Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maxim Gorki >

Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
Schließen

Navigation:

 

Maria Ignatjewna Sakrewski gewidmet

 

 

 

Erstes Kapitel.

Iwan Akimowitsch Samgin war ein Freund des Originellen; als seine Frau ihm den zweiten Sohn geboren hatte und Samgin am Bett der Wöchnerin saß, beteuerte er ihr unaufhörlich:

»Weißt du, Wera, wir geben ihm einen seltenen Namen. Wir haben die ewigen Iwans und Wassilis satt, wie?«

Die von den Geburtswehen erschöpfte Wera Petrowna antwortete nicht. Ihr Gatte richtete seine Taubenaugen auf das Fenster, zum Himmel, wo die windzerfetzten Wolken bald an Eisgang auf dem Fluß, bald an die zottigen Hügel im Moor erinnerten. Dann zählte Samgin besorgt auf, die Luft mit dem kurzen, rundlichen Finger durchbohrend.

»Christophorus? Kirik? Wukol? Nikodemus?«

Jeden Namen vernichtete eine ausstreichende Geste, und nachdem er so ein gutes Dutzend ungebräuchlicher Namen durchgegangen war, rief er befriedigt aus:

»Samson! Samson Samgin – ich hab's! Das ist nicht schlecht! Name eines biblischen Helden, und der Nachname – oh, mein Nachname ist originell!«

»Rüttle nicht am Bett«, bat leise die Frau.

Er entschuldigte sich, küßte ihre Hand, die kraftlos und seltsam schwer war, und horchte lächelnd auf das böse Pfeifen des Herbstwinds und das klägliche Winseln des Kindes.

»Ja – Samson! Das Volk braucht Helden! Doch – ich werde noch einmal nachdenken. Vielleicht . . . Leonid?«

»Sie ermüden Wera mit Kleinigkeiten«, bemerkte strenge Maria Romanowna, die Hebamme, während sie das Neugeborene wickelte.

Samgin warf einen Blick auf das blutleere Gesicht seiner Frau, brachte ihr über das Kissen verstreutes Haar, das von ungewöhnlich mondgoldner Tönung war, in Ordnung und verließ lautlos das Zimmer.

 

Die Wöchnerin genas langsam. Das Kind war schwach. Die dicke, aber immer kranke Mutter Wera Petrownas fürchtete, es möchte nicht am Leben bleiben, und drängte zur Taufe. Man taufte es, und schuldbewußt lächelnd gestand Samgin:

»Werotschka, ich habe mich im letzten Augenblick entschlossen, ihn Klim zu nennen. Klim! Ein Name, wie er im Volk gebräuchlich ist. Er verpflichtet zu nichts. Wie denkst du?«

Da sie die Verlegenheit des Gatten und die allgemeine Unzufriedenheit der Angehörigen bemerkte, stimmte Wera Petrowna zu:

»Mir gefällt er.«

Ihr Wort war Gesetz in der Familie, und an die überraschenden Streiche Samgins hatten sich alle gewöhnt. Er verblüffte oft durch die Eigenartigkeit seiner Handlungen, genoß jedoch sowohl innerhalb seiner Familie wie unter den Bekannten den Ruf eines Glücklichen, dem alles leicht gelingt.

Indessen, der nicht ganz gewöhnliche Name des Kindes hob es seit den ersten Tagen seines Lebens aus der grauen Masse heraus.

»Klim?« fragten sich die Bekannten und betrachteten den Knaben besonders aufmerksam, als ob sie zu erraten versuchten: warum nur Klim?

Samgin erklärte:

»Ich wollte ihn Nestor oder Antippas nennen, aber wissen Sie, diese alberne Zeremonie: Sagst du dich los von Satanas? – Blase! Spei aus . . .!«

Auch die Hausgenossen hatten ihre Gründe, dem Neugeborenen mehr Beachtung zu schenken als seinem zwei Jahre älteren Bruder Dmitri. Klims Gesundheit war schwach, und dies verdoppelte die Liebe seiner Mutter. Der Vater fühlte sich schuldig, weil er dem Sohn einen falschen Namen gegeben habe. Die Großmutter, die den Namen »bäurisch« fand, schwor, man habe dem Kind ein Leid getan, während Klims kinderlieber Großvater, Gründer und Ehrenvorstand der Gewerbeschule für Waisen, der eine Schwäche für Pädagogik und Hygiene hatte, den zarten Klim offenkundig dem gesunden Dmitri vorzog und den Enkel ebenfalls mit seiner Fürsorge beschwerte.

