Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Nach dem in Ägypten verlebten Winter fühlte sich Federigo leidlich gesund, wenigstens sagte er so; nur war er besorgt, ob es in Europa anhalten würde. Auf Sophies Vorschlag, dem Rate jenes Triestiner Arztes folgend, zunächst Vichy aufzusuchen, ging er gern ein; vielleicht, dachte er, wäre das dortige Wasser noch heilsamer als das ägyptische Klima. Erfreulich war es ihm, dort Carlo d'Adda zu treffen, der voll von Neuigkeiten über die glückliche Wendung der politischen Angelegenheiten war, nämlich die offenbare Hinneigung Karl Alberts von Piemont zur italienischen Frage. Seinerseits war Carlo beunruhigt durch das Aussehen des verehrten Mannes: er fand ihn ungünstig verändert, magerer geworden und von gelbblasser Gesichtsfarbe. Auf eine vorsichtige Bemerkung antwortete Federigo, die ägyptische Sonne habe ihn ausgedörrt, und er habe sich ihr vielleicht mehr ausgesetzt, als für seine Nerven gut gewesen sei; übrigens sei er mit seinem Befinden zufrieden. Es fiel Carlo d'Adda auf, daß er mehr Teilnahme als sonst für seine politischen Interessen an den Tag legte; aber er ermüdete auch schneller, und es gab Tage, wo er nicht im Kursaal oder auf der Promenade erschien, weil er im Bett bleiben mußte.

Eines Tages kam Carlo d'Adda erregt zu Confalonieri mit der Nachricht, daß Giorgio Pallavicino und seine Frau in Vichy angekommen seien. Es war ein Lieblingswunsch von ihm, die Männer, die er beide als Märtyrer desselben Ideals für verehrungswürdig hielt, und von denen er wußte, daß sie nicht mehr miteinander verkehrten, zu versöhnen. Mit 402 liebenswürdiger Zaghaftigkeit stellte er Federigo vor, was für ein aufrichtig patriotischer Mann Pallavicino sei, und was für einen schlechten Eindruck es im Auslande machen müsse, wenn bekannt würde, daß ein Zerwürfnis zwischen zwei Männern bestehe, die für die gleiche Sache Österreichs Ketten getragen hätten. Ein Zerwürfnis, sagte Federigo, habe niemals zwischen ihnen bestanden; Giorgio sei von ihm abgefallen, das sei alles; er sei gern bereit, ihm die Hand zu reichen, wenn jener sie ihm biete. Anders wurde d'Addas Antrag von Pallavicino aufgenommen: »Geht mir mit Eurem edlen Confalonieri!« rief er ärgerlich. »Ich habe ihn auch einmal einem Halbgott gleichgeachtet! Warum? Vielleicht weil er selbst das Beispiel gab. In die Hölle wäre ich auf seinen Wink gegangen! Aber als wir dann beide darin waren, da hat er sich gezeigt; da sprach er nicht mehr von Italien und Freiheit, sondern von Gott und Unterwürfigkeit und meinte, wir sollten auf sein Gebot ebenso gehorsam zu feigen Betschwestern werden wie vorher zu stolzen Rebellen!« Das könne er nicht beurteilen, sagte d'Adda, verlegen abwehrend, die Tatsache bleibe doch, daß Confalonieri als erster fremder Übermacht gegenüber das Recht Italiens vertreten habe, das müsse man ihm immer danken. Er fügte noch andere Gründe hinzu und wurde dabei von Pallavicinos junger Frau unterstützt, die begierig war, den Grafen kennen zu lernen, und im allgemeinen für Vergeben und Vergessen stimmte. Der zweifachen Überredung gab Giorgio nach, betonte aber eifrig, daß er nicht etwa Confalonieri aufsuchen und nichts sagen oder tun werde, was als Bitte um Verzeihung oder Zugeständnis irgendwelcher Art aufgefaßt werden könne, überhaupt keinen Auftritt wolle. Wenn er, Pallavicino, keinen Auftritt mache, sagte Carlo d'Adda, Confalonieri werde es gewiß nicht tun; der bleibe am liebsten hinter den Kulissen. 403

Also wurde ein gelegentliches Zusammentreffen verabredet in der Weise, daß die Pallavicino abends, wenn im Kurpark Konzert stattfinde, auf der Terrasse des anstoßenden Kurhauses, das die Confalonieri bewohnten, Platz nehmen sollten. An einem der nächsten Abende, als großes Feuerwerk angekündigt und die Begegnung festgesetzt war, belegte Carlo d'Adda frühzeitig einen Platz nahe der Brüstung der breiten Terrasse, die in den Park hineingebaut war. Gegenüber, aus einem Gebüsch hervorschimmernd, stand der Pavillon für die Kapelle in Form eines Rundtempels. Als die Confalonieri mit Carlo d'Adda kamen, um das Abendessen zu nehmen, waren eben, obwohl es noch hell war, die großen Gaskandelaber an den beiden Seiten der Freitreppe angezündet, und an kleinen Tischen saßen Hunderte von Badegästen, während eine größere Menge in den Alleen des Parkes auf und ab ging; die Musik hatte gerade angefangen zu spielen. Sophie plauderte lebhaft mit Carlo d'Adda, wie sie gewöhnlich tat, wenn ihr Mann nicht zur Unterhaltung geneigt schien; er aß fast nichts und folgte mit zerstreutem Blick den flüsternden und rauschenden Menschen, die unablässig die Treppe hinauf und hinunter wogten, die Herren in Frack und Zylinder, die Damen in farbigen Seidenkleidern und Mantillen und großen, mit Federn geputzten Strohhüten. Bald, nachdem das Essen abgeräumt war, erblickte Carlo d'Adda, der sich von Zeit zu Zeit suchend umgesehen hatte, die Pallavicino, die sich zwischen den Tischen drängten und augenscheinlich keinen Platz finden konnten. Er ging ihnen entgegen, begrüßte sie und führte sie, wie um ihnen zu Hilfe zu kommen, zu Federigo und Sophie, welche letztere den Ankömmlingen sofort die Gastfreundschaft ihres Tisches anbot. Nach kurzer Begrüßung und Vorstellung erzählte der kleine Marchese mit drolligen Ausschmückungen und Übertreibungen, wie die vielen Verehrer seiner Frau ihm 404 das Leben sauer machten, indem er sie zu jedem Feste führen müsse, wo getanzt würde; es sollte sich nämlich an das Feuerwerk ein Ball anschließen. Er nahm sich neben seiner hübschen Frau, die etwa zwanzig Jahre jünger als er war, besonders unscheinbar aus, gefiel sich aber darin, dies äußerliche Mißverhältnis zu betonen und starke Schmeicheleien für sie daraus abzuleiten, die sie gern hörte. Sophie sagte, auch zu ihnen wäre der Ruf von der unvergleichlichen Mazurka der jungen Baronin gedrungen, sie müßten sich aber leider mit der bewundernden Schilderung begnügen, da der Arzt ihnen langes Aufbleiben während der Kur verboten habe. Es wurde dann von der Gesundheit, vom Klima und vom Wetter gesprochen, das nach langer Hitze regnerisch zu werden drohte.

Dunkelgraues Gewölk war am Himmel verwischt, und in der Luft sickerte lautlos verhaltene Feuchtigkeit. Inzwischen waren viele Lichter im Park angezündet, so daß die Rasenstücke von kleinen Flammen umsäumt wurden und das Feuerrot der Blumen, die in Töpfen auf der Brüstung standen, matt leuchtete. Im Vordergrunde traten die mächtigen Stämme der Buchen, Linden und Kastanien hervor, die weiterhin zu einem dunklen Dickicht verschwammen, das ohne Ende schien; denn von dem Teich her, an dessen Ufer der nie benützte Kahn lag, und von der Meierei her, an die unübersehbare Wiesen grenzten, funkelten kleinere und immer kleinere Lichter. Das Feuerwerk begann mit Raketen, die auf lilienschlankem Stengel zwischen den Bäumen aufschossen und sich in hoher Luft neigten, als wollten sie Glück auf die Erde herabgießen; aber der Glanz versiegte ohne Spur in den unerreichbaren Schichten. Dann entbrannten größere Schaustücke: auf dünnem Stiel drehte sich eine Schale, die mit ambrosischem Wein gefüllt zu sein schien und ihren Überfluß in Feuertropfen versprühte, zwischen denen goldene Schmetterlinge trunken auf und ab tanzten, 405 bis plötzlich der Götterbrunnen lautlos in die Dunkelheit zurückstürzte.

