Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Gefühl, behorcht und belauert zu werden, verleidete Federigo den Aufenthalt in Marseille, der ohnehin auf die Dauer nichts Anziehendes für ihn hatte. Er brachte den Winter in Paris zu, wo er glaubte sich besser verlieren zu können, und wo er in früheren Jahren gern gewesen war. Im Hause einer alten Freundin, der Gräfin Dubourg, bei der nur eine kleine, sehr gewählte Gesellschaft verkehrte, fesselte ihn eine Dame, die, weder reich noch jung oder schön, für eine Heirat kaum in Betracht zu kommen schien und seit längerer Zeit bei der Gräfin, ihrer Tante, als deren Gesellschafterin lebte. Sie hieß Sophie O'Ferrall, stammte aus Irland und war über dreißig Jahre alt; ihre Formen waren mager und 357 ihr unregelmäßiges Gesicht für den ersten Blick beinahe häßlich. Hatte jedoch ihr Wesen einmal angezogen, so bemächtigte sich auch ihre Erscheinung der Einbildungskraft: Mehr noch als ihr rötlichblondes Haar gefiel Federigo die Schlankheit und stählerne Geschmeidigkeit ihres Körpers, die ihr einen Vorteil vor vielen, bedeutend jüngeren Frauen gab. Ihre Haltung war nicht weich und einschmeichelnd, aber sicher, frei und geschmackvoll, wie wenn sie daran gewöhnt gewesen wäre, sich beständig vor vielen Zuschauern zu bewegen. Trotzdem sie sich schmucklos kleidete, war stets der Zauber vornehmen Daseins um sie gebreitet und machte, daß alle sich unwillkürlich nach ihr richteten. Lebhaft und lustig, wie sie war, konnte sie sich gehen lassen, ohne jemals das Maß zu überschreiten; ihr Lachen war immer wohllautend und ihre Gebärde zurückhaltend, ohne daß sie darauf geachtet hätte. Die Munterkeit ihres Geistes war das, was Confalonieri zunächst am meisten anzog; das Unbedeutende und Alltägliche machten ihre Witze und ihre Phantasie bemerkenswert, ihre Regsamkeit füllte jede Lücke aus, es war, wie wenn eine geschickte Hand aus Lehm reizende oder groteske Formen bilden kann.

Der äußerlichen Sicherheit entsprach jedoch die innere keineswegs; denn ihr scharfes Urteil hatte mit leidenschaftlichen und leicht erregten Sinnen zu kämpfen. Diese wurden immer unterworfen; denn einesteils sagte sie sich, daß ihre Armut und ihr Äußeres ihr hinderlich seien; vor allen Dingen aber sah sie stets die Fehler und Lächerlichkeiten der Menschen, und entgingen ihr auch die Schwächen der Männer nicht, in die sie verliebt war. So kam es, daß Schönheit, Kraft oder Geist desselben Mannes sie betörten, dessen Verstandesschwäche oder Geschmacklosigkeit oder Selbstüberhebung sie zum Spott und zur Verspottung ihrer selbst herausforderte.

Zum erstenmal erweckte Federigo eine Leidenschaft in ihr, die 358 das Urteil des Verstandes nicht trübte und ihn nicht bändigte. Er, den das Schicksal in einen tragischen Dunstkreis gehüllt hatte, und dessen Verschlossenheit ihn selbst dem Nächsten fernrückte, war ihrem Witz und ihrer Zergliederung nicht zugänglich; er war für sie eine stille, verhängnisvolle Erscheinung, von der man sich entweder abwendet, oder zu der man bewundernd die Hände hebt. Willig ließ sich ihr kluger und kühler Kopf von der ungeteilten Empfindung berauschen, die dem Unglücklichen gegenüber fast wie Pflicht schien. Ihm hatte anfänglich ihre Heiterkeit und Unterhaltungsgabe wohlgetan; wie sie aber anfing, einzig ihm gegenüber ihre Sicherheit zu verlieren und ihre Abhängigkeit merken zu lassen, gewann ihre Nähe noch einen anderen, lieblicheren Reiz für ihn. Wenn sein Blick sie traf, stockte ihre behende Zunge und verwirrten sich ihre funkelnden Einfälle, ihre schimmernden Augen wankten und schienen bereit, zu seinen Füßen zu erlöschen.

