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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Mag. Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum Schriftsteller, Sie kommen in Feuer wenn Sie von Ihrem Buche reden. Doch scheint es mir, indem Sie mir beweisen wollen, daß die Ruhmsucht nicht der Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so rühmen Sie sich so sehr als man sich rühmen kann.

Seb. Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausführung eines nützlichen Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen Manne angenehm, und kann mit der Begierde der Welt zu nützen, sehr wohl bestehen, und so wird es vermuthlich auch wohl mit den Nebenabsichten seyn, die Sie den Schriftstellern schuld geben.

Mag. Nicht völlig eben so. Die meisten Schriftsteller schreiben, um bekannt zu werden, ein Amt zu erschreiben, einem Patron ein Buch zu dediciren, einen Freund zu erheben, oder einen Feind zu erniedrigen, und sie denken mehrentheils nicht daran, ob die Welt von ihren Büchern Nutzen oder Schaden habe, wenn sie nur ihren Privatendzweck erreichen.

Seb. Den können sie aber nicht erreichen, wenn sie nicht zugleich etwas nützliches schreiben. Denn es kann doch niemand so unverschämt seyn, ein Buch herauszugeben, um etwas bekanntes oder langweiliges oder nichtsbedeutendes zu sagen.

Mag. Das sollte freilich nicht seyn, wie will es aber ein armer Schriftsteller machen, wenn er nichts neues intereßantes und wichtiges zu sagen hat, und doch ein Buch schreiben soll. Meinen sie nicht, daß ein wichtiges und nützliches Buch viel Geschicklichkeit erfodere, daß man sehr viel mehr wißen müße, als was man sagt, daß man vorher alles nachlesen müße, was andere bekannte Schriftsteller über diese Materie geschrieben haben, daß man sich aber doch nicht müße merken laßen, wie viel man gelesen habe, daß man seine ganze Materie wohl überlegen und anordnen müße, und daß zu allem diesen sehr viel Zeit und Arbeit gehöre?

Seb. Allerdings!

Mag. Meinen Sie aber, daß der, der bekannt werden, ein Amt erschreiben, seinem Patron ein Buch dediciren, seinen Freund erheben oder seinen Feind erniedrigen will, allemahl Geschicklichkeit haben werde, oder viel Zeit und Arbeit werde anwenden können?

Seb. Nein! Wenn aber dis nicht ist, so muß er auch gar kein Buch schreiben, denn den wahren Hauptzweck des Schriftstellens unwichtigen Nebenzwecken aufopfern, ist eines wahren Gelehrten ganz unwürdig.

Mag. Ja freilich eines Gelehrten! Aber ein Schriftsteller, kann es im Laufe seines Gewerbes nicht so genau nehmen.

Seb. Ich weiß nicht wie Sie sprechen. Ein Buchdrucker oder ein Buchhändler, mag ein Gewerbe mit Büchern haben, aber ein Schriftsteller ist ein Gelehrter, der der Welt nützliche Kenntniße mitzutheilen sucht, der Wahrheit und Weisheit befördern will.

Mag. Ihre Einbildungskraft, mein liebster Freund, fliegt noch ziemlich hoch, laßen Sie sich herunter, und kommen Sie der Erde näher. Der gröste Haufen der Schriftsteller von Profeßion, treibt ein Gewerbe, so gut als die Tapetenmaler oder die Kunstpfeifer, und sieht die wenigen wahren Gelehrten, fast eben so, für zudringliche unzünftige Pfuscher an, als jene Handwerker einen Mengs oder Bach. Durch dis Gewerbe, und nicht durch die Begierde das menschliche Geschlecht zu erleuchten, entsteht die unsägliche Menge von Büchern die Sie so bewundert haben; denn Leipzig ist freilich seit mehr als hundert Jahren die Stapelstadt der Waaren, die diese gelehrten Handwerker zu jeder Meße verfertigen.

Seb. Sie haben ein sonderbares Vergnügen daran, Wörter zusammenzusetzen, deren Begriffe offenbar miteinander zu streiten scheinen. Gelehrsamkeit ein Handwerk? Bücherschreiben ein Gewerbe?

Mag. Allerdings, und zwar ein solches Gewerbe, worin jeder den Nutzen so sehr auf seine Seite zu ziehen sucht, als es nur möglich ist. Der Autor will gern dem Verleger so wenig Bogen Manuscript als möglich, für so viel Geld als möglich ist, überliefern. Der Verleger will gern so viele Alphabete als möglich, so wohlfeil als möglich einhandeln, und so theuer als möglich verkaufen. Der Autor will gern so wenig Zeit, Mühe, Ueberlegung und Geschicklichkeit an sein Buch wenden, und doch so viel Ruhm, Belohnung, Beförderung, von der Welt einärndten, als möglich. Zu dem letzten sind leider nur allzuviel Mittel vorhanden.

Seb. Sie sagen mir da so unerhörte Sachen, daß ich vor großem Erstaunen mich fast nicht getraue, ein Wort dagegen zu sagen, und doch begreife ich alles ganz und gar nicht. Was für Mittel können vorhanden seyn, durch ein Buch Ruhm und Belohnung zu erlangen, in dem man nicht Talente zeigt und auf das man wenig Zeit gewendet hat?

