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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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DerWinter kam, und Confalonieri hatte noch immer nichts zugestanden, was eine Anklage auf Hochverrat begründet hätte. Er hielt sich geschickt an das System der Verteidigung, das er einmal gewählt hatte, die Tatsachen, die ihm nachgewiesen waren, nicht zu leugnen, wohl aber die Absicht, den Sturz der österreichischen Regierung herbeiführen zu wollen; er habe bei einem etwaigen Siege der piemontesischen Revolution nur deshalb die Leitung der Dinge übernehmen wollen, um die Ordnung in Mailand zu erhalten. Im übermütigen Gefühl gesicherter Stellung ging er dabei so weit, daß er mehr Dank als Strafe des Kaisers zu verdienen behauptete. Bei Gelegenheit eines Wortwechsels mit Salvotti, der sich daran anknüpfte, ließ er sich hinreißen, zur Unterstützung seiner Aussage einen Brief anzuführen, den er an den General St. Marsan, den Anführer der Aufständischen in Piemont, geschrieben, und in dem er diesem widerraten habe, mit seinen Truppen die Grenze zu überschreiten; er wollte damit den Beweis beibringen, daß er den Ausbruch der Revolution wenigstens zu dieser Zeit nicht befördert, vielmehr zu hintertreiben gesucht habe.

Als er den Inhalt des Briefes aus dem Gedächtnis angab, hörte Salvotti aufmerksam zu: er begriff sofort die Wichtigkeit dieses Briefes, der Confalonieris Verkehr mit dem Feinde tatsächlich bewies; dies aber, Verkehr mit dem Feinde, war 112 nach dem österreichischen Gesetzbuche eine der Handlungen, die den Begriff des Hochverrats bestimmten. War dies Gesetz in seinem Wortlaute Federigo auch nicht bekannt, so fühlte er doch, sowie seine Aussage beendet war, daß er einen Umstand preisgegeben hatte, der sich gefährlich nach verschiedenen Seiten auslegen ließ. Sein erster Antrieb war, das Gesagte zurückzunehmen; aber er fühlte sofort, daß er dessen nicht fähig wäre. Während Salvotti ironisch antwortete, glaubte er in seinem Gesicht ein teuflisches Triumphieren zu sehen; daß er kurz darauf die Sitzung schloß, machte ihm den Eindruck, als sei sein Gegner zum Ziele gelangt und nur noch bedacht, die erlistete Beute in Sicherheit zu bringen.

Im Januar wurde es ungewöhnlich kalt, und Federigo litt in seinem Zimmer entweder an Frost oder an Hitze. Seine rheumatischen Schmerzen, die sich mit dem Herbst wieder eingestellt hatten, nahmen zu, und auch die Beschwerden, die vom Herzen ausgingen, wurden quälend. Jenem krampfartigen Anfall, der ihn im Frühsommer zum ersten Male überrascht hatte, waren mehrere gefolgt und hatten seine Gesundheit sehr angegriffen; er mußte zuweilen Anwandlungen tiefer Traurigkeit überwinden.

Eines Nachmittages hatte er das Vorgefühl eines Anfalls, als er am Fenster stand. Er öffnete es, um sich durch die Luft zu erfrischen; da er aber das Bewußtsein schwinden fühlte, schleppte er sich bis an das Bett, um nicht zu fallen. Im Augenblick, als er sich hinlegte, hörte er plötzlich aus unendlich weiter Ferne eine Melodie von eindringlicher Wehmut und Süßigkeit, die ihm die Gestalt eines Engels vor Augen führte, wie er ihn auf dem Gemälde eines alten lombardischen Meisters gesehen hatte: Halb Jüngling, halb Mädchen, hatte er Leib und Glieder von lilienhafter Geradheit und Schlankheit; über seinem elfenbeingelben Gesicht lag der Schmelz 113 keuscher Liebe, seine magere Hand hielt eine Flöte, und sein halbgeöffneter Mund schien Musik aus- und einzuatmen. Als er wieder bei Bewußtsein war und die Töne sowie das Bild ihm einfielen, wurde er unsicher, ob er vielleicht nur ein Erzeugnis seiner krankhaft erregten Nerven gehört habe; denn er konnte sich nicht denken, woher Klänge von solchem Wohllaut, wie er sie noch nie vernommen hatte, gekommen wären. Einige Tage später erzählte Riboni, ein junger Franzose sei angekommen, namens Alexander Andryane, ein lieber, braver, hübscher Mensch, der aber ein Hauptverschwörer sei und Salvotti viel zu schaffen mache. Er solle ein Abgesandter heimlicher Sekten zur Befreiung Italiens sein, was man eigentlich kaum glauben könne, da die italienischen Sachen einen Franzosen nichts angingen, weswegen anderseits das Verbrechen freilich um so größer sein würde. »Ich bin nicht der liebe Gott«, sagte Riboni, »und lasse deshalb alles dahingestellt, was die verborgene Seele betrifft. Meine Pflicht ist es, einen jeden, der sich hier aufhält, zu bedienen, und das tue ich ohne Ansehen der Person, indem das Übel und die Strafe in dieser kläglichen Welt ohnehin nicht ausbleibt.«

