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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Es war unbegreiflich, weshalb die Spiwak soviel Wesens von Inokow machte, weshalb die Mutter und Warawka ihm offensichtlich zugetan waren und Lida ganze Stunden plaudernd mit ihm im Garten verbrachte und ihm freundschaftlich zulächelte. Sie lachte auch jetzt, während sie am Fenster vor Inokow stand, der sich mit einer Zigarette in der Hand auf der Fensterbank niedergelassen hatte.

»Ja, ich muß mich unbedingt mit ihr aussprechen . . .«

Er tat das am anderen Tag. Gleich nach dem Frühstück suchte er sie in ihrem Zimmer auf und fand sie in Mantel und Hut, den Sonnenschirm in der Hand, zum Weggehen bereit. Ein feiner Regen leckte die Fensterscheiben.

»Wohin willst du?«

»In die Kanzlei des Gouverneurs. Wegen meines Passes.«

Sie lächelte.

»Wie komisch deine Verwunderung war! Ich habe dir doch mitgeteilt, daß Alina mich nach Paris ruft und mein Vater mich fortgelassen hat . . .«

»Das ist nicht wahr!« entgegnete Klim zornig. Er fühlte, wie ihm die Knie zitterten. »Kein Wort hast du mir gesagt. Ich höre es zum erstenmal. Was tust du?« fragte er aufgebracht.

Lida warf ihren Schirm auf das Sofa und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Ihr bräunliches, sehr erschöpftes Gesicht lächelte fassungslos, und in ihren Augen bemerkte Klim ungeheucheltes Staunen.

»Wie ist das seltsam!« sagte sie leise und blickte blinzelnd in sein Gesicht. »Ich war überzeugt, es dir gesagt . . . dir Alinas Brief vorgelesen zu haben. Hast du es auch nicht vergessen?«

Klim schüttelte den Kopf. Sie stand auf und sagte, während sie im Zimmer auf und ab schritt:

»Siehst du, das kam so . . . Ich rede und streite so viel mit dir, wenn ich allein bin, daß mir scheint, du weißt alles, hast alles verstanden . . .«

»Ich würde mit dir reisen«, murmelte Klim, der ihr nicht glaubte.

»Und dein Studium? Es ist für dich Zeit, nach Moskau zu fahren . . . Nein, wie sonderbar sich das mit mir ereignet hat! Ich sage dir, ich hätte schwören können . . .«

»Ja, aber wann werden wir uns trauen lassen?« fragte Klim zornig und ohne sie anzublicken.

»Was?« Sie blieb stehen. »Mußt du . . ., müssen wir es denn?« hörte er sie bang flüstern.

Sie stand mit weitgeöffneten Augen vor ihm. Ihre Lippen bebten, und in ihr Gesicht schoß das Blut.

»Warum trauen lassen? Ich bin ja nicht schwanger.«

Dies klang so gekränkt, als hätte nicht sie es gesagt. Sie ging fort und ließ ihn in dem leeren, nicht aufgeräumten Zimmer zurück, in einer Stille, die kaum von dem zaghaften Rauschen des Regens gestört wurde. Lidas plötzlicher Entschluß, abzureisen, vor allem aber ihr Schreck, als er fragte, wann sie heiraten wollten, entmutigten Klim so sehr, daß er im ersten Augenblick nicht einmal beleidigt war. Erst als er mehrere Minuten im Zustand völliger Niedergeschlagenheit zugebracht hatte, riß er sich die Brille von der Nase, schritt erregt im Zimmer auf und ab, zupfte so heftig an seinem Schnurrbart, daß es schmerzte, und fragte sich:

»Das Ende?«

Sogleich erinnerte er sich daran, daß er ja selbst die Möglichkeit eines Bruches erwogen habe.

»Ja, ich habe sie erwogen! Aber nur in den Augenblicken, wo sie mich mit ihren absurden Fragen marterte. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber ich wollte es nicht, ich will sie nicht verlieren!«

Vor dem Spiegel stehenbleibend, rief er aus:

»Wenn schon auseinander gegangen sein muß, dann soll die Initiative von mir ausgehen und nicht von ihr!«

Er blickte sich um, ihm schien, daß er diese Worte laut und mit erhobener Stimme gesagt habe. Das Stubenmädchen, das ruhig den Tisch abwischte, überzeugte ihn davon, daß er nur in Gedanken geschrien hatte. Aus dem Spiegel starrte ihm ein bleiches Gesicht entgegen, und seine kurzsichtigen Augen blinzelten hilflos. Er setzte eilig die Brille auf und rannte in sein Zimmer. Sich auf die Lippen beißend und die Hände an die Schläfen pressend, legte er sich hin.

Eine halbe Stunde später hatte er sich von der eigentlichen Ursache seines Schmerzes überzeugt: Er hatte es nicht vermocht, Lida vor Seligkeit schluchzen, ihm dankbar die Hände küssen, erstaunte Worte der Zärtlichkeit flüstern zu lassen, wie es die Nechajew getan hatte. Nicht ein einziges Mal, nicht für eine Minute ließ Lida ihn den Stolz des Mannes genießen, der einer Frau das Glück gibt. Es wäre leichter gewesen, mit ihr zu brechen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, diese Wollust zu verspüren.

»Nicht eine einzige aufrichtige Zärtlichkeit hatte sie für mich«, dachte Klim und erinnerte sich mit Empörung daran, daß Lidas Liebkosungen ihr nur als Stoff für Untersuchungen dienten.

»Nietzsche hat recht: dem Weibe kann man sich nur mit der Peitsche in der Hand nähern. Man müßte hinzufügen: und mit Konfekt in der anderen.«

Allmählich ruhiger werdend, sagte er sich, daß das Verhältnis mit ihr, schon jetzt beunruhigend genug, weiterhin einfach zu einer unerträglichen und verhaßten Fessel geworden wäre. Wahrscheinlich würde Lida ihm auf ihrer unsinnigen Suche nach dem, was angeblich hinter der Physiologie des Geschlechtslebens verborgen war, untreu werden.

»Makarow sagt, Don Juan sei kein Romantiker, sondern ein Sucher unbekannter, unerforschter Empfindungen und an derselben Leidenschaft des Suchens nach dem Unerforschten krankten viele Frauen, zum Beispiel George Sand«, grübelte Klim. »Makarow nannte übrigens diese Leidenschaft nicht eine Krankheit. Turobojew bezeichnete sie als ›geistigen Vampirismus‹. Makarow sagt, die Frau strebe halb unbewußt danach, den Mann bis zum letzten Zug zu erkennen, um den Ursprung seiner Herrschaft über sie, dasjenige, womit er sie in der Urzeit bezwungen hat, zu ergründen.«

Klim Samgin schloß fest die Augen und beschimpfte Makarow in Gedanken.

