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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach vier Monaten hatte der Prozeß noch kein Ergebnis geliefert; vielmehr lag er für Confalonieri günstiger als im Anfang, weil Pallavicino seine Aussage zurückgenommen hatte. Die Unzufriedenheit des Gouverneurs ärgerte Menghini und verstimmte ihn gegen den Grafen als die Ursache der Belästigungen, die er erfuhr; anderseits gönnte er dem Gouverneur die Schlappe, die er durch die übereilte Anklage erlitt. Die sämtlichen Richter sahen im Grunde den Prozeß für eine dornige Aufgabe an, die sie gern los gewesen wären; nichtsdestoweniger bedeutete es für sie eine empfindliche Kränkung, daß der Kaiser, als der Prozeß gegen die Karbonari in Venedig beendet war, den Tiroler Antonio Salvotti, der diesen zu seiner Zufriedenheit geführt hatte, an die Spitze der Mailänder Kommission stellte. Sie wußten von Hörensagen, daß Salvotti ehrgeizig war, Tag und Nacht arbeitete, seine Tätigkeit mit Hingabe wie etwas Heiliges ausübte und sie für mittelmäßige Juristen und Faulenzer hielt. Menghini besonders fand seinen Arbeitseifer und die strenge Frömmigkeit, die man ihm zuschrieb, von vornherein lächerlich, und da Salvotti aus Tirol gebürtig war und in Deutschland studiert hatte, hielt er ihn für einen Österreicher, was, obwohl er selbst österreichischer Beamter war, in seinen Augen gegen ihn sprach. Immerhin erfüllte es ihn mit einer gewissen Schadenfreude, daß der neue Richter vermutlich mehr gegen Confalonieri ausrichten würde, da dieser dann zu spät einsehen müsse, was er an ihm verloren hätte.

Auf Federigo wirkte der Frühling erfrischend; er saß am geöffneten Fenster und suchte, gegen die gekreuzten Eisenstäbe gepreßt, sich so tief wie möglich in die durchstrahlte Luft hineinzubeugen. Sinnend betrachtete er die Weide am Brunnen, deren helles Grün seiden schimmerte; die Lieblichkeit des biegsamen Stammes erinnerte ihn an die ferne Frau, 90 die er liebte. Er dachte, ob sie versuchen würde, Nachricht in seine Gefangenschaft gelangen zu lassen, und daß er, wenn er Gelegenheit hätte, ihr zu schreiben, ihr sagen wollte, daß sie einander nicht wieder sehen, ja nicht wieder schreiben dürften, bis es ihm gelungen sei, seine Leidenschaft zu besiegen. Dies Opfer wollte er Teresa bringen; auch schien es ihm an der Zeit, mit der Frauenliebe ein Ende zu machen; er fühlte sich in den wenigen Monaten gealtert. Immer wenn er die Weide ansah, erschien sie ihm wie ein feiner junger Leib, über den der Schleier gelöster Haare fällt; sie war es, ihre Seele, die vor seinem Fenster stand und ihm wehmütig Lebewohl sagte.

Nach seinem Dafürhalten waren seine Aussichten jetzt gut; man würde ihn lieber freisprechen, als ihn zu einer kurzen Freiheitsstrafe verurteilen, allenfalls ihn aus Italien verbannen. Vielleicht konnte er schon im Sommer mit Teresa in die Schweiz reisen, die Luft der Berge einatmen, die so rein und der Sonne benachbart war. Er stand in Beziehungen zu Staatsmännern und Philosophen der westlichen Schweiz und freute sich auf den persönlichen Verkehr mit ihnen, die in einer Atmosphäre von Tätigkeit, Sittenreinheit und vernünftiger Freiheit lebten, ungleich der Trägheit, dem wirkungslosen Aufschäumen, dem Schwelgen in Worten, wie es in Mailand herrschte.

Er war in diesen Vorstellungen, als Menghini eintrat und, die Aufforderung des Grafen kaum erwartend, sich zu ihm setzte. Er bedauerte, daß Confalonieri ihm kein Vertrauen geschenkt habe; sie alle achteten ihn, sein Schicksal gehe ihnen zu Herzen; er besonders, das müsse Confalonieri zugeben, habe ihm stets Teilnahme bewiesen. Nun würde vielleicht alles anders werden, da Doktor Salvotti, ein Fremder, ein Tiroler, ein Teufel an Ehrgeiz, an die Spitze der Kommission trete, bei dem keine Rücksicht als vorwärts zu kommen gelte. Die Aussicht, nicht mehr ausschließlich mit Menghini 91 verkehren zu müssen, war Federigo angenehm; anderseits schien ihm jede Veränderung jetzt etwas Bedrohliches anzudeuten. Er fragte, ob der Prozeß in Venedig beendigt sei. Ebendeswegen, sagte Menghini, sollte Salvotti befördert werden, weil der Kaiser mit seinen dortigen Leistungen ausnehmend zufrieden sei; er habe elf Todesurteile erzielt, welche freilich alle in vieljährige Kerkerstrafen umgewandelt seien. Federigo erkundigte sich nach dem Schicksal Pellicos, des berühmten Rechtsgelehrten Romagnosi und eines Professors Graf Ressi, der in den Prozeß verwickelt war, weil er einen Schüler als Karbonaro anzuzeigen unterlassen hatte. Menghini zögerte mit der Antwort; er habe schon zu viel gesagt, seine Teilnahme für Confalonieri habe ihn verführt zu plaudern. Doch erzählte er nach kurzem Besinnen, Romagnosi sei freigesprochen, weil man ihm nichts Strafbares habe nachweisen können. Er habe sich in glänzender Weise verteidigt, und es verlaute, Salvotti habe die Gelbsucht bekommen, weil er diesen nicht habe überlisten können. Der arme Ressi dagegen sei zu zwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt worden. »In seinem Alter und bei seiner Kränklichkeit«, sagte Federigo, »wird er den Tag der Befreiung nicht erleben.« »Der ist bereits gekommen,« sagte Menghini, mit den Augen zwinkernd; »denn bevor noch das Urteil verkündigt wurde, ist er gestorben.« »Gott ist die höchste Instanz,« sagte Federigo ruhig und erkundigte sich nochmals nach dem Schicksal Pellicos. Er und Maroncelli, sagte nun Menghini, seien zum Tode verurteilt, aber zu zwanzigjährigem schweren Kerker begnadigt, die sie auf dem Spielberg in Mähren abzubüßen hätten. Er hoffe, daß der Aufenthalt dort erträglich sei, sagte Federigo. Menghini zuckte die Achseln und sagte: »Es wird nicht gerade eine Sommerfrische sein.« Nach einer Pause sagte der Graf: »Armer Silvio! Ich wollte, ich könnte sein Schicksal mildern.« 92