Die beiden Damen gaben ihrer Bewunderung lauten Ausdruck; aber Carlo d'Adda sagte, die Mailänder verständen es besser, und alles dies wäre ärmlich gegen das Feuerwerk, das vor zehn Jahren den Einzug des neuen Kaisers verherrlicht hätte. Er sei damals fast noch ein Knabe gewesen und hätte es weniger auf den Kaiser als auf die Gefangenen vom Spielberg bezogen, von denen er angenommen hätte, daß sie nun frei werden würden. »Wenn wir nur das Feuerwerk erleben, das Mailand einmal zur Feier seines Abzuges abbrennt,« sagte Giorgio und erhob sein Glas, um darauf anzustoßen. Mit triumphierendem Ärger bemerkte er, daß Federigo nur den Rand seines Glases mit den Lippen berührte, weil er, wie er sagte, aus Rücksicht auf sein Herz keinen Wein mehr trinken dürfe.

Das prächtige Schlußbild des Feuerwerks war ein leuchtender Stamm, aus dem eine breite Dolde schlangenzierlicher Äste wuchs, die leise zitternd und glühend durch die unbewegten Stämme und Zweige der lebenden Bäume herabrieselten. Die Erscheinung erinnerte Federigo an die Weide, die im Hofe des Gefängnisses von Mailand gestanden hatte; wie hell das verjüngte Fleisch ihres feinen Körpers im Frühling leuchtete, und daß sie ihm einmal eine geliebte Frau bedeutete, von der er jetzt wußte, daß sie bald nach seiner Verurteilung gestorben und daß ihr Mann lange wieder verheiratet war. Er wunderte sich, daß er den zärtlichen Baum so ganz hatte vergessen können, und zugleich durchschauerte ihn ein Gefühl des Glückes darüber, daß er ihn dennoch besaß, daß Staub und Sturm vieler Jahre das süße Bild in seiner Seele nicht hatten verschütten oder verwehen können. Das Geräusch, das dem Schluß eines jeden Musikstückes folgte, machte ihn aus seiner Versonnenheit 406 auffahren. Der kleine Marchese, der weit ausholend Beifall klatschte, sagte lachend, so viel Lärm mache er nicht etwa, weil ihm das Stück gefallen habe, er sei weniger musikalisch als eine Schildkröte und habe überhaupt nicht hingehört, sondern weil er aus dem Programm gesehen habe, daß es von Bellini sei; deshalb halte er es für Patriotenpflicht. Indem Federigo ihn ansah, fiel ihm ein, wie er am ersten Abend im Gefängnisse das Gesicht Pallavicinos am gegenüberliegenden Fenster hatte auftauchen sehen, bleich, entstellt und verzerrt, und wie er sich vergebens angestrengt hatte, ihm ein Zeichen zu geben, und eins von ihm zu empfangen. So ermüdet, wie er war, schwammen ihm Gegenwart und Vergangenheit ineinander, und es graute ihm, als das Gesicht, das aus dämmeriger Ferne zu ihm hinüberstarrte, plötzlich durch ein krampfhaftes Gelächter auseinandergezogen wurde.

Sophie glaubte zu bemerken, daß ihren Gatten fröstelte, und legte ihm den Pelzmantel, der auf einem Stuhle bereitlag, über die Schultern. Er lehnte zwar die Aufmerksamkeit in fast gereiztem Tone ab, zog aber den Mantel dichter um sich und schien sich wohler darin zu fühlen. Die junge Baronin sah ihm staunend zu und sagte, daß sie lieber noch ein Kleidungsstück abwerfen möchte, so heiß finde sie es; worauf ihr Mann, indem er ihr einen bedeutsamen Blick zuwarf, einen Scherz über ihr Tanzfieber machte. Man hörte schon aus der Ferne eine Walzermelodie, die zum Beginn des Balles einlud, und nach der ihr voller, weicher Körper sich zu wiegen begann; und da es ohnehin Zeit schien, der Zusammenkunft ein Ende zu machen, stand Pallavicino auf, um, wie er sagte, seinen Leidensweg anzutreten.

Sowie sie fort waren, atmete Confalonieri leichter; es war ihm so, als nähere sich die Schattengestalt des knabenhaften Jünglings, der ihm andächtig anhing, in gleichem Maße, wie 407 sich der selbstgefällige, wichtige alte Mann von ihm entfernte. Er dachte, wie töricht es sei, daß er oft mit verstecktem Gram und bitterer Sehnsucht Teresas gedachte; denn es war ja nicht der Besitz, der beglückte, sondern der Kampf und die Empfindung. Wieviel weiser als er war ihre Kinderunschuld gewesen, die ihm sagte, daß sie nach ihrem Tode inniger als zuvor bei ihm sein würde. Sein Herz schien ihm zu schweben; gegen Carlo und Sophie sprach er seine Zufriedenheit aus, daß die Zusammenkunft stattgefunden habe.

Die feuchten Herbsttage drohten den Erfolg der Kur wieder zu beeinträchtigen. Von Ägypten wollte Federigo für diesen Winter nichts hören, dagegen lockte ihn Neapel, wo er auf Wärme rechnen konnte und doch auf italienischem Boden war. Er hätte gern erfahren, wie man in den angesehenen Familien sowohl wie beim Volke über irgendeine Art des Anschlusses an das nördliche Italien dächte, und welche Mittel zu einer etwaigen Ausführung vorhanden wären, und es wäre ihm bei seinem Namen und seiner Geschichte leicht gewesen, das Vertrauen zu gewinnen; was dabei im Wege stand, war die Überwachung durch österreichische Beamte und Spione, von der er sich niemals frei fühlte. Es war ein Netz um ihn gesponnen, dem er nur hätte entgehen können, wenn er es mit einem Ruck zerrissen hätte; sonst mußte er sich ruhig halten oder kleine Schritte machen, um es nicht zu spüren. Er war oft in gereizter, für Sophie, deren Nerven während der Ehe sehr gelitten hatten, schwer erträglicher Stimmung. Am wohlsten fühlte er sich, wenn er sich in die politischen Berichte inländischer und ausländischer Zeitungen oder in Betrachtungen über die Zukunft Italiens vertiefen konnte. Obwohl sich mit der klugen und vorurteilsfreien Sophie gut darüber reden ließ, hielt er im Gespräch ihr gegenüber immer etwas zurück; nur wenn er mit sich allein 408 war, zog seine Phantasie stolze, kühne und unumstößliche Umrisse.

Als die große Hitze anfing und Federigo noch schwankte, wohin er sich wenden solle, kam die Nachricht von der schweren Erkrankung und dem zu erwartenden Ableben des Papstes Gregor von Neapel. Dies Ereignis war deshalb von größter Bedeutung, weil es unter den Kardinälen eine liberale, den Reformen geneigte Partei gab, die, bisher im Schatten gehalten, sich jetzt durchzusetzen hoffte, und die von den Wünschen aller patriotisch gesinnten Italiener begleitet war. Confalonieri beschloß, sofort nach Rom zu reisen, wo er einige Tage nach dem Tode des alten und vor der Wahl des neuen Papstes eintraf. Fremde und Einheimische waren den ganzen Tag und einen Teil der Nacht zu Fuß oder zu Wagen unterwegs, um das Ergebnis der Wahl sofort zu erfahren. Widersprechende Gerüchte liefen um: Einige behaupteten, Kardinal Lambruschini, der gefürchtete Anhänger des Alten, habe die meisten Stimmen davongetragen; andere nannten Kardinal Gizzi, einen gemäßigten Liberalen, als den Sieger. Die Überraschung war allgemein und der Jubel maßlos, als vom Balkon des Quirinal herab der Name des Kardinals Mastai-Ferretti verkündet wurde, der zum Zeichen seiner christlichen, reform- und volksfreundlichen Gesinnung den Namen Pius IX. angenommen hatte. Was man von diesem Manne wußte, war, daß er die Härte mißbilligt hatte, mit der sein Vorgänger, Gregor, die Liberalen verfolgt und alle revolutionären Bewegungen unterdrückt hatte, daß ihm die Abhängigkeit vom Auslande, insbesondere von Österreich, mißfällig war, daß er in erster Linie als Italiener fühlte; und so schien es, als sei das Haupt der großen Umwälzung, die man ersehnte oder für unumgänglich hielt, der neue Herr der Christenheit. Eine beseligte Menge schwärmte durch die Straßen und die hellen, 409 triumphierenden Kirchen; das Volk war wie ein Heer, das die Weihe eines Mysteriums empfangen will, bevor es sich in den Kampf stürzt. Federigo war unermüdlich, alles zu sehen, wo immer der Papst sich zeigte, die Prozessionen, Almosenausteilungen und Segnungen, und kam erst spät, wenn die Stadt im Freudenfeuer ihrer Paläste zitterte, nach Hause zurück. Die Ermahnungen Sophies, sich zu schonen, ließ er nicht gelten; er behauptete, sich gesund und ausnehmend kräftig zu fühlen.

