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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf dem Gute war Teresa anders als in der Stadt, wo sie in der Fremde zu sein schien; hier war sie zu Hause. Ihr 49 Gesicht war rosiger und ihre Haut glatter, ein heiteres Unbekümmertsein war immerwährend um sie her verbreitet. Wenn sie durch den Garten ging, hier und da einen Zweig am Spalier festband, eine verwelkte Blume aus dem Gesträuch schnitt oder die Rinde eines Baumes streichelte, so schien sie von der Erde und allem, was wuchs und blühte, Kraft zu empfangen und wiederum wie eine Göttermutter Segen auszuteilen. Sie bedurfte auch in der Stadt nicht gerade der Gesellschaft; hier aber empfand sie die Einsamkeit als Lust, wo sie von Getier und Gewächs aller Art umgeben war und sogar die Kinder der Bauern holen und mit ihnen spielen konnte. Kamen aber Gäste, was häufig der Fall war, so empfing sie sie nicht nur freundlich, wie sie immer tat, sondern strahlend, so daß jeder das Gefühl hatte, er tue ihr wohl, indem er ihr Gelegenheit gebe, von ihrer Glückseligkeit mitzuteilen.

Es kam dazu, daß sie ihren Mann seit Jahren nicht so lange und in so froh genießender Stimmung bei sich gehabt hatte, und sie umgab ihn dankbar mit den Verwöhnungen, die er während der Krankheit anzunehmen sich bequemt hatte. Zuweilen überkam es sie fremdartig, als müsse sie die Arme ausbreiten und ihn an sich ziehen und küssen wie eine junge Liebende ihren Geliebten; aber dies Gefühl verscheuchte sie schnell, fast vor sich selbst errötend, da es ihr in ihrem vierunddreißigsten Jahre, und nachdem sie fünfzehn Jahre verheiratet war, nicht zukomme. Auch wußte sie nur zu gut, daß solche Liebesäußerungen ihrem Manne störend sein und lächerlich vorkommen würden.

An einem Sonntage ruderten Federigo und Teresa auf den See hinaus und kamen unterwegs auf den Einfall, am schweizerischen Ufer zu landen und in einem Dorfe einen gewissen Käse zu kaufen, den sie gern aßen und den sie ohne Zoll zu bezahlen über die Grenze zu bringen hofften; denn Teresa 50 hatte gelegentlich mit Gästen, die auch an diesem Mittage erwartet wurden, gewettet, daß sie schmuggeln könnte, wenn sie wollte. Es war morgenfrisch gewesen, als sie abfuhren; wie nun die Sonne höher stieg, vermißten sie die schattenden Strohhüte, die sie auf dem Lande zu tragen pflegten, und um sie zu ersetzen, pflückte Teresa am Ufer große Blätter, wand sie kranzartig zusammen und setzte sie ihrem Manne und sich auf. So ausgerüstet zogen sie in das Dorf ein, dessen Bewohner eben aus der Kirche kamen. Sie gingen durch mehrere Gassen, bis sie ein Gewölbe fanden, in dem sie ihren Einkauf besorgten; einem kleinen schwarzäugigen Mädchen, das in der Tür saß und seine braunen Füße in die Sonne hielt, gab Federigo ein Geldstück, während Teresa seine Locken streichelte und Spaß mit ihm machte. Wie sie weitergingen, stand die Kleine auf und trippelte hinter ihnen her, was mehrere andere Kinder, die auf der Straße spielten, veranlaßte, sich ihr anzuschließen. Das kleine Gefolge vermehrte sich, als Federigo und Teresa in einen anderen Laden eintraten, Schokolade kauften und diese mit kleinen Geldmünzen unter die Kinder verteilten, so daß zuletzt fast die gesamte Jugend des Dorfes ihnen nachging, ohne aber zudringlich zu sein und auch untereinander friedlich, jedes seine Gabe in der Faust und die Schokolade im Munde.

Von der Sommersonne gerötet, lachend und strahlend, traten Federigo und Teresa in ein einladendes Wirtshaus ein und ließen sich Brot und Wein vor das Haus bringen, wo eine Bank und ein Tisch unter einem Kastanienbaum standen.

