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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Seb. Alles was Sie mir sagen, ist mir unerhört. Also giebt es unter den Uebersetzungen, und unter den Uebersetzern auch wohl einen Rang oder Unterschied.

Mag. Allerdings! Ein Uebersetzer aus dem engländischen ist vornehmer, als ein Uebersetzer aus dem französischen, weil er seltener ist. Ein Uebersetzer aus dem italienischen läßt sich schon bitten, ehe er zu arbeiten anfängt, und läßt sich nicht allemahl den Tag vorschreiben, an dem er abliefern soll. Einen Uebersetzer aus dem spanischen aber, findet man fast gar nicht, daher kömmt es auch, daß zuweilen Leute aus dieser Sprache übersetzen, wenn sie sie gleich nicht verstehen. Uebersetzer aus dem lateinischen und griechischen sind häufig, werden aber gar nicht gesucht, daher bieten sie sich mehrentheils selbst an. Außerdem giebt es auch Uebersetzer, die zeitlebens gar nichts anders thun als übersetzen; Uebersetzer, die ihre Uebersetzungen in Nebenstunden zur Erholung machen, wie die Frauenzimmer die Knötchenarbeit, Marly und Filet; Vornehme Uebersetzer, diese begleiten ihre Uebersetzungen mit einer Vorrede, und versichern die Welt, daß das Original sehr gut sey; Gelehrte Uebersetzer, diese verbessern ihre Uebersetzungen, begleiten sie mit Anmerkungen und versichern, daß es sehr schlecht sey, daß Sie es aber doch leidlich gemacht hätten; Uebersetzer, die durch Uebersetzungen Originalschriftsteller werden, diese nehmen ein französisches oder engländisches Buch, lassen Anfang und Ende weg, ändern und verbessern das übrige nach Gutdünken, setzen ihren Namen keck auf den Titel, und geben das Buch für ihre eigene Arbeit aus. Endlich giebt es Uebersetzer, die ihre Uebersetzungen selbst machen, und solche die sie von andern machen lassen.

Seb. Sie vergeßen, dünkt mich, noch einen wichtigen Unterschied, unter den Uebersetzern, die die Sache und beide Sprachen verstehen, und denen, die nichts davon verstehen. Ich glaube diesen Unterschied bey den wenigen Uebersetzern gemerkt zu haben, die neue Uebersetzungen der Apocalypse versuchten.

Mag. Vielleicht mag dis bey der Apocalypse einen merklichen Unterschied machen, aber bey unsern gewöhnlichen Uebersetzungen aus dem französischen und dem engländischen wird so genau darauf nicht geachtet.

Seb. Aber ich dächte dis wäre das vornehmste, worauf besonders der Verleger, seines eigenen Nutzens wegen, Acht haben müste.

Mag. Keinesweges! Hieran denkt er gemeiniglich gar nicht, oder sehr wenig. Wenn er drey Alphabete in groß Octav oder in groß Quart zu Completirung seiner Meße noch nöthig hat, so sucht er unter allen neuen noch unübersetzten Büchern von drey Alphabeten dasjenige aus, dessen Titel ihm am besten gefällt. Hat er einen Uebersetzer gefunden (welches eben nicht schwer ist), der noch drey Alphabete bis zur nächsten Messe zu übersetzen Zeit hat, so handeln sie über den armen Franzosen oder Engländer, wie zween Schlächter über einen Ochsen oder Hammel, nach dem Ansehen, oder auch nach dem Gewichte. Wer am theuresten verkauft, oder am wohlfeilsten eingekauft hat, glaubt, er habe den besten Handel gemacht. Nun schleppt der Uebersetzer das Schlachtopfer nach Hause, und tödtet es entweder selbst, oder läst es durch den zweyten oder dritten Mann tödten.

Seb. Durch den zweyten oder dritten Mann? Wie ist das zu verstehen?

Mag. Dis ist eben das fabrikenmäßige beym Uebersetzen. Sie müssen wissen, daß es berühmte Leute giebt, die die Uebersetzungen im Großen entrepreniren, wie ein irrländischer Lieferant das Pöckelfleisch für ein spanisches Geschwader, und sie hernach wieder an ihre Unterübersetzer austheilen. Diese Leute haben von allen neuen übersetzbaren Büchern in Frankreich, Italien und England die erste Nachricht, wie ein Mäckler in Amsterdam Nachricht von Ankunft der ostindischen Schiffe im Texel hat. An diese wenden sich alle Buchhändler, die Uebersetzungen haben wollen, und sie kennen wieder jeden ihrer Arbeiter, wozu er zu gebrauchen ist, und wie hoch er im Preise stehet. Sie wenden ihnen Arbeit zu, bestrafen sie wenn sie säumig sind mit Entziehung ihrer Protection, merzen die Fehler ihrer Uebersetzungen aus, oder bemänteln sie mit ihrem vornehmen Namen, denn mehrentheils sind Entrepreneure von dieser Art stark im Vorredenschreiben. Sie wissen auch genau, wie viel Fleiß an jede Art der Uebersetzung zu wenden nöthig ist, und welche Mittel anzuwenden sind, damit ihre Uebersetzungen allenthalben angepriesen, und dem berühmten Manne öffentlich gedanket werde, der die deutsche gelehrte Welt damit beglückt hat.

