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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Trotz des noch nicht ganz gehobenen Argwohns der Behörden wurde Confalonieri doch endlich die Amnestie erteilt, die ihm ermöglichte, sich in Mailand niederzulassen, wobei zum Teil die Nachrichten über seinen ungünstigen Gesundheitszustand maßgebend waren. Hatte man anfänglich zu der Ansicht geneigt, er trage körperliches Leiden zur Schau, um Mitleid zu erregen, oder um Vorteile zu erzielen, so mehrten sich jetzt die Anzeichen dafür, daß sein Organismus tatsächlich angegriffen sei. Daß er sich fast immer in Bädern aufhielt, war kein Beweis; doch hatten die Beobachter einmütig den Eindruck, daß er schwer leidend sei, und zwar mehr, als er merken lassen wolle. Das vorsichtige Urteil der befragten Ärzte lautete, sein Herz sei schwach, wovon die Ursache ebensowohl organisch wie nervös sein könne; in beiden Fällen sei nicht ausgeschlossen, daß er noch eine Reihe von Jahren leben könne. Alles zusammengenommen glaubte die Regierung sich an diesem gebrochenen Manne den Ruf der Großherzigkeit erwerben zu können, dessen Tod, wenn er im Auslande erfolgte, Österreich gefährlicher werden konnte als sein kümmerliches Leben; denn gefühlvolle Menschen würden nicht ermangeln, den Kaiser anzuklagen, er hätte das verendete Opfer in der Heimat sollen sterben lassen. Freilich wollte man ihn nicht aus dem Auge lassen, sondern fortfahren, ihn durch Liebhaber sowohl wie durch die dazu angestellten Behörden bewachen zu lassen.

Die Aussicht, nach Mailand ziehen zu können, belebte Federigo, der des Umherreisens, das nun vier Jahre dauerte, qualvoll überdrüssig war. Er glaubte, wenn er erst wieder sein 379 eigenes Heim in seiner Vaterstadt hätte, würde er das Gefühl verlieren, als ob sein ganzes Tun und Erleben nur etwas Vorläufiges wäre, und würde auch seine Ehe den Charakter des Wohlbegründeten und Wohlbefestigten erhalten, der ihr jetzt fehlte. Vor allen Dingen, glaubte er, würde man aufhören, ihn als eine auffallende Erscheinung zu betrachten, bald über, bald unter den anderen stehend, sondern man würde ihm irgendeinen Platz einräumen, der ihm gebührte, und den er ausfüllte. Auch Sophie erwartete viel von dem eigenen Haushalt und von dem wohltuenden Einfluß der festen Ordnung auf ihren Mann und ihr Zusammenleben.

Sie fuhren an einem lauen Herbsttage in offenem Wagen ein, und Sophie fragte, lebhaft vorgebeugt, nach diesem und jenem, was sie sah, und äußerte sich entzückt über die ernst zurückhaltende Pracht der Paläste, an denen sie vorbeifuhren. Er gab ihr Auskunft, bemerkte das Neue und ließ das Altbekannte mit träumerischer Neugierde an sich vorübergleiten. Plötzlich fühlte er eine schwache Beklemmung an seinem Herzen, und wie er sich umsah, erkannte er, daß sie sich der Straße Monte di pietà näherten, wo sein Haus lag. In dem Augenblick, wo sie in die Straße einbogen, zitterten seine Knie, und es schwindelte ihn so, daß er unwillkürlich nach der Wagenlehne faßte. Es war, als hätten die Stunden der Vergangenheit zwischen diesen Mauern ein flatterndes Gespensterdasein geführt und hingen sich an ihn, einen hundertfach süßen, unbenennbaren Duft gegen ihn hauchend, um sich zugleich für immer aufzulösen. Er erinnerte sich alles dessen, was sein Herz ausgefüllt hatte, wenn er einst diesen Weg ging, als die Jugend auf schwingenden Sohlen neben ihm schritt und die Zukunft königlich leuchtend vor ihm herschwebte; er erinnerte sich des fahlen Wintermorgens, an dem er zum letzten Male über die Schwelle seines Hauses ging und, von Häschern 380 getrieben, in den Wagen stieg, der ihn nie zurückbrachte. Nun er wiederkam, war das Band zwischen jenem Tage und dem gegenwärtigen zerrissen. Als er die Treppe hinaufstieg und die Tür zu den Räumen sich öffnen sah, wo sein und Teresas Hausrat gestanden hatte, lag nur noch ein stumpfer Druck auf seiner Seele; denn er war sich keines Zusammenhanges mehr damit bewußt. Was hätte er anders empfinden können als Schrecken, wenn Teresa ihm entgegengetreten wäre, die großen Augen treuherzig zu ihm aufgeschlagen? Er hatte nichts mehr zu schaffen mit jenem Manne und jenes Mannes Leben, dessen Blütenpracht hier einst ein Blitz vernichtet hatte.