Als Federigo bald hernach am offenen Fenster stand, hörte er ein wohlklingendes Pfeifen und unterschied dieselbe Melodie, die er kürzlich während seines Anfalls vernommen und später einem krankhaften Reiz seiner Nerven zugeschrieben hatte. Jetzt besann er sich, daß ihm die Musik bekannt war: es war die Arie Blondels aus einer alten französischen Oper namens Richard Löwenherz, welche beginnt: »O Richard, mein König, das Weltall verläßt dich.« Während er, von der Lieblichkeit des geflöteten Gesanges ergriffen, zuhörte, dachte er, daß vielleicht der junge Franzose, von dem Riboni erzählt hatte, sein Urheber wäre, und zugleich hatte er das Gefühl, daß es ihm gelte, obwohl er sich den Zusammenhang nicht erklären 114 konnte. Dies alles bestätigte in der Folge Riboni, der nach und nach berichtete, daß Andryane eine Verehrung für den Grafen habe wie für einen Heiligen und ihn immer ausfrage, was er esse, trinke, spreche und denke; ferner daß er mit einem andern das Zimmer teile, daß sie sich wie Brüder vertrügen und daß Andryane fleißig arbeite, als ob er Professor werden solle, während doch der Strick zu seinem Halse schon gemessen sei; und daß er, wenn er nicht lese oder schreibe, singe, trällere oder pfeife, was zwar eigentlich verboten sei, was aber niemand das Herz habe, einem armen Teufel zu wehren, der ohnehin aus dem letzten Loche blase. Unwillkürlich stellte sich Federigo den jungen Franzosen unter dem Bilde jenes lombardischen Engels vor, das sein Pfeifen, als er es das erstemal hörte, ihm vor die Seele gerufen hatte. Auch Caldi rühmte Andryane als einen reizend schönen Jüngling mit blonden Locken, strahlenden blauen Augen und einem liebenswürdigen Lächeln, mit dem er einen immer begrüße, auch wenn er traurig sei, ferner, wie weich und behutsam er das Italienische ausspreche, wie er mit spitzen Fingern das Weinglas halte, und wie fleißig er seine Bibliothek benutze, nicht ohne ihn, Caldi, wegen seiner Belesenheit und Bildung zu bewundern.

Weniger günstig urteilte Riboni über Silvio Moretti von Brescia, einen alten Mann, der unter Napoleon Offizier gewesen war und nach dessen Sturze und der Auflösung des Heeres seinen Lebensunterhalt durch Unterricht in der deutschen Sprache verdiente, die er während eines Feldzuges erlernt hatte. Da er schon einmal wegen der Teilnahme an einer gegen Österreich gerichteten Verschwörung zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt gewesen war, mußte er jetzt, als rückfällig, auf das schärfste Urteil gefaßt sein und hatte, der Wiederholung schon erlittener Qualen überdrüssig, 115 auf der Fahrt nach dem Gefängnis versucht, mit Glasscherben seinem Leben ein Ende zu machen. Ein schöner Mann sei Moretti, erzählte Riboni, mit weißem Haar, gerader Nase und furchtbaren Augen; als er nach dem Selbstmordversuch im Gefängnis wieder zu sich gekommen und inne geworden sei, daß er lebe, habe er ausgesehen wie ein edler Geist, der zürne, daß er sich noch an diese niederträchtige Erde gekettet finde. Was aber daraus werden sollte, wenn es jeder so machte, der dahintergekommen sei, daß es mit dem Leben faul stehe. Es sei eine strafbare Gottlosigkeit, sich den Übeln entziehen zu wollen, mit denen Gott die Menschheit beladen habe; auch sei Moretti stolz, herrisch und finster, und er beeile sich immer, aus seinem Zimmer wieder herauszukommen. Salvotti habe gleichfalls schwere Mühe und Not mit ihm, denn er schwiege wie ein Fels, und Salvotti könne, soviel er wolle, mit dem Stabe daran schlagen wie Moses, es käme kein Tropfen herausgesprungen.