Zu den Kindern, die bescheiden ein wenig zurückgeblieben waren, hatten sich jetzt auch ältere Leute gesammelt, die unter sich die Frage erörterten, woher die Fremden gekommen sein und wer sie sein möchten. Die braune Kleine, die zuerst ihre Bekanntschaft gemacht hatte, sagte nachdrücklich und bestimmt, 51 als wenn es da keinen Zweifel gäbe: es ist der König und die Königin; was sogleich von sämtlichen Kindern bestätigt wurde. Die Mutter der Kleinen fragte sie, woher sie es wisse, worauf sie zwar ein wenig erstaunte, aber doch ihre Erklärung wiederholte, nur ungewiß, ob es schon vorher so gewesen oder erst durch ihren Ausspruch so geworden sei. Die älteren Leute dachten, das sei ja wohl auch möglich, und weil sie sich über die Ehre freuten, die ihnen dadurch widerführe, bedachten sie sich nicht weiter, sondern wiesen die Kinder an, so viel Blumen und Früchte zu pflücken, wie sie könnten, und sie dem edlen Paare zu überreichen. Die kleine Braune, die die Hände voll Rosen wiederkam, sollte vorangehen und etwas sagen, und weil sie nicht wußte was, sagte ihre Mutter: »Nun, was werden wir da viel Umschweife machen? Wir sind Schweizer und verstehen uns nicht auf das Scharwenzeln bei Hofe. Sage du: Willkommen, König und Königin! So ist es nicht zuviel und nicht zuwenig.«

So kam es, daß Federigo und Teresa, die inzwischen mit dem Wirt geplaudert hatten, plötzlich eine Schar mit Blumen und Früchten beladener Kinder auf sich zukommen sahen, voran die Allerkleinste mit den braunen Füßen, die sich vor Teresa hinstellte, den Arm voll Rosen in ihren Schoß schüttete und mit klarer Stimme rief: »Willkommen, König und Königin!« Sie rief es triumphierend im Bewußtsein, ein schönes Geheimnis erraten oder erfunden und jedenfalls die ganze Veranstaltung angestiftet zu haben. Auf dem Tische schwoll ein Haufen von Duft und Farbe empor, aus dem Federigo sofort die reifsten Erdbeeren hervorsuchte und aß, zum Vergnügen der kleinen Zuschauer, während Teresa abwechselnd die Blumen und die Kinder betrachtete und an sich drückte. Auf ihre Bitte wurde ein großer Korb gebracht, in den sie ihren Reichtum füllte und den die Kinder an das Boot trugen. Auch mit den Erwachsenen 52 wurden Gespräche gewechselt; Federigo und Teresa sagten, wie gut es ihnen im Dorfe gefallen habe und wie gern sie wiederkommen und lange bleiben möchten.

Es war darüber so viel Zeit vergangen, daß sie eilig rudern mußten, um ihre Gäste nicht allzulange warten zu lassen. Atemlos, erhitzt und fröhlich betraten sie den Speisesaal, der als eine Art Glasveranda in den Garten hineingebaut war, mit lebhaften Begrüßungen und Fragen empfangen. Während Teresa die Blumen in Vasen verteilte und über den gedeckten Speisetisch streute, erzählte Federigo das schweizerische Abenteuer. Die Freunde betrachteten die beiden blühenden Gestalten beifällig, und die Malerin Bianca Milesi wand rasch zwei Kränze, um das Königspaar zu krönen; denn die Blattgewinde, die in der Sonne verdorrt waren, hatte Teresa beim Verlassen des Sees ins Wasser geworfen. Erst nachdem sich alle zum Essen gesetzt hatten, verkündete Baron Trecchi den Gatten die Nachricht vom Tode Napoleons, die erst jetzt, nach mehreren Wochen, in Mailand bekanntgeworden war und die vorher schon den Gegenstand des Gespräches gebildet hatte. Er hatte die Abschrift eines Gedichtes mitgebracht, das Alessandro Manzoni unter dem Eindruck dieses weltgeschichtlichen Todes niedergeschrieben hatte, und auf die allgemeine Bitte las es Federigo vor.

