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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Das Leben ein Traum

Pedro Calderón de la Barca: Das Leben ein Traum - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. II
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
firstpub1817
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDas Leben ein Traum
pages93-192
created20050605
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Zweiter Aufzug.

Zimmer im königlichen Palast.

Der König und Clotald treten auf.

Clotald. Alles, wie du es befohlen,
Ist ins Werk gestellt.

Basilius.                           Erzähle
Mir, Clotald, wie es geschah.

Clotald. Auf die Art, Herr, ist's geschehen:
Nämlich durch den linden Trank,
Welchen du aus manchen seltnen
Spezerein verfert'gen ließest,
Die mit Kräutern sich vermengten,
Deren herrische Gewalt
Und geheimnisvolle Kräfte
So die menschliche Vernunft
Lähmen, rauben und entfremden,
Daß der Mensch lebend'ger Leichnam
Wird durch sie, und deren heft'ge
Wirkung dem vom Schlaf Befallnen
Sinn' und Seelenkräft' entwendet.
Unnütz wäre der Beweis,
Daß dies wirklich kann geschehen,
Da uns die Erfahrung, Herr,
Ja so oft davon belehrte,
Da die Arzeneikunst sicher
Von natürlichen Mysterien
Voll ist, da es weder Stein,
Tier, noch Pflanze gibt auf Erden,
So nicht seine fest bestimmte
Eigenschaft besitzt; und ferner,
Glückt es unsrer Menschenbosheit,
Tausend Gifte zu erspähen,
Welche tödlich sind: wie sollt's nicht,
Bei Ermäß'gung ihrer Kräfte,
Da es Gifte gibt, die töten,
Gifte geben, die beschläfern?
Allen Zweifel, ob die Sache
Möglich sei, beiseite setzend,
Da Vernunft und Augenschein
Den Beweis bereits gegeben,
Stieg ich mit dem Schlummertrank
Aus Mandragora verfertigt,
Opium und Bilsenkraut,
Nieder in den engen Kerker
Sigismunds und sprach mit ihm
Eine Zeitlang von den ernsten
Wissenschaften, deren Kunde
Ihm des Himmels und der Berge
Schweigende Natur verlieh,
Die auf wundervollem Wege
Ihn der Vögel und des Wildes
Einfache Rhetorik lehrte.
Um den Geist ihm zu erhöhn
Zu dem großen Unternehmen,
Das du vorhast, wählt' ich nun
Mir zum Gegenstand die Schnelle
Eines königlichen Adlers,
Der, des Windes Bahn verschmähend,
Mit gewalt'gem Flügelschlage
Zu des Feuers höchsten Sphären
Als entfesselter Komet
Sich erhob, als Blitz von Federn.
Preisend seinen stolzen Flug,
Sprach ich: »Du bist wirklich Herrscher
Aller Vögel; drum ist's billig,
Ueber alle dich zu setzen.«
Mehr bedurft' es nicht bei ihm,
Weil er, wenn man im Gespräche
Nur die Majestät berührt,
Gleich mit Stolz und Ehrgeiz redet;
Denn zu allen großen Dingen
Treibt, befeuert und erreget
Ihn sein Blut, und also sprach er:
»Gibt's auch in der vielbewegten
Republik der Vögel solche,
Die sich andern unterwerfen?
Ja, indem ich dies betrachte,
Find' ich Trost in meinem Elend;
Denn zum mindsten, wenn ich diene,
Macht mich nur der Zwang zum Knechte,
Und nie würd' ich mich freiwillig
Einem andern untergeben.«
Kaum nun sah ich ihn durch dieses
Alte Thema seines Schmerzens
Schon entflammt, so bot ich ihm
Jenen Schlummertrank; und eben
Floß der Saft ihm aus der Schale
In die Brust, als seine Seele
Gleich dem Schlummer wich, indem
Durch die Adern ihm und Nerven
Kalter Schauer rann, so daß ich,
Wäre mir nicht kund gewesen,
Es sei Scheintod, zweifeln mußte,
Ob er lebe. Jene Männer
Kamen nun, von dir beauftragt
Zur Vollendung deines Werkes,
Die ihn schnell in einem Wagen
Brachten zu den Schloßgemächern,
Wo die Majestät und Hoheit,
Seiner Abkunft angemessen,
Schon ihn zu empfangen harrte.
Ruhend dort auf deinem Bette,
Wird er, wenn des Schlafs Betäubung
Nun verloren ihre Kräfte,
Gleich dir selbst (wie du befiehlst,
Hoher Herr) bedienet werden.
Und wenn mein gehorsam Thun
Dich verbinden kann zur Spende
Irgend eines Lohns, so bitt' ich
(O vergib mir mein Erfrechen!)
Dieses nur, daß du mir sagest,
Was dich trieb, auf diesem Wege
Deinen Sohn hieher zu bringen.

Basilius. Dieser Zweifel, den du hegest,
Ist gerecht, Clotald; und dir
Ganz allein will ich ihn heben.
Sigismunden, meinem Sohne,
Droht der Einfluß seines Sternes
(Wie ihr wißt) mit tausendfachen
Unglücksfällen und Verbrechen.
Nun versuch' ich, ob der Himmel,
Der unmöglich Lügen redet
Und uns überdies der Proben
Seiner Strenge gnug gegeben
Durch des Prinzen wild Gemüt,
Sich nicht mindstens mag besänft'gen
Oder mäß'gen und, besiegt
Durch Verstand und Mut, sich selber
Widerrufen; denn der Mensch
Ueberwältigt doch die Sterne.
Dies zu prüfen, bracht' ich ihn
Hieher, daß er sich erkenne
Meinen Sohn und des Gemütes
Neigung auf die Probe stelle.
Wenn er mutig sie besieget,
Soll er herrschen; doch entdeckt er
Sich als grausam und tyrannisch,
Send' ich ihn zurück zum Kerker.
Aber, fragst du jetzo wohl,
War es dieser Probe wegen
Nötig, ihn auf solche Weise
Und im Schlaf hieher zu senden?
Auch auf dieses hab' ich Antwort,
Gänzlich dich zufrieden stellend:
Wenn der Prinz als meinen Sohn
Heute sich erkennt' und fände
Morgen sich zurückgeworfen
Ins Gefängnis und ins Elend,
Müßt' er wohl, bei seiner Art,
Der Verzweiflung sich ergeben;
Denn, wohl wissend, wer er sei,
Woraus könnt' er Trost sich nehmen?
Doch nun wird im schlimmsten Fall
Eine Thür uns offen stehen,
Wenn man sagt, was er erblickte,
Sei geträumet. Hiebei stellen
Zur Erwägung sich zwei Stücke:
Seine Denkungsart für's erste;
Denn so, wie er sinnt und denkt,
Wird, erwacht, er sich benehmen;
Und für's andre seine Tröstung;
Denn obwohl er jetzt als Herrscher
Sich erblicket und hernach
Wiederkehrt in seinen Kerker,
Kann er denken, daß er träumte.
Und recht hat er, dies zu denken;
Denn in dieser Welt, Clotald,
Träumen alle, die da leben.

Clotald. Gründe würden mir nicht mangeln,
Um zu zeigen, daß du fehlest;
Doch nun gibt es keinen Ausweg,
Und wie alle Zeichen melden,
Scheint der Prinz erwacht zu sein
Und bereits sich uns zu nähern.