»Idiot. Was kann es Dümmeres geben als einen Romantiker, der Gynäkologie studiert? Um wieviel einfacher und natürlicher ist doch Kutusow, der Dmitri so leicht und rasch Marina weggenommen hat, oder Inokow, der sich von der Somow in dem Augenblick losgesagt hat, als er sich mit ihr langweilte!«

Samgins Gedanken nahmen einen immer kriegerischeren Charakter an. Er verdoppelte sein Bemühen, sie zuzuspitzen, denn hinter diesen Gedanken meldete sich das trübe Bewußtsein eines verlorenen großen Spiels. Und nicht nur Lida war verspielt und verloren, sondern noch etwas für ihn viel Wichtigeres. Aber daran wollte er nicht denken, und sobald er hörte, daß sie nach Hause gekommen war, ging er entschlossen hinauf, um eine Entscheidung herbeizuführen. Wenn sie schon auf einer Trennung bestand, dann sollte sie sich als den schuldigen Teil bekennen und um Verzeihung bitten.

Lida saß in ihrem kleinen Zimmer am Tisch und schrieb einen Brief. Sie sah schweigend über die Schulter weg zu Klim hin und zog fragend ihre sehr dichten, aber feinen Brauen hinauf.

»Wir müssen miteinander reden«, sagte Klim und setzte sich an den Tisch.

Sie legte die Feder hin, erhob die Arme über ihren Kopf, straffte sich und fragte:

»Worüber?«

»Es ist notwendig«, sagte Klim, bemüht, ihr mit strengem Blick ins Gesicht zu schauen.

Heute ähnelte sie besonders auffallend einer Zigeunerin, Das volle, krause Haar, das sie niemals glatt kämmen konnte, das magere, bräunliche Gesicht mit dem brennenden Blick der dunklen Augen und den langen, geschweiften Wimpern, die feine Nase, die biegsame Figur im bordeauxroten Rock, die schmalen, in dem orangefarbenen, blaugeblümten Schal gehüllten Schultern.

Ehe Klim genügend gewichtige Worte für den Anfang seiner Rede finden konnte, begann Lida ruhig und ernst:

»Wir haben soviel geredet . . .«

»Erlaube! Man darf einen Menschen nicht so behandeln, wie du mich behandelst«, sagte Samgin eindringlich. »Was bedeutet dieser plötzliche Entschluß, nach Paris zu reisen?«

Aber sie überhörte seine Frage und fuhr in einem Ton fort, als sei sie dreißig Jahre alt.

»Außerdem habe ich mich mit dir unterhalten, wenn ich dich verließ und mit dir allein war. Ich habe dich redlich sprechen lassen, redlicher als du selbst sprechen konntest. Ja, glaube mir! Du bist ja nicht sehr . . . mutig. Darum sagtest du auch, man müsse ›schweigend lieben‹. Ich aber will reden. Will schreien, erkennen. Du hast mir geraten, das ›Lehrbuch der Geburtshilfe‹ zu lesen . . .«

»Sei doch nicht nachtragend«, bat Klim.

»War es denn Bosheit, daß du mir die ›Hygiene der Ehe‹ empfohlen hast? Aber ich habe dieses Buch nicht gelesen, denn darin wird doch gewiß nicht erklärt, weshalb du gerade mich für deine Liebe brauchst? Das ist eine dumme Frage? Ich habe noch dümmere. Wahrscheinlich hast du recht: ich bin degeneriert, eine Dekadente, und tauge nicht für einen gesunden, ausgeglichenen Mann. Ich hoffte, in dir einen Menschen zu finden, der mir helfen würde . . . Übrigens weiß ich nicht, was ich von dir erwartet habe . . .«

Sie stand auf, reckte sich und sah aus dem Fenster, auf die Wolken, die grau wie schmutziges Eis waren. Samgin sagte zornig:

»Auch ich habe ja geglaubt, du würdest mir ein guter Freund sein . . .«

Sie betrachtete ihn sinnend und fuhr gedämpfter fort:

»Sieh nur, wie das alles rasch verfliegt . . . als wenn ein Hobelspan in Feuer aufgegangen wäre! Ein Aufflammen, und schon ist nichts mehr da.«

Ihr bräunliches Gesicht wurde dunkel, sie wandte den Blick von Klims Gesicht ab, stand auf, straffte sich.

Auch Klim erhob sich, gefaßt auf Worte, die ihn verwundeten.

»Es lebt sich nicht froh, wenn man nichts begreifen kann, in einem Nebel, in dem nur selten für einen Augenblick ein versengendes Licht aufflammt.«

»Du weißt zu wenig«, sagte er mit einem Seufzen und schlug sich mit den Fingern aufs Knie. Nein, Lida erlaubte es nicht, sich von ihm beleidigt zu fühlen, ihm harte Worte zu sagen.

»Was muß man denn wissen?« fragte sie.

»Man muß lernen.«

»Muß man das? Sich sein Leben lang als Schülerin fühlen?«

Sie lachte bitter und blickte durchs Fenster in den buntscheckigen Himmel.

»Mir scheint, alles, was ich bisher weiß, braucht man nicht zu wissen. Aber ich werde trotzdem versuchen zu lernen«, hörte er ihre nachdenkliche Stimme. »Nicht in dem unruhigen Moskau, aber vielleicht in Petersburg. Nach Paris muß ich, denn Alina ist dort, und es geht ihr schlecht. Du weißt ja, daß ich sie liebe . . .«

»Warum?« wollte Klim fragen, aber das Mädchen kam herein und bat Lida, zu Warawka hinunterzukommen.

Schweigend und Seite an Seite stiegen sie die Treppe hinab. Klim verweilte im Vorzimmer und sah leer auf die verschiedenen Mäntel, die sich an der Wand entlang hinzogen, Sie hatten etwas, das ihn an einen Bettlerhaufen auf den Stufen einer Kirche, an Bettler ohne Kopf erinnerte.