Menghini betrachtete den Grafen verstohlen. Verstellt er sich, dachte er, oder kommt es nicht in seinen Sinn, daß er selbst weit ärmer und hilfloser ist als jener Pellico? Es zwang ihn, sich diesen Kopf, der so frei und fürstlich getragen wurde, vorzustellen, wie er aussähe, wenn die Schnur um den Hals zugezogen würde; er ärgerte sich, daß er gekommen war, und schwur sich, diese Besuche künftig einem andern zu überlassen. Dabei fiel ihm Salvotti ein, und welche Enttäuschung für diesen, welchen Triumph es für ihn bedeuten würde, wenn es ihm jetzt noch gelänge, Confalonieri ein Geständnis zu entlocken. »Lieber Graf,« begann er, indem er ihm näher rückte, »Sie werden vielleicht bald nicht mehr Gelegenheit haben, sich mit einem Ihrer Richter vertraulich zu besprechen. Ergreifen Sie diese Gelegenheit: Mir können Sie sich anvertrauen. Die Indizien sind zu belastend gegen Sie, als daß Ihr Schweigen oder Leugnen Sie noch retten kann; aber ich zweifle nicht, daß Sie durch ein ausgiebiges Geständnis die Milde des Kaisers gewinnen werden.« Federigos Gesicht nahm einen strengen und hochmütigen Ausdruck an. »Ich bedarf nur der Gerechtigkeit des Kaisers,« sagte er, indem er aufstand, wie wenn er einen Bittsteller entlassen wollte.

Während des Besuches war die Sonne weitergerückt, so daß die Strahlen das Fenster Confalonieris nicht mehr trafen. Ein peinliches Gefühl war ihm zurückgeblieben, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß die Zuziehung des Salvotti so viel sicherlich bedeutete, der Prozeß werde nicht so bald zu Ende kommen, wie er für möglich gehalten hatte. Er würde noch viele Wochen, ja vielleicht Monate in diesem Zimmer zubringen können und mit dieser Lebensweise, die seiner Gesundheit so nachteilig war; es konnten ganz unvorhergesehene Wendungen eintreten. Die glänzende Verteidigung 93 Romagnosis fiel ihm ein, von der Menghini gesprochen hatte, und er beschloß, sich womöglich so zu unterrichten, daß er das bestehende Recht zu seinen Gunsten ausnützen könnte.

Nach einigen Tagen erzählte Riboni mit wichtigen geheimnisvollen Gebärden, daß Salvotti angekommen sei. »Das ist ein Mann!« sagte er, »das ist ein Mann!« in einem Tone, der sowohl Bewunderung wie Abscheu bedeuten konnte. »Er könnte das ganze Mailand wie eine Nuß zerknacken.« Ob dieser Mann ihn hindern würde, künftig ein Glas Wein oder sonst eine Kleinigkeit von ihm anzunehmen, fragte Federigo. Riboni verdrehte die Augen wie ein Märtyrer, der vergeblich mit glühenden Zangen gezwickt wird, und sagte: »Ich bin ein unabhängiger Charakter. Nichts wird mich hindern, dem Herrn Grafen fortgesetzt die treue Anhänglichkeit zu zeigen, die ich für ihn empfinde.« Nachdem er einen Schluck Wein getrunken hatte, fing er an behaglich zu wimmern, und erzählte, daß Salvotti ein schöner Mann sei, kürzlich eine junge, reiche und vornehme Dame geheiratet habe und vom Kaiser wie sein Augapfel gehalten werde. Da heiße es sich bücken und gehorchen, denn vor dem sei jetzt die ganze Lombardei samt Venetien nicht mehr als ein Beet voll Kohlköpfe; aber er, Riboni, behielte im Herzen doch seine unabhängigen Gedanken. »Bei jedem«, sagte er, »klopft einmal der Henker an, und wer weiß, ob es nicht viel leidlicher ist, geköpft oder gehängt zu werden, als an der Wassersucht oder am Krebs zu sterben. Der Unterschied ist nicht so groß, wie wir meinen. Vielleicht, während der Richter einen armen Teufel zum Galgen verurteilt, unterzeichnet Gott im selben Augenblick das Todesurteil des Richters mit allerlei Verschärfungen und Prozeduren, auf die unsere Einbildung nicht verfiele.« »Und Riboni lacht beide aus,« sagte der Graf belustigt, worüber der ins Lachen geriet und sich krümmte wie ein Vergifteter. 94