Er ließ es willig zu, daß die Familie sich seiner bemächtigte, die sich herzlich freute, den Verlorenen wieder zu haben, und zwar in so heilsam veränderter Art. Sie wetteiferten, ihm ihre Liebe zu beweisen, und zeigten ihre Duldsamkeit und ihr Vertrauen auch darin, daß sie nichts gegen seinen Verkehr mit denjenigen Freunden einwandten, die in früherer Zeit seine Gesinnungsgenossen und immer noch ein wenig politisch anrüchig waren. So durchaus betrachteten sie ihn als den Ihrigen, daß sie sogar der Regierung ihre argwöhnische Haltung verdachten, mit der sie ihn belästigten, und sich empfindlicher als er selbst darüber äußerten. Graf Vitaliano kränkelte meistens, und man war auf sein Ableben vorbereitet, obwohl man ihm gegenüber den Schein aufrechterhielt, als könne daran nicht gedacht werden; indessen hatte die Cousine Pompea ihre Gesundheit und Munterkeit unverändert bewahrt. Ihre Haare waren schwanenweiß und ihre Gestalt breiter und voller geworden; ihre Gesichtsfarbe jedoch war rosig, ihre Augen voll Feuer und ihr Wesen nicht weniger frisch und entschlossen als vor zwanzig Jahren. Sie behandelte ihn mit derber Unbefangenheit, die ihm wohltat, und da sie ihm keine Maßlosigkeiten und Eigenwilligkeiten wie früher mehr vorzuwerfen 381 hatte, tadelte sie ihn um dessentwillen, was sie seine Kopfhängerei nannte.