»Nein, es darf so nicht bleiben, so unausgesprochen«, entschied er, und setzte sich, sobald er in seinem Zimmer war, hin, um Lida einen Brief zu schreiben. Er schrieb lange. Als er aber die beschriebenen Seiten überlas, fand er, daß sein Schreiben zwei Menschen verfaßt hatten, die ihm gleichermaßen unähnlich waren: der eine ließ dumm und roh an Lida seinen Spott aus, der andere versuchte unbeholfen und kläglich, sich zu rechtfertigen.

»Aber ich habe mir ja ihr gegenüber nichts vorzuwerfen«, empörte er sich, zerriß den Brief und faßte auf der Stelle den Entschluß, nach Nishni Nowgorod zur Allrussischen Ausstellung zu fahren. Er würde überraschend abreisen wie Lida, und noch bevor sie ins Ausland fuhr. Auf diese Weise würde sie begreifen, daß die Trennung ihn nicht schmerzte. Aber vielleicht würde sie erkennen, daß er litt, ihren Entschluß ändern und mit ihm fahren?

Doch als er Lida mitteilte, daß er morgen abreise, bemerkte sie sehr gleichgültig:

»Wie gut, daß es bei uns ohne dramatische Auftritte abgelaufen ist. Ich habe ja befürchtet, es würde Szenen geben.«

Sie umarmte ihn und küßte ihn fest auf den Mund.

»Wir scheiden als Freunde? Und wenn wir uns später wiedersehen, werden wir klüger sein, ja? Und werden einander vielleicht mit anderen Augen ansehen?«

Klim war über ihre Worte und die Tränen in ihren Augenwinkeln ein wenig gerührt oder erstaunt. Er sagte leise, bittend:

»Wäre es nicht besser, du kämst mit mir?«

»Nein«, sagte sie entschlossen. »Nein, ich will nicht! Du würdest mich stören.«

Und sie trocknete hastig ihre Augen. Besorgt, daß er ihr etwas Unpassendes sagen könnte, küßte auch Klim hastig ihre trockene, heiße Hand.

Später, als er in seinem Zimmer auf und ab wandelte, überlegte er:

»Im Grunde ist sie ein unglückliches Wesen. Eine taube Blüte. Seelenlos ist sie. Vernünftelt, ohne zu fühlen . . .«

Er blieb mitten im Zimmer stehen, nahm die Brille ab, vollführte mit ihr eine schaukelnde Bewegung und dachte, während er sich umblickte:

»Aber wie schnell ist alles zu Ende gegangen! Wirklich, als wären Hobelspäne heruntergebrannt.«

Er stand den Dingen hilflos gegenüber, fühlte aber gleichzeitig, daß für ihn Tage der Ruhe gekommen seien, deren er bereits bedurfte.

Wenige Tage später und Klim Samgin saß im Zuge, der sich Nishni Nowgorod näherte. Drei Werst vor dem Bahnhof glitt der gedrängt volle Zug langsam durch die Landschaft, als wollte der Lokomotivführer, daß die Reisenden sich die buntscheckige Anhäufung manierierter neuer Gebäude, die sich mitten im öden Feld, zwischen kahlen, gelben Sandflächen und schmutzig grünen Riedinseln erhoben, genau ansehen sollten.

Neben den Schienen, etwas tiefer gelegen als die Böschung, strahlte der Maschinenpavillon blendend grell gegen die Sonne. Er war aus Stahl und Glas erbaut und hatte die Form eines ungeheuren, mit dem Boden nach oben gestülpten Waschzubers. Durch die Scheiben konnte man sehen, wie im Innern des Gebäudes sich eine Schar Metallgiganten träge regte, gefangene Bestien aus Eisen sich drängten. Der einstöckige landwirtschaftliche Pavillon war in einem geschweiften Halbbogen angelegt und mit Holzschnitzereien in jenem originalrussischen Stil verziert, den der Deutsche Ropet erfunden hatte. In beklemmender Enge erhoben sich noch eine große Zahl eigenwillig angeordneter Bauwerke von ungewöhnlicher Architektur. Einige erinnerten an die sympathischen Schöpfungen eines Konditors. Wie ein gigantisches Stück Zucker ragte aus ihrer bunten Menge die weiße Villa der Kunstabteilung hervor. Auf dem Gipfel des Zarenpavillons, der im Türmchen- und Zinnenstil der Märchen errichtet war, funkelte im Sonnenlicht der doppelköpfige goldene Adler und breitete die Schwingen aus. Über dem goldenen Adler blähte sich in der blauen Luft, an einem langen Seil befestigt, die graue Blase eines Ballons.

Die ruhige Bewegung des Zuges versetzte dieses Städtchen in langsame Drehung. Es schien, als ob alle diese wunderlichen Gebäude um einen unsichtbaren Mittelpunkt kreisten, ihre Plätze vertauschten, einander verdeckten und über die sandbestreuten Wege und kleinen Plätze glitten. Dieser Eindruck eines wirren Reigens, eines trägen, aber machtvollen Gedränges, wurde noch verstärkt durch die winzigen Figürchen der Menschen, die ängstlich, auf gewundenen Pfaden, zwischen den Bauten hin und her trippelten. Sie waren nicht zahlreich, und nur wenige von ihnen strebten eilig in verschiedene Richtungen. Die meisten machten den Eindruck von Verirrten und Suchenden. Die Menschen erschienen weniger beweglich als die Gebäude, die sie bald zeigten, bald hinter ihren Vorsprüngen versteckten.

Dieser halb märchenhafte Eindruck eines stillen, aber machtvollen Reigens erhielt sich in Klim für die ganze Dauer seines Aufenthalts in dieser seltsamen Stadt am Rande eines unfruchtbaren, traurigen Ödlandes, das in der Ferne von dem bläulichen Stachelpelz eines Fichtenwaldes – des »Sawelowschen Waldrückens« – und jenseits der unsichtbaren Oka von den »Spechtsbergen« eingeschlossen war. In deren Schoß, im Grün der Gärten versteckt, ruhten die Häuschen und Kirchen Nishni Nowgorods.

Samgin stieg in einem jener hölzernen, rasch gezimmerten Hotels ab, in denen alles knarrte und ächzte und bei dem leisesten Geräusch zu beben schien, wusch sich rasch, zog sich um, trank ein Glas heißen Tee und begab sich sofort auf die Ausstellung. Er hatte dorthin nicht mehr als dreihundert Schritte.

Erst abends kehrte er zurück, geblendet, betäubt und wie nach einem Ausflug in ein fernes, unbekanntes Land. Aber dieses Gefühl der Sättigung bedrückte Klim nicht, sondern machte ihn weiter, strebte mit Macht nach Gestaltung und versprach, ihn mit einer großen Freude zu beschenken, die er bereits dunkel ahnte.