Bald darauf wurde Federigo zu einem Verhör geführt, bei welchem Salvotti den Vorsitz führte. Die Stimmung war ernster als sonst, was augenscheinlich der würdigen Erscheinung des neuen Richters zuzuschreiben war. Er hatte, seit er in Mailand angekommen war, die sämtlichen Verhöre Confalonieris sowie aller anderen in den Prozeß verwickelten Personen gründlich gelesen und sich danach einen Überblick über die Vorfälle gebildet. Wie er dem Grafen vorhielt, was geschehen und wie weit er bei den Ereignissen beteiligt gewesen sei, schien er auf unbegreifliche Weise mehr als andere zu wissen. Obwohl er schnell sprach, war seine Anordnung so klar, daß er auch den Widerstrebenden von der Unfehlbarkeit seiner Schlüsse überzeugte. An seine Darstellung knüpfte er zuredende Worte, Confalonieri möge seine verhängnisvolle Lage durch ein offenes Bekenntnis zu verbessern suchen. »Ich habe meinen Anteil an der liberalen Bewegung Italiens dargelegt,« sagte Federigo; »vielleicht könnte ich noch manches erzählen, was für Sie als Menschen von Interesse wäre, aber nichts, was eine staatsgefährliche Handlung von mir aufdeckte.« »Überlassen Sie es mir, den Charakter Ihrer Handlungen zu beurteilen,« entgegnete Salvotti scharf. »Würden sie auch die Festigkeit des österreichischen Staates nicht haben erschüttern können, so schließt das ihre Strafwürdigkeit nicht aus.« »Der Kaiser mag Ursache haben, mich zu hassen,« sagte Federigo, »aber ich bestreite, daß er Grund habe, mich zu bestrafen.« »Haß liegt der Majestät so fern wie Gunst,« sagte Salvotti. »Sogar Sie, Herr Graf, haben, denk ich, nicht aus persönlicher Abneigung gehandelt, als Sie die österreichische Herrschaft zu stürzen unternahmen. Sie haben sich während der französischen Okkupation mit neumodischen Grundsätzen erfüllt, die man liberal nannte; oder Sie haben sich mit den Erinnerungen an eine verklärte Vergangenheit genährt, wo in den Städten Mailands 95 eine selbständige Aristokratie sich alle Rechte anmaßte und die Sklaverei des Landes Freiheit nannte. Sie hielten einen unreifen Prinzen für einen unbefangenen Helden, dem es auf Gesetze und Verträge nicht ankomme. Sie bereiteten sich auf den Augenblick vor, wo er kommen würde, um Mailand zu befreien; Sie verteilten unter Ihre Anhänger die Rollen, die sie im glücklichen Falle zu spielen hätten; aus Ihrer Hand sollte er die eiserne Krone empfangen.«

»Und wenn dem so wäre?« sagte Confalonieri kalt. »Wenn Sie meine Träume richtig geschildert hätten? Hätte der König von Frankreich alle seine Untertanen bestrafen können, die auf die Rückkehr Napoleons warteten, um ihm zu Füßen zu stürzen?«

Salvotti stutzte und sah den Grafen mit ungeduldigem Befremden an, während die übrigen Richter vor sich hin blickten und lächelten. »Sie waren kein Träumer und Schwärmer, Herr Graf,« sagte er heftig. »Sie wünschten den Sieg der Revolution in Piemont nicht nur, sondern Sie suchten ihn herbeizuführen.«

»Hier hat Ihre Auslegungskunst Sie im Stiche gelassen,« sagte Confalonieri. »Den Sieg der Revolution, nein, den wünschte ich nicht einmal. Wenn ich etwas wünschte, so war es, den König von Sardinien an der Spitze seiner Soldaten unsere Grenze überschreiten zu sehen, nicht daß eine revolutionäre Armee es täte. Ich wußte besser, als der Kaiser selbst es wissen konnte, und als es Ihnen jetzt der Erfolg bewiesen hat, daß Italien noch nicht reif war für die Träume, die Sie mir zutrauen, und die ich vielleicht in Wahrheit geträumt habe.«

Salvotti faßte den Grafen fest ins Auge, indem er sagte: »Und woher kannten Sie die Absichten des erträumten Königs von Sardinien? Und woher wußte er, daß er in Mailand anders als feindlich würde empfangen werden? Beruhte das auf Ahnungen von ihm und von Ihnen? Ich fürchte sehr, 96 Herr Graf, daß Sie Ihre Lage zu leicht nehmen. Sie sind ein Mann von Talent, Willenskraft und hohem Sinn, Sie haben die Schwelle des vollendeten Mannesalters betreten, und die Erde breitete sich vor Ihnen aus, um Ihre Taten als fruchtbaren Samen zu empfangen. In diesem Augenblick verführte der Ehrgeiz Ihre Vaterlandsliebe und Ihr Urteil, um Sie von dem gefährlichen Gipfel herabzustürzen. Sie haben leider nicht eingesehen, daß Sie gegen göttliche und menschliche Gesetze sich versündigten; aber Sie haben erfahren, daß Sie sich täuschten. Sie sind nicht besser, aber klüger geworden und verwerfen von diesem Standpunkt aus Ihre früheren Handlungen. Können Sie sich einbilden, sie dadurch rückgängig gemacht zu haben? Nur wenn Sie gestanden, bereut und gesühnt haben, können Sie ein neues Leben beginnen. Vielleicht läßt Ihnen die Gnade des Kaisers diesen Weg offen; wahrscheinlicher ist es, daß er es Gottes Allmacht überläßt, Ihre Seele jenseit zu erleuchten. Sie haben Ihr Leben verwirkt, indem Sie Handlungen planten und ausführten, die auf den Umsturz der Herrschaft Ihres Monarchen abzielten. Hätte der Monarch das Recht, einen armseligen Dieb zu bestrafen, der ein Schaf aus dem Stalle lockt, wenn er die Nächsten seines Thrones ungestraft die Hand nach seiner Krone ausstrecken ließe? Er hat die traurige Pflicht, die ganze Strenge des Gesetzes gegen Sie anzuwenden. Ihnen, Herr Graf, steht es frei, diese Strafe in mißverstandenem Heldentum zu ertrotzen. Wären Sie allein! Aber in Ihrer Hand ruht die hingegebene Hand eines Weibes, das Sie liebt, das Sie zum Gott ihres Erdenlebens gemacht hat, ohne vom Glauben an den Gott der Welten jemals zu wanken. Wie soll sie es ertragen, ihren Gatten als einen verlorenen Missetäter, ein Schreckbild des Pöbels, einen würdelosen, entmenschten Kadaver am Galgen verwesen zu sehen?« 97

Federigo hatte die Anrede als eine unerträgliche Zudringlichkeit empfunden, gegen die sich zu schützen seine nächste Sorge war. »Mein Herr,« sagte er, »es ist Ihnen das Recht erteilt worden, sich mit meinem öffentlichen Leben zu beschäftigen; meine persönlichen Angelegenheiten bitte ich Sie nicht zu berühren.« Salvotti wechselte die Farbe; es war ihm so, als hätte der Graf ihm ins Gesicht geschlagen. Er empfand seine Worte nicht wie die Abwehr eines Angeklagten, sondern wie die Zurechtweisung des Aristokraten, dem er täppisch zu nahe gekommen war. In den verhüllten Augen des Grafen, die ihn so ansahen, als ob sie es nicht der Mühe wert hielten, bei ihm zu verweilen, las er eine Gleichgültigkeit, die zu weit entfernt von ihm war, um ihn zu verachten. Er fühlte den Trieb zu einem leidenschaftlichen Ausfall, aber er beherrschte sich und sagte kurz: »Wie Sie meinen,« worauf er zum eigentlichen Verhör überging. Seine Fragen folgten einander so schnell und so unvorhergesehen, daß Confalonieri Mühe hatte, zu antworten, ohne sich eine Blöße zu geben.