Einige Tage nach der Wahl traf Kardinal Gaysruck, der Erzbischof von Mailand, in Rom ein, der die Wahl des Kardinals Mastai im Namen Österreichs hatte verhindern sollen, aber zu spät gekommen war. Federigo hatte stets persönliche Verehrung für den Erzbischof empfunden und wußte, daß er sich zur Zeit seines Prozesses auf Teresas Bitte für die Erhaltung seines Lebens beim Kaiser verwendet hatte; er machte ihm deshalb seine Aufwartung und wurde schon am Tage nach seiner Ankunft mit Sophie von ihm empfangen. Obwohl man dem Achtzigjährigen die Ermüdung von der Reise und den vielen Besuchen ansah, stellte er sich doch als ein kräftiger, gesunder Mann dar, dessen ganze Erscheinung ein gesammeltes, ruhiges Selbstbewußtsein ausdrückte. Als er den Grafen erkannte, dem die Todesnähe unverkennbar anzusehen war, richtete er sich unwillkürlich stramm auf: Er hatte das wohltuende Gefühl der Überlegenheit über den jüngeren Mann, der bald nicht mehr neben ihm unter der Sonne atmen würde.

Nach freundlicher Begrüßung äußerte der Erzbischof in derber Weise seinen Ärger darüber, daß er sich die Unbequemlichkeiten der Reise umsonst auferlegt habe. »Hier wäre die Eisenbahn einmal am Platze gewesen,« sagte er; »gäbe es hier welche, so wäre ich nicht zu spät gekommen.« Federigo lächelte und sagte: »Der Zeitgeist war gegen Sie, 410 Monsignore.« Der Erzbischof stutzte; er fand die Antwort keck und beinahe etwas verdächtig. Indem er Federigo mit einem ironischen, wenn auch nicht unwohlwollenden Blick betrachtete, sagte er: »Und Sie, lieber Confalonieri, gehen immer noch mit dem Zeitgeist?« Worauf Federigo ohne Besinnen erwiderte: »Ich bin der Zeit früher einmal so vorausgeeilt, daß ich jetzt langsam gehen kann; ich glaube, sie hat mich eben erst eingeholt.« Es war bei diesen Worten eine Flamme in seinen Augen aufgelodert, und das Lächeln gab seinem Munde Leben: Ein flüchtiger Schimmer vom Glanz seiner Jugend glitt über ihn hin. Sein Auftreten stimmte durchaus nicht zu dem Bilde, das der Erzbischof sich nach den Mailänder Berichten über ihn gemacht hatte; er dachte, es schiene noch immer etwas revolutionärer Stoff in dem kranken Manne zu sein, und es lief ihm rasch durch den Sinn, wohin das führen könne, und daß diese zweite Frau ihn schwerlich würde retten können, wenn er sich wieder verwickelte. »Sie haben sich durch die Jahre und die Erfahrungen Ihren Mut nicht rauben lassen,« sagte er nach einer Pause ein wenig außer Zusammenhang, den aber Federigo, seine Gedanken erratend, nicht vermißte. »Es könnte sein,« sagte er traurig und zugleich mit leichtem Spott, »daß bald noch einmal ein Prozeß auf Leben und Tod gegen mich angestrengt wird; aber dann ist mein Richter Gott.« Einen Augenblick mußte der Erzbischof sich besinnen, ehe er verstanden hatte; dann sagte er freundlich: »Nun, Gott ist gerecht und weise, und zum Überfluß gibt es gute Ärzte in Rom, die er in der heiligen Stadt gewiß besonders gern zu seinen Stellvertretern macht.«

Federigo empfand, daß der stramme Greis ihn für verloren hielt, und der Gedanke bereitete ihm eine gewisse Genugtuung, daß er so hinfällig doch nicht sei, wie jener glaubte. Das Leben war ihm bisher nicht kostbar gewesen; seinem 411 Willen traute er zu, das erlöschende Feuer noch einmal auf eine Weile anzufachen.

Am höchsten stieg der Jubel in der Stadt, als am ersten Juli Anschläge an den Häusern die Amnestie der politischen Verbrecher bekanntmachten. Zwar war dieselbe an den vorhergehenden Tagen durch einleitende Edikte vorbereitet; aber man wußte, daß eine starke, rückschrittliche Partei am Hofe dagegen kämpfte, und hatte daher bis zum letzten Augenblick das Scheitern dieser Bürgschaft der neuen Freiheit gefürchtet. Man erzählte sich, daß die Frau eines Gefangenen sofort nach dem Bekanntwerden der Amnestie sich aufgemacht habe, um die Nachricht nach Civita Castellana zu bringen, wo ihr Mann eingekerkert lag. Sie habe Wagen und Pferde genommen, habe sie unterwegs mehrmals gewechselt und sei vor Tagesgrauen am Ziel gewesen; sie habe sich Einlaß in den Kerker erzwungen, habe die Kunde der Befreiung auf dem Hofe, auf den die Fenster der Zellen gingen, ausgeschrien und sei dann bewußtlos zusammengebrochen. Einige Tage später kehrten die ersten Amnestierten aus verschiedenen päpstlichen Kerkern nach Rom zurück. Die ganze Stadt war zu ihrem Empfange geschmückt, besonders die Piazza del Popolo, da durch das dortige Tor die Erwarteten einziehen sollten. Rote Teppiche hingen von den Balkonen der Häuser herab, und Fahnen wehten von den Kuppeln der Marienkirchen. Die goldenen Linien der Hügel umrandeten die brausende Stadt wie ein göttliches Gefäß die Glut und den Schaum berauschenden Weines. Der offene Wagen, in dem Federigo und Sophie fuhren, bahnte sich langsam den Weg durch das Gewimmel der Fußgänger; man hatte sich, um Platz zu bekommen, so früh aufmachen müssen, daß stundenlanges Warten unausbleiblich war. Nach der langen Spannung war die Bewegung, als die Befreiten endlich eintrafen, um so größer. Sie sahen 412 schlecht gekleidet, ungepflegt und zum Teil krank aus und erwiderten die überschwenglichen Begrüßungen des Volkes in verschiedener Weise: einige standen im Wagen auf, schwenkten den Hut und riefen laut und herzlich in die Menge hinein, andere waren so ergriffen, daß sie schluchzend das Gesicht auf die Knie drückten; nur wenige saßen entkräftet und anscheinend teilnahmslos auf ihrem Platze.

Während die Confalonieri versuchten, nach ihrem Gasthause durchzudringen, wurde Federigo ohnmächtig. Sophie, die schon seit einer Weile beobachtet hatte, daß er sehr bleich und still war, wußte bei dem Gedränge nichts anderes zu tun, als mit dem Bewußtlosen bis zum Gasthause zu fahren, wo man ihn bereitwillig auf sein Zimmer trug. Der Unfall war durch das lange Verweilen in der Sonnenhitze in nüchternem Zustande und bei starker Gemütsbewegung zu erklären; doch ließ Sophie einen der römischen Ärzte holen, die der Erzbischof scherzend gerühmt hatte.

Der Gerufene war ein Mann von elastischen Bewegungen, schöngeschnittenem, offenem Gesicht und heiterer Miene; in das Zimmer schien mit seinem Eintritt frische Luft und belebende Essenz einzuströmen. Er untersuchte Federigo, der sich inzwischen erholt hatte, und fand, daß er an Brustwassersucht litte und in Anbetracht der Zerrüttung des ganzen Organismus der Krankheit nicht lange würde Widerstand leisten können. Während der Untersuchung plauderte er unbefangen mit Sophie über das Ereignis des Tages, wovon er nichts gesehen hatte. Er habe, erzählte er, schon um fünf Uhr aufstehen müssen, weil seine Frau im Wochenbett liege und das Dienstmädchen am Tage vorher krank geworden sei; da habe er die Wohnung gereinigt, das Frühstück zugerichtet, die Frau und die Kinder besorgt und dann bis jetzt seine Kranken besucht; er habe gerade zu Mittag essen wollen, als er zu 413 Confalonieri gerufen sei. Federigo und Sophie bedauerten das und wollten ihm Essen kommen lassen; aber er dankte lachend und sagte, er könnte, wenn es nötig sei, den ganzen Tag fasten, ohne daß seine Stimmung oder seine Leistungsfähigkeit darunter litte. »Ich habe freilich nicht so viel durchgemacht wie Sie, Herr Graf,« sagte er zu Federigo; »Sie müssen eine robuste Natur und einen starken Willen haben, daß Sie die Strapazen dieser letzten Wochen bis jetzt ertragen haben.« Von der Amnestie sagte er wegwerfend, sie habe gewiß nur den Zweck, daß die Gefängnisse einmal gereinigt würden; sei das geschehen, würden sie wieder gefüllt. »Und das ist schlimm in einem Lande, wo man nicht die Spitzbuben, sondern die Ehrenmänner einsperrt,« setzte er hinzu. Er verschrieb dem Kranken Tropfen, die bei etwaigen Beklemmungen Erleichterung schaffen würden, und gab genaue Vorschriften für seine Lebensweise. Etwas vorsichtiger als in letzter Zeit müsse er sein, sagte er, doch auch nicht überängstlich. Mut und Hoffnung seien die besten Beistände des Arztes.