Mag. Ey sehr viele. Z. B. ein Profeßor muß Amtswegen ein Collegium lesen, dazu schreibt er ein besonderes Compendium der ganzen Wissenschaft. Dis kostet wenig Zeit und Mühe, erfordert auch wenig Talente, und doch giebt es bey den Studenten das Ansehen, als ob man die Sachen besser verstehe als seine Vorgänger, und bey der Welt das Ansehen, als ob man ein Buch schreiben könne.

Seb. Aber die Welt kan doch unmöglich ein bloßes Compendium einer bekannten Wissenschaft für ein Buch ansehen.

Mag. Die deutsche Welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viele Compendienschreiber für Schriftsteller aufdringen laßen. Und denn weiß mancher Lehrer noch wirthschaftlicher mit seinem Pfunde zu wuchern. Will das Compendium nicht Ruhm gnug bringen, so läst man einen Theil des Discurses oder der Amplification des Compendiums unter einem Modetitel drucken, und denn ist man ein Schriftsteller in bester Form.

Seb. Ja! aber doch sind meines Erachtens, Studenten und Leser sehr unterschieden.

Mag. Ja freilich, darum werden auch die Stadthistörchen, die Anspielungen auf die Herren Collegen, die Schwänke die die Benevolenz der Herren Commilitonen captiviren sollen, weggelassen, wenigstens von denen, die Kenntniß der Welt und Lebensart im Munde führen.

Seb. Das ist ganz gut! Aber ich dächte doch, der ganze Ton müste verändert werden. Ein Lehrer kann voraussetzen, daß er mehr Einsichten habe als seine Zuhörer, deshalb kann er ihnen manches sagen, daß er den Lesern mit Anstand nicht sagen darf, weil er vermuthen kan, daß darunter viele seyn möchten, die eben so viel, und mehr Einsicht haben als er.

Mag. Sehr wenige Profeßoren denken so delicat als Sie, ich kenne mehr als einen, der seine Leser völlig eben so anredet und unterrichtet, als ob sie lauter junge Studenten wären.

Seb. Das befremdet mich sehr. Ich wenigstens wenn ich in dem Falle wäre, würde mir immer vorstellen, daß die erleuchtetesten Leute meiner Zeit meine Leser seyn könnten, und welche armselige Figur ich gegen sie machen müste, wenn ich ihnen ganz bekannte Sachen vordociren wolte, die sie viel besser wüsten. Ueberhaupt dächte ich, ein Lehrer in einem Collegium für junge Leute, müsse sich nach dem Verständnisse des Geringsten unter seinen Zuhörern bequemen, hingegen ein Schriftsteller, suche hauptsächlich den Verständigsten unter seinen Lesern zu gefallen, daher könne ein gutes Collegium, doch schwerlich ein gutes Buch werden.

Mag. Ey sie machen sich feine Schwierigkeiten! Wissen Sie hiemit, was gedruckt werden kann, kann ein Buch werden. Eine Dißertation, eine Prolusion, eine Oration, ein Programma, ein Oster- oder Pfingstanschlag den ein Schulmann oder Profeßor amtshalber schreiben muß ist ja wohl noch weniger ein Buch.

Seb. Ich wenigstens halte die Verfertigung solcher Aufsätze für ein Opus operatum, bei dem gewöhnlicherweise mehr die Hand als der Kopf nöthig ist.

Mag. O man kann ein Schriftsteller von vielen Bänden werden, ohne den Kopf sonderlich anzustrengen. Was denken Sie wohl Z. B. von einem Prediger der seine gehaltene Predigten drucken läst?

Seb. Wenn meine Gemeinde meine Predigten verlangte, so würde ich sie sehr gern zu ihrem Gebrauche drucken lassen, denn warum solte ich ihr nicht schriftlich sagen, was ich ihr mündlich gesagt habe? Aber auch bloß für meine Gemeine solten meine Predigten gedruckt werden. Ich habe meine Predigten immer besonders nach den Umständen meiner Gemeine eingerichtet. Nun würde ich immer denken, die Welt würde nicht weiter nutzen können, was ich blos meiner Gemeine, gesagt habe, als das, was ich als Vater meinen Kindern zu ihrem bessern Verhalten eingeschärft habe.

Mag. Vielleicht würde doch die Welt, das was Sie so bescheiden ankündigen, mit mehrerm Nutzen lesen, als die Predigten der Herren, welche die ganze Welt für ihre Diöcese halten.

Seb. Es kan seyn, daß auch in meinen Predigten etwas gemeinnütziges ist, aber doch würde das Bändgen, das ich mir der Welt vorzulegen getraute, immer sehr klein seyn.

Mag. Das Bändgen? Wer sich recht auf Predigtschreiben legt, hört vor dem dreizehnten oder vierzehnten Bande nicht auf.

Seb. Wie? dreyzehn oder vierzehn Bände Predigten? dazu gehört mehr Herz als ich habe!