Seb. Sie wissen, wie viel Fleiß an eine jede Art der Uebersetzung zu wenden nöthig ist? Gehört denn nicht einerley Grad von Fleiße zu jeder Uebersetzung, wenn sie in ihrer Art gut seyn soll?

Mag. Keinesweges! Dis kann nach den Umständen sehr verschieden seyn. Z. B. Zu theologischen Büchern thut gemeiniglich ein Hochwürdiger Herr einem Buchhändler den Vorschlag, sie unter seinem Namen und mit seiner Vorrede übersetzen zu lassen, es versteht sich aber, daß er das Buch nicht selbst übersetzt, sondern er giebt es gegen zwey Drittheile der mit dem Verleger abgeredeten Bezahlung, an einen seiner Arbeiter ab. Dieser verdingt es gemeiniglich gegen drey Viertheil dessen was ihm der Hochwürdige Herr gönnen will, an einen dritten, der es zuweilen, wenn die Fabrik stark gehet, an einen vierten gegen funfzehen Sechzehntheile deßen was er bekomt, abläßt. Dieser übersetzt es wirklich, so gut oder schlecht er kann. Bey dicken Beweisen daß der Meßias schon gekommen ist, bey biblischen Geschichten in zwölf Bänden, bey voluminösen Dogmatiken, bey Predigten aus dem französischen oder engländischen übersetzt, kann dis ohne Bedenken gewagt werden, denn die Leser, die solche Bücher lesen, merken nicht, ob irgendwo etwas falsch sey, und die theologischen Kunstrichter sind nicht so schlimm, daß sie durch den Namen eines berühmten Vorredners oder durch ein höfliches Schreiben eines Bruders im Herrn, nicht solten zur Duldung und Schonung einer schlechten Uebersetzung bewegt werden können. Die Ausgaben der Uebersetzungen historischer Werke, Reisebeschreibungen u. d. gl. sind meistens das Werk der Buchhändler, die sich dazu einen Wohlgebohrnen oder Hochedelgebohrnen Herrn aussuchen, weil in diesem Fache die Uebersetzungsentrepreneure nicht so häufig sind, als im theologischen Fache. Doch werden solche Uebersetzungen gemeiniglich auch an Unterarbeiter ausgetheilt. Diese müßen sich aber schon mehr in Acht nehmen, daß sie wenigstens die eigenen Namen richtig übersetzen und die Jahrzahlen recht abschreiben, denn auf solche Sachen lauren unsere historische Recensenten wie Falken. Dagegen ist auch nicht so viel daran gelegen, wenn sie die Vorstellungen der Begebenheiten und die eingestreute Reflexionen etwas flüchtig und schielend übersetzen, denn sie werden auf die Art der Schreibart einiger deutschen Geschichtschreiber desto ähnlicher, die in ihrer Freunde gelehrten Zeitungen und Journalen gewohnt sind am lautsten gelobt zu werden. Aber neue Komödien und neue Romanen muß meistens der selbst übersetzen, der als Uebersetzer bekannt seyn will, denn diese Bücher kommen alzuvielen Lesern in die Hände, und die Kunstrichter sind hier gleich bey der Hand, und lassen sich selten durch einen berühmten Namen vom Tadel abschrecken.

Seb. Ich erstaune immer mehr über das was Sie mir sagen. Es ist mir, als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie können auch unmöglich Deutschland im Sinne haben.

Mag. Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schönen Welt der Imagination, wo jeder berühmte Mann viele Verdienste hat, wo jeder Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre Nachrichten vom Buche enthalten, wo niemals ein Journalist den Schriftsteller dem er nicht wohl will anschwärzt, wo kein beleidigter Schriftsteller Cabalen macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemahl tugendhaft, und ein Lehrer der Weisheit weise ist. Mein lieber Freund! träumen Sie nicht fort, so angenehm Sie auch träumen mögen, sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, so werden Sie finden, daß das, was ich Ihnen sage, keine Erdichtung ist.

Seb. Nun wenn auch jemand einmahl so etwas unternähme, so kann doch das Publicum nicht lange in der Verblendung bleiben, und denn wird es aus mit der Fabrik seyn.

Mag. Unser Publicum ist sehr nachsehend, zumahl bey dicken Büchern, welches diejenigen sind, die die Uebersetzer von Profession am liebsten wählen. Ich versichere Sie, daß wenigstens der dritte Theil der deutschen Bücher auf diese Art fabricirt wird. Denn ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß beinahe die Hälfte der neuen deutschen Bücher Uebersetzungen sind, und ich sage gewiß zu wenig, wenn ich nur zwey Drittel der Uebersetzungen als Fabrikenarbeit ansehe.

Seb. Gott behüte! Die Hälfte unserer neuen Bücher sind Uebersetzungen? Was wird denn alles übersetzt.

Mag. Was? Bogen und Alphabete! Was darauf steht, darum bekümmert sich weder Verleger noch Uebersetzer, zum höchsten der Leser, wenn er will und kann.