An einem frostigen Märzabend traf er Sophie allein und setzte sich mit ihr an den Kamin, in dem ein Holzfeuer brannte. Er klagte darüber, daß es nicht Frühling werden wolle, und knüpfte die Mitteilung daran, daß er sich entschlossen habe, den Süden aufzusuchen, weil Sonnenwärme für seine Gesundheit unentbehrlich sei. Ihres Frohsinns und ihrer freundlichen Fürsorge, die oft seine ungesellige Melancholie erheitert und seiner Seele wenigstens ein Sonnenstrahl gewesen sei, werde er dankbar gedenken. Auf ein Ende ihres Verkehrs war Sophie so wenig gefaßt gewesen, daß die Tatsache ihr Herz wie ein betäubender Schlag traf. Eine jähe Erbitterung flammte gegen denjenigen in ihr auf, der, so schien es ihr, den Schatz ihrer Liebe wie etwas ihm Gebührendes hingenommen hatte, um es beiseite zu werfen, sowie er seiner nicht mehr bedurfte. Wenn es sich um seine Gesundheit handelte, galt für ihn kein anderer Anspruch, keine Verbindlichkeit, hatte 359 nichts anderes Wert; er erschien ihr kalt wie die Erde eines ausgebrannten Vulkans, die jeden Keim, der sich bei ihr ansiedeln möchte, ausstößt. Ohne zu ahnen, was in ihr vorging, fuhr Federigo fort, er wolle ihr zum Zeichen seiner Dankbarkeit und Freundschaft ein Andenken geben, und habe, da sie oft ihrer Bewunderung für seine Teresa Ausdruck gegeben habe, ein Armband ausgewählt, das sie getragen habe. Es bestand aus ineinander verschlungenen goldenen Gliedern, die sich an ein breites Mittelstück anschlossen, eine in Gold gefaßte, künstlich aus Haaren verfertigte Landschaft, im Vordergrund eine über eine Urne gebeugte Weide darstellend. Sowie er ihr den Schmuck reichte, sprang sie auf und warf ihn, ohne einen Blick darauf zu werfen, in den Kamin, indem sie ausrief, sie wolle kein Andenken an ihn, nicht an ihn erinnert werden, vielmehr ihn vergessen. Sein Herz gehöre einer Toten, sei erstorben wie diese; er habe die Flamme des ihrigen geschürt, um sich daran zu erwärmen, und gehe nun weiter wie man ein Gasthaus verlasse, nachdem man seine Rechnung bezahlt habe. Daß er während dieses Ausbruches mit einer Zange in dem glimmenden Feuer stocherte, um das Armband herauszuholen, reizte sie vollends; sie schob plötzlich seinen Arm zur Seite, griff mitten in den Brand nach dem Armband, faßte es und warf es vor seine Füße. Dann preßte sie, noch auf dem Boden vor dem Kamin kniend, beide Hände vor das Gesicht und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus.