Klims erste Lebensjahre fielen in die Zeit des verzweifelten Kampfes für Freiheit und Aufklärung, den das Häuflein jener Menschen führte, die den Mut besaßen, sich mannhaft und allein »zwischen Hammer und Amboß« zu werfen, zwischen die Regierung des unfähigen Enkels einer begabten deutschen Prinzessin und das unwissende, in der Sklaverei der Leibeigenschaft stumpf gewordene Volk. Erfüllt von gerechtem Haß gegen die Zarenherrschaft, liebten diese überzeugten Wahrheitsfanatiker »das Volk« und gingen, es aufzuwecken und zu retten. Damit es ihnen leichter fiele, es zu lieben, dachten sie es sich als ein Wesen von einzigartiger geistiger Schönheit, schmückten es mit der Krone des schuldlosen Dulders, mit der Gloriole des Heiligen und stellten seine physischen Qualen hoch über die moralischen, mit denen die grauenvolle russische Wirklichkeit die Besten des Landes verschwenderisch ausstattete.

Der Trauergesang jener Zeit war das zornige Stöhnen des hellhörigsten Dichters der Epoche, und doppelt bang ertönte die Frage die der Dichter an das Volk richtete:

Wirst du endlich erwachen, geschwellt von Kraft?
Oder hast du, gehorsam dem blinden Walten des Schicksals,
Das deinige getan,
Als du das Lied schufst, das dem Stöhnen gleicht,
Und für ewig deinen Geist aufgegeben?

Unermeßlich waren die Leiden, die die Kämpfer für Freiheit und Kultur auf sich nahmen. Doch Haft, Kerker und die Verbannung vieler Hunderte junger Menschen nach Sibirien entflammten nur mächtiger ihren Kampf gegen den plumpen seelenlosen Mechanismus der Staatsgewalt.

Dieser Kampf zog auch die Familie Samgin in Mitleidenschaft. Iwans älterer Bruder Jakow wurde, nachdem er fast zwei Jahre im Gefängnis gesessen hatte, nach Sibirien verschickt, floh, wurde wieder ergriffen und ins Innere Turkestans deportiert. Auch Iwan Samgin entging weder der Verhaftung noch dem Kerker und wurde später von der Universität verjagt. Wera Petrownas Vetter – der Mann der Maria Romanowna – starb auf dem Wege in die Verbannung nach Jalutorowsk.

Im Frühjahr 1879 knallte der verzweifelte Schuß Solowjows. Die Regierung beantwortete ihn mit asiatischen Vergeltungsmaßnahmen.

Damals nahmen einige entschlossene Männer und Frauen den Zweikampf mit dem Despoten auf, hetzten ihn zwei Jahre lang wie ein wildes Tier, brachten ihn endlich zur Strecke und wurden sogleich von einem ihrer Kameraden verraten. Dieser hatte selbst versucht, Alexander II. zu ermorden, aber, wie es scheint, mit eigener Hand die Zündschnur der Bombe, die den Zarenzug in die Luft sprengen sollte, durchschnitten. Des Ermordeten Sohn, Alexander III., belohnte den Attentäter auf das Leben seines Vaters mit dem Titel eines Ehrenbürgers.

Als man die Helden vernichtet hatte, waren sie, wie das immer zu sein pflegt, auf einmal die Schuldigen, die Hoffnungen geweckt hatten, die sie nicht verwirklichen konnten. Diejenigen, die den ungleichen Kampf wohlwollend aus der Ferne verfolgt hatten, wurden durch die Niederlage tiefer entmutigt als die Freunde der Kämpfer, die das Gemetzel überlebt hatten. Viele verschlossen ungesäumt und weise ihre Türen den Überresten der heldischen Gruppe, die gestern noch Begeisterung entfesselt hatten, heute aber nur bloßstellen konnten.

Langsam regte sich skeptischer Unglaube an die »Bedeutung der Persönlichkeit im Schöpfungsprozeß der Geschichte«, ein Unglaube, der Jahrzehnte später ungezügelter Begeisterung für den neuen Helden, die »blonde Bestie« Friedrich Nietzsches, Platz machte. Schnell wurden die Menschen klüger, und Spencer darin zustimmend, daß »Instinkte aus Blei kein Betragen aus Gold« geben können, widmeten sie ihre Fähigkeiten und Kräfte der »Selbsterkenntnis« und dem individuellen Sein. Rasch strebte man der Anerkennung des Schlagwortes »Unsere Zeit ist nicht die Zeit gewaltiger Aufgaben« zu.