Basilius. Ich entferne mich; du sollst,
Als sein Führer, zu ihm treten
Und von aller der Verwirrung,
Welche seinen Sinn umdämmert,
Durch die Wahrheit ihn befrein.

Clotald. Also willst du mir gewähren,
Alles ihm zu sagen?

Basilius.                           Ja;
Denn er wird, die Wahrheit kennend,
Wenn er die Gefahr erblickt,
Eher sich vielleicht bezähmen. (ab.)

Clarin tritt auf.

Clarin (für sich). Um den Preis vier derber Stöße,
Die der Einlaß mir bei jenem
Rotrock von Hartschier gekostet,
Dem sein Dienstkleid half zum Bärtchen,
Bin ich hier, zu sehn, was vorgeht.
Denn, fürwahr, kein sichrer Fenster
Gibt's, als solches, das ein Mensch
Selber bei sich führt, ohn' eben
Den Kassierer viel zu bitten,
Weil man ja bei allen Festen
Nur hindurch zu gucken braucht,
Ohne Grämen oder Schämen.

Clotald (für sich). Dieses ist Clarin, der Diener
Jener Armen (Himmel!), jener,
Die, als Mäklerin des Unglücks,
Meine Schmach nach Polen schleppte.
(Laut.) Was gibts Neues, Freund?

Clarin.                                                 Das gibt's,
Herr, daß deine milde Seele,
Fest entschlossen, meines Fräuleins
Schimpf zu rächen, sie beredet,
Frauenkleidung anzuziehn.

Clotald. Gut ist's, denn für Leichtsinn gelten
Konnte sonst ihr Thun.

Clarin.                                 Das gibt's,
Daß sie, ihren Namen wechselnd
Und sich deine Nichte heißend,
Sich erhob zu solcher Ehre,
Daß als Dame sie, im Schloß,
In Estrellas hoher Nähe
Lebt.

Clotald.   Gut ist's, daß ich die Rechnung
Ihrer Ehr' itzt auf mich nehme.

Clarin. Das gibt's, daß sie nunmehr wartet,
Bis zur Rettung ihrer Ehre
Zeit und Anlaß dir sich zeigt.

Clotald. Wohl ist der Entschluß der beste;
Denn gewiß kann nur die Zeit
Glücklich dies Geschäft vollenden.

Clarin. Das gibt's, daß man sie als Fürstin
Hier bewirtet und verehret,
Weil sie gilt für deine Nichte,
Und daß ich vor Hunger sterbe,
Bin ich gleich mit ihr gekommen;
Daß kein Mensch an mich gedenket,
Noch erwägt, ich sei Clarin,
Und, wenn ein Clarin trompetet,
Könn' er, was geschieht, verraten
An Basil, Astolf, Estrella;
Denn, fürwahr, Clarin und Diener
Sind zwei Dinge, die sich selten
Gut mit dem Geheimnis stehn;
Und vielleicht, wenn aus den Händen
Die Verschwiegenheit mich läßt,
Kann von mir das Sprüchlein gelten:
»Heller, wann der Tag erschien,
Schmettert kein Clarin.«

Clotald. Deine Klag' ist wohl gegründet;
Ich will dich zufrieden stellen,
Und indes bediene mich.

Clarin. Ha, schon läßt der Prinz sich sehen.

Musik und Gesang. Sigismund tritt auf, in sichtbarem Erstaunen, von Dienern umgeben, die ihm Kleidungsstücke reichen.

Sigismund. Was, o Himmel, muß ich schauen?
Himmel, was muß ich entdecken?
Ich bestaun's mit wenig Schrecken,
Doch nur zweifelnd kann ich trauen.
Ich, in reichgeschmückten Zimmern,
Wo Brokat und Seide prangen?
Ich, von Dienern rings umfangen,
Die so stolz und herrlich schimmern?
Ich, auf einem Bett erwacht
Von so fürstlichem Gepränge?
Ich, bedient von solcher Menge,
Die mich schmückt mit solcher Pracht?
Traum dies nennen, wäre Täuschung,
Denn mein Wachen ist mir kund.
Bin ich denn nicht Sigismund?
Gib, o Himmel, mir Enttäuschung!
Sage mir, indes die blinde
Nacht des Schlummers mich umschwebte,
Welches Wunder ich erlebte,
Daß ich nun mich hier befinde?
Doch wozu kann Grübeln frommen?
Kann ich auch das Wie? nicht fassen,
Mich bedienen will ich lassen,
Und was kommen will, mag kommen.

Erster Diener (zum zweiten).
Wie er nur so grämeln kann!

Zweiter Diener. Wer denn würd's, der solche Sachen
Hätt' erlebt, nicht auch so machen?

Clarin (beiseite). Ich.

Zweiter Diener (zum ersten). Geh hin und red' ihn an.

Erster Diener (zu Sigismund).
Soll man weiter singen?

Sigismund.                             Nein,
Laßt das Singen unterbleiben.

Erster Diener. Dir die Grillen nur vertreiben,
Dich erheitern wollt' ich.

Sigismund.                               Kein
Solcher weichlicher Gesang
Kann Erheitrung mir verschaffen;
Kriegsmusik, Geklirr der Waffen,
Das nur ist mir froher Klang.

Clotald (sich Sigismunden nähernd).
Reiche deine Herrlichkeit
Mir zum Kuß die hohe Rechte,
Als dem ersten deiner Knechte,
Welcher Huldigung dir weiht.

Sigismund (beiseite). Wie? Clotald, der mich zuvor
Dort im Turm so hart behandelt,
Ganz in Ehrfurcht umgewandelt?
Himmel, was geht mit mir vor?

Clotald. Glaublich ist's, daß deine Seele,
Durch die plötzliche Vertauschung
Deines Zustands in Berauschung,
Sich mit tausend Zweifeln quäle;
Darum, wenn es möglich ist,
Will ich alle nun vernichten
Und zuvörderst dir berichten,
Daß du Polens Erbe bist.
Blieb bis diesen Augenblick
In Verborgenheit dein Leben,
So geschah's, um nachzugeben
Dem ungütigen Geschick,
Welches fürchterliche Dinge
Diesem Reiche prophezeit,
Wenn der Krone Herrlichkeit
Deine hohe Stirn umfinge.
Hoffend nun, daß dir erliegen
Werde der Gestirne Wut
(Denn des Mannes festem Mut
Glückt es wohl, sie zu besiegen),
Hat man in der stillen Nacht
Aus dem Turme, wo du lebtest,
Während du im Schlummer schwebtest,
Dich in den Palast gebracht.
Bald wird vor dein Angesicht
Der Monarch, dein Vater, eilen
Und dir weitre Kund' erteilen.

Sigismund. Ha, Verräter, Bösewicht!
Was bedarf ich weitre Kunde,
Da mir kund ist, wer ich bin?
Zeigen will ich meinen Sinn,
Meine Macht noch diese Stunde.
Gegen deines Vaterlandes
Wohlfahrt hast du so gefehlt,
Daß du mich mir selbst verhehlt,
Widerrechtlich dieses Standes
Mich beraubend?

Clotald.                       Weh mir Armen!

Sigismund. Das Gesetz hast du betrogen,
Deinen König frech belogen,
Mich mißhandelt ohn' Erbarmen;
König und Gesetz und ich
Haben drum, für solch Verderben,
Hier durch meine Hand zu sterben,
Dich verdammt. (Er will ihn anfallen.)

Zweiter Diener (ihn abhaltend). Herr!