Federigo hatte die Erfahrung gemacht, daß aus den Reihen der napoleonischen Soldaten die unversöhnlichsten Gegner Österreichs hervorgingen, und daß sie die zuverlässigsten Kämpfer waren, die Gefahren oder Entbehrungen nicht abschreckten. Er erinnerte sich Morettis als eines schwermütig-einsilbigen Mannes, für den es im Leben nur Tatsachen und einige wie Diamanten durchsichtige und unauflösliche Grundsätze gab, so daß er im Gespräch nicht ergiebig war. Was er jetzt erfahren hatte, erregte sein Interesse und sein Mitgefühl für den einsamen alten Mann, und er prägte zunächst Riboni ein, daß er ihm wegen seines Alters und ehrenwerten Charakters mit besonderer Dienstbeflissenheit zu begegnen habe. Als er eines Tages entdeckte, daß Moretti ein neben dem seinen gelegenes Zimmer bezogen hatte, versuchte er sich mit ihm in Verbindung zu setzen, sei es auch nur, um ihm 116 die Zeit zu verkürzen. Er erinnerte sich nämlich, gehört zu haben, daß sich die Nachbarn in den Gefängnissen durch Klopfen an der Mauer unterhielten, so daß jeder Buchstabe durch die Zahl seiner Stelle im Alphabet ausgedrückt werde. Da dem Moretti diese Art des Verkehrs bekannt war, gelang es nach einigen Versuchen, eine Verständigung herzustellen. Confalonieri teilte mit, wer er sei, und Moretti, der augenscheinlich erfreut über die Anrede war, sagte, daß er nur darüber traurig sei, daß ihn nicht in der Schlacht ein Kosak getötet oder an der Beresina kein Wolf zerrissen habe, sondern daß er aufgehoben sei, zu Hause an der habsburgischen Pest zu verfaulen. Das Aufpassen und Zählen beim Klopfen sowie die schwerfällige Langsamkeit des Sprechens griffen Federigo so an, daß er die Unterredung nach einer Stunde abbrechen mußte.

Am nächsten Tage fing Moretti zu klopfen an, erzählte verschiedenes aus der Welt, was Confalonieri, der über ein Jahr früher verhaftet war, noch nicht wußte, und berichtete über seinen Prozeß: er setze allen Bemühungen Salvottis, ihn zu fangen, ein unverdrossenes Schweigen entgegen; denn sie sollten die Genugtuung nicht haben, einen Soldaten Napoleons, einen Italiener von Brescia, am Galgen zu sehen. Den Kaiser nannte er Herodes und Salvotti Judas, was Federigo sich zwar nicht entschließen konnte, mitzumachen, was er aber auch, aus Rücksicht auf Morettis Verletzlichkeit, nicht beanstandete. Nach Verlauf einiger Tage hatte er alle Erlebnisse Morettis erfahren, auch was mit seinem Versuch, sich zu töten, zusammenhing. Auf Federigos Frage, ob er das etwa wiederholen würde, antwortete er: nein; er habe zwar die Mittel dazu, denn er brauche, wenn es darauf ankomme, nicht mehr als einen Nagel oder ein Stückchen Glas, habe aber beschlossen, sein Leben nicht gewaltsam abzukürzen. Da 117 Federigo fragte, was ihn zu diesem Beschlusse bewogen habe, kam eine Pause und dann das Wort »Rache«.

Federigo, den die Anstrengung des Sprechens erhitzt hatte, stand auf und stellte sich an das geöffnete Fenster; denn es waren schon Frühlingstage gekommen. Er dachte, wie wunderbar es sei, daß einer unerschüttert erwägen könne, ob er sein Leben wegwerfen oder es behalten wolle; wie wenn es ein Mantel wäre, den man lange genug getragen hätte. Sein Blick fiel auf die Weide am Brunnen, deren junge Blätterpracht hell über den öden Gefängnishof flammte. Wie er das biegsame Gerüst, das er den Winter hindurch gesehen hatte, mit der überschwenglichen Gestalt verglich, in die sie verwandelt war, mußte er denken, so bekleide Gott den durch den Tod entblößten Menschen jenseits mit unverweslichem Fleische; einem Auferstandenen glich der Baum, leuchtend in verherrlichtem Leben, wehmütig scheidend zur Erde zurückgebogen. Warum sträubte sich sein Herz dennoch vor dem Tode? Soviel er es darauf vorzubereiten suchte, es horchte wohl eine Weile; aber dann wich es ihm schaudernd aus oder brachte ihn ungestüm zum Schweigen: Das konnte so wenig sein, wie, daß ein Gestirn mit Pfeilen erlegt würde.