Einer der genialsten Künstler, der ein so feines Gefühl für die Macht des Bösen besaß, daß er ihr Schöpfer zu sein schien, brach in einem Lande, wo die Mehrzahl der Herren genau solche Sklaven waren wie ihre Knechte, in das hysterische Geschrei aus:

»Schick dich in dein Los, hoffärtiger Mensch! Dulde, Hoffärtiger!«

Und nach ihm ertönte nicht weniger machtvoll die Stimme eines anderen Genies, die gebieterisch und beharrlich verkündete, zur Freiheit führe nur ein Weg: »Dem Übel nicht widerstreben.«

 

Das Haus der Samgins war eines der in jenen Jahren schon seltenen Häuser, deren Herren sich nicht beeilten, alle Feuer zu löschen: dieses Haus wurde, wenn auch nicht häufig, von unfrohen, zänkischen Menschen besucht. Sie zogen sich in die Zimmerecken, in den Schatten zurück, sprachen wenig und begleiteten ihre Worte mit einem unangenehmen Lachen. Von ungleichem Wuchs, verschieden gekleidet, glichen sie alle doch sonderbar einander wie Soldaten aus einer Kompagnie. Sie waren keine »Hiesigen«, sie reisten irgendwohin und erschienen bei Samgin auf der Durchreise. Zuweilen blieben sie über Nacht. Auch darin ähnelten sie sich, daß sie alle gehorsam die wütenden Reden Maria Romanownas anhörten und sie sichtlich fürchteten. Vater Samgin aber hatte Angst vor ihnen, – der kleine Klim sah, daß der Vater beinahe vor jedem von ihnen seine weichen, zärtlichen Hände rieb und verlegen von einem Fuß auf den anderen trat. Einer dieser Menschen, ein schwarzer, bärtiger und wohl sehr geiziger Mann, sagte wütend:

»In deinem Haus, Iwan, geht es zu wie in einem armenischen Witz: immer zehnmal mehr als notwendig. Man hat mir für die Nacht, ich weiß nicht warum, zwei Kissen und zwei Kerzen gegeben.«

Samgins Bekanntenkreis in der Stadt war merklich zusammengeschrumpft, immerhin versammelten sich bei ihm an den Abenden einige Menschen, die mit der Stimmung des gestrigen Tages noch nicht fertig waren. Jeden Abend tauchte aus der Tiefe des Hofflügels hoheitsvoll Maria Romanowna auf, hager, knochig, eine schwarze Brille auf der Nase, mit einem beleidigten Gesicht ohne Lippen und einem Spitzenhäubchen auf dem zur Hälfte ergrauten Haar. Unter dem Häubchen sahen ihre großen, grauen Ohren hervor. Vom zweiten Stock stieg der Mieter Warawka herab, breitschultrig und flammenbärtig. Er sah aus wie ein reichgewordener Lastkutscher, der sich eine ihm fremde Kleidung gekauft hat und sich in ihr nicht rühren kann. Er bewegte sich schwerfällig und behutsam, scharrte aber dabei sehr geräuschvoll mit den Sohlen. Sie waren oval wie Schüsseln, in denen man Fische aufträgt. Bevor er sich an den Teetisch setzte, prüfte er stets besorgt den Stuhl, ob er wohl auch fest genug sei. Alles an ihm und um ihn her ächzte, knarrte und bebte, Möbel und Geschirr fürchteten ihn, und kam er am Flügel vorbei, brummten die Saiten. Doktor Somow erschien, ein finsterer Schwarzbart. Er pflegte an der Türschwelle stehen zu bleiben, alle Anwesenden mit vortretenden, steinernen Augen zu mustern und heiser zu fragen:

»Geht's gut? Gesund?«

Dann schritt er ins Zimmer, und hinter seinem breiten, gedrungenen Rücken ward stets die Doktorsfrau sichtbar, ein mageres, gelbes Persönchen mit riesengroßen Augen. Sie küßte schweigend Wera Petrowna, verneigte sich hierauf vor allen Anwesenden wie vor den Heiligenbildern in der Kirche, nahm möglichst weit von ihnen Platz und saß dann da wie im Wartezimmer eines Dentisten, den Mund mit einem Tuch bedeckend. Unverwandt starrte sie in die Ecke, die am dunkelsten war, und schien zu erwarten, daß gleich jemand aus der Dunkelheit sie rufen werde:

»Komm!«

Klim wußte, sie wartete auf den Tod. Doktor Somow hatte in seiner und ihrer Gegenwart gesagt:

»Nie habe ich einen Menschen getroffen, der eine so alberne Furcht vor dem Tode hat wie meine Gattin.«

Unbemerkt und plötzlich wuchs irgendwo im Finstern einer Ecke ein rothaariger Mann hervor, Stepan Tomilin, Klims und Dmitris Lehrer – rannte, stets aufgewühlt, Fräulein Tanja Kulikowa ins Zimmer, vertrocknet und mit einer komischen, von Blattern zerfressenen Nase. Sie brachte Bücher oder Hefte mit, die mit violetten Worten vollgeschrieben waren, stürzte auf jeden zu und drängte halblaut, mit verhaltener Stimme:

»Jetzt lassen Sie uns lesen! Lesen!«

Wera Petrowna beschwichtigte sie.