Sigismund.                                           Hindre mich
Keiner, sag' ich; nie gelingen
Wird's euch, und, so wahr Gott lebt.
Jeder, der mir widerstrebt,
Soll aus diesem Fenster springen.

Zweiter Diener. Flieh, Clotald!

Clotald.                                       O wehe dir,
Daß du so vor Hochmut schäumest
Und erkennst nicht, daß du träumest! (ab.)

Zweiter Diener (zu Sigismund).
Ueberlege . . .

Sigismund.             Fort von hier!

Zweiter Diener. Seinem König fügt' er sich.

Sigismund. Sprach der König wider Recht,
That er, sich zu fügen, schlecht;
Und sein Herr und Fürst war ich.

Zweiter Diener. Ob er wohl, ob übel that,
Darauf ziemt' ihm nicht zu sehen.

Sigismund. Uebel scheint's mit Euch zu stehen,
Daß ihr Euch so frech mir naht.

Clarin (sich nähernd). Trefflich redet unser Herr,
Und sehr übel handelt Ihr.

Zweiter Diener. Wer gab diese Freiheit dir?

Clarin. Nun, ich nahm sie eben.

Sigismund.                                 Wer
Bist du? Sprich!

Clarin.                       Ein Naseweis
Und das Haupt von diesen Gecken;
Solch ein Hans-in-allen-Ecken,
Wie die Welt sonst keinen weiß.

Sigismund. Du allein gefällst von allen
Mir, die ich bis jetzt gefunden.

Clarin. Herr, an allen Sigismunden
Hab' auch ich ein groß Gefallen.

Astolf tritt auf.

Astolf (Sigismund begrüßend).
Heil dem Tage tausendmal,
Wo, mein Prinz, Ihr Euch enthüllet,
Sonne Polens, und erfüllet,
Gleich der Morgenröte Strahl,
Dieses Landes heitre Lüfte
Mit dem Glanz der reinsten Wonne;
Denn Ihr steiget, wie die Sonne,
Aus dem Schoß der Bergesklüfte.
Steigt hinan! Und weil der Polen
Diadem so spät Euch schmückt,
So bewahrt es, hoch beglückt,
Um so später.

Sigismund.           Gott befohlen!

Astolf. Nur, daß Ihr mich nicht gekannt,
Mag Entschuld'gung Euch gewähren,
Mich so wenig hier zu ehren.
Wißt, ich bin Astolf genannt,
Moskaus Fürst und Euer Sippe;
Gleich sei unser beider Recht.

Sigismund. Gott befohlen, sagt' ich; sprecht,
That Euch Unglimpf meine Lippe?
Nun, da Ihr, so unverhohlen
Prahlend, meinen Gruß verschmäht,
Sag' ich denn, wenn Ihr mich seht,
Künftig wohl: Gott nicht befohlen!

Zweiter Diener. Eure Hoheit mag betrachten,
Daß, wie einst im Bergrevier
Ihr verfuhrt mit allen hier,
Doch Astolf ist mehr zu achten.

Sigismund. Mich verdroß, wie er vorher
Sich so stolzer Red' erkeckte
Und sogleich sein Haupt bedeckte.

Zweiter Diener. Er ist vornehm.

Sigismund.                                   Ich noch mehr.

Zweiter Diener. Bei dem allen wär' es gut,
Daß Ihr mehr den Herzog ehret,
Als die andern.

Sigismund.               Was gewähret
Euch so frechen Uebermut?

Estrella tritt auf.

Estrella (Sigismund begrüßend).
Eure Hoheit sei willkommen
Tausendmal auf diesem Thron,
Der, zu langer Sehnsucht Lohn,
Dankbar jetzt Euch aufgenommen;
Mögt Ihr, wie der Neid auch schmäle,
Ihn so lang' in Heil bewahren,
Daß Eur Leben, nicht nach Jahren,
Nach Jahrhunderten sich zähle.

Sigismund (zu Clarin). Wer ist diese Schönheit, sprich,
Die in menschlicher Gestalt
Uebet göttliche Gewalt?
Sie, zu deren Füßen sich
Senkt des Himmels Glanz und Wonne?

Clarin. Deine Muhm' Estrella lerne
Kennen, Prinz, in diesem Sterne.

Sigismund. Sprich vielmehr, in dieser Sonne.
(Zu Estrella.) Glück ist Euer Glückwunsch mir
Zu dem Glück, das mir geschehen;
Doch nur, weil ich Euch gesehen,
Ziemt sich dieser Glückwunsch hier.
Für dies hohe Glück allein,
Das ich unverdient bekommen,
Werd' Eur Glückwunsch angenommen,
Stern, vor dem der hellste Schein
Aller Himmelslichter dunkelt,
Wenn Ihr aufgeht, klar und heiter!
Sagt, was bleibt der Sonne weiter,
Da Ihr früh am Morgen funkelt?
Laßt mich küssen diese Hand,
Wo der Tag mit gier'gen Strahlen
Klarheit schlürft aus Schneepokalen.

Estrella. Höflich seid Ihr und galant.

Astolf (beiseite). Reicht sie ihre Hand ihm willig,
Ist's mein Tod.

Zweiter Diener (beiseite). Es kränkt Astolfen;
Doch vielleicht wird ihm geholfen.
(Zu Sigismund.) Herr, bedenk', es ist nicht billig,
Nimmst du solche Freiheit dir,
Da Astolf . . .

Sigismund.             Hielt ich nicht kaum
Eure Frechheit erst im Zaum?

Zweiter Diener. Nur, was recht ist, sag' ich.

Sigismund.                                                     Mir
Ist dies alles zur Beschwer.
Was im Weg ist meinem Trachten,
Kann ich nicht für recht erachten.

Zweiter Diener. Doch du sagtest, Herr, vorher,
Daß man in gerechten Sachen
Müsse Dienst und Folge leisten.

Sigismund. Doch ich sagt' auch, einen Dreisten,
Der mir Aerger sucht zu machten,
Lass' ich aus dem Fenster springen.

Zweiter Diener. Leuten meiner Art kann dies
Nimmermehr geschehn.

Sigismund.                           Gewiß?
Nun, bei Gott! ich will's vollbringen.

Er faßt ihn in die Arme und trägt ihn hinaus. Die andern, bis auf Astolf und Estrella, folgen ihm und kommen hernach mit ihm zurück.

Astolf. Welchen Frevel muß ich sehen!

Estrella. Eilet alle, wehrt ihm ab! (ab.)

Sigismund (kommt zurück). Vom Altan ins Meer hinab
Fiel er; konnt' es doch geschehen!

Astolf. Künftig größern Zeitraum laßt
Euch bei Euerm rauhen Walten;
Tier' und Menschen ja verhalten
Sich wie Wildnis und Palast.

Sigismund. Künftig, sollt' Eur kühnes Wagen
Solche rauhe Wort' erwählen,
Könnte leicht der Kopf Euch fehlen,
Um den Hut darauf zu tragen. (Astolf geht ab.)

Der König tritt auf.

Basilius. Was gibt's hier?

Sigismund.                       Nichts oder wenig;
Einen, der mir allzusehr
Lästig war, warf ich ins Meer.

Clarin (leise zu Sigismund).
Merke wohl, dies ist der König.

Basilius. Kaum gelöst von deiner Kette,
Wardst du schon zum Mörder hier?

Sigismund. Ei, er wettete mit mir,
Aber ich gewann die Wette.