Während er seine ganze Aufmerksamkeit auf das, was er sagte, richten mußte, wühlten die Empfindungen in ihm, die Salvottis Reden und sein Betragen in ihm erregt hatten. Er fühlte, daß mit einem Male alles anders geworden war; denn so sprach keiner zum Grafen Confalonieri, sondern so sprach man zu einem Ausgestoßenen, dessen Worte die Geltung verloren haben. Es war ihm so, als ob der Henker seine Hand ihm auf die Schulter gelegt hätte. Vor Jahren hatte er einmal im Gebiete von Modena einen Gehängten gesehen: Wie von einem grellen Blitz aus der Nacht herausgerissen, stand das Bild vor ihm, der nackte Pfahl, in der Dämmerung einem aufgereckten Gespenst mit heraushängender Zunge gleichend, die ein erwürgter Mensch war; und darunter sah er Teresa, den Pfahl umschlingend und mit entsetzten Augen 98 heraufstarrend. Sein Gehirn war heiß und trocken, und die Worte, die an ihn gerichtet wurden, fielen wie Tropfen darauf, die augenblicklich versiegten. Salvottis Augen schienen ihm Werkzeuge zu sein, die er benutzte, um ihm folternd zu entreißen, was er von ihm hören wollte. Da er fühlte, daß er nicht mehr imstande war, die Bedeutung dessen, was gesprochen wurde, zu beherrschen, bat er die Richter, eine Pause zu machen; nachdem das Verhör vier Stunden lang gedauert habe, sei er erschöpft. »Sie werden sich daran gewöhnen,« sagte Salvotti gleichgültig; die andern jedoch rückten verlegen mißbilligend auf ihren Stühlen, und Menghini sagte, der Graf habe im vergangenen Jahre eine schwere Krankheit überstanden, worauf man doch wohl Rücksicht nehmen müsse.

Sowie Federigo in seinem Zimmer angekommen war, warf er sich auf sein Bett; aber seine Nerven waren zu sehr gereizt, als daß er hätte schlafen können. Wieder aufstehend, sah er das Paket, das die Bücher und die Wäsche enthielt, die Teresa ihm von Zeit zu Zeit zu schicken pflegte. Er öffnete es hastig und fand einen von ihrer Hand geschriebenen Zettel, auf dem sie mitteilte, daß Trecchi, Mompiani ans Brescia, die Frecavalli und einige andere Freunde verhaftet seien, und daß in Mailand gesagt werde, dies sei auf Grund seiner Aussagen geschehen. Sie wisse, daß das unwahr sei, könne aber nicht verhindern, daß seine Feinde das Gerede verbreiteten. Ob er nichts tun könne, um die Verleumdungen zu entwaffnen.

Federigo war einen Augenblick betäubt; dann hatte er das Gefühl, als ob große, harte Hände sein Herz faßten und zusammenpreßten. Schmerz, Zorn und Verzweiflung wollten seine Brust auseinandersprengen; das Leiden schien zu groß, als daß es eine Minute lang ertragen werden könnte, und dauerte doch und nahm zu. Das Bewußtsein seiner Ohnmacht und Verlassenheit durchdrang ihn; wenn das Gerücht auch 99 nicht von Salvotti selbst ausging, als habe er Mitschuldige verraten, so würde er doch gewiß keins entkräften, das ihn verächtlich machte. Vor seinen Augen wurde es feurig rot, indem er deutlich empfand, daß er so entehrt nicht würde leben können. Auf einmal jedoch zerrannen ihm alle Vorstellungen, und eine unbesiegbare Müdigkeit durchrieselte als ein Wohlgefühl seine Glieder. Gleichzeitig wurde es leicht und leuchtend hell in seinem Kopfe, so daß er seine gegenwärtige Lage und das Künftige mit zweifelloser Klarheit übersah.

Er sah, daß sein Tod in dem Augenblicke seiner Verhaftung beschlossen war, daß eine Schlinge um ihn gelegt war, die Tag für Tag enger zusammengezogen wurde; er sah die erbitterte Wut seines Vaters, den Schmerz Teresas, die Mienen und Gedanken seiner Freunde und Feinde; aber anstatt von Angst oder Traurigkeit war dies Wissen von Seligkeit begleitet, als habe er das Ufer der Erde bereits zurückgestoßen und stürze sich, so wie man Sterne unaufhaltsam durch den Raum schießen sieht, in die goldene Umarmung des Weltenozeans. Plötzlich wurde das leise Zucken in seinen Gliedern heftiger, er fühlte den Antrieb, laut zu schreien, und verlor über dem dumpfen Bemühen, ihn zu unterdrücken, das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, war sein Körper mit kaltem Schweiß bedeckt, und seine Müdigkeit war so groß, daß er sofort eingeschlafen wäre, wenn nicht Riboni mit dem Abendessen gekommen wäre und ihm einen Schluck Wein eingeflößt hätte. Auf Ribonis erschreckte Frage erklärte er, daß er einen Herzkrampf gehabt habe, und daß der Mangel an Luft und Bewegung vermutlich die Ursache davon sei. »Ja, ja,« sagte Riboni, »man muß eine gute Gesundheit haben, um es auszuhalten. Und hat man sie, zu was hilft es einem?« »Du meinst, es ist schade darum, wenn man gehängt wird,« sagte Federigo, während jener ihn stützte und trinken ließ; »aber man kann auch am Galgen eine 100 gute oder schlechte Figur machen.« »Euer Gnaden haben immer recht,« sagte Riboni anerkennend, »man kann auch Christus am Kreuze von den beiden Lumpenkerlen durch die vornehme Haltung unterscheiden. Einstweilen essen und trinken Sie, das ist für Leib und Seele bekömmlich und auch eine schöne Zerstreuung.« Bald nachdem Riboni fortgegangen war, schlief Federigo wieder ein und schlief bis zum folgenden Morgen. Von dem Zufall benachrichtigt, gestattete Salvotti, daß ein Arzt gerufen würde, und auf dessen Urteil, daß der Graf täglich eine Stunde im Hofe spazierengehen dürfe. Er tat dies in Begleitung eines Aufsehers, häufig Ribonis, der er gern so einrichtete, daß sie nah an der zu ebener Erde gelegenen Küche vorbeikamen und einige Worte mit Cisalpino wechselten.