»Wir wollen erstmal Tee trinken, die Dienstboten entlassen und dann . . .«

»Vorsicht mit den Dienstboten!« warnte Doktor Somow, den Kopf wiegend, und auf seinem Scheitel schien, umgeben von vereinzelten Haarbüscheln, eine graue, runde Lichtung durch.

Die Erwachsenen tranken ihren Tee mitten im Zimmer unter einer Lampe mit weißem Schirm, einer Erfindung Samgins: der Schirm warf das Licht nicht nach unten auf den Tisch, sondern gegen die Decke, und machte, daß ein trauriges Zwielicht durch das Zimmer flutete. In drei Ecken herrschte nächtliches Dunkel. In der vierten, von einer Wandlampe erhellten, neben einem Kübel, in dem ein kolossaler Rhododendron wuchs, befand sich der Tisch der Kinder. Die schwarzen Blattatzen der Pflanze krochen von ihren Stielen, die mit Schnüren an Nägeln befestigt waren, über die Wände, die federleichten Wurzeln hingen in der Luft gleich langen grauen Würmern.

Der stramme, pummelige Dmitri saß immer mit dem Rücken zum großen Tisch, während der schmale, magere und à la »Muschik« rund geschorene Klim das Gesicht den Erwachsenen zuwandte, aufmerksam ihren Gesprächen folgte und wartete, bis der Vater ihn den Gästen vorführen würde.

Beinahe an jedem Abend rief der Vater Klim zu sich heran, preßte die Hüften des Knaben zwischen seine weichen Knie und fragte:

»Nun, kleiner Bauer, was ist das Schönste?«

Klim antwortete dann:

»Wenn man einen General beerdigt.«

»Und warum?«

»Die Musik spielt.«

»Und was ist das Schlimmste?«

»Wenn Mama Kopfweh hat.«

»Na, was sagen Sie?« erkundigte sich Samgin sieghaft bei den Gästen, und sein lächerliches rundes Gesicht strahlte von Zärtlichkeit. Im stillen lächelnd, lobten die Gäste Klim, doch ihm selbst gefielen diese Demonstrationen seines Verstandes gar nicht mehr, er fand seine Antworten einfältig. Zum erstenmal gab er sie vor zwei Jahren. Jetzt fügte er sich ergeben und sogar wohlwollend diesem Scherz, da er sah, daß er dem Vater Vergnügen bereitete. Aber er witterte darin schon etwas Beleidigendes, als wenn er ein Spielzeug wäre: drückte man, so quietschte es.

Aus den Geschichten des Vaters, der Mutter und der Großmutter, die die Gäste anhören mußten, erfuhr Klim nicht wenig Erstaunliches und Wichtiges über sich: es stellte sich heraus, daß er schon als ganz kleines Kind auffallend anders gewesen war als seine Altersgenossen.

»Einfache, grobe Spielsachen mochte er lieber als erfinderische und kostbare«, sagte sich überstürzend und die Worte verschluckend der Vater. Die Großmutter wiegte würdevoll ihr graues, majestätisch frisiertes Haupt und bekräftigte seufzend:

»Ja, ja, er liebt das Schlichte.«

Und erzählte nun selbst recht fesselnd, wie rührend Klim schon als Fünfjähriger eine kränkelnde Blume gepflegt habe, die zufällig auf der Schattenseite des Gartens zwischen Unkraut hervorgesproßt war. Er hatte sie begossen, ohne die Blumen auf den Beeten eines Blicks zu würdigen, und als die Blume gleichwohl eingegangen war, hatte Klim lange und bitter geweint.

Ohne der Schwiegermutter zuzuhören, redete der Vater dazwischen:

»Er spielt viel lieber mit dem Enkel der Amme als mit den Kindern seines Kreises!«

Der Vater verstand besser zu erzählen als die Großmutter und immer Dinge, die der Knabe selbst nicht wußte, die er nicht in sich fühlte. Zuweilen schien es Klim sogar, daß der Vater die Reden und Taten, von denen er sprach, selbst ausdachte, damit er mit seinem Sohn prahlen konnte, so wie er mit der staunenswerten Genauigkeit seiner Taschenuhr, seiner Meisterschaft im Kartenspiel und vielen anderen Vorzügen prahlte.