Sie gewann erst nach einiger Zeit deutliche Gestalt, an einem regnerischen Tag des nicht sehr freundlichen Sommers. Klim lag im Bett. Er hatte sich in die leichte Decke gewickelt und seinen Mantel darüber gebreitet. Ein zorniger Regen peitschte die Dächer, krachender Donner erschütterte das Hotelgebäude, durch die Fensterritzen pfiff und schnob ein feuchter Wind. An drei Stellen fielen in gleichem Takt schwere Wassertropfen von der Decke herab und verbreiteten einen Geruch von Leimfarbe und Morast.

Klim sah vor sich das Panorama eines ungeheuren, phantastisch reichen Landes, von dessen Dasein er keine Ahnung gehabt hatte. Ein Land des vielfältigsten Arbeitsfleißes. Es hatte seine Erzeugnisse gesammelt und zeigte sie wie auf der flachen Hand voll Stolz sich selbst. Man mochte glauben, die hübschen Bauten seien in bewußter Absicht auf dem traurigen Feld errichtet, Seite an Seite neben einem ärmlichen und schmutzigen Dorf, dessen ausdruckslose Wohnstätten in trauriger Eintönigkeit über den von Wolga und Oka angeschwemmten Sand verstreut waren, der an stürmischen Tagen, wenn von der Wolga der heiße Steppenwind blies, Wolken grauen, stechenden Staubes herüberschickte.

Diese Nachbarschaft der Schätze des Landes und der Armut irgendwelcher kleinen Leute schien selbstgefällig andeuten zu wollen:

»Wir leben zwar schlecht, aber seht nur, wie gut wir arbeiten!«

Nicht so protzig und ruhmredig, aber um so eindrucksvoller bezeugte die Messe den Reichtum des Landes. Die niederen, eintönig gelben Reihen ihrer steinernen Läden hatten die weiten Rachen ihrer Türen geöffnet und zeigten im Grottenzwielicht Berge mannigfaltig bearbeiteter Metalle, Berge von Tuch, Zitz und Wollstoffen. Da glänzte farbenprächtiges Porzellan, blitzte Spiegelglas, das alles aufnahm, was an ihm vorüberzog. Dicht neben den Verkaufsständen mit Kirchengeräten wurde kunstvoll geschliffenes Glas feilgeboten, und gegenüber den gewaltigen, mit Pokalen und Weingläsern reich besetzten Vitrinen leuchtete das blanke Steingut der Toiletteneinrichtungen. In diesem Nebeneinander des Kirchlichen und Profanen konstatierte Klim die Schamlosigkeit des Handels.

Die Messe war belebter als die Ausstellung. Die Leute trugen ein freieres, geräuschvolleres Benehmen zur Schau, und alle schienen mit Begeisterung dem Geschäft obzuliegen. Das bunte Gemisch von Volkstypen, die Fülle von Ausländern, Asiaten, schwer gekleideten Orientalen setzte in Erstaunen. Das Ohr fing fremde Laute, das Auge bizarre Figuren und Gesichter auf. Unter den Russen begegnete man häufig langbärtigen Gestalten, die Samgin unangenehm an den Diakon erinnerten, und dann dachte Klim jedesmal für Augenblicke und mit Beklemmung daran, daß dieses mächtige Land nach dem Wunsch von Leuten mit drei Fingern, aus dem geistlichen Stand ausgestoßenen Diakonen, hysterischen Säufern und übermütigen Studenten vom Schlage Marakujews umgestaltet werden sollte. Pojarkow, den Klim ausdruckslos fand, und der elegante, solide Preis, der gewiß einmal Professor wurde, – diese beiden beunruhigten Klim nicht. Der selbstbewußte, zahlenbegeisterte Kutusow war in seiner Erinnerung verblaßt, und Klim liebte es auch nicht, sich seiner zu erinnern.

Er schaute zur hölzernen, aus Schiffsplanken gezimmerten Decke empor und verfolgte aufmerksam, wie das Wasser durch die Ritzen leckte, schwere Glastropfen bildete und, auf dem Fußboden aufprallend, zu Pfützen auseinanderlief.

Noch einmal sah er den Glanz der Stahlwaffen aus Slatoust, die Messer, Gabeln, Scheren und Schlösser aus Pawlow, Watsch und Worsma. Im mit Gewehrpatronen, Säbeln und Bajonnetten ausgeschmückten Pavillon der Kriegsmarine zeigte man eine langläufige, blankgeputzte Kanone aus den Werkstätten von Motiwilicha, blitzend und kalt wie ein Fisch. Ein stämmiger, gleichsam aus Bronze gegossener Matrose erklärte, während er sein bläuliches Kinn streichelte und seinen schwarzen Schnurrbart zwirbelte, dem Publikum herablassend und mit komischer Unbeholfenheit:

»Dieses Geschütz wird an diesem Ende geladen, mit diesem Geschoß hier, das Sie nicht mal heben können, und feuert in dieser Richtung aufs Ziel, also auf den Feind. Sie, Herr, rühren Sie nicht mit dem Stock daran, das ist verboten!«

Goldbrokat leuchtete wie ein Roggenfeld an einem Juliabend, wenn die Sonne untergeht, Glanzstoffstreifen erinnerten an das bläuliche Licht der Mondnächte im Winter, buntfarbige Stoffe an die herbstliche Pracht der Wälder. Diese poetischen Vergleiche kamen Klim nach einem Besuch der Gemäldeabteilung, wo ein »erklärender Herr« mit ausgeprägter Stirn, langer Mähne und magerem, klapprigem Rumpf dem Publikum begeistert von den Landschaften Nesterows und Lewitans erzählte, Rußland abwechselnd die Prädikate ›brokaten‹ und ›baumwollen‹ gab und es schließlich auf dem Gipfel seiner Ekstase wie folgt schilderte:

»Auf irdischem Samt wundervolle Stickereien in farbenprächtiger Seide von der Hand des größten der Künstler – Gottes!«

Klim empfand den Stolz des Patrioten, als er im mittelasiatischen Pavillon die für Chiwa und Buchara bestimmten groben deutschen Nachahmungen des russischen Brokats, des leuchtenden Zitz der Firma Morosow und des blütenweißen Porzellans der Kusnezows besah.