Zu Sophie sagte er, daß der Zustand ihres Gatten nicht leicht zu nehmen sei und daß sie sich darauf vorbereiten müsse, ihn zu verlieren, obwohl er alles tun würde, was in seiner Macht sei, sein Leben zu erhalten. Daß dies so wenig war, hatte ihm selten so leid getan wie in diesem Falle; denn er war ganz von Federigo eingenommen. Der Körper ist schon Kehricht, dachte er; aber mit dem Geist darin möchte er Italien machen. Ihm imponierte das um so mehr, als er, von früh bis spät in seinem Berufe tätig, sich niemals um Politik bekümmert und sich eigentlich für zu gut dazu gehalten hatte. »Wie soll man ein Land ohne Volk machen?« sagte er. »Unsere Aristokratie ist auf Reisen; auf den Feldern arbeiten ein paar halbwilde Sklaven, in den Straßen treiben sich Bettler und Tagediebe umher und eine Handvoll Fremder. Die wenigen, die arbeiten mögen, haben ihre Not, 414 um den Karren weiterzuschieben.« »Ja,« sagte Confalonieri, »wenn alle wären wie Sie, so hätten wir keine Mißstände und brauchten weder Reformen noch Revolutionen. Und dahin müssen wir es bringen: Die Aristokraten und die Bettler und die Tagediebe müssen verschwinden, und ein Volk, das arbeitet, muß erstehen!« Die von dem Arzt verschriebenen Mittel hatten zunächst eine auffallend gute Wirkung; Federigo atmete freier, schlief besser und war heiter und gesprächiger. Er hatte Pläne, sich mit allen namhaften Politikern Italiens, auch mit Mazzini, in Verbindung zu setzen, und machte zuweilen Sophie Andeutungen davon, auf die sie mit gespieltem Eifer einging.

Eines Tages wurde Confalonieri aufgefordert, sich persönlich auf der österreichischen Botschaft vorzustellen. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, wurde er zum Grafen Spaur geführt, der seinen Paß in Augenschein nahm und ihn fragte, warum er nach Rom gekommen sei, und wie lange er sich hier aufzuhalten gedenke. Er setzte hinzu, die aufgeregten Zeiten wären Ursache, daß die österreichische Regierung ihre reisenden Untertanen mehr, als sonst üblich sei, im Auge behalten wolle, eine Maßregel, durch die im Grunde die Beamten am meisten behelligt würden. Confalonieri antwortete, er sei nach Rom gekommen, um der Papstwahl beizuwohnen, und habe dabei mehr Glück gehabt als der Kardinal Gaysruck, indem er vor Beendigung des Konklave eingetroffen sei; wahrscheinlich würde er nicht mehr lange hier bleiben können, da sein Arzt ihn vor allzu großer Hitze gewarnt habe. Graf Spaur bemerkte jetzt sein leidendes Aussehen und bot ihm einen Stuhl an, indem er sich mit seiner Pflicht entschuldigte, daß er ihn zu diesem Gange veranlaßt hatte. »Was sagen Sie denn«, fragte er gemütlich, »zu unserem neuen Heiligen Vater? Er schüttet ein unerschöpfliches Gnadenfüllhorn aus, freilich fürs erste nur über seine römischen Kinder.« 415

»Sie werden es einem Italiener nicht verargen, wenn ihn diese Bevorzugung erfreut,« sagte Confalonieri mit ungesuchter Offenheit, die Spaur angenehm berührte. »O gewiß nicht,« sagte er beflissen, »wenn er ihnen nur mit dem Segen nicht die Köpfe zerschlägt. Bereits ist alles außer Rand und Band, und er kann der Ausgelassenheit nicht Herr werden.« Das wäre sehr zu beklagen, entgegnete Confalonieri, er wünsche dem Papste Beharrlichkeit und gute Berater. »Sie, lieber Confalonieri,« sagte Spaur seufzend, »haben sich das Recht und die Fähigkeit erworben, die Händel der Welt als Weiser, über den Parteien stehend, zu beobachten. Ich wollte, ich wäre auch so weit und könnte mich aus der staubigen Arena zurückziehen.« »Sie überschätzen mich,« sagte Confalonieri; »ich bin auch nichts mehr als ein armer Gladiator, wenn auch verkrüppelt und wohl nicht mehr sehr formidabel.« Graf Spaur horchte auf: Diese Worte, wenn auch in scherzendem Tone gesprochen, klangen geradeso, als wolle der stolze Mailänder ihm zu verstehen geben, daß er als Feind genommen zu werden wünsche. Das kann dir werden, dachte er ein wenig ärgerlich; aber der Verfall des Mannes war doch zu augenscheinlich, als daß er die Sache ernstlich hätte nehmen mögen. »Nun, nun,« meinte er lächelnd, »jetzt unterschätzen Sie sich, Verehrtester. Mir wäre doch lieber, wenn wir uns nicht als Gegner träfen, und ich werde das Meine dazu tun, daß es nicht geschieht.« Confalonieri verneigte sich und empfahl sich; er war sehr zufrieden mit der Wendung, die das Gespräch genommen hatte.

Übrigens begannen die fortdauernden Festlichkeiten in Rom ihm widerwärtig zu werden, und da auch die Hitze zu groß wurde, dachte er an die Abreise. Er wollte nach Mailand, aber der Arzt riet ihm, damit bis zum Frühjahr zu warten; zunächst solle er ein Seebad aufsuchen und im Winter wieder 416 nach Rom kommen, jedenfalls im Süden bleiben. Anstatt dessen veranlaßte ihn Porro, den er in dem französischen Bade traf, das er wählte, nicht nach Rom, sondern nach Paris zu gehen, das ihm die Anwesenheit verschiedener alter Freunde anziehend machte. Er war nur einige Tage da, als er die Nachricht vom Tode Maroncellis erhielt, mit dem er hier und da noch freundschaftliche Briefe gewechselt hatte. Maroncelli war von allen Gefangenen auf dem Spielberg der gesundeste gewesen; auch nach der Amputation des Beines hatte er ein verhältnismäßig blühendes Aussehen bewahrt; dazu war er fünfzehn Jahre jünger als Confalonieri. Wie sollte er hoffen, ausdauernder zu sein als jener? Auch von Borsieri waren die Nachrichten schlecht; wie hinfällig Silvio Pellico war, hatte er selbst gesehen. In der Nacht träumte ihm, er höre ein leises regelmäßiges Klopfen, und er wußte, daß es von Maroncelli herrührte, der durch die Mauer mit ihm sprechen wollte. Er sagte, Federigo solle sich beeilen, wenn er mitwolle, er habe einen Ausweg ins Freie gefunden und wolle fort; denn sie waren auf dem Spielberg. Federigo wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte, und zögerte in qualvoller Ungewißheit mit der Antwort; da hörte er das Klirren der Ketten, an dem er des Morgens auf dem Spielberg zu erwachen pflegte, und gleichzeitig sagte Maroncelli noch einmal, er solle sich eilen, ob er nicht höre, daß es schon Tag werde? Es sei höchste Zeit, wenn sie fliehen wollten. Jetzt antwortete Federigo, er könne nicht fliehen; warum er ihn dazu überreden wolle? Er müsse wissen, daß das wider seine Ehre sei. Da lachte Maroncelli das leise Lachen, das immer wie eine liebe kleine Melodie geklungen hatte, und sagte: »Wer spricht von Fliehen? Ich will ja hinunter auf den Kirchhof.« Ein Grausen überlief Federigo, indem er sich besann, daß Maroncelli tot war. Er wollte nicht mitgehen; er dachte, daß 417 irgendwo ein Irrtum sein müsse, daß Maroncelli nicht ihn meine, sondern Moretti oder vielleicht Silvio Pellico; denn er lebe ja und müsse leben. Er erwachte stöhnend wie unter einem Alpdruck, und die Angst wich nicht vor dem Bewußtsein, daß er geträumt hatte.

