm, daß Sebaldus aus der Einrichtung des himmlischen Jerusalems die Endlichkeit der Höllenstrafen behaupten wolte. Er kreuzte und segnete sich über solche Ketzerey, und lief sogleich zu verschiedenen Buchdruckern, die ihm und Sebaldus die meisten Bogen zu corrigiren gaben. Er klagte ihnen, nicht etwa Sebaldus unrichtige Erklärungen der Apocalypse, welches vielleicht nicht viel Eindruck gemacht haben würde, sondern daß Sebaldus gegen jedermann die Uebersetzungsfabriken, als einen der Gelehrsamkeit nachtheiligen Mißbrauch verdammte, und daß er bey dieser Gelegenheit von den Buchdruckern und Verlegern, die mit Uebersetzungen ein nützliches Gewerbe treiben, nicht mit der gebührenden Ehrfurcht gesprochen habe. Sebaldus fand, als er wieder bey seinen gebietenden Herren erschien, die Mienen kalt, die Stirnen gerunzelt, darauf folgten Klagen über die schlechten Zeiten, welche machten daß itzt weniger gedruckt würde, und daß man ihm daher weniger Correcturen geben könnte. Er bekam in kurzem in der That gar keine mehr, und weil sein rachsüchtiger College ihn, als einen Menschen der die Endlichkeit der Höllenstrafen glaubte, an solchen Oertern abgemahlt hatte, wo dieser Vorwurf mehr Eindruck machte als bey Buchdruckern, so merkte er bald, daß jedermann sich für ihn scheuete. Im kurzem ward er genöthigt, die Dachstube, wo er vor kurzem so vergnügt gewesen, mit einem Keller in der Vorstadt zu vertauschen, worinn ihn ein armer Mann aufnahm, den er zur Zeit seines Wohlstandes, als Markthelfer bey einem Buchhändler angebracht hatte. Dieser Mann, und sein gewesener Nachbar der Magister, waren nun seine einzige Freunde, deren Gutthaten gerade hinreichend waren, ihm das Leben zu erhalten.

Eines Tages, den er ungegessen zugebracht hatte, war er gegen Abend zu seinem Freunde dem Magister gegangen, der sehr gern sein dürftiges Einkommen mit ihm theilte, und durch freundschaftliche und lehrreiche Gespräche seinem Geiste die Thätigkeit wieder gab, die das Elend zu vernichten pflegt. Er kam, zwar als es schon dunkel ward, doch beyzeiten, nach seinem Keller zurück, weil der Thorgroschen ein Capital war, das er zu sparen nöthig hatte. Er war schon in den finstern Gang hineingetreten, der zu seiner Schlafstäte führte, als er in einiger Entfernung sich etwas regen sahe, und bey näherer Untersuchung einen Menschen in einem Winkel sitzend fand. Sebaldus hielt ihn für einen Dieb, und ob er sich gleich etwas entsetzte, so sagte er doch ganz kalt: »Freund wenn du etwas zu stehlen suchst, so bist du hier an den unrechten Ort gekommen.« »Ach mein lieber Herr, antwortete eine unbekannte Stimme, ich bin kein Räuber, verrathen Sie einen Unglücklichen nicht.« »Nein Freund, sagte Sebaldus, ein Mensch der selbst elend ist, ist nicht grausam,« und hiemit ging er in die schon geöfnete Kellerstube, schlug Licht an, (denn sein Wirth, der Markthelfer, war noch nicht zu Hause,) und erblickte einen jungen Menschen wohlgestaltet, aber todtenblaß. Sebaldus bot ihm die Hand, führte ihn hinein, hieß ihn gutes Muthes seyn, und fragte wie er hieher käme. »Ich habe, sagte der Jüngling, studiert, aber ich habe mich, bey einer unglücklichen Schwärmerey auf einem Dorfe, welche die Jugend Lustbarkeit heist, in einer Stunde wo ich meiner Sinne nicht mächtig war, zum Soldaten anwerben lassen. Die Reue folgte auf diesen Schritt nur alzubald. Ich wuste, daß mein Vater Vermögen hat, meine Loßkaufung zu bezahlen. Er ist Generalsuperintendent in **–«

»Wie? in **? und er heist? –«

»Stauzius.«

»Ich kenne Ihren Vater, sagte Sebaldus sehr gelassen, und Sie sollen hier einen sichern Aufenthalt haben, bis Sie an Ihren Vater ihren Zustand melden können.«

»Ich habe bereits an meinen Vater geschrieben und habe ihn um Beystand ersucht. Er antwortete mir, daß er mit der Landkutsche, die morgen Vormittag hier ankommt, eintreffen werde. Ich solte aber schon, durch einen unwiederruflichen Befehl, morgen frühe mit einem Recrutentransporte abgehen. Ich befürchtete, daß alsdenn meines Vaters Hülfe zu spät seyn möchte, ich war außer mir, und da die Schildwacht auf einen Augenblick nicht aufmerksam war, entsprang ich im Dunkeln, und dachte in diesem Winkel unentdeckt zu bleiben. Was ich morgen thun solte, wuste ich nicht, und fast weiß ich es noch nicht, denn mein Vater ist ein strenger und harter Mann, und ich fürchte mich beynahe so sehr, ihm unter die Augen zu treten als meinen Werbern.« –

»Fürchten Sie sich nicht, er wird väterliche Gesinnungen haben; ich bin auch Vater, und weiß nur allzu gut, daß den, den auch fremdes Unglück nicht rührt, das Unglück eines Sohnes rühren wird. Ich will Ihren Vater aufsuchen, wenn es möglich seyn wird, ihn zu finden.«

»Er ist leicht zu finden, er wird im blauen Hechte abtreten, wo Sie nur nach dem Passagier fragen dürfen, der mit der jenaischen Landkutsche angekommen ist.«

Indem sie so redeten, kam der Hauswirth, der ehrliche Markthelfer, nach Hause. Ob er sich gleich vor den Soldaten sehr fürchtete, so ließ er sich doch, durch natürliches Mitleid und durch Sebaldus Zureden, bewegen den Fremden aufzunehmen, und stand ihm einen Antheil an dem gemeinschaftlichen Strohlager zu.