Er beteiligte sich, wenn die Verwandtschaft zusammensaß, weder am Kartenspiel noch an den Gesprächen, die sich um die Tagesereignisse drehten. Wenn von den anmutigen Sprüngen der Taglioni und der Cerrito, der berühmtesten Tänzerinnen Europas, gesprochen wurde, saß er schweigsam dabei und hörte so zu, wie man das Branden des Meeres am Strande hört. Verehrer der Taglioni beabsichtigten eben damals, ihr eine Medaille zu überreichen, auf welcher ihr Bild zu sehen sein sollte, und es lagen verschiedene Entwürfe vor, unter welchen gewählt werden sollte. Pompea war von allen unbefriedigt: es gebe keinen Metallschneider mehr, wie der alte, kürzlich verstorbene Manfredini gewesen sei; der habe den guten Cecco wohl fünfzigmal gemacht und immer recht schön und würdevoll, obwohl er in Wirklichkeit ein wenig wie ein lederner Handschuh ausgesehen habe. Die Kunst solle schön sein, und sie würde es an der Stelle der Taglioni als eine Beleidigung auffassen, daß man ihr zumute, so auszusehen. Um seine Meinung befragt, sagte Federigo, er habe die Taglioni nie gesehen, interessiere sich nicht für sie und wolle sich an der Sache überhaupt nicht beteiligen. »Wie,« rief Pompea entrüstet, »du interessierst dich nicht für dies Rosenwölkchen, für dies Gedicht auf Elfenfüßen?« Und auch wenn er sich nicht interessiere, so müsse er es doch für eine Ehrenpflicht halten, die Kunst zu unterstützen. Da Graf Vitaliano seinen Sohn in Schutz nahm, weil man sein Geld für wichtigere Dinge zusammenhalten solle, sagte sie, das wisse man ohnehin, daß seine Entscheidung immer auf die billige Seite falle. Federigo sei noch jung und müsse Begeisterung für das Schöne haben und diese betätigen. »Wenn es gälte, dich malen zu lassen, Cousine Pompea,« entgegnete Federigo, »so würden 382 meine Freigebigkeit und meine Begeisterung keine Grenzen kennen.« Sie klopfte ihm lachend auf die Schulter und sagte: »Mache mir nichts weis, Federigo; du weißt nicht einmal, wie ich aussehe. Würdest du mich erkennen, wenn ich dir von ungefähr auf der Straße begegnete?« »Man hat mich gelehrt,« antwortete er, »es schicke sich nicht für einen Herrn, eine schöne Dame gründlich zu betrachten.« »Was mich betrifft,« sagte sie, »so nimm mich künftig aus. Ich liebe es, wenn die Leute mir frei ins Gesicht sehen, die mit mir sprechen.« Sie hatte großes Wohlgefallen an munteren Wechselreden und Neckereien, ganz besonders mit Federigo, zu dem sie von jeher ein Verhältnis scherzhafter Galanterie unterhalten hatte.

Sie tadelte ihn, daß er kein Geld für das Theater, anstatt dessen aber für die Eisenbahn übrig habe; es wurden nämlich damals Aktien zum Bau einer Bahn ausgegeben, die Mailand mit Venedig verbinden sollte. Daß der Vizekönig mit seiner Gemahlin und namentlich daß der Erzbischof mehrmals die eben eröffnete Bahn nach Monza benützt hatten, war in ihren Augen unstatthaft. Vernünftige Personen sollten nicht jede modische Neuheit mitmachen, hochgestellte Personen noch dazu nicht ihr Leben einem blinden Zufall preisgeben. Sie gehöre nicht zu jenen, die sich noch in Sänften tragen ließen, aber sie bleibe dabei, daß Pferde und Wagen die einzig vornehme und sichere Art, sich fortzubewegen, sei. Mit der geistlichen Würde sei vollends der Eiltransport in den dampfenden, von Menschen aller Art vollen Karren nicht vereinbar. Andererseits war sie unzufrieden, wenn Federigo die neue Einrichtung nur gelassen verteidigte, ja sogar die übertriebene Schnelligkeit mißbilligte, mit der die amerikanischen Dampfwagen führen. Das würde ihm früher gerade gefallen haben, sagte sie. Jetzt schlängele er sich immer durch die bequeme Mittelstraße, und das stehe 383 ihm am wenigsten an, der doch nun einmal ein Brausekopf sei. »Ihr hättet ihn sehen sollen,« sagte sie zu Sophie, »was für ein Mann er in seiner Jugend war. Den hübschen Kopf immer schwindelnd von tollen Entwürfen! Ich habe ihm diesen hübschen Kopf manches Mal zurechtgesetzt, so gut ich konnte, und doch gefiel er mir im Grunde besser als jetzt, wo er ihn hängen läßt!«