Seine Stimme hatte in der Erregung einen metallischen Klang und, um Empfindung auszudrücken, den schmelzenden Ton einer alten Geige; obwohl in seinem Vortrage mehr sachliche Kühle als Begeisterung lag, konnte er damit ergreifen und hinreißen. Ein lebhafter Wortwechsel folgte über das Gedicht als Kunstwerk und die darin ausgesprochenen Gedanken; man wunderte sich, daß Manzoni, der Fromme und Beschauliche, einen Napoleon feiern könne. Bianca Milesi meinte, die Dichterphantasie entzünde das Entgegengesetzte, 53 auch könne man wohl ein vernichtendes Unwetter in seiner Erscheinung bewundern, trotzdem man seine Wirkung verfluche. Das möge sein, entgegnete Federigo; man solle aber nicht vergessen, daß der Mensch nicht Element sei, sondern Geist. Es sei Verirrung, diejenigen zu bewundern, die über die anderen Menschen emporragten, weil sie aus Niedergetretenen und Leichnamen sich einen Hügel errichteten; nur die seien wahrhaft groß, vor denen die dankbare Menschheit sich freiwillig neige.

»Dankbare Menschheit!« rief Porro höhnisch aus. »Wer sich für sie aufopfert, den verspotten sie und knien vor dem, der sie mit Füßen tritt.« Während die anderen über die Bitterkeit des Gutmütigen lachten, warf ihm Federigo einen schnellen Blick zu und sagte: »Aufopfern soll man sich freilich nicht ohne Not, das bedenke du nur!«

Nachdem der Kaffee genommen war, faßte Federigo Porros Arm und zog ihn zu einem kühlen Platz unter Platanen in der Tiefe des Gartens; Teresa folgte ihnen. »Ich habe mit dir zu reden,« sagte Federigo. »Und ich mit dir,« antwortete Porro. »Ich habe den häßlichsten Tag meines Lebens hinter mir. Arrivabene, der in Venedig in Untersuchungshaft war und vor einigen Tagen entlassen ist, hat mich wissen lassen, daß Pellico mich im Verhöre verraten habe; er an meiner Stelle, sagte er, würde sich eilig in Sicherheit bringen. Der Himmel der Fremde, wie trüb er auch sei, sei doch einem italienischen Gefängnis vorzuziehen. Seitdem quält mich der Zweifel, was ich tun soll, aber mehr noch der Gedanke, daß Pellico, der mich oft seinen zweiten Vater nannte, an dem meine Söhne wie an einem älteren Bruder hingen, mich verraten habe.« Federigo sagte, es wäre unrecht, in solchen Fällen leichthin von Verrat zu sprechen. Gerade weil Pellico ein feiner und aufrichtiger Mensch sei, müsse es ihm schwer fallen, die Wahrheit zu 54 verhehlen; auch könnten seine Aussagen Porro verderblich werden, ohne daß er selbst daran schuld sei, durch die Schlüsse, die man daraus gezogen habe. Die Hauptsache sei, sagte Teresa bestimmt, daß sie Silvio als einen ehrlichen Menschen kennten, der Porro liebe; in diesem Glauben an einen Freund solle man sich durch kein Gerücht erschüttern lassen. Porro pflichtete ihr lebhaft und freudig bei; so sei es, sagte er, daran sich zu halten, habe er auch bereits bei sich beschlossen. Arrivabenes Herz und Lunge sei noch schwarz vom Staub der Gefängnisse; es sei kein Wunder, daß er Verrat und Gefahr wittere. Er aber wolle sich dadurch nicht anstecken lassen.