Spielzeug und Maschinen, Glocken und Equipagen, Juwelierarbeiten und Flügel, blumiger Saffian aus Kasan, unendlich zart anzufühlen, Zuckerberge, gewaltige Haufen Hanfseil und geteerter Taue, eine Kapelle aus Stearinkerzen, wunderbares Rauchwerk von Sorokoumowski und Eisenerz aus dem Ural, vortrefflich gegerbte Häute, Borstenfabrikate – vor diesen unermeßlichen Schätzen sammelten sich kleine Gruppen, betrachteten gleichmütig die großartigen Leistungen ihrer Heimat und verstimmten Klim Samgin einigermaßen, indem sie durch ihr Schweigen abkühlend auf seine gehobene Stimmung wirkten.

Selten hörte er Ausrufe des Entzückens, und wenn sie ertönten, so fast immer aus dem Munde der Frauen vor den Vitrinen des Textilgewerbes, der Böttcher, Parfümfabrikanten, Juweliere und Kürschner. Übrigens konnte man vermuten, daß die Mehrzahl der Besucher dank einem Übermaß von Eindrücken die Sprache verloren hatte. Doch bisweilen wollte es Klim scheinen, als klinge einzig aus dem Lob der Frauen ehrliche Freude, während die Urteile der Männer nur schlecht über ihren Neid hinwegtäuschten. Er gelangte sogar zu dem Ergebnis, daß Makarow am Ende recht haben könnte. Die Frau begriff besser als der Mann, daß alles auf der Welt für sie da war.

Die Wogen seines Patriotismus stiegen besonders hoch, wenn er Gruppen von Angehörigen fremdstämmiger Völkerschaften begegnete, die aus allen Gegenden vom Weißen Meer bis zum Kaspi-See und Schwarzen Meer, von Helsingfors bis Wladiwostok zum Fest der über sie gebietenden Nation zusammengeströmt waren. Würdevoll bewegten sich die Bewohner Chiwas und Bucharas und die dicken Sarten, deren weite Gesten nur denen schlaff erschienen, die nicht wußten, daß Geschwindigkeit eine Eigenschaft des Teufels war. Verweichlichte Perser mit gefärbten Bärten standen malerisch vor Blumenbeeten. Ein hoher Greis mit einem orangegelben Bart und purpurnen Fingernägeln deutete mit dem langen Finger seiner gepflegten Hand auf die Blumen und wandte sich in getragenem Ton, als spreche er Verse, an sein Gefolge. Ein unförmig großer Ring mit einem Rubin blitzte an seinem Finger und zog die gebannten Blicke eines schmächtigen Menschen in einer schwarzen, schräg geschnittenen Persianerkappe an. Ohne seine roten, schwimmenden Augen vom Rubin loszureißen, bewegte der Mensch seine dicken Lippen, und seine Miene schien Angst auszudrücken, daß der Stein aus seiner schweren, goldenen Fassung herausspringen könnte.

Häufig begegnete man gut gewachsenen Wolgatataren, Krimtataren, die wie rumänische Musikanten aussahen, Georgiern und Armeniern von geräuschvoller Lebhaftigkeit, sowie finsteren, bedächtigen Finnen mit heller Haut, die bei der städtischen Straßenbahn beschäftigt waren. Vor dem Pavillon der Archangelsker Eisenbahn, der von dem Mäzen Sawwa Mamontow, dem Erbauer der Bahn, im Stil der alten Kirchen des Nordlands errichtet worden war, hatte sich eine Familie stülpnasiger Samojeden angesiedelt, die dem Publikum ein Walroß zeigten, das in einem an dem Pavillon angebauten Bassin hauste und in aufgeräumter Stimmung »Danke, Sawwa!« sagen sollte.

In der Filzjurte hockten mit untergeschlagenen Beinen zehn Kirgisen mit gußeisenbraunen Gesichtern. Sieben bliesen mit gewaltiger Kraft in lange Rohre aus irgendeinem, den Klang dämpfenden Holz. Ein Jüngling mit unwahrscheinlich breiter Nasenwurzel und schwarzen Augen, die irgendwo in der Nähe der Ohren saßen, schlug schläfrig auf ein Tambourin, während ein zwerghaft kleiner Greis mit einem von grünlichem Moos überwucherten Gesicht mit beiden Händen kindisch auf einen mit Eselshaut bespannten Kessel schlug. Zuweilen öffnete er weit seinen zahnlosen, vor spärlichen Schnurrbarthaaren eingesponnenen Mund und stieß minutenlang mit dünner, schneidender Kehlstimme ein langgezogenes Klagen aus.

Hirten aus dem Gouvernement Wladimir mit asketischen Heiligengesichtern und Raubvogelaugen spielten auf ihren Schalmeien meisterhaft russische Volkslieder. Auf einer anderen Estrade gegenüber dem Pavillon der Kriegsmarine exekutierte ein Orchester aus Saiteninstrumenten unter der Leitung des Beaus Glawatsch eine seltsame Nummer, die im Programm die Bezeichnung »Musik der Himmelssphären« trug. Dieses Musikstück gab Glawatsch, dreimal täglich, es war beim Publikum sehr beliebt, während Leute mit Forschungstrieb sich im Pavillon anhören konnten, wie die leise Musik in der Stahlmündung eines langen Geschützes widertönte.

»Ein bemerkenswertes akustisches Phänomen«, belehrte Klim ein sehr liebenswürdiger, weiblich aussehender Mann mit schönen Augen. Klim glaubte nicht, daß die »Musik der Himmelssphären« sich der Kanone mitteilen könnte, aber da er in leutseliger Stimmung war, ließ er sich verlocken, dem Phänomen beizuwohnen. Er vernahm in der kalten Höhlung des Geschützes nicht das mindeste, kam sich sehr dumm vor und beschloß gewitzigt, der Stimme des Volkes, die Orina Fedossow, eine Erzählerin alter Nordlandssagen, pries, nicht Gehör zu schenken.

Täglich, um die Stunde des Abendgottesdienstes, näherte sich den Holzgerüsten, an denen die Glocken von Okonischnikow und anderen Gießereien hingen, ein älterer Mann in einer ärmellosen Jacke und mit einer gefütterten Mütze. Er entblößte seinen kahlen Schädel von der Form einer Melone, blickte mit weit aufgerissenen Augen, die weiß und leer wie die eines Blinden waren, zum Himmel empor und bekreuzigte sich dreimal. Dann verneigte er sich bis zum Gürtel vor den Zuschauern und Zuhörern, die schon auf ihn warteten, bestieg das eine Gerüst und schwang den fünfpudschweren Klöppel der großen Glocke. Feierlich bewegten die sanft anschwellenden, tiefen Seufzer des empfindlichen Metalls die Luft. Es war, als ob der eiserne schwarze Klöppel lebendig geworden sei, aus eigener Kraft die Glocke schwingen ließ und gierig am Metall leckte, während der Glöckner ihn vergeblich mit seinen langen Armen zu fangen suchte und aus Verzweiflung darüber mit dem kahlen Schädel gegen den Glockenrand schlug.