Seb. Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden seyn.

Mag. Ach nicht doch! Die Leser der Uebersetzungen sind gutwillige Seelen. Sie haben gegen alles was schwarz auf weiß gedruckt ist, eine große Ehrerbietung. Und wenn ihnen auch etwas nicht recht gefällt, so nehmen sie die Schuld selbst auf sich, und zählen Uebersetzer und Verfasser los. Kein deutscher Leser wird das Unglück einer neuen Uebersetzung machen, so wenig als noch ein deutsches Parterre jemals eine neue übersetzte Komödie ausgepfiffen hat.

Seb. Aber wenn auch niemand es merket, so ist es doch allemahl einem Gelehrten unanständig, die Gelehrsamkeit bloß zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen, und die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen.

Mag. Seyn Sie aus alzugroßer Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fodern, als es um sie verdient. Wo ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo ist es möglich, ohne besonders glükliche Umstände, die Muße zu finden, die ein Schriftsteller braucht, wenn er in seiner Kunst groß werden will. Unser bestes wünschenswürdigstes Schicksal ist ein Amt, in dessen Erwartung wir verhungern müssen, wenn wir kein Erbtheil zuzusetzen haben, und bey dem wir, wenn wir es erhalten haben, vor vieler Amtsarbeit, alle Gelehrsamkeit vergessen. Unsere beste Schriftsteller haben zuweilen, die Muße, die sie zu ihren vortreflichsten eigenen Werken nöthig gehabt haben, durch fabrikenmäßige Uebersetzungen, kümmerlich verdienen müssen. Es ist leider fast gar kein anderes Mittel da, um einen Gelehrten der kein Amt hat und kein Amt bekommen kann, vor dem Hunger zu verwahren. – Verlangen Sie nicht mehr, als wir leisten können.

Seb. Das Bild das Sie machen ist sehr traurig. Aber ich bleibe dennoch dabey, daß Entwicklung und Verbreitung der Wahrheit die Hauptpflicht eines Autors sey. Ich würde niemals daran gedacht haben, einen Commentar über die Apocalypse zu schreiben, wenn ich nicht geglaubt hätte, unbekannte nützliche Wahrheiten entdeckt zu haben.

Mag. Die auch trotz ihrem Commentar unbekannt bleiben werden. Denn glauben Sie mir, Bengel ist im Besitze des apocalyptischen Reichs, aus dem Sie ihn nicht vertreiben werden. Wir haben in Deutschland noch kein Beyspiel, daß einem abgesetzten Dorfpfarrer mehr wäre geglaubt worden, als einem Prälaten.

Seb. Ich kan über das Schicksal meines Commentars ruhig seyn. Genug wenn ich die Wahrheit sage, wie ich sie erkenne, und weil es Wahrheit ist, und nicht deswegen, weil ich mit einem Buchhändler einen Contract gemacht habe ihm funfzig Bogen zu liefern. Wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn der gröste Theil der Schriftsteller nicht die Beförderung der Gelehrsamkeit, sondern die Beförderung ihres Ruhms und Nutzens sucht.

Mag. Und wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn deutsche Gelehrsamkeit in unserm eigenen Vaterlande ein Schimpf ist, wenn das sicherste Mittel zu darben ist, sich auf Kenntnisse zu legen, die die Seelen unserer Mitbürger erleuchten, aber nicht ihren Wollüsten dienen, oder ihren Beutel füllen können, wenn kein einziges Mittel übrig bleibt, dem Gelehrten, der weder Kuppler noch Plusmacher seyn will, in der Welt sein Auskommen zu geben, wenn man uns recht zu belohnen denkt, sobald man uns auf eine Universität schickt, wo wir unsere nöthige Einkünfte von dem Wohlwollen einer unwissenden und ungezähmten Jugend suchen müssen, oder uns in ein Amt verstößt, wo uns alles was wir gelernt haben, unnütz ist, und wo uns die edle Empfindsamkeit, welche durch die Wissenschaften in unsern Seelen verbreitet worden, die Ausübung dieses Amts weit beschwerlicher macht, als einem rohen Diener der Absichten jedes Gewaltigen im Lande.

Seb. Ich bin ganz außer mir, über alles was ich hören muß. So schlecht siehet es mit der Gelehrsamkeit in Deutschland aus? Wohin soll es mit Wahrheit und Tugend kommen, wenn die Gelehrten, die derselben Herolde seyn solten, nur Eigennutz und Eigenlob suchen? Wie soll unser Vaterland durch die Wissenschaften erleuchtet werden, wenn man sie zu einem niedrigen Gewerbe misbraucht? Nein! dis ist mir ein unerträglicher Gedanke.

Mag. Geben Sie sich zufrieden! Was ist der deutschen Gelehrsamkeit damit geholfen, wenn ein paar arme Correctoren eine unruhige Nacht haben. Wir wollen uns die Fehler unserer Litteratur und unserer Gelehrten nicht verhelen, aber wir wollen auch das entschuldigen, was, ohne die Schuld unserer Gelehrten, nicht anders seyn kann.

Hiermit gab der Magister dem Sebaldus die Hand, und wünschte ihm eine gute Nacht.

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