Der Gedanke, daß er nicht mehr lange zu leben habe, trieb ihn fort; er wollte nach Mailand, um das noch zu betreiben, was ihm am Herzen lag, um seinem Schwager Gabrio, dem Bürgermeister, seine Pläne einzuflößen, um alles in Bewegung zu setzen, jetzt, wo der Augenblick günstig war. Es gelang Sophie, ihm das auszureden, indem sie ihn an die Ratschläge des römischen Arztes erinnerte, der ihm so nützlich gewesen war; aber die Unruhe, als versäume er etwas, blieb ihm und machte ihn reizbar und launenhaft.

Eines Abends im November besuchte er mit Sophie die Fürstin Cristina Trivulzio, eine Landsmännin, die wegen ihrer Teilnahme an antiösterreichischen Bewegungen aus Mailand hatte fliehen müssen und seit Jahren in Paris ansässig war. In ihren eleganten Räumen war eine bunte Gesellschaft versammelt; sie selbst lag in phantastischem Kostüm auf einem Diwan, vor welchem auf einem niedrigen Schemel ein junger Mann saß, der ein Lied zur Gitarre sang und dabei schmachtend zu ihr aufsah. Ein anderer Herr beugte sich über die Lehne des Diwans und sprach angelegentlich mit ihr. In einem anstoßenden Zimmer waren Herren und Damen mit Tischrücken beschäftigt; eine andere Gruppe war um eine Dame geschart, die aus den Händen wahrsagte. Federigo wechselte einige Worte mit diesem und jenem; aber er fühlte sich fremd und setzte sich mit einem Gefühl der Müdigkeit und des Ekels an den Kamin. Dies nahm noch zu, als er jenen Belrocco sah, den er für einen österreichischen Spion hielt, und der sich in diesem Kreise mit der Miene eines gern gesehenen und das 418 große Wort führenden Gastes bewegte. Er stand auf und warnte die Fürstin vor diesem Menschen, wovon sie jedoch nichts hören wollte. Er sei ein wenig klatschsüchtig, aber da er es auf witzige Art sei und niemanden verschone, lasse sie es gelten; im Grunde sei er ein harmloser Mensch, der immer mit irgendwelchen Wohltätigkeitsunternehmungen schwanger gehe. Augenblicklich sammle er für die Polen. In der Tat näherte sich Belrocco mit einer Liste und erzählte, daß er sich von einem Komitee habe fangen lassen, um für eine gute Sache zu betteln, daß er noch wenig geerntet und eben Hoffnung geschöpft habe, als er die zugleich vollsten und freigebigsten Hände des reichen Mailand beieinander gesehen habe. Confalonieri sagte kühl, er gebe nichts an eine Sache, die er für aussichtslos halte.

»Auch mir sind die Polen nicht sympathisch,« sagte die Trivulzio. »Es ist eine faule, selbstsüchtige Aristokratie, die ihren Untergang verdient hat; aber ich versuche dem Herrgott nachzuahmen und helfe Gerechten und Ungerechten, soviel ich kann.« Damit setzte sie ihren Namen mit einer nicht geringen Summe auf die Liste. Belrocco dankte und reichte sie nochmals dem Grafen, indem er zutraulich sagte: »Sie müssen nicht fürchten, Ihren Souverän durch diese Spende zu kränken: Polen hat es zunächst mit Rußland zu tun, und Österreich hat es im Grunde nicht ungern, wenn Rußland durch Polen eine kleine Verlegenheit bereitet wird.« Das Blut schoß Federigo in den Kopf; er wollte etwas sagen, aber Cristina kam ihm zuvor, indem sie lachend ausrief: »Confalonieri braucht ohnehin nicht ängstlich zu sein, der österreichische Gesandte soll sich erst kürzlich sehr lobend über seine Anhänglichkeit ausgesprochen haben.«

Sophie, die den letzten Teil des Gespräches hinzutretend mit angehört hatte, erschrak zwar über die beleidigenden Worte, 419 zugleich aber empfand sie Genugtuung, als hätte es so kommen müssen, daß einmal jemand dem unnahbaren Manne eine Wunde schlüge. Alles durchstürmte sie in diesem Augenblick, was sie an seiner Seite erfahren hatte; die ungestillte Leidenschaft, die stillschweigend zertretenen Gefühle, wie sie dürr, kalt und glanzlos geworden und wie sie verbraucht worden war, wie Öl in eine rostige Maschine geschüttet und ohne Sang und Klang und Dank verschwunden. Es verband sie kein Gefühl von Zusammengehörigkeit mit ihm; nur weil sie gewohnt war, für ihn zu sorgen, flüsterte sie der Gräfin zu, ein Glas Wasser kommen zu lassen, und bot ihm den Arm; denn sie sah, daß er sich unwohl fühlte. Er war aufgestanden und empfand einen Druck am Herzen und eine beängstigende Unsicherheit in den Beinen; trotzdem schob er ihre Hand zurück und ging, mit sichtlicher Anstrengung sich gerade haltend, auf ein Fenster zu, das er öffnete, weil er zu ersticken glaubte.

Ihm nachblickend, sagte Belrocco halblaut zu Cristine, er habe kürzlich gelesen, daß ein entsprungener Sträfling wieder erwischt sei, weil man seinem Gange die Gewohnheit des Kettentragens angesehen habe. Er habe das für eine alberne Erfindung gehalten; wie er nun aber den Grafen gehen sehe, scheine ihm doch etwas daran zu sein. Die Trivulzio wurde rot und rief mit plötzlich umschlagender Stimmung: »Schande über mich, daß ich seine Ketten einen Augenblick vergessen konnte!« Dann ballte sie die Liste zusammen, auf die sie eben ihren Namen gesetzt hatte, warf sie vor seine Füße und ließ ihn stehen, ohne ihn noch eines Blickes oder Wortes wert zu halten. Im Gefühl, Confalonieri damit am meisten zu dienen, lenkte sie die Aufmerksamkeit ihrer übrigen Gäste ab, so daß der Zwischenfall kaum bemerkt wurde, und näherte sich ihm, der jetzt, nachdem die Anwandlung vorüber war, in einem Sessel saß, mit den Worten: »Was habe ich getan, Graf 420 Federigo! Ich habe einen Skorpion geschont, der einen Helden vergiften wollte. Verzeihen Sie mir!«

Er hob die gelbe Hand ein wenig und sagte, noch leise keuchend: »Es hat nichts zu bedeuten«; sie las es mehr von der Bewegung seines Mundes und dem Ausdruck seiner Augen ab, als daß sie es hörte. Sein Gesicht sah aus wie eine graue, teigige Masse, in der der schöne Schwung der Augenbrauen und der Nase stand, wie wenn die Form eines Adlers darin abgedrückt wäre.

Am folgenden Tage erklärte Federigo, nach Mailand reisen zu wollen, und Sophie, die den Zusammenhang zwischen dem gestrigen Vorfall und seinem Entschlusse nicht ganz begriff, sah doch ein, daß es unmöglich sein würde, ihn davon abzubringen. In Paris war das Wetter trübe und naß; in den Regen mischten sich rasch zerfließende Schneeflocken, und auf den Straßen quoll flüssiger Schmutz unter den Füßen. In Zürich dagegen herrschte frische Kälte; hinter den dunklen Vorbergen, die ein erster Schneefall weiß bestaubt hatte, schimmerte der diamantene Gürtel der Alpen blendend in der Sonne.

Sophie wünschte in Rücksicht auf den Zustand ihres Mannes die Reise langsam und bequem einzurichten, er dagegen trieb ungeduldig vorwärts; ausruhen, meinte er, könnten sie in Mailand. Er behauptete, sich wohler als in Paris zu fühlen und unter der Kälte nicht zu leiden, außer daß sie ihn müde mache; oft saß er stundenlang halb schlummernd im Wagen.

Es war Mittag vorüber, als sie in Göschenen abfuhren, wo sie übernachtet hatten. Sophie rechnete darauf, abends in Andermatt abzusteigen, wo ihnen ein gutes Gasthaus empfohlen war; dagegen wollte er bis zur Höhe des Gotthard weiterfahren, um an dem Tage, wo in Italien das 421 hundertjährige Jubiläum der Vertreibung der Österreicher aus Genua gefeiert wurde, wenigstens die italienische Grenze zu erreichen. Er fühlte sich nicht wohl, als sie aufbrachen, äußerte es aber nicht gegen Sophie und hoffte auch, in der heiteren Luft werde ihm wohler werden; doch hatte sich das Wetter in ungünstiger Weise geändert. Es war um einige Grade wärmer geworden, der Himmel war graulich bewölkt, und ein starker Wind hatte sich aufgemacht, der, zwischen den Felsen zusammengepreßt, den Auffahrenden mit Heftigkeit entgegenwehte und Federigo den Atem raubte. Der Druck des schweren Pelzes, in den er eingehüllt war, beengte ihn noch mehr, doch konnte er ihn nicht entbehren, da es infolge des Windes und bei dem frühen Hereinsinken des Abends kälter wurde, je höher sie den Berg hinaufkamen.