Endlich gelang es ihm, den in Schwung geratenen Klöppel zum Stehen zu bringen, worauf er sich zum Gerüst mit den kleinen Glocken wandte. Man sah seine schwarze Gestalt krampfhaft mit Armen und Beinen strampeln, während er »Rühme dich, rühme dich, russischer Zar« läutete. Der Glöckner zappelte so heftig, daß der Eindruck entstand, als hänge er in der Schlinge eines unsichtbaren Strickes, mühte sich ab, sich daraus zu befreien, und schüttelte wild den Kopf. Sein langes Gesicht schwoll auf und füllte sich mit Blut, doch je länger dies währte, desto volltönender rühmte das gehorsame Metall der Glocken den Zaren. Nachdem er ausgeläutet hatte, trocknete er sich den triefenden Schädel und das nasse Gesicht mit einem blau und weiß gewürfelten Taschentuch ab, starrte wieder mit furchtbaren, weißen Augen in den Himmel, verneigte sich vor dem Publikum und entfernte sich, ohne auf lobende Bemerkungen und Fragen zu antworten. Man erzählte sich, er sei von einem großen Leid heimgesucht worden und habe das Gelübde getan, bis ans Ende seiner Tage zu schweigen.

Klim sah den Glöckner einige Male sein Werk verrichten und entdeckte plötzlich, daß er dem Diakon ähnele. Von dieser Minute an war er überzeugt, daß der Glöckner ein Verbrechen begangen habe und jetzt schweigend büße. Klim hätte gern den Diakon an seiner Stelle gesehen.

Im übrigen verbrachte Samgin die Tage in stiller Ergriffenheit vor der Überfülle und Vielgestaltigkeit der Dinge und Waren, die von eben den schlichten Menschlein der verschiedensten Art geschaffen worden waren, Menschen, die sich bedächtig auf den mit sauberem Sand bestreuten Pfaden bewegten, bescheiden die Erzeugnisse ihres Fleißes besichtigten, ohne viel Aufhebens lobten, was sie sahen, und mehr noch, nachdenklich schwiegen. In Samgin meldete sich ein Gefühl der Schuld gegen diese stillen, bescheidenen Menschen, er betrachtete sie freundschaftlich, ja mit einer Nuance von Achtung vor ihrer äußeren Unscheinbarkeit, hinter der sich eine märchenhafte, allerschaffende Kraft verbarg.

»Das ist die Universität«, dachte er, damit beschäftigt, seine Eindrücke abzuwägen. »Die Erkenntnis Rußlands – das ist die wichtigste lebendige Wissenschaft!«

Sehr lästig fiel ihm Inokow, dessen alberne Figur im weiten Cape mit dem Fackelträgerhut schon von fern die Aufmerksamkeit auf sich lenkte und überall auftauchte, wie ein phantastischer, hungriger Vogel auf der Nahrungssuche. Inokow sah jetzt bedeutend männlicher aus, seine Wangen hatten sich mit feinen Ringen dunkler Barthaare bedeckt, was die Züge seines breitknochigen und groben Gesichts ein wenig milderte.

Klim konnte sich indessen nicht dazu entschließen, Inokow zu meiden, weil dieser keineswegs sympathische Bursche genau wie sein Bruder Dmitri eine Menge wußte und recht vernünftig über das Kustargewerbe, den Fischfang, die chemische Industrie und die Schiffahrt zu erzählen verstand. Samgin konnte davon profitieren, nur beeinträchtigten Inokows Reden stets bis zu einem gewissen Grade seine aufgeräumte und gefühlsselige Stimmung.

»Diese ganze Herrlichkeit hat etwas von einer Witwe . . .«, sagte Inokow. »Wissen Sie, so eine bejahrte und augenscheinlich nicht sehr kluge Witwe von zweifelhafter Schönheit, die mit ihrer Mitgift prahlt, um einen Mann zur Ehe mit ihr zu verlocken . . .«

Als beschäftige er sich damit, eine schwierige Aufgabe zu lösen, biß er sich die Lippen, wobei sein Mund sich zu einem feinen Strich spannte.

Darauf schimpfte er polternd:

»Diese Tölpel! Haben den Einfall gehabt, die Ausstellung ihrer Schätze auf Sand und Moor aufzubauen! Auf der einen Seite die Ausstellung, auf der anderen die Messe und in der Mitte das urfidele Dorf Kupawino, wo unter drei Häusern zwei mit Bettlern und Hafendieben vollgestopft sind, und das dritte mit öffentlichen Dirnen.«

Wenn Klim Samgin seiner Begeisterung über die Entwicklung der Textilindustrie Ausdruck verlieh, machte Inokow ihn darauf aufmerksam, daß das Dorf, sowohl was die Qualität als auch was die Farben der Stoffe betraf, sich immer schlechter kleidete, und daß man die Baumwolle aus Mittelasien nach Moskau schickte, um sie dort zu verarbeiten und dann nach Mittelasien zurückzuschicken. Weiter hielt er ihm vor Augen, daß ungeachtet des Holzreichtums in Rußland Papier in Millionen Pud in Finnland eingekauft wurde.

»Zedern gibt es im Ural in Hülle und Fülle, Graphit ebenfalls, aber Bleistifte zu fabrizieren, verstehen wir nicht.«

Noch peinlicher war es, anzuhören, was Inokow über gewisse erfolglose Erfinder vorbrachte.