Mag. Freilich Sie haben viel Bedenklichkeiten. Wenn Sie eine Dedication an einen Patron zu machen hätten, und sie könnten kein Buch schreiben, so dächten Sie auch wohl nicht daran, das erste beste Buch wieder drucken zu laßen, und es ihrem Gönner zuzueignen?

Seb. Ich dächte wenigstens, der Patron würde mir nur wenig danken, wenn ich ihm anstatt etwas neues, nur etwas aufgewärmtes versetzte.

Mag. Als wenn der Patron nicht zufrieden seyn müste, daß sein Namen vor dem Buche stehet, und als wenn er es auch noch würde lesen wollen! Gnug daß Ihnen mancher Journalist danken wird, daß Sie durch die neue Herausgabe, unserer Litteratur einen so großen Dienst geleistet haben. Und sie werden noch dazu als ein wichtiger Mann erscheinen, wenn Sie dem Buche eine Vorrede vorsetzen, um es durch ihren Namen der Welt anzupreisen.

Seb. Aber wenn man nicht wirklich sehr berühmt ist, so gehört viel Charletanerie dazu, so eine vornehme Mine zu affectiren.

Mag. Ja! wenn Sie ihren Namen selbst nicht für berühmt halten, so sind sie auf gutem Wege, ihn nie berühmt zu machen. Ich merke wohl Sie wollen incognito arbeiten; damit ist Ihnen auch zu dienen. Da ist mehr als ein Verleger, der seinen Autoren aufträgt was er zu brauchen denkt: Geschichte, Romanen, Mordgeschichte, zuverläßige Nachrichten, von Dingen die man nicht gesehen hat, Beweise, von Dingen die man nicht glaubt, Gedanken, von Sachen die man nicht versteht. Ich kenne einen der in seinem Hause an einem langen Tische zehn bis zwölf Autoren sitzen hat, und jedem sein Pensum fürs Tagelohn abzuarbeiten gibt. Ich läugne es nicht – denn warum solte ich Armuth für Schande halten – ich habe auch an diesem langen Tische gesessen. Aber ich merkte bald, daß ich zu diesem Gewerbe nichts taugte, denn ich kann zwar ohne Gedanken eine Correctur lesen, aber nicht ohne Gedanken Bücher schreiben, und bey solchen Büchern ist immer der am angenehmsten, der nur am geschwindesten schreibt, wenn er auch gleich am schlechtesten schreiben solte.

Seb. Am schlechtesten? da handelt ja der Verleger wider seinen eigenen Vortheil; denn was kan die Welt mit den schlechten Büchern machen.

Mag. Was gehet den Verleger die Welt an? er bringt sein Buch auf die Messe.

Seb. Nun – und durch die Messe kommen die Bücher in die Welt.

Mag. Freilich, nur mit dem Unterschiede, daß sie vorher vertauscht werden, und daß also der Verleger am besten daran ist, der die schlechtesten Bücher hat, weil er gewiß ist, etwas bessers zu bekommen.

Seb. Aber denn müssen doch einige Buchhändler die schlechtesten Bücher bekommen, und die bedaure ich.

Mag. Weswegen? Es ist ihnen ja unbenommen, Narren zu suchen, die aus dem schlechtesten Buche klug zu werden denken, oder die es um Gotteswillen lesen, wie mein alter Conrector wolte, daß ich die schlechten Prediger hören solte.

Seb. Nun fängt mir an ein Licht aufzugehen. So könnte es ja wohl der Vortheil der Buchhändler erfordern, zuweilen schlechte Bücher zu verlegen.

Mag. Dis könnte wohl seyn, wenigstens scheint es nicht, als ob sie sich sonderlich darum zu bekümmern hätten, ob die Bücher gut sind, oder nicht.

Seb. Ja, wenn dis wahr ist, was Sie sagen, so müste ich freilich von der Menge der nützlichen Bücher, über deren Daseyn ich mich gefreuet habe, alle diejenigen abziehen die die Convenienz der Schriftsteller und die Laune der Buchhändler zur Welt bringt.

Mag. Und rechnen Sie immer auch den grösten Theil der ungeheuer großen Anzahl von Büchern ab, mit denen vermittelst unserer Uebersetzungsfabriken Deutschland überschwemmt wird.

Seb. Habe ich recht gehört? Uebersetzungsfabriken? Was soll denn das bedeuten?

Mag. Fabriken, in welchen Uebersetzungen fabricirt werden, das ist ja deutlich.

Seb. Aber Uebersetzungen sind ja keine Leinwand oder keine Strümpfe, daß sie auf einem Stuhle gewebt werden könnten.

Mag. Und doch werden sie beinahe eben so verfertigt, nur, daß man wie bey Strümpfen, bloß die Hände dazu nöthig hat, und nicht, wie bey der Leinwand, auch die Füße. Auch versichre ich Sie, daß keine Lieferung von Hemden und Strümpfen für die Armee genauer bedungen wird, und richtiger auf den Tag muß abgeliefert werden, als eine Uebersetzung aus dem französischen, denn dies wird für die schlechteste, aber auch für die gangbarste Waare, in dieser Fabrik geachtet.

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