Basilius. Da ich mit der Hoffnung kam,
Prinz, es werde dir gelingen,
Stern und Schicksal zu bezwingen,
Füllt mich nun mit bitterm Gram
Dieses wilde, rohe Wesen,
Und daß gleich die erste That
Auf dem kaum betretnen Pfad
Ein so schwerer Mord gewesen.
Kann ich nun noch mit Verlangen
Dich umarmen, treu und warm,
Da ich weiß, daß schon dein Arm
Unterricht von dir empfangen,
Wie man tötet? Wer kann schauen
Furchtlos einen Dolch, der eben
Blut'ge Wunden hat gegeben?
Wer betritt wohl ohne Grauen
Eine Stätte, wo die Spur
Frischen Mords in blut'gen Zeichen
Noch sich weist? Denn, ihr zu weichen,
Zwingt den Stärksten die Natur.
So, da ich in deinen Armen
Todeswerkzeug seh' und dort
Jenen blutbefleckten Ort,
Graut es mir, dich zu umarmen;
Und den Wunsch, dich mit den Netzen
Meiner Liebe zu umschlingen,
Wag' ich nun nicht zu vollbringen,
Denn dein Arm macht mir Entsetzen.

Sigismund. Missen kann ich die Umarmung,
Wie ich sie gemißt bisher:
Denn ein Vater, der so sehr
Sich entäußert der Erbarmung,
Daß sein Herz, in Stein verwandelt,
Mich von seiner Seite reißt,
Mich als Tier erziehen heißt,
Mich als Ungeheur behandelt.
Und zum Tode mich bestimmt,
Mag nur die Umarmung weigern;
Wenig kann's mein Elend steigern;
Da er mir die Menschheit nimmt.

Basilius. Wär' ich doch, um meinem Sohn
Sie zu geben, nicht gekommen:
Daß ich nicht gesehn, vernommen
Seine Frechheit, seinen Hohn!

Sigismund. Nie hätt' ich mir Klag' erlaubt,
Wenn du sie mir nicht gegeben.
Doch du gabst sie; deshalb eben
Klag' ich, daß du sie geraubt.
Denn obwohl das Geben kann
Für die schönste Handlung gelten,
Ist es um so mehr zu schelten,
Geben erst und nehmen dann.

Basilius. Solchen Dank muß ich empfangen,
Daß du, der Gefangner war,
Dich als Fürsten siehst!

Sigismund.                           Fürwahr?
Dafür kannst du Dank verlangen?
Alt und kraftlos, wie du bist,
Du tyrannischer Despot,
Gibst du mir durch deinen Tod
Mehr wohl, als was mein schon ist?
Vater bist du mir und König;
Drum wird diese Größ' und Pracht
Durch Gesetz und freie Macht
Der Natur mir unterthänig.
Drum, obwohl nun anerkannt,
Brauch' ich Dank dir nicht zu zollen;
Ja, ich könnte Rechnung wollen
Für die Zeit, da du entwandt
Freiheit mir und Ehr' und Leben.
Und so, rat' ich, danke mir,
Will ich dennoch nichts von dir;
Denn mein Schuldner bist du eben.

Basilius . Ha, verwegnes, wildes Rasen!
Wahrhaft zeigt der Himmel sich;
Auf ihn selbst beruf' ich mich,
Thor, von Hochmut aufgeblasen!
Und obwohl du nun dich kennest
Und der Täuschung Macht entgehst,
Und obwohl du da nun stehst,
Wo du dich den ersten nennest,
Doch gib meiner Warnung Raum:
Sei der Demut nun beflissen;
Denn vielleicht, trotz deinem Wissen,
Daß du wachst, ist dies ein Traum. (ab.)

Sigismund. Was ich sah mit wachem Sinn,
Wäre nur ein Traumgewühle?
Nein, kein Traum! Ich weiß, ich fühle,
Was ich war und was ich bin.
Fühlst du Reue jetzt und Scham,
Ist's für dich nur um so schlimmer;
Denn ich kenne dich, und nimmer,
Trotz dem Seufzen, trotz dem Gram,
Raubst du mir's, daß ich geboren,
Erbe dieses Throns zu sein:
Und sahst du mich schwach und klein
Hinter jenes Kerkers Thoren,
War ich damals selber mir
Fremd, in meinem dumpfen Sinn;
Doch nun weiß ich, was ich bin:
Ein Gemisch von Mensch und Tier.

Rosaura tritt auf, in Frauenkleidung.

Rosaura (für sich). Ich folg' Estrellas Wegen
Und fürchte sehr, Astolf kommt mir entgegen;
Denn nimmermehr erfahren
Darf dieser, wer ich bin, noch mich gewahren.
Nur so ist, sagt Clotald, mein Ruf geborgen;
Ihm will ich, ohne Sorgen,
Mich ganz vertraun: denn ihm verdank' ich eben,
Daß ich hier Schutz erlangt für Ehr' und Leben.

Clarin (zu Sigismund). Was ist dir von dem allen,
Das du hier sahst, am meisten aufgefallen?

Sigismund. Erstaunen mir bereitet
Hat nichts; ich war auf alles vorbereitet.
Doch müßt' ich eines schauen
Mit Staunen und Bewundrung, wär's der Frauen
Namloser Reiz. Gelesen
Hab' ich in einem Buch, das mein gewesen:
Was Gottes Kunst am herrlichsten bewähre,
Das sei der Mann, die Welt in kleiner Sphäre.
Doch ist es, sollt' ich meinen,
Das Weib, weil sie ein Himmel ist im Kleinen
Und ihn an Reiz besieget,
Soweit der Himmel von der Erde lieget;
Zumal, die ich hier sehe.

Rosaura (für sich). Prinz Sigismund ist hier; geschwind, ich gehe.

Sigismund. Halt, Schönste, sei nicht bange!
Den Aufgang füge nicht zum Niedergange,
Beim ersten Schritt entfliehend;
Denn, Auf- und Niedergang zusammenziehend,
Frühlicht und Abenddunkel,
Verlöschest du des hellen Tags Gefunkel.
Doch wie? Was muß ich schauen?

Rosaura. Ich seh' es auch; ich glaub's und kann nicht trauen.

Sigismund. Ich sah an andern Orten
Schon diesen Reiz.

Rosaura.                       Die Pracht und Größe dorten
Sah ich einmal umgeben
Von engem Kerker.

Sigismund.                     Ja, ich fand mein Leben!
Weib – alle Huldigungen
Des Manns hat dieser Nam' in sich verschlungen –
Wer bist du? Zugestehen
Müßt' ich dir Lieb', hätt' ich dich nie gesehen;
Nun bist du mir beschieden:
Denn sicher ist's, ich sah dich schon hienieden.
Wer bist du? Wie dein Name?

Rosaura (für sich).
Verstellung gilt's. (Laut.) Ich bin Estrellas Dame,
Vom Stern ein schwacher Flimmer.