Doch häufiger noch geschah es, daß Klim, wenn er dem Vater zuhörte, staunte: wie konnte er vergessen, woran sein Vater sich erinnerte? Nein, der Vater erdachte nichts, auch Mama sagte ja, in ihm, Klim, stecke viel Ungewöhnliches, und sie gab sogar eine Erklärung, wie dieses in ihm entstanden sei.

»Er ist in einem unruhigen Jahr geboren, wir hatten einen Brand, dann Jakows Verhaftung und vieles mehr. Ich trug sehr schwer an ihm, die Niederkunft erfolgte ein wenig vor der Zeit, daher hat er seine Seltsamkeiten, denke ich.«

Klim hörte, daß sie sich gleichsam entschuldigte oder zweifelte, ob sich das auch wirklich so verhielt. Die Gäste pflichteten ihr bei:

»Ja, natürlich.«

Eines Tages – eine mißglückte Demonstration seiner Geistesgaben hatte ihn erregt – fragte Klim den Vater:

»Warum bin ich ungewöhnlich und Mitja gewöhnlich? Er ist doch auch geboren, als alle aufgehängt wurden?«

Der Vater erklärte es ihm umständlich und lange, aber Klim behielt davon nur das eine: es gab gelbe Blumen, und es gab rote Blumen. Er, Klim, war eine rote Blume. Die gelben Blumen waren fade.

Die Großmutter pflegte, während sie den Schwiegersohn scheel ansah, eigensinnig zu wiederholen, der lächerliche bäurische Name ihres Enkels habe auf seinen Charakter einen schlechten Einfluß. So riefen die Kinder Klim »Klin«, was den Jungen verletzte. Darum ziehe es ihn auch mehr zu den Erwachsenen.

»Das ist sehr schädlich«, sagte sie.

Alle diese Meinungen mißbilligt durchaus der »richtige Greis«, Großvater Akim, der Feind seines Enkels und aller Menschen, ein hoher, gebeugter Greis, öde wie ein abgestorbener Baum. Sein langes Gesicht wird auf jeder Seite von einer Barthälfte umrahmt, die ihm vom Ohr bis auf die Schulter fällt, während Kinn und Oberlippe kahlrasiert sind. Die massige Nase schimmert blau, die Augen scheinen unter den fahlen Brauen zugewachsen. Seine langen Beine wollen sich nicht biegen, die langen Hände mit den krummen Fingern bewegen sich widerwillig und unangenehm. Er trägt beständig einen langschößigen braunen Gehrock und samtene, pelzgefütterte Schaftstiefel mit weichen Sohlen. Er geht am Stock wie ein Nachtwächter. An der Spitze des Stockes ist ein Lederball befestigt, damit er nicht so laut auf den Boden schlägt, sondern im gleichen Ton wie die Stiefelsohlen darüber hinschlürft und scharrt. Er ist eben »der richtige Greis«, und selbst wenn er sitzt, faltet er beide Hände über dem Stock, so wie die alten Männer auf den Bänken im Stadtpark.

»Alles schädlicher Unsinn«, knurrt er. »Ihr verderbt den Jungen. Ihr denkt ihn euch so aus, wie ihr ihn sehen wollt.«

Sogleich entbrannte ein Streit zwischen dem Großvater und dem Vater. Der Vater bewies, daß alles Gute auf Erden ausgedacht sei, und daß schon die Affen, von denen der Mensch abstammt, damit begonnen hätten, etwas auszudenken. Der Großvater scharrte wütend mit dem Stock, strich auf dem Fußboden Nullen durch und schrie mit knarrender Stimme:

»Un-sinn!«

Aber niemand konnte sich Gehör verschaffen: von den saftigen Lippen des Vater sprudelten die Worte so geschwind und reichlich, daß Klim schon wußte, gleich würde der Großvater abwehrend mit dem Stock fuchteln, sich kerzengrade aufrichten, ragend wie ein Manegenpferd, das sich auf den Hinterbeinen erhoben hat, und auf sein Zimmer gehen. Der Vater aber würde ihm nachrufen:

»Du bist ein Misanthrop, Papa!«

So endete es immer.