Er stimme ihm zu, was Pellico angehe, sagte Federigo; aber Arrivabene habe recht, wenn er ihm zur Flucht rate, und ebendasselbe habe er ihm sagen wollen. Er, Porro, sei so sehr kompromittiert, daß er nicht hoffen könne, übersehen zu werden. Porro stand auf und ging unruhig auf und ab, die schädlichen Folgen einer Flucht unter diesen Umständen erwägend. »Du hast früher nicht auf mich gehört,« sagte Federigo, »als ich dich vor den Kindereien des Karbonarismus warnte, folge mir jetzt, wo es sich vielleicht um dein Leben und um die Zukunft deiner Söhne handelt.« Porro entgegnete gereizt, daß auch Federigo übel angeschrieben bei der Regierung sei und daß er an Teresas Zukunft nicht weniger zu denken habe als wie er, Porro, an die seiner Söhne, worauf Federigo mit hochmütiger Schärfe erwiderte; es wäre ein Streit entstanden, wenn Teresa nicht schlichtend dazwischengetreten wäre. Ihr liebevolles Zureden machte Eindruck auf Porro, so daß er sich mit dem Gedanken, fortzugehen, befreundete; aber er meinte, Confalonieri solle sich ihm anschließen, und schlug allerlei Reisen vor, die sie zusammen unternehmen könnten. »Warum sollte ich mich entfernen?« sagte Federigo ablehnend. »Daß man mich haßt, vielleicht auch fürchtet, weiß ich; aber ein 55 strafwürdiges Verbrechen kann man mir nicht nachweisen, weil ich keins begangen habe. Daß ich mit dem Karbonarismus nichts zu tun habe, weißt du am besten.«

Porro zuckte ärgerlich die Schultern: »Du bist ihr Gegner und bist ihnen im Wege,« sagte er; »das ist das Wichtigste. Irgend etwas werden sie dir schon nachweisen, wenn sie wollen.« Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, und Teresa sagte seufzend: »Wie könnt ihr zusammen reisen? Es wäre kein Stück mehr von euch übrig, bevor ihr nur die Grenze erreicht hättet.«

Es näherten sich jetzt andere Gäste, denen Teresa entgegenging, während Federigo sich mit Porro entfernte. Nach einer halben Stunde gab Porro nach und versprach, nach Mailand zu reiten und alles zur Abreise vorzubereiten; Federigo begleitete ihn zur Tür, wo das gesattelte Pferd wartete. Im Begriffe aufzusteigen, sagte Porro: »Grüße die andern, ich will keinen Abschied nehmen,« wandte sich aber noch einmal um, umarmte und küßte Federigo und sagte: »Denk an Teresa.« »Wenn es not tut,« antwortete dieser lächelnd, »werde ich mich so gut beraten, wie ich dich beraten habe.«

Abends fanden sich alle auf der Zinne des Hauses zusammen und plauderten über Familienereignisse und das Wetter; denn der Himmel zuckte im Westen, und die Schwüle und Beklommenheit der Luft weissagten ein Gewitter. Man bedauerte Porro: »Das alles liegt nun hinter ihm,« sagte die Milesi, »und wie hold und traulich ist dieser alberne Kleinkram. Ein solches Gespräch unter guten Freunden, das behaglich und bedeutungslos knistert wie ein erlöschendes Feuerchen im Kamin, das hat man in der Fremde nicht.« »Und kein solches Land,« setzte Teresa hinzu, deren Blicke liebevoll auf der dunkel verhüllten Ebene im Süden und auf 56 dem geisterhaften Diadem der Berge ruhten, das sich fern über der bekränzten Stirn des Sees erhob. »Mailand verlassen,« fuhr Trecchi fort, »heißt von der Oberwelt zum Hades hinuntersteigen.«

»O ihr Mailänder,« sagte Federigo, »ihr könnt mit den Juden streiten, wer das auserwählte Volk sei. Welche Vorstellung habt ihr von Gott, dessen Atmen Schaffen ist. Ein ewiges, den Weltraum erfüllendes Quellen von Erscheinungen, von denen jede neu, unvergleichlich und wundervoll ist, das ist Gott. Das ist seine Erhabenheit, daß jedes Geschöpf für sich ein einziges, unschätzbares Kleinod ist und wertloser Staub gegenüber den unzählbaren, die es umströmen.« Er erzählte von Menschen und Gegenden, die er gesehen oder über die er gelesen hatte, mit so viel anregendem Reiz, daß Bianca Milesi ausrief, in seiner Begleitung würde sie bis ans äußerste Thule reisen, ohne die Wonnen Italiens zu vermissen, und daß auch Trecchi zugab, mit seinen Augen und seinem Geist möchte man es auch anderswo erträglich finden.