»Waren Sie im landwirtschaftlichen Pavillon?« fragte er und krümmte spöttisch die Lippen. »Dort hat so ein russisches Genie ein Fahrrad ausgestellt, genau das gleiche, auf dem die Engländer schon im 18. Jahrhundert vergeblich zu fahren versuchten. Ein anderer Esel hat ein Klavier ausgetüftelt, und alles, Klaviatur, Saiten, mit eigener Hand gemacht. Zwei Drittel der Saiten sind selbstredend aus Darm. Klappern tut dieser Musikkasten wie eine alte Dorfkalesche. Irgendein abgedankter Notar exponiert eine Klatsche, um die Pferdebremsen totzuschlagen. Die Klatsche wird an der vorderen Achse des Wagens befestigt, was bewirkt, daß sie das Pferd schlägt, das natürlich wild wird. Im tiefsten Wald sollte man diese Trottel verstecken, wir aber haben nichts Eiligeres zu tun, als uns vor allem Volk mit ihnen zu brüsten!«

Samgin nahm täglich mit ihm das Frühstück in einem schwedischen Papphaus am Eingang der Ausstellung. Inokow nährte sich bescheiden mit einem Stück Schinken und einer Menge Brot, und trank dazu eine Flasche Schwarzbier. Während er sein Gesicht mit der Hand streichelte, als wische er die Sommersprossen ab, erzählte er:

»Die Leinwand eines gewissen Wrubel, eines offenbar hochbegabten Künstlers, wurde von der Ausstellung zurückgewiesen. Ich verstehe nichts von Malerei, eine Kraft vermag ich aber auf jedem Gebiet zu erkennen. Sawwa Mamontow hat für Wrubel eine besondere Bude außerhalb der Ausstellung errichten lassen, sehen Sie dort drüben! Der Eintritt ist unentgeltlich, aber der Besuch ist schlecht, selbst an den Tagen, wenn dort Mamontows Opernchor singt. Ich sitze dort häufig und wundere mich über den Anblick, der sich mir bietet: an der einen Wand »Prinzessin Traum«, an der anderen Mikula Seljaninowitsch und die Wolga. Eigenartig. Ein Zeitungsmann hat sich die ›Prinzessin‹ und Mikula angeschaut und gerügt: ›Politik. Alliance franco-russe. Kein Verständnis dafür. Kunst muß von Politik frei sein‹.«

Inokow lächelte gezwungen spöttisch, wischte aber das Lächeln sofort mit der Hand von den Lippen. Er teilte Klim beständig die verschiedensten Neuigkeiten mit:

»Witte ist angekommen. Gestern geht er mit dem Ingenieur von Kasi und Quintiliana und zitiert: ›Es ist leichter, mehr zu tun als gerade soviel.‹ Ein selbstgefälliger Bauer. Man schafft Arbeiter herbei, um den Zaren zu begrüßen. Hier am Ort gibt es entweder zu wenig oder sie sind nicht zuverlässig genug. Übrigens wirbt man in Sormowo und in Nishni, bei Dobrow-Nabgolz, Leute an.«

»Wie stehen Sie eigentlich zum Zaren?« fragte Klim.

Inokow sah ihn erstaunt an.

»Habe mir nie darüber den Kopf zerbrochen.«

Klim Samgin erwartete den Zaren mit einer Unruhe, die ihn selbst irritierte, die er sich aber nicht verhehlen konnte. Er fühlte, daß er den Mann sehen mußte, der an der Spitze dieses ungeheuren, reichen Rußland stand, eines Landes, mit einem merkwürdig glatten Volk, über das etwas Bestimmtes auszusagen schwierig war, schwierig deshalb, weil dieses Volk allzu reichliche Einspritzungen mit skandalsüchtigen Elementen erhalten hatte. Samgin hatte die dunkle Hoffnung, daß in dem Augenblick, wo er den Zaren sehen würde, alles, was er erlebt und durchdacht hatte, seinen endgültigen Abschluß erhielt. Vielleicht würde diese Begegnung dem ersten Sonnenstrahl gleichkommen, mit dem der Tag beginnt, vielleicht aber auch dem letzten, hinter dem schon die warme Sommernacht sanft die Erde umfängt. Vielleicht hatte Diomidow recht: der Zar war kein Durchschnittsmensch, nicht so einer, wie sein Vater. Er, der mit solcher Kühnheit die Hoffnungen der Menschen, die seine Gewalt einschränken wollten, zunichte gemacht hatte, mußte auch einen energischeren Charakter haben als sein Großvater. Ja, es war möglich, daß Nikolaus II. die Kraft besaß, allein gegen alle zu stehen, und seine junge Hand stark genug war, um sich mit dem Eichenknüppel Peters des Großen zu bewaffnen und den Leuten zuzurufen:

»Was soll der Unfug!«

Zwei Tage später drängte Inokow seine Gedanken in eine andere Richtung.

»Sie wollen sich nicht Orina Fedossow anhören?« fragte er befremdet. »Aber sie ist ja ein Wunder.«

»Ich bin kein Freund von Wundern«, sagte Samgin, der sich an die Kanone und die »Musik der Himmelssphären« erinnerte.

Aber Inokow fuchtelte mit dem Arm und sagte erregt:

»Im Vergleich mit ihr ist alles andere Plunder!«

Er packte Klim am Ärmel seiner Jacke und fuhr fort:

»Erinnern Sie sich der ›Mütter‹ im zweiten Teil des ›Faust‹? Aber die phantasieren wie im Fieber, während diese Frau . . . Nein, Sie müssen mitkommen!«

Klim sah Inokow zum erstenmal in einer solchen Gemütsverfassung. Neugierig, ihre Ursache kennenzulernen, folgte er ihm in einen Saal, wo Lektionen und Vorträge gehalten wurden, und wo Glawatsch vortrefflich auf der Orgel spielte.

Ein hochgewachsener, bärtiger Mann in einem langen, wie aus Eisenblech zusammengenieteten Rock trat auf die Estrade heraus. Er begann mit schallender Stimme in der Weise zu sprechen, wie Leute, die dressierte Affen oder Seehunde vorführen.

»Ich!« sagte er. »Ich, ich, ich«, wiederholte er immer häufiger und machte dabei mit den Armen Schwimmbewegungen. »Ich habe das Vorwort geschrieben. Das Buch ist am Eingang zu haben. Sie ist Analphabetin. Kennt dreißigtausend Verse auswendig . . . Ich . . . Mehr als die Ilias hat. Professor Shdanow . . . Als ich . . . Professor Barsow . . .«

»Das hat nichts zu bedeuten«, beruhigte ihn Inokow. »Dieser Mann ist stets dumm.«

Auf die Estrade trippelte mit wiegendem Gang ein schiefgewachsenes Mütterchen, angetan mit einem dunklen Zitzkleid und einem abgetragenen, buntgeblümten Kopftuch. Eine komische, gute, alte, aus Runzeln und Falten geknetete Hexe mit einem runden Stoffgesicht und lächelnden Kinderaugen.