Salvotti hatte den Prozeß Confalonieri nicht, wie die Mailänder Richter meinten, mit Freuden übernommen; denn das Geschäft, italienischen Schwindelköpfen, Fanatikern oder Toren ihre kindischen Geheimnisse zu erpressen und sie ins Gefängnis zu bringen, war ihm in Venedig immer lästiger geworden, abgesehen davon, daß er sich weit lieber auf wissenschaftlichem Gebiete ausgezeichnet hätte. Obwohl er nicht eben Mitleid mit den Angeklagten hatte, die sich auf verbotene und nach seiner Meinung sinnlose und verbrecherische Umtriebe eingelassen hatten, hielt er es doch für richtiger, ihnen in Zukunft keine Beachtung zu schenken; denn sie schienen ihm so viel Aufwand der Justiz nicht wert zu sein. Wie er sich nun aber in den neuen Prozeß vertiefte, hatte es etwas Tröstliches für ihn, daß sich in dem Grafen Confalonieri eine Persönlichkeit darzustellen schien, die die Anstrengungen und Widerwärtigkeiten, denen er sich aussetzte, wenigstens rechtfertigte; denn schon dadurch, daß er der hohen Aristokratie angehörte, Verbindungen über ganz Italien, ja über die westeuropäischen Länder hatte, daß er Meinungen und Handlungen von vielen 101 beeinflußte, konnte er Österreich gefährlicher werden als die planlosen jungen Leute, mit denen er bisher zu tun gehabt hatte. Auch bemerkte er schon im ersten Verhör, daß der Graf kein ungeschickter Gegner war, indem er sich hinter einen Rechtsstandpunkt verschanzte, woraus ihn zu vertreiben die Tatsachen, über die er bis jetzt verfügte, nicht genügten. Er hatte es sich anfangs leichter gedacht, den Mann, dessen hochverräterischer Wille zweifellos war, des Hochverrats zu überführen; und doch erwartete das nicht nur der Kaiser von seinem Scharfsinn, sondern er selbst forderte es von sich als Pflicht, nachdem er den Prozeß einmal übernommen hatte.

Daß er Confalonieri nicht zu einem Geständnis bringen würde, sah er ein; er hatte es mit einem zu tun, der um sein Leben kämpfte, und der, was mehr bedeutete, weil er in seinem innersten Herzen sich nicht als Untertan des Kaisers fühlte, von seinem Recht überzeugt war. Die Erscheinung des Grafen war ihm an sich nicht unsympathisch; aber so wie ihre Beziehungen zueinander waren, verursachte sie ihm ein Unbehagen, dessen Ursprung ihm nicht immer klar wurde. Er war sich bewußt, ihm an wissenschaftlicher Bildung, an Gründlichkeit und Ausdauer des Denkens überlegen zu sein; trotzdem benahm er sich so, als wolle er den Gegner von einer Höhe herabziehen, auf der er stehe oder sich einbilde zu stehen, damit sie auf gleicher Ebene kämpften. Er hatte das Bedürfnis, ihn zu demütigen, und suchte das mit solcher Reizbarkeit zu tun, als ob das die Hauptsache sei, worauf es ankomme. In einem Verhör bat Federigo, daß man ihm das österreichische Gesetzbuch zur Verfügung stelle; denn da ihm im Gegensatze zum gemeinen Rechte kein Verteidiger bewilligt werde, müsse er selbst sich die Kenntnis der Gesetze verschaffen, gegen die er sich vergangen haben sollte. »Es genügt, wenn 102 ich die Gesetze kenne,« sagte Salvotti; »denn ich bin Ihr Verteidiger.« »Das hatte ich noch nicht bemerkt,« erwiderte Confalonieri. »Ich nehme Ihr Interesse wahr,« fuhr Salvotti fort, »indem ich Ihnen empfehle, sich mit rückhaltlosem Geständnis die Gnade des Monarchen verdienen zu suchen. Sie selbst erschweren Ihrem Verteidiger das Amt, indem Sie sich auf den Standpunkt des unschuldig Verfolgten stellen, wohin er Ihnen nicht folgen könnte, ohne seiner Einsicht oder seinem Gewissen Gewalt anzutun.« »Es mag in der Tat eine schwierige Aufgabe sein, Anwalt und Richter in einer Person zu vereinigen,« antwortete Confalonieri, »und ich würde Sie selbst auf dem Schafott nicht beneiden.«

Salvotti hatte wieder das Gefühl, als ob er einen Schlag ins Gesicht bekommen hätte, ohne sich wehren zu können. Aus den Mienen seiner Kollegen konnte er lesen, daß sie so wie er einen beleidigenden Hohn in des Grafen Worten verstanden hatten, und daß sie ihm das, was in ihren Augen eine Niederlage war, gönnten.