Sigismund. O nein! die Sonne, sprich, von deren Schimmer
Estrellas Stern sein Leben
Erhält, weil deine Strahlen Glanz ihm geben.
Ich sah im Reich der Düfte
Der Rose Gottheit, Herrscherin der Lüfte,
Vom Blumenchor umfangen,
Als Kaiserin durch größre Schönheit prangen.
Ich sah, daß die Gesteine
Des tiefen Schachts, im kundigen Vereine,
Vorzogen den Demanten
Und, weil er heller strahlt, ihn Kaiser nannten.
Ich sah vom Sternenrate
Den ersten Platz im ruhelosen Staate
Dem Morgensterne geben
Und ihn zum König der Gestirn' erheben.
In höhern Regionen
Sah ich im Hofstaat der Planeten thronen
Die Sonne, frei von Makel,
Des ew'gen Tages göttlichstes Orakel.
Wenn bei Planeten, Sternen, Blumen, Steinen
Stets nun die Schönsten obenan erscheinen:
Wie kannst du minderm Schimmer
Dich dienstbar zeigen, und bist dennoch immer,
Durch größrer Schönheit Wonne,
Ros' und Demant und Morgenstern und Sonne?

Clotald tritt auf und bleibt im Hintergrunde.

Clotald (für sich). Ihn noch zu zähmen, darf ich wohl vertrauen;
Denn ich erzog ihn ja. – Was muß ich schauen? (Rosauren erblickend.)

Rosaura (zu Sigismund). Mich rührt dein gütig Streben;
Mein redend Schweigen mag dir Antwort geben.
Denn, Herr, wo der Verstand sich blöde zeiget,
Da spricht am besten, wer am besten schweiget. (Will gehen.)

Sigismund. Halt, gehe nicht von hinnen!
Wie? Wolltest du so schleunig meinen Sinnen
Des Lichts Erquickung rauben?

Rosaura. Ich bitte, diese Gunst mir zu erlauben.

Sigismund. Gehn mit so eil'gen Schritten,
Das heißt, die Gunst sich nehmen, nicht erbitten.

Rosaura. Ich nehme sie, willst du sie nicht gewähren.

Sigismund. In Rauheit wirst du meine Huld verkehren;
Denn so nur widerstreiten,
Heißt, mir ein Gift für die Geduld bereiten.

Rosaura. Ob dieses Gift voll Strenge
Und Zorn und Wut auch die Geduld bezwänge,
Doch kann und darf's mit nichten
Die Achtung, die ich fordern muß, vernichten.

Sigismund. Um, ob ich's kann, zu lernen,
Werd' ich die Scheu vor deinem Reiz entfernen.
Unmögliches bezwingen
Ist meine Lust; dort vom Altane springen
Mußt' einer heut trotz seinem Draufbestehen,
Es könne nicht geschehen.
Und so nun möcht' ich, um zu sehn mein Können,
Auch deinem Ehre solchen Sprung vergönnen.

Clotald (für sich). Er läßt sie nicht von hinnen;
Sein Rasen steigt. O Himmel, was beginnen,
Da wütendes Begehren
Zum zweitenmale droht mich zu entehren?

Rosaura. Ha, nicht vergebens zagte
Dies arme Land, da man voraus ihm sagte
Von dir solch wild Erfrechen,
Wut, Mord, Verrat und jegliches Verbrechen.
Doch kann sich anders zeigen,
Wem nichts vom Menschen, als der Nam', ist eigen?
Wer, stolz und übermütig,
Barbarisch, frech, unmenschlich, grausam, wütig,
Aufwuchs bei rohem Wilde?

Sigismund. Ich zeigte dir vorhin so große Milde,
Um dich mir zu verpflichten
Und diese freche Schmähung zu vernichten.
Doch bin ich das, was deine Lippen nennen,
So sollst du so, bei Gott! auch ganz mich kennen.
(Zum Gefolge.) Holla! Entfernt euch alle. Diesen Thoren
Soll niemand nahn; schließt ab.

Clarin geht mit den übrigen ab.

Rosaura.                                           Ich bin verloren!
O höre!

Sigismund.   Den Barbaren
Zu bändigen, kannst du die Mühe sparen.

Clotald (für sich). O gräßliches Verderben!
Ihn hindern muß ich schnell, und sollt' ich sterben.
(Hervortretend.) Halt ein, o Herr! Erwäge . . .

Sigismund. Zum zweitenmal machst du den Zorn mir rege,
Tollkühner Greis! Verachtest
Du meinen Grimm, den du zu reizen trachtest?
Wie bist du hergekommen?

Clotald. Auf dieser Stimme Ruf, den ich vernommen,
Kam ich, um dir zu sagen:
Sei milder, Prinz, willst du die Krone tragen,
Und nicht, weil du beherrschest diese Räume,
Sei grausam; denn vielleicht sind dies nur Träume

Sigismund. Zur Wut wirst du mich führen,
Wagst du das Licht der Wahrheit anzurühren.
Dich tötend, will ich schauen,
Ob's Traum, ob's Wahrheit sei.

Er zieht den Dolch; Clotald hält diesen von sich ab, indem er niederkniet.

Clotald.                                             Dem Todesgrauen
Kann ich nur so entkommen.

Sigismund. Die freche Hand vom Stahl hinweggenommen!

Clotald. Nein, bis ich Hilf' erhalten,
Die mich beschützt vor deines Grimmes Walten,
Lass' ich dich nicht.

Rosaura.                         O Himmel!

Sigismund.                                         Los, Verräter,
Feindsel'ger Greis, wahnsinn'ger Missethäter!
Sonst will ich, ohn' Erbarmen,
Erwürgen dich mit meinen starken Armen.

Sie ringen miteinander.

Rosaura. Heran, ihm beizustehen!
Ermordet wird Clotald! (ab.)

Astolf tritt auf, in dem Augenblick, da Clotald zu seinen Füßen hinfällt, und stellt sich zwischen beide.

Astolf.                                   Was muß ich sehen?
Prinz von so edelm Mute!
So wolltest du mit fast erstarrtem Blute
Den hellen Stahl beflecken?
Eil', in die Scheid' ihn wieder einzustecken.

Sigismund. Erst soll der Frevler büßen,
Mit seinem Blut ihn rötend.

Astolf.                                         Mir zu Füßen
Darf ihn kein Stahl erreichen;
Zum Heile soll mein Kommen ihm gereichen.

Sigismund. Zum Tod gereich' es dir! Für das Verbrechen,
Das er an mir beging, will ich mich rächen
Durch deinen Tod.

Er dringt auf ihn ein; Astolf zieht den Degen.

Astolf.                           Mein Leben zu verteid'gen,
Kann nimmermehr die Majestät beleid'gen. (Sie fechten.)

Der König, Estrella und Gefolge treten auf.

Clotald (zu Astolf). Verletz' ihn nicht, o Herr!

Basilius.                                                         Hier bloße Degen?

Estrella (für sich). Weh mir, Astolf! Was leid' ich seinetwegen!

Basilius. Was ward hier vorgenommen?

Astolf. Nichts, hoher Herr, weil eben du gekommen.

Sie stecken die Degen ein.

Sigismund. Gar vieles, Herr, obwohl du kamst soeben;
Ich wollte diesem Alten hier ans Leben.

Basilius. Empfandest du nicht Achtung
Vor grauem Haar?

Clotald.                         Dies kommt nicht in Betrachtung,
O Herr; es ist ja meins.

Sigismund.                           Bethörtes Wollen!
Ich sollte grauem Haar viel Achtung zollen?
Vielleicht – es kann geschehen –
Werd' ich auch dieses mir zu Füßen sehen;
Denn wohl muß ich dich strafen,
Weil du so rechtlos mich erzogst als Sklaven. (ab.)

Basilius. Den Anblick dir zu rauben,
Versenk' ich dich in Schlaf; dann magst du glauben,
Daß, was du hier erfahren,
Zum Heil der Welt, nur leere Träume waren.