Klim fühlte recht wohl, daß der Großvater ihn auf jede Weise herabzusetzen suchte, während alle übrigen Erwachsenen ihn geflissentlich in den Himmel hoben. Der »richtige Greis« behauptete, Klim sei einfach ein schwächlicher, schlapper Junge, und es sei nicht das mindeste Besondere an ihm. Mit schlechten Spielsachen spiele er nur deshalb, weil die guten ihm von den regeren Kindern weggenommen würden, und mit dem Enkel der Amme habe er sich angefreundet, weil Iwan Dronow dümmer sei als die Kinder Warawkas. Klim aber, von allen verwöhnt, litte an Eigenliebe, verlange für sich besondere Beachtung und finde die nur bei Iwan.

Dies zu hören, war kränkend, erregte Feindseligkeit gegen den Großvater und Scheu vor ihm. Klim glaubte dem Vater: alles Gute war ausgedacht – Spielzeug, Konfekt, Bilderbücher, Gedichte – alles. Wenn die Großmutter das Mittagessen bestellte, sagte sie häufig zur Köchin:

»Denk dir selber etwas aus.«

Und immer war es notwendig, etwas auszudenken, denn sonst bemerkte einen niemand von den Erwachsenen und man lebte, als wäre man nicht da oder als wäre man nicht Klim, sondern Dmitri.

Klim entsann sich nicht genau, wann er zum erstenmal wahrnahm, daß man sich ihn »ausdachte«, und selbst anfing, sich etwas auszudenken, aber er behielt seine glücklichsten Erfindungen gut im Gedächtnis. Einmal, vor langer Zeit, fragte er Warawka:

»Warum hast du so einen Käfernamen? Bist du kein Russe?«

»Ich bin ein Türke«, antwortete Warawka. »Mein richtiger Name ist Bei: – Schlag-nicht-mit-dem-Knüppel-schlag-mit-dem-Pfennig-Bei. »Bei« ist türkisch und heißt auf russisch – Herr.«

»Das ist gar kein Name, sondern ein Ammensprichwort«, sagte Klim.

Warawka packte ihn und warf ihn mühelos wie einen Ball gegen die Decke. Bald darauf machte sich der unangenehme Doktor Somow, dem ein Geruch von Schnaps und gesalzenen Fischen entströmte, an ihn heran. Da mußte man für ihn einen Namen erdenken, rund wie ein Fäßchen. Ausgedacht war auch, daß der Großvater lila Worte sprach. Doch als er sagte, es gebe Menschen, die »sommerlich« und solche, die »winterlich« grollten, schrie die kecke Tochter Warawkas, Lida, empört:

»Das habe ich zuerst gesagt und nicht er!«

Etwas auszudenken, war nicht leicht, aber er verstand, daß alle im Hause, mit Ausnahme des »richtigen Greises«, ihn gerade deswegen mehr liebten als seinen Bruder Dmitri. Als man zu einer Bootpartie aufbrach, und Klim und sein Bruder an Doktor Somow, der mit Mama am Arm träge dahinschlenderte, vorüberliefen, hörte er sogar den finsteren Doktor zu ihr sagen:

»Sehen Sie, Wera, dort gehen zwei, aber es sind zehn – der eine ist die Null und der andere die Eins davor.«

Klim erriet sofort, die Null, das war das rundliche, fade Brüderchen, das dem Vater so lächerlich ähnlich sah. Seit diesem Tag nannte er den Bruder »gelbe Null«, obgleich Dmitri rosig und blauäugig war.

Da Klim merkte, daß die Erwachsenen beständig etwas von ihm erwarteten, suchte er nach dem abendlichen Tee so lange wie möglich an dem Redestrom der Großen zu sitzen, aus dem er seine Weisheit schöpfte. Während er aufmerksam die endlosen Diskussionen verfolgte, lernte er gut, Worte aufzufangen, die sein Ohr besonders kitzelten, und er fragte nachher den Vater nach ihrer Bedeutung. Iwan Samgin erklärte voller Freude, was ein Misanthrop, ein Radikaler, ein Atheist, ein Kulturträger sei, und wenn er es erklärt hatte, lobte er unter Zärtlichkeiten den Sohn.

»Du bist ein gescheiter Junge. Sei nur wißbegierig, sei nur wißbegierig, das ist nützlich.«

Der Vater war recht angenehm, aber nicht so unterhaltsam wie Warawka. Es war schwer zu verstehen, was der Vater sagte, er redete so viel und so geschwind, daß die Worte einander zerquetschten, und seine ganze Rede erinnerte an den Schaum von Bier oder Kwas, wenn er blasenschlagend aus dem Flaschenhals heraufstieg. Warawka redete wenig und mit Worten, wuchtig wie auf den Ladenschildern. In seinem roten Gesicht funkelten lustig die kleinen grünlichen Augen, sein feuriger Bart ähnelte in seiner Fülle einem Fuchsschweif, durch den Bart huschte ein breites rotes Lächeln, und wenn er gelächelt hatte, leckte Warawka sich die sinnlichen Lippen mit seiner langen, ölig glänzenden Zunge.