Das Gewitter entlud sich in der Morgenfrühe, und der Vormittag war noch trübe und regnerisch. Teresa war in der Halle des Hauses beschäftigt, den Korb, den sie aus dem Schweizer Dorfe entlehnt hatte, mit allerlei guten Dingen vollzupacken; denn die Kinder, sagte sie, sollen unsere Majestät an unserer Erkenntlichkeit spüren; als ein Bote zwischen den Pappeln heraufkam, dem sie einen Brief an Federigo abnahm. Er war von Porro und enthielt die Mitteilung, er würde noch am selben Tage abreisen; auch die Arconati hätten sich entschlossen, fortzugehen, und Federigo möchte ihnen folgen. Durch seinen Hausverwalter würde er erfahren, daß in diesen Tagen eine zweite Haussuchung bei ihm vorgenommen sei; ohne Zweifel hätte die Polizei es auf ihn abgesehen. Er, Porro, reise zunächst nach Marseille und rechne 57 darauf, Federigo und Teresa bald dort begrüßen zu können. Federigo zerriß den Zettel und hielt sich bei dem Vorschlage nicht auf; auch Teresa zog ihn nicht in Erwägung, da sie sich hier, so nahe an der schweizerischen Grenze, ruhig und sicher fühlte.

Nach schnell verflogenem Sommer, im Oktober, wollte Federigo in die Stadt zurückkehren. Es half nicht, daß Teresa einwendete, die nicht zu vermeidenden Aufregungen würden seine eben befestigte Gesundheit wieder angreifen; er erklärte, seine unterbrochene Tätigkeit nun wieder einrichten zu müssen, fügte aber, als er sie betrübt sah, hinzu: »Eine Woche gebe ich dir als Geschenk meiner Liebe.« Sie errötete vor Freude, während ihr zugleich die Tränen in die Augen traten. »Es ist, als ob du mir eine Kette mit sieben Edelsteinen um den Hals legtest,« sagte sie. Wirklich reihten sich die Tage feurig, kühl und lauter aneinander. Am letzten Sonntage ihres Landaufenthaltes pflegten die Confalonieri den Landleuten der Gegend ein Abschiedsfest zu geben, an welchem getanzt wurde und woran sich auch ihre Freunde gern beteiligten. Teresas besonderes Vergnügen war es, die Kinder einzuladen, sie zu bewirten und mit ihnen zu spielen; den ganzen Nachmittag hörte man durch das krause Jubeln und Kreischen der Kleinen ihre helle Stimme lachen. Ihr Gesicht leuchtete, als sie mit Federigo den Tanz eröffnete, der dann eines der anständigsten und fleißigsten Mädchen aufforderte, während die Herrschaften untereinander und mit den Landleuten tanzten. Federigo kam auf den Einfall, die Mädchen zu fragen, ob sie Tarantella tanzen könnten, und Mathilde Dembowsky erbot sich, es sie zu lehren, wie sie es in Neapel gesehen habe. Die mädchenschlanke Gestalt und ihr sehnsüchtiges Sichbiegen gefiel auch den Bauern, die bald aus eigenem Antrieb die leidenschaftlichen Bewegungen mit Gesang und einer 58 geeigneten Musik ihrer Mandolinen begleiteten. Dann gingen die Herrschaften in das Haus, um sich selbst das Abendessen herzurichten; denn es war der Gebrauch, daß die Diener an diesem Abend von jeder Arbeit für das Herrenhaus frei blieben. Die Vorräte an kaltem Fleisch, Schinken, Brot, Wein und Früchten wurden aus einem Kahn zu einer kleinen, mit alten Weiden und Pappeln bepflanzten Insel geführt, die inmitten eines Sees im Parke lag. Die Damen trugen ländliche einfache weiße Kleider, die unter der Brust durch ein farbiges Band schlank zusammengefaßt waren und Hals und Arme frei ließen; auch die Herren hatten anstatt der Fracks weiße Leinenjacken über den Batisthemden.