Daß keine Verhöre mehr stattfanden, da sein Prozeß nun abgeschlossen war, wirkte zunächst beruhigend auf Federigo, um so mehr, als er gleichzeitig die wiederkehrende Sonnenwärme genießen konnte. Es wurde ihm eine Zusammenkunft mit Teresa gewährt, die er lange nicht gesehen hatte; aber während sonst den Gefangenen nach Schluß des Prozesses mancherlei Erleichterungen zugebilligt wurden, schien es ihm, als ob für ihn die Aufsicht strenger werde. Die Spaziergänge im Hof hörten auf, Riboni war sehr beschäftigt und stets in sorgenvoller Eile. Menghini, der zuweilen kam, äußerte sich nicht deutlich über das vermutliche Ergebnis des Prozesses. 118 »Wir sind nichts mehr, als Salvottis Kammerdiener,« sagte er; auch für den Kaiser sei Salvottis Wille maßgebend. Wiederum sprach er von der Milde des Kaisers, auf die allein er seine Hoffnung setzen müsse.

Eines Nachmittags erzählte Menghini, von den jungen Leuten, die im vergangenen Jahre nach dem Spielberg gebracht wären, sei einer, Graf Oroboni, ein Venezianer, gestorben. Er sei 29 Jahre alt gewesen, stark und blühend, durch und durch gesund, und es gehe das Gerücht, daß die Ursache seines Todes Hunger gewesen sei. Federigo fragte, ob man sich dort nicht selbst beköstigen könne. Es scheine nicht der Fall zu sein, sagte Menghini achselzuckend, und da der Kaiser außerordentlich sparsam sei und die Kerker voll wären, könne man sich vorstellen, daß der Speisezettel nicht reichhaltig sei. »Es ist eine große Belastung für den Staat«, sagte Federigo; »man sollte alle Gefangenen arbeiten und sich ihren Unterhalt selbst verdienen lassen.« Ob Silvio Pellico noch lebe und gesund sei, wußte Menghini nicht. Wie beide schwiegen, hörten sie den Franzosen eine Arie aus Rossinis »Barbier von Sevilla« pfeifen. Menghini wiegte den Kopf nach dem Takte und sagte: »Ein lustiges Lied und klingt doch traurig.« Damit stand er auf und verabschiedete sich, um frühzeitig nach Hause zu kommen; sein jüngstes Kind, ein Mädchen von vier Jahren, habe sich nicht wohl befunden, als er fortgegangen sei.

Schon am folgenden Tage kam Menghini wieder mit entstelltem Gesicht und einem Ausdruck in den Augen, als ob sie etwas Schreckliches gesehen hätten. Federigo überlief bei seinem Anblick ein Frösteln; für einen Augenblick vermochte er nicht zu sprechen, dann faßte er sich und fragte Menghini, ob er ihm etwas Schlimmes zu sagen habe. Menghini nickte und ließ sich, ohne die Einladung zu erwarten, auf einen 119 Stuhl fallen. »Das Kind hat Scharlachfieber,« sagte er, und indem er dies aussprach, fing sein Kinn an zu zittern, und seine Augen, denen die gelbliche Farbe des Weißen um die stumpfbraunen Pupillen herum etwas Krankes gab, füllten sich mit Tränen. Der Graf erkundigte sich, ob er einen guten Arzt habe, und teilte ihm mit, wie die Krankheit, anscheinend mit gutem Erfolge, in England behandelt werde; allein er bemerkte, daß Menghini nicht imstande war, was er sagte, aufzunehmen. Allmählich gelang es ihm doch, dem ganz Fassungslosen ein wenig Mut einzuflößen. »Wenn Gott mir nur das Kind läßt,« sagte er, »so will ich auf jedes andere Glück mit Freuden verzichten. Vielleicht habe ich mich versündigt, indem ich mit diesem und jenem unzufrieden war. Was tut es, daß ich mich ohne Entgelt und Anerkennung plage, daß andere mir vorgezogen werden? Wenn das Kind seine Arme um meinen Hals legte und mich anlachte, so war ich mitten im Paradiese.« In den nächsten Tagen kam Menghini nicht, weil das Kind in Lebensgefahr schwebte.