Des andern Morgens ging Sebaldus beizeiten nach dem blauen Hechte, und ward sogleich in das Zimmer des Fremden den er suchte, geführet. Die Kleidung des Sebaldus, und die Hagerkeit seines Gesichts zeigte, daß er ein Sohn des Elendes war, und Stauzius, den das Bewustseyn seiner eigenen Wichtigkeit niemals verließ, konte, als er ihn erblickte, sich nichts anders vorstellen, als daß er, vom Elende daniedergedrückt, eine reinere Orthodoxie angeloben, und sich zu anderweiter Beförderung empfehlen wollte. Weil er aber noch nicht geneigt war, einem alten Gegner seiner Meinungen so geschwind zu vergeben, daß dessen Grundsätze vernünftiger gewesen als die seinigen, so fuhr er ihn beym ersten Anblick an: »Ist es nicht entsetzlich, daß einen die Bettler überlaufen, wenn man kaum aus dem Wagen gestiegen ist! Was will er Freund? Denke er nur nicht, daß ich ihm glauben werde, wenn er mir etwas vom Verlaßen seiner Irrthümer vorschwatzen will; das sind lauter leere Worte. Er ist viel zu lange bey seinen grundstürzenden Irrthümern verharret, als daß man von ihm eine aufrichtige Beßerung hoffen könte. Wir wollen bey uns keine Wölfe in Schaafskleidern haben; ich möchte einem Menschen, der einmahl so verdammliche Grundsätze gehabt hat, nicht einmahl einen Küsterdienst anvertrauen. Was will er also von mir? ich kann ihm nicht helfen.« – Sebaldus antwortete sehr gelassen: «Ich komme nicht meinetwegen; ich kenne Sie und mich zu genau, als daß ich von Ihnen Hülfe erwarten solte.« – »Und doch, – sagte Stauzius, (der den Sebaldus von oben bis unten ansahe, und in diesem Augenblicke auf seine Leibesgestalt ein Project bauete,) und doch könte ich ihm vielleicht einige Hülfe angedeihen laßen; er ist in elenden Umständen, das sehe ich, im geistlichen Stande ist nichts für ihn zu thun, was will er also anfangen. Höre er an, er ist beinahe sechs Fuß hoch, werde er Soldat; zwar ist er nicht mehr jung, aber die Größe wird machen daß mans nicht so genau mit dem Alter nehmen wird. Kann er ja die Strapatzen nicht ausstehen, so wird er ins Lazaret gebracht, und da ist er versorgt. Lasse er sich also anwerben, es werden sich Leute finden, die ihm ein gutes Handgeld geben werden.«

Sebaldus sagte lächelnd: »Es war eine Zeit, wo es mir sehr übel genommen ward, daß ich Leuten gerathen hatte in den Krieg zu gehen.«

»Ja, das war etwas anders, an heiliger Stäte schickte sich dies nicht. Aber itzt« –

»Soll ich an Ihres Sohnes Stelle vielleicht Soldat werden?« –

»An meines Sohnes Stelle? was weiß er von meinem Sohne?«

»Ich weiß daß Ihr Sohn sich hat anwerben lassen, daß er gestern Abend aus der Wache entsprungen ist, daß ich ihn bey mir aufgenommen habe, und daß ich bloß zu Ihnen gekommen bin, um ihnen zu melden, daß er bey mir in sicherer Verwahrung bleiben soll, bis Sie sein Schicksal werden können zu verbessern suchen. Ich verlange von Ihnen keinen Dank dafür, weil ich gegen einen Menschen Mitleiden empfunden habe, und es ihm bloß deshalb nicht habe versagen wollen, weil ich erfuhr, daß er Ihr Sohn war. Wollen Sie noch, daß ich mich für ihn anwerben lassen soll? Wenn dis das einzige Mittel wäre, Sie und Ihren Sohn glücklich zu machen, so wäre es in dem Elende in dem ich schmachte, doch nur ein geringes Opfer. –«

Stauzius war ganz erstaunt und versetzte stammlend, daß Sebaldus – wirklich sehr gütig wäre; und nun folgte eine Unterredung, deren Schluß war, daß der junge Stauzius so lange beym Sebaldus bleiben solte, bis der Vater seine Loßlassung bewirkt hätte.

Nun ging Sebaldus nach Hause, den Jüngling zu trösten. Aber er hatte kaum Zeit, das vorgegangne zu erzählen, als ein Commando Soldaten in die Stube stürzte, und beide auf die Hauptwache schleppte, wo sie den ehrlichen Markthelfer schon fanden.

Stauzius erfuhr diesen Vorfall sehr bald, und dachte ihn auch zu seinem Vortheile anzuwenden. Es war ihm rechter Ernst gewesen, Sebaldus an seines Sohnes Stelle zu setzen, und er glaubte nun desselben Loslaßung um einen desto wohlfeileren Preis zu bewirken, da er zwey Personen an seine Stelle geben konte. Er fand aber sehr bald, daß der Hauptmann gar nicht geneigt war, zween Recruten die er schon in seiner Gewalt hatte, an die Stelle eines den er losgeben solte, sich vorschlagen zu lassen, und daß die Loslaßung des jungen Stauzius izt weit mehr Schwierigkeiten habe, als vorher.

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