Salvotti pflegte wenig von sich selbst und dem, was in ihm vorging, zu sprechen, außer wenn jemand es mit Liebe und Herzlichkeit aus ihm herauslockte. Das hätte seine Frau, mit der er seit einem Jahre verheiratet war, getan, wenn sie gewußt hätte, was ihn störte; aber in ihrem Charakter lag es, alles auf sich zu beziehen, besonders wenn es ihren Mann anging, in den sie leidenschaftlich verliebt war. Sie hatte Talente, malte und machte Verse und betrachtete das Leben mit Phantasie, aber ohne Verstand und höhere Einsicht. Die auffallende Schönheit Salvottis, denn er glich an sinnlich vollendeten Formen, Glut, Farbigkeit und Ebenmaß einem Römer der Kaiserzeit, hob ihn für ihr Gefühl über die Alltäglichkeit und bürgte ihr für Wunder, die sie an seiner Seite erleben würde, und auf die sie, ohne sich dessen bewußt zu 103 sein, seit sie seine Frau war, wartete. Zuweilen kam es ihr vor, als wäre er im Grunde nur ein kluger, rechtlicher, ordnungsliebender Mann, wie es viele gibt, und sein Gesicht wirkte dann wie eine zufällig aufgelesene Maske auf sie; dann kam eine Ernüchterung und Ermattung über sie, die so lange währte, bis ihr Temperament oder die Anregung der Liebe sie wieder in eine leidenschaftlich hingegebene Stimmung trieb. Für solche Stimmungswechsel hatte Salvotti kein Verständnis; er dachte, daß Frauen, und besonders begabte Frauen so wären, und er ertrug es um so williger, als er sie, die außer ihren Talenten noch den Vorzug adliger Geburt besaß, sehr verehrte. Wenn er des Abends nach Hause kam, erzählte er wohl dies und das von dem Prozeß und den Angeklagten, auch von Confalonieri, aber niemals so, wie es ihr den Gegenstand interessant gemacht hätte, weil er alles schlechtweg verstandesgemäß ansah und das Gerippe der Tatsachen nicht mit Fleisch oder Faltenwurf zu bekleiden wußte. So kam es, daß sie zunächst, als sie ihn verstimmt und in sich gekehrt sah, argwöhnte, er verberge ihr etwas sie Betreffendes, und ihm mit ihren Fragen wunderlich und launisch erschien, und daß er infolgedessen zufrieden war, wieder an seine Arbeit gehen zu können.

Die vorsichtig unfreundliche Haltung seiner Kollegen entging ihm nicht und trug dazu bei, ihn sich einsam fühlen zu lassen. Zwar beobachteten sie die Höflichkeit und mischten sich im allgemeinen nicht ein; aber wo es ohne Folgen möglich war, bekrittelten sie seine Maßnahmen, ja, sie unterstützten Confalonieri hier und da beiläufig und ließen merken, daß es sie belustigte, wenn es dem Grafen gelang, sich aus einer Enge freizumachen, in die Salvotti ihn getrieben hatte. Besonders Menghini sprach sich in Salvottis Abwesenheit gern dahin aus, daß dieser wohl sein Glück machen werde, daß es 104 aber nicht jedermanns Sache sei, einem Unglücklichen, der nur aus idealen Beweggründen das Gesetz überschritten habe, die Grube zu graben. Als sich Salvotti bemühte, den jungen Pallavicino zu veranlassen, daß er seine erste Aussage, welche für Confalonieri verhängnisvoll geworden war, bestätige, und ihn nötigenfalls mit Confalonieri zu konfrontieren, begab sich Menghini zu Giorgio Pallavicino und ließ ihn beiläufig wissen, daß er, da sein Prozeß bereits abgeschlossen sei, weitere Aussagen zu verweigern das Recht habe. Dann ging er zu Confalonieri und erzählte diesem, was Salvotti beabsichtige, mit Hinzufügung, daß er schwerlich etwas damit erreichen werde, wenn sich der Graf nicht durch die Gegenüberstellung mit Pallavicino beirren lasse. Dieser sei ein zerfahrener, aber im Grunde gutartiger Mensch, dem abenteuerliche Vorstellungen im Kopfe wimmelten; er habe sich närrisch gestellt, um glauben zu machen, daß seine ersten für Confalonieri verhängnisvollen Aussagen im Wahnsinn gemacht seien; aber er könne niemanden davon überzeugen, daß er damals noch närrischer als jetzt gewesen sei. Dessenungeachtet könne jenes Zeugnis, nachdem er es zurückgenommen habe, nicht mehr gegen Confalonieri verwendet werden, und da Pallavicino auf irgendeinem Wege erfahren habe, daß er jetzt die Antwort zu verweigern befugt sei, werde wohl die Konfrontation, wenn sie stattfinde, ergebnislos verlaufen. Federigo sagte, er müsse es Pallavicino überlassen, zu tun, was sein Gewissen ihm vorschreibe; dann sprach er von der selbst für die Hundstage außerordentlichen Hitze. Ja, sagte Menghini, sie litten alle unter der Hitze, vorzüglich er, der sie ohnehin nicht vertragen könne; er sei an Leber und Galle krank und stecke überhaupt in keiner guten Haut. Federigo betrachtete ihn und fand ihn gelber und trockener aussehend als gewöhnlich; er bot ihm von den Früchten und dem Wein an, womit Teresa 105 ihn zu versorgen pflegte. Menghini sagte, das dürfe seine Frau nicht erfahren, denn Wein sei für ihn etwas Verbotenes; aber einen Schluck zu nehmen, könne er nicht abschlagen. Er würde sich überhaupt das bißchen Vergnügen nicht verkürzen lassen, wenn es nicht der Familie wegen wäre; für seine Frau und seine drei Kinder wäre es wichtig, ob er noch ein Jahr oder noch zehn lebte. Dann erzählte er von seinen Kindern: von dem jüngsten besonders würde man nicht glauben, daß es seines wäre; es sei so wie einer von den Pfirsichen auf dem Tische, rund und rostrot, sein Fleisch fest, saftig und elastisch. Es tue weh, zu denken, daß es einmal Entbehrung und Sorge würde kennen lernen, wenn er zu früh fort müsse.

Der Graf erkundigte sich nach seinem Gehalt und nach seinen Aussichten auf eine Pension, wenn er arbeitsunfähig würde oder stürbe. Das hänge von der Gnade des Kaisers ab, sagte Menghini seufzend. Er habe einen Beruf, wo es mehr Arbeit und Mühsal gebe als Entgelt. Es werde von höherem Orte mehr von einem Richter verlangt, als daß man seine Pflicht tue und ein Ehrenmann sei. Wenn man sich nicht schmiegen könnte, würde man vergessen, und Jüngere rückten über einen hinaus. »Es ist natürlich,« sagte Federigo, »daß der Kaiser sich besonders gern auf die Tiroler stützt, die seinem Hause unentwegt Anhänglichkeit bewiesen haben, während die Mailänder Fremde für ihn sind.« Menghini zuckte die Achseln und sagte: »Das Leben ist eine komplizierte Maschine; wenn man sie besser machen will, geht sie vollends entzwei.« Die Pfirsiche, die Federigo ihm für sein jüngstes Kind anbot, steckte er mit sichtlicher Freude in die Tasche.