Nachdem in den letzten Tagen des August während unerträglicher Hitze sich öfters Wolken am Himmel gesammelt und wieder zerteilt hatten, so daß man fast aufgehört hatte, zu denken, es könne regnen, brach im September, vom Winde jäh und furchtbar zusammengetrieben, ein schweres Gewitter los. Unter Donner und Blitz fiel Hagel, der in Regen überging; das Unwetter konnte sich nicht ersättigen und wälzte sich dumpf brüllend wieder zurück, wenn man es schon erschöpft geglaubt hatte. Federigo saß am Fenster und atmete die abgekühlte Luft ein, ohne sich davon erfrischt zu fühlen. Von der Weide waren viele Blätter abgerissen und jagten im Winde über die nassen Steine; der Hagel hatte ein frostiges Kältegefühl verbreitet. Er dachte, daß nun die Blätter 120 alle eins nach dem andern abfallen würden, und daß er den geliebten Baum nie wieder grün im Frühling sehen würde. Am nächsten Morgen, als er die Bangigkeit, die über ihn gekommen war, noch nicht bemeistert hatte, erhielt er einen Brief von Teresa, der ihm anders klang als alle, die er bisher erhalten hatte. Sie pflegte über Tatsachen zu schreiben, die sie und ihn interessierten, und von ihren Empfindungen nicht viel mehr als die der Sorge um sein Befinden und der treuen Ergebenheit im allgemeinen zu äußern; aber diesmal klang ihr Brief wie ein verzweifelter Schrei. Während er sonst jeden Zettel von ihrer Hand mehrere Male las, bevor er ihn zerriß, zerstörte er diesen sofort, um den Eindruck nicht noch einmal zu erleiden; trotzdem war er sich des Inhalts deutlich bewußt, wie wenn er ihn auswendig gelernt hätte. Teresas Gesicht stand vor ihm, das große Sonnenlicht ihrer Augen von darüberströmenden Tränen ausgelöscht, nicht der stürmische Vorwurf, der gegen ihn daraus hervorbrach. Vielleicht hatte sie erfahren, daß er zum Tode verurteilt sei, und daß der Kaiser das Urteil bestätigen würde, und sie klagte ihn an, daß er ihr diesen Schmerz bereite. Den ganzen Tag über ging er in seinem Zimmer auf und ab, von Zweifeln gequält, ob er um ihretwillen anders hätte handeln sollen. Vielleicht, wenn er von Anfang an sich der Gnade des Kaisers anheimgegeben hätte, wäre der Ausgang anders gewesen; konnten dies Unmögliche aber Menschen oder Gott von ihm verlangen?

In der Nacht fuhr er aus unruhigem Schlaf auf und glaubte, ihre Stimme zu hören, die schrie: »Hilf mir, Federigo, ich kann dich nicht sterben sehen!« Nur halb erwacht, horchte er nach dem Fenster hin, an das der Regen schlug; es drängte ihn, aufzustehen und zu sehen, ob sie da draußen stände.

Er erwachte mit schwerem, ausgebranntem Kopfe; es schien 121 ihm unmöglich, sich anzukleiden und den grauenvollen Tag zu beginnen. Endlich tat er es doch, um mit Moretti zu sprechen, was er am vergangenen Tage unterlassen hatte. Bisher hatte er zu Moretti niemals von sich selbst gesprochen, sondern zugehört, wenn jener ihm aus seiner Vergangenheit erzählte, oder etwa seinen Groll zu besänftigen versucht; aber jetzt fühlte er das Verlangen, sein Leiden mitzuteilen, einem Menschen zu sagen, daß er sterben müsse und leben wolle, daß er die beste Frau für immer unglücklich gemacht habe. Als auf sein Anklopfen keine Antwort erfolgte, dachte er, daß vielleicht ein Wärter in der Nähe sei, den Moretti sich erst entfernen lassen wollte; augenscheinlich aber war der alte Offizier aus irgendeinem Grunde in ein anderes Zimmer gebracht worden. Er fühlte sich mehr erleichtert als enttäuscht; denn es war ihm schon zum Bewußtsein gekommen, daß es ihn gereut haben würde, wenn er dem Drange, sein Herz aufzuschließen, nachgegeben hätte. Nur für Moretti bedauerte er die Trennung, dessen düstere Verbitterung seine Nähe ein wenig hätte mildern können. Er legte sich wieder auf sein Bett, so voll von Mattigkeit und Überdruß, daß ihm jedes Ende wünschenswert erschien, wenn es käme, ohne daß er die Augenlider zu heben brauchte.