Die Abgeschiedenheit des Ortes, den das Wasser wie ein Heiligtum von der Erde absonderte, brachte Federigo auf den Gedanken, daß sie eine allen bekannte Dichtung aufführen könnten. Sie wählten zuerst einige Szenen aus der Antigone des Alfieri zwischen Kreon und Antigone, die die Frecavalli mit ungestümem Ausdruck gab; von Teresa hatte man absehen müssen, da es sich zeigte, daß ihr kindlich eingehegtes Wesen sich in kein erhabenes Pathos steigern ließ, das ihrer augenblicklichen Lage nicht entsprach. Federigo dagegen, dem ein Vorhang aus burgunderrotem Damast umgehängt war, stellte den Tyrannen, anders zwar als der Schauspieler Modena, aber vortrefflich dar als herrschend durch die Überlegenheit eines von außen unberührbaren Geistes. Trotzdem ihn die grauen und grünen Bäume, die Glut des Mantels und die blaue Dämmerung weich und warm umgaben, schien seine hohe Gestalt aus der Kälte des leeren Raumes zu ragen. »Es friert einen, wenn man ihn ansieht,« sagte die Milesi bewundernd zu dem Bildhauer Comolli; »er gleicht einer Säule aus Eis, die rot beleuchtet wird, und spendet doch unerschöpflich Licht und Wärme.« 59

Der Antigone folgte eine Szene aus Rossinis Othello, der kürzlich zum ersten Male in Mailand aufgeführt worden war, die nämlich, wo Desdemona das Lied von der Weide singt. Die Gondoliere, deren Stimmen man im Theater nur hinter der Bühne hört, ruderten hier wirklich auf dem Kahne vorüber und sangen, wie es vorgeschrieben ist, nach einer alten Weise den Vers des Dante: Kein größerer Schmerz, als der glücklichen Zeit zu gedenken im Elend; worauf die lauschende Desdemona, ahnungsvoller Trauer hingegeben, das einst von der Amme erlernte Lied anstimmt, das die anziehendste Nummer der Oper bildet. Die Dembowsky mußte es zweimal singen; es klang wie melodischer Tränenfall, der auf lange begrabene Schmerzen taut. Den Othello spielte der Bildhauer Comolli, dessen äußere Erscheinung dazu paßte und der auch eine gute Stimme hatte; aber eine ihm angeborene Komik machte, daß sein Spiel von ununterbrochenem Gelächter begleitet wurde, das sich bei der Mordszene zu tollem Jubel steigerte.

Teresa sprach den Wunsch aus, daß irgendein Zeichen auf der Insel errichtet würde, das in späterer Zeit an die heitere Nacht erinnere, dem Federigo um so freudiger beifiel, weil er dadurch Gelegenheit habe, dem Freunde Comolli einen Auftrag zu geben und sich einmal als Mäzen der bildenden Kunst zu erweisen. Ein jeder machte Vorschläge, die Comolli als unausführbar verwarf; mit einer Figur, die die Erinnerung vorstellen sollte, erklärte er sich deshalb nicht einverstanden, weil sie nur als Frau aufgefaßt werden könne, er aber nur den männlichen Körper als schön und der Kunst würdig gelten lassen wollte. »Was wollen wir auch mit der Erinnerung?« sagte die Dembowsky. »Wählen wir den Augenblick, der kann wohl als ein jünglinghafter Genius dargestellt werden, die Schale in der Hand, aus der wir zugleich 60 Verzückung und Vergessenheit trinken.« Teresas eigenster Plan war, ein Reliefbild ihres Mannes auf einem Marmorblock aufrichten zu lassen; allein sie sprach ihn nicht aus, weil sie seinen Widerspruch fürchtete, der noch niemals Geduld gehabt hatte, einem Maler oder Bildhauer zu sitzen.

Es zeigte sich, als man die Insel verlassen wollte, daß der Kahn, der bei der Othelloszene gedient hatte, nicht befestigt worden war und sich leise bis an das gegenüberliegende Ufer geschaukelt hatte. »Männer,« rief Comolli begeistert, »werft eure barbarischen Kleider ab und schwimmt wie edle Griechen hin, um das Fahrzeug zu holen!« »Ach,« sagte Teresa, »daß sie es niemals wiederfänden und wir immer auf dieser Insel bleiben müßten.« Die andern Damen trösteten sie mit dem Hinweis auf den nächsten Sommer, der ebenso schön wie dieser dem kurzen Winter bald folgen werde.

 

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