Auf die Möglichkeit einer Konfrontation mit Pallavicino war Federigo nicht vorbereitet gewesen, und er konnte sich nicht daran gewöhnen. Zuweilen schien es ihm besser, sich 106 töten zu lassen, als in einer so schmählichen Komödie mitzuspielen. Sein Ekel vor der nächsten Zukunft war so groß, daß ihm die Vorstellung etwas Verführerisches hatte, den Kampf aufzugeben und die Folgen des Geschehenen wehrlos auf sich zu nehmen. Was dagegen wirkte, war mehr noch als der Gedanke an Teresa die Verantwortung für die Reinheit seines Namens, die er seinem Vater und sich selbst gegenüber fühlte. Er wollte nicht leiden, daß die Regierung seinen Namen befleckte, daß die Verleumdung von Feinden und Gedankenlosen ihn schändete, daß die Zeit ihn mit flüchtiger Verachtung in den Staub trete.

In langen Zwischenräumen besuchte ihn seine Frau, und wenn er auch nicht frei mit ihr sprechen konnte, tat es ihm doch wohl, neben ihr zu sitzen und ihre Hand in seiner zu fühlen. Da er sie blaß und schmal aussehend fand, bat er sie, auf das Landgut zu gehen, wo sie sich jedes Jahr erholt hätte; die übermäßige Hitze in der Stadt sei ihr schädlich, und sie könne von Zeit zu Zeit hereinkommen, um ihn zu sehen. Sie sah ihn ängstlich an und bat ihn, ihr zu erlauben, daß sie in der Stadt bliebe; es gäbe keine andere Erholung und Pflege für sie, als täglich an dem Hause vorüberzugehen, wo sie ihn leben wisse; an keinem andern Orte würde sie Ruhe finden. »Ich möchte es um deinetwillen, daß du aufs Land gingest,« sagte er; »aber ich hätte dich sehr vermißt, wenn du nicht mehr in meiner Nähe gewesen wärest.« Sie sah ihn dankbar lächelnd an in dem Gefühl, daß er ihr seit vielen Jahren nicht ein solches Liebeswort gesagt hätte, und führte seine Hand an ihre Lippen.

Im Spätherbst fand die Gegenüberstellung Confalonieris und Pallavicinos statt. Der letztere war schon in dem Zimmer, wo die Verhöre abgehalten wurden, anwesend, als Confalonieri eintrat, und erschrak bei seinem Anblick. Die Blässe und die 107 dunklen Schatten seines Gesichtes, die Starrheit seiner Augen machten einen um so schmerzlicheren Eindruck, als er gewählt wie sonst gekleidet war und dadurch die Lage, die die Veränderung erklärte, verleugnen zu wollen schien. Unwillkürlich sprang Giorgio auf und rief den Namen des Freundes, wurde aber von einem der Richter gemahnt, auf seinem Platze zu bleiben; Federigo begrüßte ihn mit einer Handbewegung und einer Neigung des Kopfes. Zuerst wurde Confalonieri aufgefordert, sich zu der früheren Aussage Pallavicinos, als habe er diesen nach Turin geschickt, um mit dem Erbprinzen von Savoyen zu verhandeln, zu äußern, und tat dies, indem er ihre Richtigkeit bestritt. Während er das tat, hängten sich Giorgios Blicke mit verzweifelter Spannung an ihm fest; denn obgleich er wußte, worauf es ankam, und alles vorausgesehen hatte, was gesagt werden würde, hatte er doch gezweifelt, ob der Augenblick je wirklich würde, wo der verehrteste Mann ihn, den Jüngeren, der die Wahrheit gesagt hatte, der Lüge zeihen würde, um sein Leben zu retten. Er empfand die heftigste Reue, daß er diese Umstände herbeigeführt hatte, und hätte sich an Federigos Hals werfen mögen, um sich auszuweinen; zugleich aber stieß ihn ein zorniges Grauen von ihm zurück. Es war ihm so zumute wie einem Kinde, das zum ersten Male auf einem Bilde das Innere des Menschen dargestellt sieht, wo die Eingeweide bloßgelegt werden. Als die Reihe an ihn kam, gab er seine Erklärung ab, zu seiner letzten Aussage nichts mehr hinzufügen zu wollen. Plötzlich fing er an zu lärmen, er würde sich auch auf der Folter kein Wort entreißen lassen, er würde den ärgsten Qualen trotzen und seine Henker sterbend verachten.

Federigo war sich kaum dessen, was um ihn her vorging, bewußt geworden; sowie er jedoch in seinem Zimmer war, sah er in einer blendenden Helligkeit, die seinen Kopf befreite, 108 den häßlichen Auftritt, so wie er gewesen war: sich selbst in dem weißen Spitzenhemde mit steinernen Mienen, Salvottis düsterschönes, unruhig gespanntes Gesicht, den kleinen Pallavicino, der mit geballten Fäusten fuchtelte, und die andern Richter, die ihm mit einem Gemisch von Spott und Abneigung zusahen.