Er befand sich in diesem Zustande, als Menghini bei ihm eintrat, das gelbe, ganz verfallene Gesicht durch ein Lächeln verklärt. Sein Kind sei außer Gefahr, sagte er, und weil Confalonieri so warmen Anteil daran genommen habe, komme er, es ihm zu berichten. Fieber habe es gar nicht mehr, und diesen Morgen habe es gelacht, als er hinter seinem Bett Verstecken mit ihm gespielt habe, nicht so laut wie sonst, aber hell und klar, wie wenn man mit einem Stäbchen an ein kristallenes Glas schlage. Dann schilderte er, wie es sich anstelle, wenn es Arznei nehmen müsse, das Näschen kraus ziehe 122 und die Augen zukneife und dann, wenn es geschluckt habe, den runden Kopf schüttle, daß die Löckchen flögen, kurze, blonde Löckchen, geringelt wie Sprungfedern. Federigo hörte zu und versuchte, sich auf diese Krankheit und was damit zusammenhing zu besinnen. Daß Menghini voll Jammer zu ihm gekommen war und sich von ihm hatte trösten lassen, daß er Mitleid mit ihm gehabt und ihn fast liebgewonnen hatte, schien ihm unvordenklich lange her zu sein; er hätte sich nicht gewundert, wenn das Kind längst gestorben und sogar sein Andenken geschwunden wäre.

Schon seit einigen Monaten hatte das Essen und Trinken ihn geekelt; jetzt nahm er nicht viel mehr zu sich als Kaffee und Früchte, besonders Pfirsiche, die Teresa ihm schickte. Eines Tages sprach Riboni einen milden Tadel deswegen aus; Cisalpino habe sich eben wieder mit der Frau versöhnt und koche Meisterwerke; er sei einer der aufrichtigsten Verehrer des Grafen, und es müsse ihn verstimmen, wenn seine Schüsseln unberührt zurückkämen. Federigo entschuldigte sich damit, daß er bei dem gänzlichen Mangel an Bewegung nicht wohl Hunger haben könne, worauf Riboni zustimmte und die Ärzte tadelte, die ihm die Erlaubnis zum Spaziergang nicht erwirkt hätten. Nun, meinte er, der Herr Graf werde ja wohl bald einmal wieder an die Luft kommen, und dachte bei sich, das würde auf dem Wege zum Galgen sein. Federigo verstand ihn und sagte ruhig, ein kaum merkliches Lächeln in den Augenwinkeln: »Ich freue mich auf meinen ersten Ausgang; hoffentlich wird die Sonne scheinen.«

An einem der letzten Septembertage hörte er in dem Zimmer, das Moretti bewohnt hatte, ein Klopfen und antwortete schnell, in der Meinung, daß dieser es wieder bezogen habe; anstatt dessen war es Alexander Andryane, der Franzose, den die Tatsache, daß Confalonieri sein Nachbar war, in freudige Aufregung versetzt hatte. Federigo antwortete, er wisse, wer 123 er sei, und daß sein Gesang ihm manchen schönen Augenblick bereitet habe. »Er war für dich,« sagte Andryane und fügte hinzu, daß die Überwachung in der letzten Zeit strenger geworden sei und er infolgedessen fast nie mehr singen oder pfeifen könne. »Ich glaube, das gilt mir,« sagte Federigo, und als Andryane entgegnete, ihnen beiden, er sei auf das Todesurteil gefaßt, bemühte er sich, ihm glauben zu machen, der Kaiser werde nur gegen ihn, Confalonieri, als das vermeintliche Haupt der Verschwörung, die ganze Schärfe des Gesetzes anwenden; auch würde er damit einem klugen und richtigen Grundsatze folgen. »Mein Gebet ist,« antwortete Andryane, »daß ich, wenn du sterben mußt, dein Schicksal teilen dürfte.« Es wirkte günstig auf Federigos Stimmung ein, daß er von da an täglich diesen jungen Menschen, der Stunden herzzerreißender Verzagtheit hatte und begierig war, sich an den Grafen, den er anbetete, anzuklammern, durch sein Zureden aufrichten konnte.

 

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