Unter den jüngeren Verwandten war es besonders Carlo d'Adda, der ihm liebende Verehrung entgegentrug. Von diesem wußte man, daß er der Mittelpunkt einer Reihe von jungen Leuten war, die patriotische Ideale hatten, deren Ernst und Wirksamkeit aber nur den Eingeweihten bekannt war. Er war begeisterungsfähig, aber nicht weniger praktisch und verständig, unternehmend, ohne ungeduldig zu sein, dabei liebenswürdig und nicht zu strenge, um nicht auch mit Andersgesinnten unbefangen verkehren zu können. Er war mit der Vorstellung aufgewachsen, daß Confalonieri als erster für die Idee eines freien und einigen Italien gekämpft und gelitten habe, und hatte darauf gerechnet, daß der Befreite sich an die Spitze der inzwischen von ihm geworbenen Schar stellen würde. Diese Meinung zerstörte Federigos Auftreten, der nur ungern und stets mit kühler Zurückhaltung von politischen Dingen sprach und sich, wenn die Gelegenheit es erforderte, ausdrücklich als österreichischer Untertan bekannte. Sich dadurch ernüchtern zu lassen, lag jedoch nicht in Carlo d'Addas Art; denn er nahm die Menschen herzhaft so, wie er sie wünschte und brauchte, und erfuhr dabei selten eine Enttäuschung. Er äußerte sich Federigo gegenüber so, als ob der Haß Österreichs eine selbstverständliche Voraussetzung sei, und ließ sich zunächst daran genügen, daß jener ihm aufmerksam zuhörte, wenn er von seinen und seiner Freunde Hoffnungen und Aussichten erzählte. Cousine Pompea hatte den lustigen und klugen 384 jungen Verwandten gern und sah ihm sein politisches Treiben nach, weil sie es für eine Art modischer Jugendgeckerei hielt, die keine Folgen habe. Sie nannte ihn das Schwerenöterchen und war überzeugt, daß ihm im Grunde die Tänzerinnen und Sängerinnen der Scala wichtiger seien als Verfassungen und Kriege, wie sich das auch für einen jungen Mann gehöre.

Confalonieri war nur wenige Tage in Mailand, als der Generaldirektor der Polizei ihn kommen ließ, um ihm einen eingetroffenen Befehl des Kaisers mitzuteilen, er dürfe sich nicht aus der Stadt entfernen, ohne es vorher der Polizei anzuzeigen. Er benützte die Gelegenheit, um Confalonieri in seinem Vaterlande zu begrüßen und die Hoffnung auszusprechen, er werde die Gnade des Kaisers, die ihm diese Rückkehr ermögliche, zu schätzen wissen. Zwischen den absichtlich langsam ausgesprochenen Worten faßte er den Grafen prüfend ins Auge, um seine Gesinnungen zu erforschen. Das Ergebnis davon war, ihm sei zwar nicht ganz zu trauen, aber wenn er auch wolle, er könne keine bedeutende Rolle mehr spielen. Es sei nichts Gebietendes, nichts Hinreißendes mehr an ihm; er gleiche einem Flüchtling, der, in einen schwarzen Mantel gewickelt, die dunklen Gassen aufsuche, um nicht gesehen zu werden. Seine Anwesenheit in Italien würde am besten dazu dienen, die Glorie zu zerstreuen, die die patriotische Legende um ihn gebildet habe. Man müsse es darauf ablegen, ihn recht oft zu demütigenden Bekenntnissen seiner Reue und Dankbarkeit zu veranlassen, und ihn den unruhigen Elementen durch die Fügsamkeit verächtlich machen, mit der er seine Ketten trage.

In dem Kreise der Liberalen wurde denn auch vielfach abfällig über Federigo geurteilt. Auch diejenigen von der österreichisch gesinnten Aristokratie, die nicht gerade mit der Familie Confalonieri zusammenhingen, sprachen mit Geringschätzung 385 oder Hohn von ihm. Das Gefühl davon trug dazu bei, ihn zu ängstlicher Zurückhaltung zu veranlassen, so daß er das Theater und den Korso mied und mit niemandem außer mit der Familie und den alten Freunden verkehrte. Als die Beisetzung des alten Grafen Gallarati stattfand, der ein Haupt der österreichischen Partei gewesen war und vor Jahren, als Federigo zum Tode verurteilt war, geäußert hatte, wer Jakobinerkragen trage, dem stehe auch der Strick am Halse wohl an, weigerte er sich, daran teilzunehmen, was sein Vater von ihm verlangte. Es wäre zu einem heftigen Auftritt gekommen, wenn nicht Cousine Pompea sich nachdrücklich auf Federigos Seite gestellt hätte. »Warum soll seine Mumie hinter dem Leichnam her spazieren,« sagte sie, »von dem er nichts lernen kann? Er soll seine junge Frau und mich zu Bällen und Maskeraden begleiten und als ein gewandter Jäger auf die Jagd der lebendigen Augenblicke gehen.«