Klim warf einen zornigen Blick auf Inokow, überzeugt, daß er wieder wie vor der Kanone Gelegenheit haben werde, sich als dummer August vorzukommen. Aber Inokows Gesicht leuchtete in trunkener Seligkeit, er klatschte stürmisch in die Hände und murmelte:

»Ach, du Liebe . . .«

Es war ein komischer Anblick. Samgin wurde weicher. Er beschloß, was auch kommen möge, zehn Minuten auszuhalten, zog seine Uhr hervor, beugte den Kopf und – warf ihn sofort empor: Von der Bühne ergoß sich eine außergewöhnlich melodische Stimme. Uralte, schwere Worte ertönten. Es war die Stimme eines Bauernweibes, aber trotzdem konnte man nicht glauben, daß die Alte diese Verse sprach. Es war nicht nur die echte Schönheit der gesprochenen Worte, diese Stimme hatte etwas unmenschlich Zärtliches und Weises. Eine magische Kraft, die Klim mit der Uhr in der Hand erstarren ließ. Er hätte sich sehr gerne umgeblickt, um zu sehen, mit welchem Ausdruck die anderen Leute dem krummhüftigen Mütterchen lauschten. Aber er konnte seinen Blick nicht losreißen von dem Spiel der Fältchen in dem zerknitterten, guten Gesicht, von dem wunderbaren Glanz der Kinderaugen, die jeden Vers beredt ergänzten und den verschollenen Worten ein lebendiges Leuchten und einen bestrickend weichen Klang verliehen.

Während sie mit ihrem Watteärmchen eintönige Bewegungen ausführte, erzählte diese alte Frau aus dem Olonetzker Gebiet, die wie eine plump zurechtgeschneiderte Zeugpuppe aussah, wie die Mutter des Recken Dobrynja ihn aussandte, um Heldentaten zu bestehen und von ihm Abschied nahm, Samgin sah diese hochgewachsene Mutter, hörte ihre harten Worte, aus denen dennoch Furcht und Trauer sprachen, sah den breitschultrigen Recken Dobrynja vor sich, wie er niederkniete, das Schwert in den ausgestreckten Händen hielt und mit gehorsamen Augen zur Mutter emporblickte.

Augenblicke lang schien es Klim, als sei er allein in dem Saal, auch diese gute Hexe sei am Ende gar nicht da, sondern durch die Geräusche hinter den Wänden des Saals dringe aus verschollenen Jahrhunderten auf wahrhaft wunderbare Weise die zum Leben erwachte Stimme des heroischen Altertums zu ihm.

»Nun, was?« fragte feierlich Inokow. Sein durch ein seliges Lächeln geweitetes Gesicht hatte etwas Betäubtes. Die Augen waren naß.

»Erstaunlich!« antwortete Klim.

»Es kommt noch viel schöner! Beachten Sie: sie ist keine Schauspielerin, sie spielt nicht Menschen, sondern spielt mit den Menschen!«

Diese seltsamen Worte verstand Klim nicht, aber er erinnerte sich ihrer, als die Fedossow von dem Streit des Rjasaner Bauern Ilja Muromez mit dem Kiewer Fürsten Wladimir zu erzählen begann. Samgin starrte, von neuem magisch gebannt, von dem sanften Leuchten der unverlöschlichen Augen gestreichelt, in das mit allen Runzeln sprechende Zauberinnengesicht. Sein Verstand sagte ihm zwar, daß der gewaltige Recke aus dem Dorfe Karatscharow, von dem launenhaften Fürsten aus seiner Heimat vertrieben, nicht mit dieser Stimme sprechen, und daß in seinen scharfen Steppenaugen natürlich nicht ein so spitzes, ironisches Lächeln sitzen konnte, das entfernt an die listigen und weisen Fünkchen in den Augen des Historikers Kljutschewski erinnerte.

Doch sobald ihm der unerbittliche Gelehrte in Erinnerung kam, war Klim plötzlich nicht mit dem Verstand, sondern mit seinem ganzen Wesen von der Gewißheit erfüllt, daß gerade dieses elend zurechtgeschneiderte Zitzpüppchen die wirkliche Geschichte der Wahrheit des Guten und der Wahrheit des Bösen sei, die nur in dem Ton der schiefgewachsenen Olonetzker Alten von der Vergangenheit berichten mußte und konnte, gleich liebevoll und weise von Zorn und Zärtlichkeit, von dem unerschöpflichen Leid der Mütter und den Heldenträumen der Kinder, von allem, was das Leben ausmacht. Und ebenso melodisch die Menschen liebkosend, mit ebenso bezaubernder Stimme, ob sie nun von Wahrheit sprach oder von Legende, würde dereinst vielleicht die Geschichte auch davon berichten, wie der Mensch Klim Samgin auf Erden wandelte.

Weiter fühlte Samgin, daß er niemals so gut, so klug und beinahe bis zu Tränen unglücklich gewesen war, wie in dieser seltsamen Stunde, unter Menschen, die stumm dasaßen, verzaubert von der alten, lieben Hexe, die aus uralten Märchen in eine prahlerisch aus dem Boden gestampfte und trügerische Wirklichkeit getreten war.

Inokow störte Klim in seinem andächtigen Gefühl, so rein zu sein, wie er es noch niemals war. In den kurzen Pausen zwischen den Erzählungen der Fedossow, wenn sie, neue Kraft schöpfend, sich die dunklen Lippen mit der Zungenspitze leckte, ihre schiefe Hüfte streichelte und an den Zipfeln ihres Kopftuchs zupfte, das unter ihrem, an die Kappe eines Pilzes erinnernden Kinn zusammengebunden war, wenn sie sich seitlich wiegte, lächelte und dem begeisterten Publikum zunickte, – in diesen Minuten zerschlug Inokow Klims Stimmung, indem er rasend Beifall klatschte und mit schluchzender Stimme schrie:

»Danke, Großmütterchen, liebes, danke!«

Er war erregt wie ein Betrunkener, sprang auf seinem Stuhl empor, schneuzte sich ohrenbetäubend, trampelte. Sein Umhang glitt ihm von den Schultern, und er trat mit den Füßen darauf.

Klim verbrachte den Rest des Tages in einem Zustand der Entrücktheit. Sein Gedächtnis raunte ihm eindringlich die uralten Worte und Verse zu, vor seinen Augen wiegte sich die Puppenfigur, schwebte die weiche Wattehand, spielten die Runzeln in dem guten und klugen Gesicht, und lächelten die großen, sehr hellen Augen.

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