Ohne Zweifel war er der klügste Mensch. Er war niemals mit jemand einer Meinung und belehrte alle, selbst den »richtigen Greis«, der auch nicht in Einklang mit jedermann lebte, aber verlangte, daß alle den gleichen Weg gingen wie er.

»Rußland hat einen Weg«, redete er und stampfte dazu mit dem Stock auf.

Worauf Warawka ihn anbrüllte:

»Sind wir Europa, ja oder nein?«

Er pflegte zu sagen, mit dem Muschik komme man nicht weit, es gebe nur einen Gaul, der die Fuhre vom Fleck rücken könne – die Intelligenz. Klim wußte, die Intelligenz, das waren der Vater, der Großvater, die Mutter, die Bekannten und natürlich Warawka selbst, der jede beliebige schwere Fuhre vom Fleck rücken konnte. Seltsam war nur, daß der Doktor, auch ein starker Mann, Warawkas Ansicht nicht teilte, vielmehr grimmig seine schwarzen Augen rollte und schrie:

»Das, wissen Sie, ist schon ein starkes Stück!«

Maria Romanowna erhob sich kerzengerade wie ein Soldat und sagte strenge:

»Schämen Sie sich, Warawka!«

Manchmal entfernte sie sich feierlich im hitzigsten Augenblick des Streites, blieb aber an der Türschwelle stehen und schrie rot vor Zorn:

»Besinnen Sie sich, Warawka! Sie stehen an der Grenze des Verrats!«

Warawka, der auf dem stärksten Stuhl saß, lachte schallend, und der Stuhl krachte unter ihm.

Die rundlichen, warmen Handflächen reibend, begann der Vater seine Rede:

»Erlaube, Timofej! Einerseits natürlich die Praktiker innerhalb der Intelligenz, die ihre Energie dem Werk der Industrialisierung zuwenden und in den Staatsapparat eindringen . . . anderseits jedoch das Vermächtnis der jüngsten Vergangenheit . . .«

»Du sprichst nach allen Seiten miserabel«, schrie Warawka, und Klim gab ihm recht. Ja, der Vater sprach schlecht und mußte sich immer rechtfertigen, als habe er etwas Ungehöriges getan. Auch die Mutter stimmte Warawka zu.

»Timofej Wassiliewitsch hat recht«, erklärte sie entschieden. »Das Leben erwies sich verwickelter, als wir annahmen. Vieles, was zu unseren unerschütterlichen Glaubenssätzen gehörte, muß neu überprüft werden.«

Sie redete nicht viel, ruhig und ohne gesuchte Worte, und sie wurde selten zornig, doch dann nicht »sommerlich«: laut und unter Donner und Blitzen wie Lidas Mutter, sondern »winterlich«. Ihr schönes Gesicht wurde blaß, die Brauen senkten sich tiefer herab. Den schweren, prachtvoll frisierten Kopf in den Nacken werfend, blickte sie ruhevoll auf den Menschen herab, der sie erzürnt hatte, und sagte etwas Knappes und Einfaches. Wenn sie so den Vater ansah, schien es Klim, als vergrößere sich zwischen ihr und dem Vater der Abstand, obwohl doch beide sich nicht vom Fleck bewegten. Einmal wurde sie sehr »winterlich« zornig auf den Lehrer Tomilin, der lange und eintönig von den zwei Wahrheiten sprach: von der Wahrheit-Erkenntnis und der Wahrheit-Gerechtigkeit.

»Genug«, sagte sie leise, aber so, daß alle verstummten. »Genug der fruchtlosen Opfer. Großmut ist kindlich. Es ist Zeit, klug zu werden.«

»Du bist ja verrückt geworden, Wera!« entsetzte sich Maria Romanowna und verschwand augenblicklich, laut mit den breiten pferdehufähnlichen Absätzen ihrer Stiefel aufschlagend. Klim entsann sich nicht, daß seine Mutter je verlegen geworden wäre, wie das oft dem Vater geschah. Nur ein einziges Mal geriet sie aus ganz unbegreiflichen Gründen in Verwirrung. Sie säumte Taschentücher, und Klim fragte sie:

»Mama, was heißt das: ›Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib‹?«

»Frag deinen Lehrer«, sagte sie, wurde aber sogleich rot und fügte hinzu:

»Nein, frag den Vater.«

Wenn von interessanten und verständlichen Dingen gesprochen wurde, wünschte Klim, die Erwachsenen möchten ihn vergessen, doch wenn die Streitigkeiten ihn ermüdeten, meldete er sich sehr bald, und die Mutter oder der Vater wunderte sich:

»Was, du bist noch hier?«

Über die zwei Wahrheiten stritt man langweilig herum, Klim wollte wissen:

»Woran erkennt man, ob etwas Wahrheit ist oder nicht?«

»Was?« rief fragend und bedeutsam zwinkernd der Vater. »Seht doch einmal!«

Warawka faßte Klim um und antwortete ihm:

»Die Wahrheit, Bruder, erkennt man am Geruch. Sie riecht stark.«

»Wonach?«

»Nach Zwiebel und Meerrettich.«

Alle lachten, und Tanja Kulikow sagte traurig:

»Ach, wie wahr das ist! Die Wahrheit ruft auch Tränen hervor, ja, Tomilin?«

Der Lehrer rückte stumm und behutsam von ihr weg. Tanjas Ohren erröteten zart, sie senkte den Kopf und sah lange unverwandt vor sich hin auf den Fußboden.

Klim machte ziemlich früh die Beobachtung, daß an der Wahrheit der Erwachsenen etwas Falsches, Erdachtes war. Ihre Gespräche drehten sich besonders häufig um den Zaren und das Volk. Das kurze, kratzende Wort »Zar« rief in ihm keinerlei Vorstellungen hervor, bis Maria Romanowna eines Tages ein zweites sagte: »Vampir!«

Sie warf dabei den Kopf so schroff zurück, daß ihre Brille über die Augenbrauen hinauf hüpfte, Klim erfuhr bald und gewöhnte sich an diesen Gedanken, daß der Zar ein Kriegsmann war, sehr böse und schlau, und daß er unlängst »das ganze Volk betrogen« hatte.

Das Wort »Volk« war erstaunlich umfassend, es enthielt die mannigfaltigsten Empfindungen. Vom Volk sprach man mitleidig und ehrfurchtsvoll, freudig und besorgt. Tanja Kulikowa beneidete offenkundig das Volk um irgend etwas, der Vater nannte es einen Dulder, Warawka einen müßigen Schwätzer. Klim wußte, das Volk – das waren die Bauern und ihre Weiber, die in den Dörfern lebten und jeden Mittwoch in die Stadt gefahren kamen, um Holz, Pilze, Kartoffeln und Kohl zu verkaufen. Doch dieses Volk war in seinen Augen nicht jenes wirkliche Volk, von dem alle so viel und so besorgt redeten, das in Versen besungen wurde, das alle liebten, bedauerten und einmütig glücklich zu sehen wünschten.

Das wirkliche Volk dachte Klim sich als eine unübersehbar große Menge Männer von gewaltigem Wuchs, unglücklich und furchterregend wie der unheimliche Bettler Wawilow. Das war ein hochgewachsener Greis mit einem Dach krauser, an Schafwolle erinnernder Haare. Ein schmutzig-grauer Bart wuchs ihm von den Augen bis zum Hals übers ganze Gesicht, vom Mund fehlte jede Spur, und an der Stelle der Augen blinkten zwei trübe Glasscherben. Doch wenn Wawilow unterm Fenster brüllte:

»Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser!«

öffnete sich in der Tiefe seines Urwaldbartes eine finstere Höhle, drei schwarze Zähne ragten drohend aus ihr hervor, und schwer bewegte sich eine Zunge, dick und rund wie eine Keule.

Die Erwachsenen sprachen voller Mitleid von ihm und gaben ihm ihre Almosen mit Respekt. Klim schien, sie waren sich einer Schuld gegen ihn bewußt, ja fürchteten ihn ein wenig, genau so, wie Klim ihn fürchtete. Der Vater begeisterte sich:

»Das ist der erniedrigte Ilja Muromez, das ist die stolze Kraft des Volkes!« redete er.

Die Amme Jewgenia aber, rund und prall wie ein Faß, rief, wenn die Kinder allzu unartig waren:

»Gleich rufe ich Wawilow!«

Nach ihren Erzählungen war dieser Bettler ein großer Sünder und Bösewicht, der im Hungerjahr den Leuten Sand und Kalk statt Mehl verkauft hatte, dafür vor Gericht kam und sein ganzes Vermögen ausgab, um die Richter zu kaufen, und der, obwohl er in anständiger Armut sein Leben hätte fristen können, es dennoch vorzog zu betteln.

»Das tut er aus Bosheit, den Leuten zum Trotz!« sagte sie, und Klim glaubte ihr mehr als den Geschichten des Vaters.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.