Einmal überredete ihn Carlo d'Adda, in die Scala zu gehen, als eine neue Oper des noch wenig bekannten Giuseppe Verdi gegeben wurde. Seine ersten Werke waren in Rom und Neapel durchgefallen, diese hingegen hatte begeisterte Anhänger, die behaupteten, daß hier eine neue, von einschränkenden Banden befreite, unerhört ausdrucksvolle Musik geschaffen sei. Sie hatte die Kämpfe der lombardischen Städte mit dem deutschen Kaiser zum Gegenstand, der dem Verfasser des Textes, einem Sohne jenes gleichzeitig mit Federigo auf dem Spielberg eingekerkerten Solera, Gelegenheit zu schwungvollen Anspielungen auf die gegenwärtigen Verhältnisse gegeben hatte. Cousine Pompea ging mit, obwohl Carlo d'Adda kein Hehl daraus gemacht hatte, daß es sich um ein patriotisches Stück handle; sie sagte, daß sie nun gerade sehen wolle, was daran sei, und war vergnügt bei den Wortgefechten und Neckereien, die sich zwischen ihnen darüber entspannen. 386

Das Theater war sehr voll, und es herrschte eine lebhaft erwartungsvolle Stimmung; Federigo setzte sich so in den Hintergrund der Loge, daß er für den oberflächlichen Blick nicht zu sehen war. Gleich im Beginn nahmen Handlung und Musik das Publikum gefangen; bei einigen Stellen, die von der Liebe zum italienischen Vaterlande und dem Kampfe gegen den kaiserlichen Tyrannen handelten, war der Beifall jedoch zu nachdrücklich hervorhebend, um nur der künstlerischen Leistung gelten zu können. Pompea äußerte sich ablehnend: die Musik sei kunstlos, geräuschvoll, kurz plebejisch. In der erhabenen Musik sei Haydns »Schöpfung« das Höchste, in der gefälligen Cimarosas »Heimliche Ehe«; damit könne sich auch Rossini nicht vergleichen. Übrigens wunderte sie sich, daß die Zensur die Aufführung gestattet habe; das sei wieder ein Zeichen der zu weit gehenden Liberalität, der die Regierung seit dem Tode des guten alten Cecco huldige.

Den Höhepunkt der Oper bildet ein Chor der Lombarden, die, in der asiatischen Wüste verschmachtend, Gott anflehen, sie nach der Heimat zurückzuführen. Es schien dies Lied des Heimwehes die Sehnsucht derjenigen auszudrücken, die, in dem von Fremden beherrschten Italien wie in der Fremde ansässig, das Vaterland entbehrten. Der süßen, unaufhaltsam hinströmenden Melodie folgte eine Pause und dann brausender Beifall, der bei der Stimmung des Hauses etwas drohend Herausforderndes hatte, und viele Blicke richteten sich besorgt oder neugierig oder schadenfroh auf die österreichischen Offiziere, die die vorderen Reihen des Parkettes füllten. Indessen, als der Lärm sich kaum gelegt hatte, ging augenfällig von diesen erneuter, kräftiger Beifall aus, in den die übrigen wohl oder übel einstimmten. »Das ist geistvoll! Das ist großartig!« rief Pompea entzückt; »es fehlte noch, daß die heilige Musik eine Waffe in euren naseweisen Händeln würde.« Carlo 387 d'Adda, an den diese Worte gerichtet waren, fing eben, da der Beifallssturm wieder vorüber war, nochmals nachdrücklich zu klatschen an, indem er der Cousine Pompea zurief: »Wir müssen doch das letzte Wort behalten!« Sie fing in seinem Blick ein kampflustiges Funkeln auf, das sie befremdete, und zupfte ihm, ein wenig unsicher, das Ohrläppchen. »In der Musik mögt ihr es versuchen,« sagte sie, »obwohl ihr den alten Haydn doch nicht von seinem Throne stoßen werdet.«