Der König, Clotald und Gefolge gehen ab. Estrella und Astolf bleiben.

Astolf. O wie selten lügt das Schicksal,
Wenn es Mißgeschicke meldet!
Denn so sicher stets im Schlimmen
Ist's, wie zweifelhaft im Bessern.
Weise wär' ein Astrolog,
Der nur immer Unglücksfälle
Prophezeite; denn kein Zweifel,
Daß sie immer Wahrheit werden.
Auch an mir und Sigismunden
Läßt, Estrella, jetzt sich eben
Die Erfahrung, und all beiden
Auf verschiedne Weis', erkennen.
Denn von ihm weissagt' es uns
Unheil, Mord und Stolz und Härte;
Und es sprach in allem wahr,
Weil sich alles zeigt am Ende.
Doch von mir, dem es beim Anblick
Dieses heitern Lichts, o Herrin!
Das die Sonne macht zum Schatten
Und des Himmels Glanz zum Nebel
Glück und Segen prophezeite,
Wonne, Beifall und Trophäen,
Sprach es schlimm und sprach es gut;
Denn nur dann bewährt's sein Wesen,
Wenn es täuscht mit Gunstbezeigen
Und erfüllet mit Verschmähen.

Estrella. Ich betracht' als reine Wahrheit
Alle diese Schmeichelreden;
Doch sie sind für jene Dame,
Deren Bild, Astolf, Ihr zärtlich
Ließt an Euerm Halse hangen,
Als ich Euch zuerst gesehen.
Und da dem so ist, verdienet
Sie nur diese Liebesreden;
Laßt sie Euch von ihr bezahlen.
Denn es gelten nicht als Wechsel
Vor der Liebe Tribunal
Schmeicheleien und Versprechen,
Die man ausgestellt im Dienste
Andrer Damen, andrer Herrscher.

Rosaura erscheint im Hintergrunde.

Rosaura (die beiden erblickend, für sich).
Dank dem Himmel, daß zum Ziele
Meine bittern Unglücksfälle
Jetzt gelangten; denn wer dies
Siehet, kann vor nichts mehr beben.

Astolf (zu Estrella). Reißen will ich jenes Bildnis
Aus der Brust, um Raum zu geben
Deiner Schönheit holdem Bilde.
Weicht das Dunkel doch den Sternen,
Wie die Sterne selbst der Sonne.
Schnell, es dir zu bringen, geh' ich.
(Beiseite.) O verzeihe mir, Rosaura!
Diesen Unglimpf; denn Getrennte
Halten keine beßre Treue,
Wie die Frauen so die Männer. (ab.)

Rosaura (hervortretend, für sich).
Ich vernahm kein einzig Wort,
Fürchtend, daß er mich bemerkte.

Estrella (Rosauren erblickend).
Komm, Asträa.

Rosaura.                 Meine Fürstin!

Estrella. Ich bin froh, daß du es eben
Warest, die hieher gekommen;
Denn nur dir entdeck' ich gerne
Mein Geheimnis.

Rosaura.                     Dies gereicht
Deiner Dienerin zur Ehre.

Estrella. Du gewannst, obwohl, Asträa,
Ich seit kurzem erst dich kenne,
Schon die Schlüssel meiner Neigung.
Drum, und weil ich so dich kenne,
Wag' ich nun, dir zu vertraun,
Was ich oft mir selbst zu bergen
Suchte.

Rosaura.     Deine Sklavin bin ich.

Estrella. Um mit kurzem dir's zu melden:
Prinz Astolf, mein Vetter (g'nug ist's,
Meinen Vetter ihn zu nennen;
Denn gewisse Dinge lassen
Sich nicht sagen, als durch Denken),
Wird sich bald mit mir verbinden,
Wenn das Schicksal sich bequemet,
Durch dies eine Glück allein
So viel Unglück zu ersetzen.
Mich verdroß, daß er am Tage
Seiner Ankunft das Gemälde
Einer Dame trug am Halse.
Als ich nun darüber scherzte,
Ging er, höflich und galant,
Es zu holen; doch mich setzt es
In Verwirrung, daß er nun
Kommen wird, es mir zu geben.
Bleibe hier, und wenn er kommt,
Sag', er mög' es dir behänd'gen.
Weiter brauch' ich nichts zu sagen;
Du bist schön, du bist verständig,
Und die Liebe kennst du wohl. (ab.)

Rosaura. Wohl mir, wenn ich nicht sie kennte!
Hilf mir, Himmel! Welches Weib,
Noch so klug und so bedächtig,
Würde sich zu raten wissen
In so schrecklichem Gedränge?
Gibt es jemand wohl hienieden,
Den des Himmels rauhe Härte
Mehr verflocht in schwere Leiden,
Mehr durch Mißgeschick bekämpfte?
Was zu thun in der Verwirrung,
Wo unmöglich zu erspähen
Scheint ein Mittel, das erleichtre,
Noch Erleichtrung, die mir helfe?
Seit dem ersten Mißgeschicke
Ist, was vorgeht, was begegnet,
Stets ein neues Mißgeschick;
Denn, einander selbst beerbend,
Folgt dem ersten stets das zweite.
Wie man von dem Phönix meldet,
Stammet eines von dem andern,
Leben aus dem Tode nehmend;
Und mit ihrer Asche bleibt
Immerdar ihr Grab erwärmet.
Feige sei'n die Mißgeschicke,
Sprach ein Weiser; denn man sehe
Keines unbegleitet kommen.
Doch ich sage, sie sind Helden;
Denn sie schreiten immer vor,
Ohne je sich umzuwenden.
Wem sie zum Geleite dienen,
Der kann alles unternehmen;
Denn er fürcht' in keinem Falle,
Daß von ihm sie sich entfernen.
Sagen darf ich's; denn bei allem,
Was im Leben mir begegnet,
Fand ich nie mich sonder Unglück;
Nie ermattet's, bis es endlich
Mich, verwundet vom Geschicke,
Wird im Arm des Todes sehen.
Wehe mir! Was soll ich thun
In der Not, die jetzt mich ängstet?
Sag' ich, wer ich bin, so könnte
Leicht Clotald, dem doch mein Leben
Schutz und Ehre hat zu danken,
Sich von mir beleidigt wähnen;
Denn er sagt mir, daß ich schweigend
Harren soll auf Hilf' und Ehre.
Sag' ich, wer ich bin, Astolfen
Nicht, und wird er hier mich sehen:
Wie verhehl' ich mich vor ihm?
Denn wofern auch sich verstellen
Stimme, Zung' und Augen wollten,
Wird das Herz sie Lügner schelten.
Was zu thun? – Doch warum sinn' ich,
Was ich thun soll? Denn ich werde,
Wie ich auch mich vorbereite,
Alles überdenk' und wäge,
Wenn der Augenblick erscheint,
Doch nur dem Gebot des Schmerzes
Folge leisten. Kann doch niemand
Seines Grams Gewalt beherrschen!
Und da meine Seele zagt,
Eine feste Wahl zu treffen,
Wohl, so komme heut der Schmerz
An sein Ziel, es komm' ans Ende
Heut die Qual; ich will auf einmal
Allem Zweifel und Bedenken
Mich entreißen; doch bis dahin
Steht mir bei, ihr hohen Mächte!

Astolf tritt auf mit Rosauras Bilde.

Astolf. Hier, Prinzessin, ist das Bildnis.
    (Rosauren erkennend.)
Was erblick' ich? Gott!