Anfangs zeigte er Interesse an der berühmten Straße, die während seiner Gefangenschaft gebaut worden war, und machte Sophie auf die Kühnheit der Anlage und die Schwierigkeiten aufmerksam, die bewältigt worden waren. Mehrmals mußte er ein Schwächegefühl bekämpfen, das ihn anwandelte; er wäre eingeschlafen, wenn ihn nicht der Druck auf dem Herzen und das erschwerte Atmen gestört hätten. Allmählich wurde er einsilbig und zuletzt ganz still; das starke Rauschen der stürzenden Reuß hatte etwas Betäubendes und zerriß die Fäden seiner Gedanken, die er vergeblich wieder anzuknüpfen suchte.

Als sie an die Teufelsbrücke kamen, hielt der Kutscher an, um ihnen den Lauf der alten und der neuen Straße zu erklären; Federigo sah, daß er mit der Peitsche hierhin und dorthin deutete, und hörte seine schreiende Stimme, ohne zu verstehen, was er sagte, da das Getöse die Worte verschlang. Er bemühte sich zu fassen, um was es sich handelte, konnte es aber nicht zusammenbringen; wie das wild aufspritzende Wasser 422 ihn traf, überlief ihn ein Schauder. Er hätte gefragt, wo er wäre, wenn er sich nicht geschämt, und wenn er nicht gewußt hätte, daß es ihm im nächsten Augenblick einfallen würde; es schien ihm, als könne er nur das Wort nicht finden. Indessen stiegen seine Augen an den feuchten Felsen hinauf, die nicht endeten, und die sich auf einmal gegen ihn zu neigen schienen; er schloß die Augen und öffnete sie wieder in dem Gefühl, das Brüllen, das den ganzen Raum füllte, sei an ihn gerichtet. Jetzt wußte er, daß die Felsen, auf die er blickte, die Mauern des Spielberges waren; sie waren vor ihm und neben ihm und rückten furchtbar drohend um ihn zusammen. Er bemühte sich, der Angst Herr zu werden, die ihn ergriff, und das Bewußtsein festzuhalten, daß er hier hindurch müsse, daß er, welche Qualen er auch erleiden möge, nicht umkehren dürfe. Bald hatte er kein Gefühl mehr davon, daß er im Wagen saß, vielmehr war es ihm, als ob er durch eigene maßlose, seine Kraft weit übersteigende Anstrengung vorwärts käme.

Sophie, die sein schweres Atmen hörte, fragte besorgt, was ihm sei; ob er die Tropfen nehmen wolle, die ihm immer gut täten. Nein, antwortete er, er habe geschlafen, und es sei ihm wohl. Zugleich wunderte er sich, daß er aus so weiter Ferne ihre Stimme hörte; aber er vergaß es sofort wieder. Er fühlte sich einsam und allem Menschlichen und Irdischen fern, ein winziger Punkt in eisiger Nacht zwischen den schwarzen, granitnen Löwen, deren Brust in den Wolken war, und die unaufhaltsam näher gegen ihn rückten. Eine schmerzhafte Bitterkeit durchdrang sein Herz, daß ihn alle verlassen hatten: Sophie, die ihn zu pflegen gelobt hatte, Andryane, der ihm Freund und Bruder und Kind gewesen war, und sie, das Herz der Treue, das Herz der Unschuld, Teresa, die er liebte. Eine süße Empfindung ging ihm inmitten der Qual, die er litt, bei dem teueren Namen auf; er wußte, daß sie, wenn auch nicht 423 an seiner Seite, doch unverlierbar in ihm war. Es ist nicht der Besitz, dachte er, es ist der Kampf, worauf es ankommt, und raffte die vergehenden Kräfte zusammen, um das Ziel zu erreichen. Zuweilen war ihm bewußt, daß das Ziel Mailand war; dann wieder sah er den Spielberg vor sich und glaubte, daß er da hindurch müsse. Er wußte, daß er einen allerschwersten, allerletzten Kampf kämpfte, bei dem er allein war, eine Probe zu bestehen, die Gott ihm auferlegte. Die donnernden Türme waren einander jetzt so nahe, daß sie ihn, wenn er weiterging, zerquetschen mußten; durch den schmalen Zwischenraum, den sie ließen, warf sich ihm der Wind wie eine zischende Schlange entgegen. Wenn er schnell hätte gehen, wenn er nur zwei oder drei Schritte hätte machen können, so wäre er vielleicht durch das Todestor hindurchgekommen; aber seine Beine waren wie in Stein verwandelt. Wenn er sich nicht eilte, dachte er, würde diese tödliche Lähmung seine Brust erreichen, so daß er sich überhaupt nicht mehr bewegen könnte, und stemmte sich verzweifelt gegen die gigantische Faust, die ihn zurückdrängte; der Schweiß tropfte von seinen Schläfen. Ein Aufflammen gewaltsam emporgerissener Kraft gab ihm einen Augenblick Luft; dann stürzte er, auf dem glatten Boden ausgleitend, und der Koloß setzte den granitnen Fuß auf seine Brust und seine Kehle. Sein Körper bedeckte sich mit Angstschweiß, und ein Stöhnen drang über seine Lippen; er wollte sagen, daß er sich nicht überwunden gebe, daß er sich aufraffen und den Kampf von neuem beginnen wolle, daß er weiter müsse; aber der zermalmende Fels preßte seine Kehle zusammen, um die Äußerung seines Willens zu ersticken. Ein Getöse von Ketten, Trommeln und Becken schien ihm bestimmt, die Laute, die er hervorbringen würde, zu überbrausen; sie wollten mit seinem Körper seinen Namen, sein Andenken, seine Seele zerbrechen. Er hatte von sich selbst das Gefühl 424 eines bodenlosen Abgrundes, in dem ein Glimmen war, und er wußte, daß er lebte, solange dieser verlorene Funke nicht überwältigt war. Sein ganzes Wesen sammelte sich in dem weltweiten Licht, das unauslöschlich in einem Ozean schwarzer Nacht brannte, solange sein Wille fest darauf gerichtet war. Ein wundervolles Gefühl des Ruhenkönnens, nun der Kampf bestanden war, kam über ihn. Noch immer von Felsgebirgen an die Erde gemauert, konnte sein Körper sich nicht bewegen; aber vorwärts stürmte seine Seele mit den ehernen Massen, die die Posaune des Sieges über ihn hinblies.

Einmal hatte Sophie, die glaubte, daß er im Todeskampfe liege, den Kutscher halten lassen und versucht, ihm die Tropfen einzuflößen; aber er hatte sich dagegen gewehrt, ohne zum Bewußtsein zu kommen. Als der Wagen in Andermatt vor dem Gasthause stillstand, kam er zu sich und fragte, sich umblickend, wo er wäre. Anstatt Sophie zu folgen, die absteigen wollte, verlangte er weiterzufahren, da sie diesen Abend noch den Gotthard erreichen müßten; auch fühle er sich, nachdem er ein wenig geschlafen habe, vollkommen wohl.

Indessen, wie sie auf der ebenen Straße jenseit Andermatt schneller fuhren, wurde ihm schwindlig und sehr übel. Er griff mit der Hand nach Sophie, der es war, indem sie sie erfaßte, als rühre sie zerfließendes Wachs an. Kurz vor Hospenthal verlor er die Besinnung und wurde von dem Kutscher in das Gasthaus zum Schwarzen Löwen, das einzige, das es dort gab, hineingetragen.

Während die Wirtin in dem großen Kachelofen des besten Zimmers ein Holzfeuer anzündete, entkleidete Sophie ihren Mann, so gut es gehen wollte; dann setzte sie sich neben ihn und weinte. Zuweilen war es ihr, als ob das Wasserrauschen, das noch in ihrem Kopfe nachtönte, und ihr Weinen dasselbe wäre. Nach zwei Stunden wachte Federigo auf, und 425 nachdem er sich zurechtgefunden hatte, sagte er, daß der Schlaf ihn sehr gekräftigt habe. Sie hätten, meinte er, recht wohl bis zum Gotthard weiterfahren können; da es aber nun so sei, erkläre er sich auch damit einverstanden, und vielleicht wäre eine längere Fahrt zu anstrengend für Sophie gewesen. Liegen bleiben wollte er nicht, um nicht in der Nacht wachen zu müssen; lieber wolle er jetzt noch ein wenig im Gastzimmer sitzen und mit den Wirten plaudern.