Die Stimmung war zu lebhaft, als daß Federigos Schweigsamkeit aufgefallen wäre, an die man ohnehin gewöhnt war. Er war jedoch keineswegs unberührt geblieben, sondern nach anfänglichem Widerstreben hatte er sich von dem neuen melodischen Zauber überwältigen lassen. Wie Wellen drängte es näher und näher, unwiderstehlich an ihn heran; zuletzt war es, als lege sich ein Bogen an sein Herz und streiche die Töne auf dessen Saiten. Eine Mauer schien vor dieser Macht zusammenzubrechen, die ihn umklammert hatte, und über ihren Trümmern schönes, freies Leben einzuströmen. Er glaubte auf einmal zu wissen, daß es eine andere, ganz andere Welt gäbe als die dumpfe, kleinlich aussichtslose, in der seine Tage seit langer Zeit verliefen, und stand trunken auf ihrer Schwelle. Da seine Gesellschaft nach dem Fallen des Vorhangs das Foyer aufsuchte, schloß er sich an und begrüßte in gehobener Stimmung verschiedene Bekannte, die sich ihnen näherten. Gleich darauf sah er die kleine, etwas dünngliedrige Gestalt Belroccos sich von einer Gruppe Plaudernder lösen und mit dem Ausdruck der Wiedersehensfreude auf ihn zukommen. Er ließ sich vorstellen, erzählte, als wäre er ein guter alter Freund, von gemeinsam verlebten Tagen in Frankreich und gab seiner Freude Ausdruck, den Grafen nun in der Heimat und an der Seite seiner Gemahlin zu treffen. Dann sprach er von der 388 Oper, tadelte die Musik, lobte aber den patriotischen Schwung, der durch das Ganze gehe; viele hielten ja den Patriotismus für etwas Primitives, höherer Kultur Fremdes; das möge wohl sein, er müsse jedenfalls gestehen, daß er dem Walten dieses Instinktes unterworfen sei und sich deshalb nicht für schlechter halte. Ein alter Herr entgegnete, daß ein jeder sein Vaterland liebe, sei selbstverständlich; ungeschickt aber sei es und skandalös, solche Empfindungen im Theater in tumultuarischer Weise zu äußern. In früherer Zeit habe das Publikum jede Beifallsäußerung zurückgehalten, bis der anwesende Hof das Zeichen dazu gegeben habe, und es zeige sich jetzt, wie notwendig eine solche Einschränkung sei, denn jetzt erlaube sich jeder, zu klatschen, zu trommeln und zu pfeifen, wie es ihm gut dünke, woraus denn ein solches Getümmel entstehe, wie man heute erlebt habe. Darüber war Cousine Pompea anderer Meinung; der Hof verstehe nicht immer etwas von Musik, sagte sie, und die Jugend müsse sich austoben. Sie beanspruche für sich auch das Recht, ihre Ansicht zu äußern, und es sei ihr sogar mißfällig, wenn einer keine habe oder sie verschweige. Bei diesen Worten schlug sie Federigo mit ihrem Fächer leicht auf den Arm und forderte ihn auf, sein Urteil abzugeben, nachdem er bis jetzt verhüllt wie ein Orakel in der Ecke gesessen habe. Federigo sagte, diese Musik habe die Scheidewand durchbrochen, die die echte Kunst vom Alltäglichen trenne; sie wende sich zudringlich und wahllos an jeden Beliebigen. Übrigens habe er seit Jahren keine Musik gehört, und sie habe seine Nerven angegriffen; er sprach in einem abweisenden Tone, wie er ihn sonst gegen die Cousine Pompea nicht anzuschlagen pflegte. Während des letzten Aktes wurde er so müde, daß er plötzlich für die Dauer einer Minute einschlief; dann schreckte er mit stechenden Kopfschmerzen auf. Er hatte den Eindruck, daß er weder die Musik noch das Licht, die Menschen und das 389 Sprechen vertragen könne, und blieb künftig dabei, sich vom Theater fernzuhalten.