Rosaura.                               Was setzet
Eure Hoheit in Erstaunen?

Astolf. Dich, Rosaura, hier zu sehen.

Rosaura. Ich, Rosaura? Eure Hoheit
Täuscht sich, mich für eine fremde
Dame haltend; denn ich bin
Nur Asträa. Nicht erwerben
Kann solch Glück sich meine Demut,
In Verwirrung Euch zu setzen.

Astolf. Gnug, Rosaura, sei der Täuschung;
Nimmer lügt ja doch die Seele,
Die in dir Rosauren liebt,
Sieht sie gleich in dir Asträen.

Rosaura. Rätselhaft spricht Eure Hoheit,
Und so kann ich nichts entgegnen.
Dies nur sag' ich, daß Estrella,
Gleich dem Stern der Venus glänzend,
Mir befahl, an diesem Ort
Zu verweilen, bis Ihr kämet,
Um von Euch in ihrem Namen
Jenes Bildnis zu begehren,
Dessen unter euch gedacht,
Und es selbst ihr einzuhänd'gen.
So befahl Estrella mir;
Denn in allem stets, und wär' es
Nur gering und selbst mein Nachteil,
Hat Estrella zu befehlen.

Astolf. Glückt, bei aller deiner Mühe,
Doch, Rosaura, das Verstellen
Dir so schlecht! Gebeut den Augen,
Die Begleitung abzumessen
Nach den Worten; denn nur Mißton,
Uebelklang erzeugt ein jedes
So verstimmtes Instrument,
Das die Falschheit einer Rede
Mit der Wahrheit des Gefühles
Sucht in Harmonie zu setzen.

Rosaura. Ich erwarte, wie gesagt,
Nur das Bild.

Astolf.                   Da bis ans Ende
Du die Täuschung denkst zu treiben,
Will ich täuschend Antwort geben.
Sag', Asträa, der Prinzessin,
Weil ich sie so hoch verehre,
Schein' es wenig höflich mir,
Nur das Bild, das sie begehrte,
Ihr zu senden; und deshalb,
Daß sie's achten mag und schätzen,
Send' ich das Original;
Und du kannst es dann ihr geben,
Denn du trägst es ja schon bei dir,
Wie du selbst dich bei dir tragest.

Rosaura. Wenn ein Mensch sich vorgenommen,
Standhaft, kühn, mit festem Streben,
Irgend etwas zu vollbringen,
Folgt ihm, könnt' er durch Verträge
Größern Vorteil auch erhalten,
Schimpf und Schmach, wenn er's nicht endet.
Nur ein Abbild soll ich bringen;
Brächt' ich nun das Urbild, wär' es
Auch mehr wert, ich bliebe doch
Stets beschimpft. Und also gebe
Eure Hoheit mir das Bildnis:
Ich darf sonst nicht wiederkehren.

Astolf. Wie dann, geb' ich's dir nun nicht,
Kannst du's bringen?

Rosaura (greift nach dem Bilde). So, Verräter!
Laß es los!

Astolf (es fest haltend). Vergebne Mühe!

Rosaura. Ha, bei Gott! man soll's nicht sehen
In den Händen einer andern.

Astolf. Furchtbar bist du.

Rosaura.                         Du verrätrisch.

Astolf. Nun genug; du bist ja mein.

Rosaura. Ha, ich dein? Das lügst du, Frevler!

Beide haben das Bildnis angefaßt.

Estrella tritt auf.

Estrella. Was ist dies? Astolf? Asträa?

Astolf (beiseite). Ha, Estrella!

Rosaura (beiseite).                   Lieb', o schenke
Mir Erfindung, um mein Bild mir
Zu verschaffen! (Laut.) Willst du, Herrin,
Wissen, was geschah, so mach' ich
Dir es kund.

Astolf.                 Halt ein! Bedenke . . .

Rosaura. Du befahlst mir, hier zu warten
Auf Astolf und ein Gemälde
Deinerseits von ihm zu fordern.
Und wie's oftmals pflegt zu gehen,
Daß Gedanken aus Gedanken
Sich erzeugen, kam mir eben,
Da ich so allein hier weilte,
In den Sinn, weil von Gemälden
Du gesprochen, daß ich meines
Bei mir trug. Ich wollt's besehen
(Denn wer einsam ist, pflegt oft
Sich mit Possen zu ergötzen),
Und da fiel mir's aus der Hand
Auf die Erd'. Astolf, der eben
Kam, dir jenes Bild zu bringen,
Hob es auf und denkt so wenig,
Dein Verlangen zu erfüllen,
Daß er, statt dir eins zu geben,
Auch das andre will behalten;
Denn durch Bitten nicht, noch Flehen
Konnt' ich meins zurück bekommen.
Jetzt, in Ungeduld entbrennend,
Wollt' ich's nehmen mit Gewalt.
Jenes Bild in seinen Händen
Ist das meine, wirst du sehn;
Sieh nur zu, es ist mir ähnlich.

Estrella. Gebt das Bildnis wieder, Herzog. (Sie nimmt es ihm weg.)

Astolf. Fürstin . . .

Estrella (es betrachtend). Wahrlich, das Gemälde
Ist nicht übel, muß ich sagen.

Rosaura. Ist es meins?

Estrella.                       Wer kann's verkennen?

Rosaura. Fordre nun von ihm das andre.

Estrella (gibt ihr das Bild).
Nimm dein Bildnis hier und gehe.

Rosaura (beiseite). Ha, mein Bildnis hab' ich wieder;
Mag nun, was da will, geschehen! (ab.)

Estrella. Gebt mir nun das andre Bild;
Denn obwohl ich nie mehr denke
Euch zu sprechen, noch zu sehn,
Will ich's doch in Euern Händen
Nun nicht lassen; bloß vielleicht,
Weil ich einmal es begehrte,
Thöricht gnug.

Astolf (beiseite).     Wie kann ich glücklich
Diesem harten Drang entgehen?
(Laut.) Ob ich gleich, o schöne Fürstin,
Deinen Willen gern vollstreckte,
Kann ich doch das Bild nicht schaffen,
Das du wünschest; denn . . .

Estrella.                                       Verräter!
Falscher, ungeschlachter Ritter!
Nun sollst du es nicht mir geben;
Denn du sollst auf keine Weise
Mich erinnern, wenn ich's nehme,
Daß ich's je von dir verlangt. (ab.)

Astolf. Höre, sieh, vernimm, bedenke! –
Ha, verwegene Rosaura!
Wie, woher, auf welchem Wege
Mußtest du nach Polen kommen,
Um uns beide zu verderben? (ab.)

 


 
Wilde Gegend mit dem Turme, wie im ersten Aufzuge.

Sigismund, wie anfangs, mit Fellen bekleidet und gefesselt, liegt auf dem Boden und schläft. Clotald tritt auf mit zwei Dienern und Clarin.

Clotald. Mag er hier sich wieder finden!
Heut sei Ende, wie Beginn,
Seines Stolzes.

Diener (Sigismund fesselnd). Wie vorhin
Will ich seine Kette binden.

Clarin. Möge nie dein Schlummer schwinden,
Sigismund! dann siehst du nicht,
Welch Verderben dich umflicht:
Denn der Glanz, der dich umgeben,
War ein Schatten nur vom Leben,
Einer Todesflamme Licht.