Eines Tages kam Caldi, der Direktor, mit auffallenden Gebärden in Federigos Zimmer; zuerst schob er nur den Kopf durch eine Spalte, sah von der Schwelle aus in alle Winkel des fast leeren Raumes, legte den Finger auf den Mund und machte andere Zeichen der Vorsicht und Verschwiegenheit. Nachdem er sich auf diese Art gesichert zu haben glaubte, zog er ein Album aus der Tasche, in welches seit Jahren, wie er erzählte, die Gefangenen sich auf seine Bitte eingeschrieben hätten, etwa die Verse eines Dichters oder eigene, oder ein Lob der guten Verpflegung, oder ihren Namen schlechthin. »Die meisten Herrschaften, die sich hier aufhielten,« sagte er mit Selbstbewußtsein, »waren Männer von Genie, wie es diese Zeitläufe mit sich bringen, wenn auch natürlich einige Spitzbuben und Schelme, Tollköpfe und Narren darunter waren. Ich habe mich niemals geschämt, mit ihnen zu verkehren, besonders weil man von ihnen lernen kann, und weil die Zeit kommen kann, wo diejenigen hochgepriesen werden, von denen man es am wenigsten dachte.« Er ließ den Grafen hineinsehen und lesen, wobei er die Blätter einzeln streichelte und glättete. »Jedes Blatt«, sagte er, »ist so wertvoll wie eine Banknote. Die Italiener freilich wissen so etwas nicht zu schätzen, aber die Engländer, die gebildet und reich sind, wiegen es mit Gold auf.« Er für sein Teil wolle das Album nicht verkaufen, sondern halte es wert als Andenken und wolle es seinen Kindern als Vermächtnis hinterlassen; wenn sie nichts als das erbten, könnten sie zufrieden sein. Übrigens würde 109 er nicht gewagt haben, den Grafen Confalonieri um einen Beitrag zu bitten, wenn der Kreis, in den er sich einreihen sollte, weniger erlaucht wäre. Federigo antwortete, daß er mit Vergnügen sich ein kleines Denkmal auf diesem interessanten Friedhof stiften wolle, worauf Caldi sich mehrmals verneigte und eifrig sagte: »Sie können, Herr Graf, hier Ihre innersten Gedanken niederlegen, gleichsam ihr Testament machen; denn Sie wissen, daß mir dies Buch als ein Heiligtum gilt, zu dem ich keinem Unbefugten den Eintritt gestatte.« Confalonieri lachte, nahm die Feder und schrieb: »Zu Mailand hängen sie keinen, ehe der Strick ihm gedreht ist.« – Seine Handschrift, die, wenn er viel hintereinander schrieb, bis zur Unleserlichkeit undeutlich wurde, war flüchtig und elegant; überblickte man einige Zeilen zusammen, so erinnerten sie an ein Ährenfeld, das ein gelinder Wind nach einer Seite neigt. Caldi, der mit Ehrfurcht und Spannung zugesehen und sich inzwischen eine Brille aufgesetzt hatte, die er beim Lesen trug, obwohl er weder kurzsichtig noch weitsichtig war, las mit halber Stimme, anfangs enttäuscht, weil er etwas Längeres und Hochtrabendes erwartet hatte; allmählich aber heiterte sich seine Miene auf, bis ein verständnisvolles Lächeln sich in unzähligen Fältchen über sein Gesicht verbreitete. »Das ist fein! das ist fein!« rief er schnalzend, las den Spruch wieder und wieder, ihn immer ausdrucksvoller betonend, und lachte schließlich geradeheraus, freilich bemüht, diese Äußerung seiner Zufriedenheit lautlos zu machen.

Nach vielen wortreichen Danksagungen versammelte er Riboni und Cisalpino, den Koch, in einem an die Küche anstoßenden Raum, der zum Abwaschen des Geschirrs diente, um ihnen die neue Eintragung in das Album zu zeigen. Über seine Schulter sehend, lasen die beiden gespannt, während er mehrfach mit dem Finger auf den Mund klopfte und durch 110 Deuten nach allen Wänden an die strenge Vertraulichkeit der Sache erinnerte. Nachdem sie sich stillschweigend ausgelacht hatten, sagte Riboni, der sich zuerst gefaßt hatte: »Er denkt, er komme noch davon! Ich glaubte nicht, daß er noch solche Einbildungen hätte!« Cisalpino, der die Gewohnheit hatte, sich über alles, was Riboni sagte, zu ärgern, fuhr ihn böse an: »Was weißt du, welche Verbindungen ein solcher Herr hat? Er ist ein Mailänder Kind und ein feiner Kopf und wird schon den Kopf aus der Schlinge ziehen, wenn es Zeit ist.« Caldi rieb sich bedenklich das Kinn. »Ein feiner Kopf ist er,« sagte er; »aber Salvotti! Salvotti! Sein Kopf ist eine Mühle, die Kieselsteine zu Mehl mahlt. Mit ihm kann einer allein nicht fertig werden. Der Graf ist verloren.« »Verloren ist er,« fügte Riboni bei, »ich sage nicht, ob mit Recht oder Unrecht; aber gegen Salvotti kann er nichts ausrichten. Salvotti schlägt ihn. Es ist keine Rettung für ihn.« Cisalpino, welcher puterrot, eine Schaumkelle in der Hand, aus der Küche zurückgelaufen kam, wo er einige Handgriffe besorgt hatte, rief zornig: »Salvotti? Ha, ein Bauer ist er! Hund und Sohn eines Hundes! Der Graf wird ihn eine Weile kläffen lassen und ihm dann einen Tritt geben, daß er elend zur Seite fliegt. Ich pfeife auf Salvotti!« Erschrocken stürzte Caldi auf den erhitzten Mann zu und drückte beide Hände auf seinen Mund, während Riboni durch Händeringen und höchst besorgtes Aufziehen der Augenbrauen andeutete, daß er die unheilvollsten Folgen dieser Unbesonnenheit vorhersah. »Willst du uns alle an den Galgen bringen?« zischte Caldi zwischen den Zähnen. »Ich pfeife auf Salvotti,« wiederholte Cisalpino, sowie er seinen Mund freigearbeitet hatte. »Wäret ihr nicht Dummköpfe und Feiglinge, würden wir uns zusammentun, um den Grafen, der ein Ehrenmann ist und ein Herz für Italien hat, zu befreien. Aber ich wette, daß er auch so davonkommt, wenn 111 ihr den Mut habt, die Wette zu halten.« Da sich Riboni bereit erklärte, schlug Cisalpino vor, daß die Wette drei Flaschen Wein gelten sollte; zwar hätte Riboni den Geldeswert vorgezogen, aber Cisalpino erklärte, daß er über einen so feinen Mann, wie der Graf sei, nicht um Geld und auch nur um die allerbeste Sorte Wein wetten wolle, worauf Riboni sich fügte.

 

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