Einige Male besuchte er Alessandro Manzoni, dessen innige Religiosität und beschauliches Verhältnis zu allen Tagesangelegenheiten ihm sympathisch war; aber ihr Zusammensein hatte für Federigos Gefühl immer etwas Unfruchtbares und Sinnloses. Manzoni, der geschichtliche und grammatikalische Studien betrieb, konnte zuweilen über einen Gegenstand, der ihm zufällig naheging, schön und anregend sprechen; häufiger saß er schweigsam und abwartend neben seinem stillen Gaste. Federigo war es; als ob das, was sie redeten, nicht den wesentlichen Punkt träfe, und er dachte, daß vielleicht die äußeren Verhältnisse schuld daran wären, etwa daß er nach Teresa eine andere Frau geheiratet hätte, oder Manzonis Wiederverheiratung, die ihn nicht durchaus zu beglücken schien.

Ganz besonders hatte Federigo sich darauf gefreut, Silvio Pellico wiederzusehen; aber es war nicht leicht zu bewerkstelligen, da Pellico noch weit mehr als er selbst Zuständen der Schwäche und des Leidens unterworfen war, wo er das Bett hütete oder doch der Aufnahmefähigkeit ganz beraubt war. Auch war Rücksicht auf die etwaige Ungeneigtheit der österreichischen Regierung zu nehmen, und so verging eine geraume Zeit, bis endlich Federigo sich nach Turin begab und Pellico dort aufsuchte. Über zehn Jahre waren vergangen, seit Pellico zusammen mit Maroncelli den Spielberg verlassen hatte; seitdem, sagte er, sei kein Tag vergangen, daß er nicht für Federigos Befreiung gebetet habe, und oft habe er Gott angerufen, sein eigenes Leben als Opfer für den angebeteten Freund anzunehmen. Seine Augen, die mit Liebe an Federigo hingen, füllten sich immer wieder mit Tränen; wenn seine Eltern nicht inzwischen gestorben wären, sagte er, würde das der erste Tag 390 seines Glückes sein, den er seit seiner Befreiung erlebte. Federigo betrachtete erschüttert die kleine, gebeugte Gestalt, die eifrig und verlegen beflissen umherhuschte, um es dem Gaste bequem zu machen. Die Sträflingstracht auf dem Spielberg hatte ihm absonderlich angestanden; aber der Eindruck, den er jetzt machte, war weit befremdender und trauriger. Seine Nase war spitzer und der Mund schmaler geworden, von der Stirn strahlte noch immer kindliche Reinheit, die aber nur zur Geltung kam, wenn er freundlich lächelte, oder wenn die Betrachtung überirdischer Dinge ihn erhob; sonst hatte er ein kränkelndes, grämliches, mißgünstiges Altweibergesicht. Jetzt verklärten Liebe und Freude immer wieder seine Mienen, wie wenn an einem spätherbstlichen Tage das ferne Sonnenlicht je zuweilen durch den gleichgültigen grauen Himmel gleitet und das verödete Land lau überschimmert. Zärtlich an Federigo hinaufsehend, rühmte er sein gesundes Aussehen und bewunderte seine kräftige Natur und sein energisches Wollen, womit er die Folgen der langen Gefangenschaft überwunden habe. Federigo sagte, daß er allerdings gestrebt habe, sich dem Leben wieder anzupassen, und daß ihm seine Frau dabei geholfen habe; »aber du weißt es,« fügte er hinzu, »daß wir Vögel, die lange im Käfig gesessen haben, die Freiheit nicht mehr vertragen können.«