Clotald. Einem so vernünft'gen Mann
Muß man eine Wohnung schenken,
Wo er in der Kunst, zu denken,
Ungestört sich üben kann.
(Zu den Dienern.) He, ihr Leute, packt ihn all!
Eilt, ihn in den Turm zu bringen.

Clarin. Warum mich?

Clotald.                       Vor allen Dingen
Sind Clarinen zu bewachen,
Wissen sie geheime Sachen,
Daß sie nicht zu laut erklingen.

Clarin. Will ich denn vielleicht ans Leben
Meines eignen Vaters? Nein!
Warf ich denn ins Meer hinein
Jenen Ikarus, der eben
Vom Altane mußte schweben?
Träum' ich? Schlaf' ich? Sagt, wozu
Dort hinein?

Clotald.               Clarin bist du.

Clarin. Daß ihr Zinke denn mich nennt!
Solch ein schmählich Instrument
Hält gewiß die Zung' in Ruh.

Die Diener bringen ihn in den Turm.

Der König tritt auf, verkleidet.

Basilius. He, Clotald!

Clotald.                       Verkleidet, hier,
Seh' ich Eure Majestät?

Basilius. Wie es Sigismunden geht,
Zu erfahren – wehe mir! –
Trieb mich thörichte Begier.
Sage, wo ich ihn erblicke.

Clotald. In dein vor'gen Mißgeschicke
Sieh den Armen dort verloren.

Basilius. Ach, unsel'ger Prinz, geboren
In dem schlimmsten Augenblicke!
(Zu Clotald.) Geh, ihn aus dem Schlaf zu stören,
Da durch jenen Schlummertrank
Stärk' und Mut ihm schon entsank.

Clotald. Herr, er redet; ihn bethören
Träume, scheint es.

Basilius.                         Laß uns hören,
Was ihm jetzt im Traum erschien.

Sigismund (träumend). Gnädig nennt den Fürsten, ihn,
Der, Tyrannen zu verderben,
Sich entschließt. Clotald soll sterben
Und mein Vater vor mir knien.

Clotald. Mit dem Tode soll ich büßen!

Basilius. Mich soll Schimpf und Schmach umgeben!

Clotald. Rauben will er mir das Leben!

Basilius. Liegen soll ich ihm zu Füßen!

Sigismund (träumend). Lauter Jubel soll begrüßen
Auf dem weiten Erdenrund
Diesen Mut; und allen kund
Werde, wenn nun bald der schwache
Vater mir erliegt, die Rache
Des erhabnen Sigismund! (Er erwacht.)
Doch, wo bin ich? Wehe mir!

Basilius (zu Clotald). Hier darf er mich nicht gewahren;
Doch du weißt, wie zu verfahren.
Dort, verborgen, horch' ich dir. (Er tritt zurück.)

Sigismund. Bin ich's wirklich selbst, der hier
Sich von Ketten sieht beschwert
Und zur Schmach zurückgekehrt?
Seid ihr nicht mein Grab, ihr alten
Mauern? Mag mich Gott erhalten!
Welch ein Traum ward mir beschert!

Clotald (für sich). Um das Meinige zu thun,
Will ich jetzt mich zu ihm machen. (Zu Sigismund.)
Ist es Zeit nun, zu erwachen?

Sigismund. Ja, Erwachenszeit ist nun.

Clotald. Wie? Den ganzen Tag zu ruhn,
Ist dein Wille? Kann es sein?
Seit mein Blick, nicht ohne Pein,
Jenem Adler nachgeflogen
Und du ruhig hier verzogen,
Bist du nie erwachet?

Sigismund.                         Nein.
Und auch jetzt noch wach' ich nicht;
Denn, Clotald, so wie ich glaube,
Bin ich noch dem Schlaf zum Raube.
Und dies ist wohl kein Gedicht;
Denn war das ein Traumgesicht,
Was sich mir handgreiflich machte,
So ist Trug, was ich betrachte.
Doch dies kümmert mich nicht sehr;
Schlafend, sah' ich ja nunmehr,
Daß ich träumte, da ich wachte.

Clotald. Nun, im Traume, was geschah?

Sigismund. War es auch ein Traumgeflimmer:
Was ich träumte, sag' ich nimmer;
Doch, was ich erblickte, ja.
Ich erwachte kaum und sah
(Grausam schmeichelndes Gesicht!)
Mich auf einem Bett, das nicht
An der Farben Glanz dem reichen
Frühlingsteppich durfte weichen,
Den der Mai aus Blumen flicht.
Tausend Edle nahm ich wahr,
Die mich ihren Fürsten nannten;
Prächt'ge Kleider, Schmuck, Demanten
Reichten sie mir knieend dar.
Diese Ruh, in der ich war,
Hob sich zum Entzücken schier:
Ich erfuhr mein Glück von dir;
Denn ist hier mein Schicksal herbe,
War ich dort doch Polens Erbe.

Clotald. Guten Lohn verliehst du mir?

Sigismund. Nicht zu gut; denn, für Verrat,
Sucht' ich mit vermeßnem Streben,
Zweimal dir den Tod zu geben.

Clotald. Gegen mich so rauhe That?

Sigismund. Ich, als einz'ger Herr im Staat,
Folgte meiner Rachsucht Trieben.
Nur ein Weib doch mußt' ich lieben,
Und dies, glaub' ich, war kein Trug;
Schwand doch alles rasch genug,
Aber dies ist mir geblieben. (Der König geht ab.)

Clotald (beiseite). Mit der innern Rührung Zeichen
Ging der König eben fort.
(Laut.) Redend von dem Adler dort,
Schliefst du ein; von seinesgleichen
Träumtest du, von Königreichen.
Doch auch träumend den zu ehren,
Wäre billig, dessen Lehren
Suchten, deinen Geist zu bilden;
Denn auch in des Traums Gefilden
Darf man Rechtthun nicht entbehren. (ab.)

Sigismund. Dies ist Wahrheit; darum zäumen
Wollen wir den rauhen Mut,
Diesen Ehrgeiz, diese Wut,
Wenn wir wieder einmal träumen.
Wohl geschieht's; denn in den Räumen
Dieser Wunderwelt ist eben
Nur ein Traum das ganze Leben;
Und der Mensch (das seh' ich nun)
Träumt sein ganzes Sein und Thun,
Bis zuletzt die Träum' entschweben.
König sei er, träumt der König;
Und, in diesen Wahn versenkt,
Herrscht, gebietet er und lenkt.
Alles ist ihm unterthänig;
Doch es bleibt davon ihm wenig,
Denn sein Glück verkehrt der Tod
Schnell in Staub – o bittre Not!
Wen kann Herrschaft lüstern machen,
Der da weiß, daß ihm Erwachen
In des Todes Traume droht?
Auch der Reiche träumt; ihm zeigen
Schätze sich, doch ohne Frieden.
Auch der Arme träumt hienieden,
Er sei elend und leibeigen.
Träumet, wer beginnt, zu steigen;
Träumet, wer da sorgt und rennt;
Träumet, wer von Haß entbrennt;
Kurz, auf diesem Erdenballe
Träumen, was sie leben, alle,
Ob es keiner gleich erkennt.
So auch träumt mir jetzt, ich sei
Hier gefangen und gebunden;
Und einst träumte mir von Stunden,
Da ich glücklich war und frei.
Was ist Leben? Raserei!
Was ist Leben? Hohler Schaum,
Ein Gedicht, ein Schatten kaum!
Wenig kann das Glück uns geben:
Denn ein Traum ist alles Leben
Und die Träume selbst ein Traum.

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