Diese sahen scheu und erschrocken den kranken Mann eintreten, beeiferten sich aber, ihm einen Platz am Ofen zurechtzumachen und ihm vorzusetzen, was sie hatten. Er sagte mit seinem liebenswürdigen Lächeln: »Es ist, als wäre ich in Ihrem Hause geboren; denn ich bin darin aufgewacht, ohne zu wissen, wie ich hineingekommen bin.« Bald darauf hörte man einen klingenden Schlitten halten, stampfende Schritte und harte schweizerische Kehllaute auf dem Flur, und zwei Herren traten ein, die sich die Hände rieben und die Zimmerwärme freudig begrüßten. Federigos Anblick machte sie stutzig; aber sie faßten sich schnell und fragten ein wenig feierlich und zugleich gutherzig, ob es gelegen wäre, wenn sie sich an den gleichen Tisch setzten, oder ob die Herrschaften allein bleiben wollten. Von Federigo und Sophie willkommen geheißen, setzten sie sich ihnen gegenüber, bestellten Essen und Wein und erzählten vom Verlauf ihrer Reise. Der Ältere war ein Zürcher Kaufherr, dessen Sohn in einem befreundeten Mailänder Hause die Lehre durchmachte und jetzt von seinem Vater abgeholt wurde, um eine Hochzeit in der Familie mitzufeiern. Sie waren einander nicht ähnlich: der Vater ein untersetzter Mann mit derbkräftigem, rotem Gesicht und buschigen weißen Haaren, der Sohn fein gebaut, hübsch und schüchtern; gemeinsam war beiden nur das humorvolle Blinken der beschaulich heiteren Augen und die Grundstimmung ihres Wesens, die 426 eine wohlerwogene Lebenslust mit anständigem Ernst zu verbinden schien. Da sich die gegenseitige Nationalität bald ergab, fingen die Zürcher an, Italienisch zu sprechen, und der Alte erzählte, daß Mailand durch ein unerwartetes Ereignis in große Bewegung versetzt sei, nämlich durch den Tod des Erzbischofs Gaysruck, der infolge eines Schlaganfalls plötzlich eingetreten sei. Wenn die Reisenden am folgenden Tage weiterführen, würden sie wahrscheinlich gerade zum Begräbnis eintreffen.

Federigo horchte staunend: Vor seinem Geiste tauchte die Unterredung auf, die er in Rom mit dem Erzbischof gehabt hatte, und wie gleichmütig sicher der Blick des massiven alten Mannes war, als ob ihn nichts erschüttern könne; nun hatte das Schicksal zwischen ihnen gelost, und jenen hatte die schwarze Kugel getroffen. Ebenso schnell flog ihm die Bedeutung des Todesfalles für die Lombardei durch den Sinn; er fragte, was über die Wiederbesetzung des Stuhles in Mailand gesprochen würde. Er hätte gehört, sagte der alte Herr, sie wollten keinen Österreicher, sondern einen Italiener, und setzte nach einer kleinen Pause behaglich lächelnd hinzu, Mailand müsse doch auch seinen Pio Nono haben. »Und womöglich ein paar Schweizer dazu, von denen sie das Apfelschießen lernen können,« erwiderte Federigo schnell, in den Augenwinkeln lachend. Das belustigte den alten Herrn außerordentlich. »Ja, ja,« sagte er, »es weht jetzt eine scharfe Luft in Mailand,« und fragte Federigo, ob er nicht wisse, daß an ebendiesem Tage das hundertjährige Jubiläum der Vertreibung der Österreicher aus Genua gefeiert werde. Sie hätten auf dem Gotthard eine Anzahl Männer damit beschäftigt gefunden, ein Stück Erde vom Schnee freizumachen und Holz und Reisig aufzuschichten, und auf ihr Befragen hätte der ansehnlichste von ihnen, ein Geistlicher aus Como, den Zweck und die 427 Bedeutung des Tages erklärt. Diesen Abend, habe er gesagt, werden vom Gotthard bis zum Ätna auf allen Höhen Italiens Freudenfeuer brennen. Er, der Zürcher, habe darauf ein wenig mit den Augen geblinzelt und gefragt: Für die Vergangenheit oder für die Zukunft? – worauf der Geistliche trocken erwidert habe: Die Zeit hat zwei Gesichter, und auf den Bergen ist freier Ausblick nach allen Seiten. Während der Arbeit habe er mehrmals nach dem Himmel geblickt, der um Mittag graulich bewölkt gewesen sei, und da habe er, der Zürcher, gesagt, wenn es schneit, müßt ihr einen Schirm über das Feuer halten. Da habe der Mann ihn scharf von der Seite angeblitzt aus kleinen schwarzen Augen und habe gesagt: Unser Herrgott macht das Wetter und nicht die österreichische Polizei. Nun habe es freilich den Anschein, als ob Gott es mit den Italienern halte.

Er möchte sehen, ob der Himmel klar wäre, sagte Federigo, und da er durch den Hinweis auf die draußen herrschende Kälte nicht zurückzuhalten war, ging die Gesellschaft vor das Haus und ein paar Schritte die holperige Straße hinauf. Der Wind hatte sich gelegt; die Rotunde des Himmels schwebte in vollendeter Pracht über den ungeheueren Säulen des Gebirges. »Wenn sie auf allen Bergen«, sagte der alte Zürcher, »so fleißig waren wie unser Pfarrer auf dem Gotthard, so müßte es jetzt von oben aussehen, als ob Italien ein einziger Vulkan wäre.« Der Schnee, der zu beiden Seiten der Straße aufgeschaufelt war, stand wie eine blinkende Mauer, und auf den Dächern der kleinen, eng aneinandergeduckten Häuser lag er überhängend wie das Fell eines Eisbären. Schwarz über das flimmernde Dorf ragte ein mittelalterlicher Turm als die letzte Spur einer verfallenen Zwingburg. Federigos Blick wendete sich von dem wüsten Bau, der ihn an den Spielberg mahnte, zu den Sternen, die groß und 428 klar darüber standen, so wie einst über dem nordischen Kerker, und ein beglückendes Gefühl des Wiedererkennens durchströmte sein Herz. Sie waren es, die Brüder, die er lange vermißt hatte: Glorreich traten sie aus der azurnen Unendlichkeit, die blitzenden Schwerter gezückt, um hilfreich seine Kämpfe mit ihm zu kämpfen. Er fühlte sich so leicht, als hätte er kein Gewicht mehr, als bewegte er sich, von sanften Händen gestützt, langsam der himmlischen Sippe entgegen. Es war ihm währenddessen der Pelzmantel von der Schulter heruntergeglitten, und der junge Zürcher beeilte sich, ihn aufzufangen und ihm behutsam wieder umzulegen. Dies bemerkte Federigo und bedankte sich freundlich, worauf man wieder in die warme Stube zurückging.