»So ist es,« fiel Silvio ein, »ja, geradeso. Das Zwitschern und Schreien der vielen ist ihnen ein häßliches Lärmen; die Rauferei um jeden guten Bissen ist ihnen unleidlicher, als es das kurz zugemessene Futter war. Das Welken des Waldes, der ihnen Obdach gab, tut ihrem Herzen weh, die den Wechsel der Zeit nicht bemerkt hatten, und nach warmen Gegenden wandern können sie nicht, die des langen Fluges nicht mehr gewöhnt sind. Sitzen sie abseits, so höhnen sie die anderen, und mischen sie sich unter sie, so fühlen sie doppelt, daß sie 391 Fremdlinge sind.« Er klagte, daß er sich in die Menschen durchaus nicht finden könne; sie hätten sich allzusehr verändert seit der Zeit seiner Jugend. Auch er hätte als Jüngling sich von mißverstandenen Idealen betören lassen, auch er hätte sich überhoben und über die ihm vorgeschriebene Grenze hinauswollen; aber die jetzige Jugend wäre trotziger, selbstbewußter und selbstsüchtiger bei größerer Unreife. Ihnen wäre nicht mehr die Größe des Vaterlandes die Hauptsache, sondern die materielle Wohlfahrt. Keiner wolle mehr Abhängigkeit ertragen, keiner wolle mehr entbehren, sich dem Größeren unterordnen. Ein Mann wie Mazzini, der die Ordnung der Welt umstieße, indem er die zum Dienen Bestellten zu Herren machen wollte, und der seine eigenen Gedanken freventlich für göttliche hielte, gemahne ihn an Luzifer, den Engel Gottes, der seine himmlischen Gaben benütze, um sich gegen seinen Schöpfer aufzulehnen.

Confalonieri sagte, allerdings hätten sich die Menschen verändert, im gleichen beharren könne nichts Irdisches, und man tue doch wohl recht, zuzugreifen, damit die Entwicklung segensreich verlaufe. »Ach!« rief Pellico, »ich weiß ja wohl, daß sie dich gewinnen möchten und dir goldene Berge versprechen, wenn du sie unterstütztest; aber, mein Federigo, du würdest nur deine reinen Hände beflecken.« Er sähe wohl ein, wie verschieden sie einander gegenüberständen, Federigo müsse nach seinem Stande und seiner Begabung eine Neigung für die Staatsgeschäfte haben; auch würde es verdienstvoll und wirksam sein, wenn er, so angesehen und über den Verdacht der Selbstsucht so erhaben, der revolutionären Bewegung dieser Zeit sich entgegenwürfe; aber welchem Haß und welchen Schmähungen würde er sich dadurch aussetzen! Und wer seinen Frieden in Gott gefunden hätte, warum solle der von den Händeln der Welt sich wieder verwirren lassen? Er führte 392 Manzoni an, der so sehr verehrungswürdig sei und sich doch vom politischen Hader stets ferngehalten habe.

»Das ist wahr,« sagte Federigo; »aber ich bin nicht Manzoni. Was habe ich getan? Wozu lebe ich noch?«

Pellico sah ihn erschrocken an. »Du?« fragte er; »gibst du nicht das Beispiel des Edelmutes und der Frömmigkeit? Und ist es nicht unsere Pflicht, zu leben, bis Gott uns abruft?«

Als es Zeit zum Aufbruch war, umarmte Federigo die zarte Gestalt Pellicos mehrmals mit Innigkeit und sagte, daß er ihm in seiner Gott geweihten Zurückgezogenheit friedliche, glückliche Tage wünsche. Das verkümmerte Gesicht Pellicos verzog sich schmerzlich. »Glücklich«, sagte er, den Kopf schüttelnd, »werde ich an dem Tage sein, wo mein Herz aufgehört haben wird zu schlagen.« Ein kostbarer Trost jedoch würde es ihm sein, wenn er Federigo oft sehen könnte. »Aber das wird wohl nicht angehen,« setzte er schüchtern hinzu. Federigo atmete auf, als das Haus hinter ihm lag; er wußte, daß er den Besuch nicht so bald wiederholen würde.

 

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