Vielleicht infolge des Temperaturwechsels bekam Federigo beim Eintreten einen Anfall von Schwindel und Beklemmung, der jedoch, da Sophie ihm sofort seine Arznei gab, bald vorüberging. Die beiden Zürcher, die sich nach Kräften um ihn bemüht hatten, meinten, daß es Zeit sei, sich zu Bette zu legen; allein Federigo bat sie, noch ein Glas Wein auf den hundertjährigen Gedenktag mit ihm und Sophie zu trinken. Er keuchte noch im Sprechen, und sein bleichgelbes, feuchtes Gesicht zitterte. Sie warfen einen unsicheren Blick auf Sophie, die ernst und traurig aussah, und setzten sich dann etwas ängstlich an den Tisch, da sie nicht nein zu sagen wagten. Inzwischen hatte Federigo Veltliner bestellt und sagte, er trinke sonst keinen Wein, einen Tropfen aber wolle er heute dem Gedächtnis des tapferen kleinen Valilla weihen; der habe vor hundert Jahren einen Stein gegen die Österreicher geschleudert, der das Zeichen zu dem glücklichen Kampfe gegeben habe. »Wer weiß, was für ein unholdes Genueser Straßenbübchen es war,« sagte der alte Kaufmann; »aber da er unserem Herrgott nicht zu schlecht war, um durch seine Hand einen Riesen 429 Goliath zu treffen, so wollen wir bescheidentlich seinen kleinen Heiligenschein verehren.« Federigo warf ihm einen freundlichen Blick zu. Die Schweizer, sagte er, hätten auch einmal mit diesem Goliath gerungen, und sie möchten nun nicht anderen als Frevel und Unfug auslegen, worauf sie mit vaterländischem Stolz zurückblickten. Der Alte wiegte schmunzelnd den weißen Kopf und sagte: »Das war vor grauen Zeiten; und dann: Wir haben es uns auch etwas kosten lassen!« – »Um den Preis wollen wir nicht feilschen,« sagte Federigo ohne Empfindlichkeit; »ich habe auch schon ein Scherflein beigetragen und zahle gern, was mir noch übriggeblieben ist.« Wie er nun den Spielberg erwähnte, ergab sich für die Schweizer leicht, wer er war, und sie betrachteten ihn mit vermehrtem Anteil. Die Wärme des Ofens und der Wein hatten einen Hauch von Farbe in seine Wangen getrieben, und sein Atem ging wieder ruhig, wenn auch schwach; er sprach von der Zuneigung und Achtung, die er von jeher für die Schweizer empfunden habe, und wie er vollends seit des alten Schillers Tode sich jedem seiner Landsleute von vornherein verbunden fühle; dann erzählte er von diesem, von dem Böhmen Kral, von Andryane und manchen kleinen Erlebnissen während seiner Gefangenschaft, die er in den seit seiner Befreiung verflossenen Jahren niemals berührt hatte. Seine Darstellung war so anschaulich und anregend, daß die Zuhörer sich hüteten, ihn zu unterbrechen, nur hier und da durch eine Zwischenfrage seine Rede im Flusse zu halten suchten. Sophie, die neben ihm saß, sah ihn an und weinte; ohne daß sie es hinderte oder verbarg, liefen die Tränen unaufhörlich über ihr Gesicht in ihren Schoß hinunter. Als er es plötzlich bemerkte, wendete er sich nach ihr um, küßte sie auf beide Augen und sagte erklärend zu den Herren, sie sorge sich um seine Gesundheit; die Reise habe ihn in der Tat angegriffen, aber in Mailand werde 430 er sich bald wieder erholen. Jetzt jedoch, meinte er, müßten sie sich schlafen legen, da sie alle früh aufbrechen wollten. Indem er sich von den beiden Zürchern verabschiedete, forderte er den jüngeren mit herzlichen Worten auf, wenn er zurückgekehrt sein würde, ihn und Sophie in ihrem Hause zu besuchen. Dieser dankte stumm und warf dabei einen scheuen Blick auf Sophie, die ihn angstvoll ansah; auch der alte Herr und die Wirtsleute sahen traurig und verlegen aus.

Am anderen Morgen wachte Federigo durch das Klingeln des Schlittens auf, mit dem die Schweizer fortfuhren, und wollte aufstehen, um gleichfalls die Weiterreise anzutreten; aber es war ihm nicht möglich, sich aufrechtzuhalten. Es wurde ein Arzt aus Andermatt geholt, der nichts tun als die Nähe des Todes feststellen konnte. Den Tag verbrachte er meist schlummernd; einigemal, wenn er, erwachend, Sophie erkannte, flüsterte er: »Armes Kind!« und schloß die Augen wieder. Am Vormittage des folgenden Tages behauptete er, wohl genug zu sein, um reisen zu können. Trotz Sophiens Einsprache stand er auf, bewegte sich bis an das Fenster und sagte, der Himmel sei klar, sie wollten weiter; aber in demselben Augenblick schwankte er und griff nach dem Bettpfosten, der ihm erreichbar war. Er wollte sagen: Es geht vorüber! – aber bevor er die Worte ausgesprochen hatte, brach er leblos zusammen.

Die Nachricht von dem Tode des Grafen Confalonieri rief in Mailand eine mannigfache Bewegung hervor. Während sein jüngerer Bruder und Gabrio Casati nach Hospenthal eilten, um der Leiche über die Alpen das Geleite zu geben, war Carlo d'Adda geschäftig, um die Beisetzung zu einem stolzen Trauerfeste von revolutionärem Charakter zu gestalten. Die Regierung hätte am liebsten gesehen, wenn der ruhelose Mann in aller Stille am Gotthard begraben worden wäre; 431 da es jedoch nicht anging, das zu veranlassen, bemühte man sich wenigstens, alle Veranstaltungen zu unterdrücken, die über das Maß bescheidener Bürgerlichkeit hinausgingen. Indessen auch das war schwierig; denn die Verwandtschaft, die nicht gekränkt werden sollte, war nicht geneigt, sich die Ehren verkürzen zu lassen, die einem der Ihrigen gebührten, wenn sie anderseits auch mit der patriotischen Herausforderung nicht einverstanden war, die mit dem religiösen Akt verknüpft werden sollte. Einer der Verwandten suchte Carlo d'Adda auf und stellte ihm vor, daß es keinesfalls im Sinne des Verstorbenen gehandelt sein würde, wenn sein Tod zu einem Angriff gegen Österreich ausgenützt, oder wenn an seiner Leiche seiner einstmaligen politischen Tätigkeit gedacht würde; er habe sich ja aufrichtig mit Österreich ausgesöhnt und seine revolutionäre Vergangenheit bereut. Man erzählte sich, Carlo d'Adda habe mit erstauntem Augenaufschlag gesagt: »Hat er das? Aber wir nicht!« und sich zu keiner Verständigung herbeigelassen.

Manzoni wurde aufgefordert, die Grabschrift zu entwerfen, die freilich nach der Vorschrift der Polizei kurz gefaßt sein und sich jeder Anspielung auf die Schicksale des Verstorbenen enthalten sollte.

Am 30. Dezember fand die Trauerfeier in der Kirche San Fedele statt, von wo aus der Sarg nach Monza geführt und in der Familiengruft der Casati an der Seite Teresas beigesetzt werden sollte. Das majestätische Gewölbe war schwarz verhängt, der Sarg, der auf hohem Gerüste vor dem Altare stand, mit Lorbeer zugedeckt. Da die Inschrift Manzonis als anstößig unterschlagen war, wies er nur die von der Behörde bewilligten Worte auf: »Gott gebe Federigo Confalonieri die ewige Ruhe«. Von den Damen und Herren der höheren Stände fehlte keiner; zwischen ihnen drängten sich 432 Polizeibeamte, von jenem Bolza angeführt, der Federigo vor fünfundzwanzig Jahren verhaftet hatte.

Als erster sprach Gabrio Casati, nur die persönlichen Verhältnisse des Toten, namentlich in bezug auf seine Schwester Teresa, berührend. Er war so ergriffen, daß er öfters im Sprechen innehalten mußte; aber auch das Schluchzen der Hörer unterbrach ihn. Nachdem er geendet hatte, nahm Carlo d'Adda das Wort und begann mit der unterdrückten Grabschrift Manzonis, die so lautete: »Dies Herz, das der Kerker nicht erdrückte, wird die Mauern des Grabes sprengen.«

Daran anknüpfend, sprach er von dem liebevollen Herzen Federigos, das für die ganze Menschheit geschlagen habe, und der gemeinnützigen Tätigkeit seiner Jugend; vieles von dem, was er damals habe fördern wollen, ohne Verständnis zu finden, sei unterdessen reif geworden. Die Jüngeren, wie auch er, wären betroffen gewesen über den Anblick des müden, alternden Mannes, als welchen sie ihn kennengelernt hätten, und von dem sie sich wohl ein anderes Bild gemacht hätten; unheilbares Leiden habe das edle Herz mit einem dichten Flor umhüllt. Erloschen aber sei das Feuer nicht gewesen; durch den Schnee der Alpen habe er es zu den Seinigen tragen wollen, um ihnen zu sagen oder mitzuteilen, was nun Geheimnis bleiben müsse. Nun sei es da, das unsterbliche Herz; die Mailänder, denen es vor allem angehört habe, möchten es liebend empfangen und sich seiner würdig zeigen.

Die Augen des jungen Redners blitzten vor Lust, wie er fühlte, daß es ihm gelang, das Verbotene auszusprechen, ohne doch der beunruhigten Polizei einen eigentlichen Anhaltspunkt zum Einschreiten zu geben. Er stand da, als zerrisse er den Körper des Toten in Stücke und würfe sie nach allen Richtungen des Windes, damit der glutvolle Stoff ganz Italien zu einem rächenden 433 Brande entzündete. Ein jeder verstand ihn, und die Schnupftücher, die die Damen benützten, um ihre Tränen zu trocknen, flatterten ungeduldig wie kriegerische Fahnen. Am Abend standen die Theater leer, und durch die ausgestorbenen Straßen strichen nur spürende Polizeibeamte. Ungesehen von ihnen verwandelten sich die schwarzen Teppiche, die über die Portale der Paläste herabhingen, in Scharlach und loderten, vom Winde aufgebläht, wie Flammen in die mitternächtige Zukunft.

 

 


 

 

 << Kapitel 33 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.