Confalonieri zog sie an sich, untersuchte, ob sie sich verletzt habe, und bemühte sich, sie zu beschwichtigen, die jetzt sich anklagte, daß sie ein heiliges, ihr anvertrautes Kleinod habe vernichten wollen. Nicht sie, entgegnete er, sondern er sei achtlos mit einem Kleinod, ihrem Herzen, umgegangen, das mehr wert sei als irgendein lebloser Gegenstand. Sie solle sich nicht kränken, daß sie ihm ihr Gefühl gezeigt habe, das könne nur 360 seine Achtung und Zuneigung für sie erhöhen, traurig sei es vielmehr, kalt und stumpf und alt zu sein wie er. Ihre Vorwürfe seien berechtigt: er habe sich an ihrem liebevollen Herzen erwärmt, ohne darüber nachzudenken, was ihn dazu berechtige, oder wozu es ihn verpflichte. Entschuldigen könne ihn nur sein Alter, durch das er sich als aus der Reihe derer ausgeschieden betrachtet habe, die um die Hand einer Frau zu bitten wagen dürften. Noch immer schluchzend sagte Sophie, sie wisse nichts von seinem Alter, sie wisse nur von ihrem Unwert. Es sei unmöglich, daß er sie so lieben könne, wie er Teresa geliebt habe; auch hätte sie nie daran gedacht, seine Frau zu heißen. Alles, was sie wünsche, sei, in seiner Nähe bleiben und für ihn sorgen zu dürfen, soviel es ihm angenehm sei. Sie würde ihn erheitern, wenn er dessen bedürfe, und sich zurückziehen, wenn sie ihm lästig sei; könne sie nur ihm mit Herz und Hand dienen, so frage sie nicht, unter welchem Titel es geschehe. Das könne nur unter dem Titel seiner Frau geschehen, sagte Confalonieri lächelnd und zärtlich, und es beglücke ihn, daß er hoffen dürfe, nicht von ihr zurückgewiesen zu werden. Indessen sein Alter lege ihm die Pflicht auf, für sie beide bedenklich zu sein. Sie müsse sich darüber klar werden, daß er ihr kein anderes Glück zu bieten habe, als für sie in dem Bewußtsein liegen könne, einem gebrochenen Manne die letzte Lebensfrist zu verschönen. Sie solle sich prüfen und sich mit ihrer Tante beraten, während er von Paris entfernt sei; auch er wolle in Ruhe überlegen, ob er die Verantwortung zu einem solchen Schritte auf sich nehmen könne.

In dem pyrenäischen Bade, das Federigo aufsuchte, beschäftigte ihn der Gedanke an Sophie viel: ihre nicht leicht zu durchschauende Persönlichkeit, die Charakterstärke, die Mischung von Leidenschaftlichkeit und Kühle, von Stolz und Hingebung in ihrem Wesen, ihre belebten Züge, alles 361 miteinander zog ihn zu ihr hin. Er hatte die Vorstellung, sie müsse ein unschätzbarer Kamerad auf Reisen sein, bereit, sich an der Welt zu freuen, aufmerksam auf alles Bedeutende und dazu fähig, in glücklichen Augenblicken sich in ein liebendes Weib zu verwandeln. Seine Gesundheit schien sich zu bessern, und diese würde, so dachte er, auch einen Teil seiner Jugend zurückbringen. Das Gefühl, nirgend auf Erden eine Stätte zu haben, mit nichts auf Erden verknüpft zu sein, diese flatternde gestaltlose Unruhe würde vielleicht einzig durch eine Heirat, dachte er, ausgeglichen werden. Zuweilen, wenn er seine Lage erwog, kam sie ihm nicht mehr durchaus hoffnungslos vor. Die österreichische Gesandtschaft in Paris hatte ihm Aussicht gemacht, daß er die Erlaubnis, sich im Ausland niederzulassen, erhalten würde; so konnte er sich dort einen Wohnsitz mit häuslicher Behaglichkeit schaffen. Vor allen Dingen konnte er seiner alten Reiselust einmal genügen und neue Eindrücke aufnehmen, die nicht wie früher durch ein gewaltsames Streben beeinträchtigt würden.

So entschlossen er war, wollte er doch seinem Vater das Zugeständnis machen, ihn von dem Schritt zu unterrichten, bevor er ihn vollzöge. Seit Federigo aus Amerika zurückgekehrt war, hatte man über ein Wiedersehen mit seinem Vater beratschlagt, das darum schwer zu bewerkstelligen war, weil der achtzigjährige, häufig kränkelnde Mann weite Reisen nicht unternehmen, Federigo aber Italien nicht betreten konnte. Auf die Amnestie zu warten, schien bei den vielen Bedenklichkeiten und Weiterungen der österreichischen Regierung nicht ratsam, und so dachte man an den südlichen Teil der Schweiz, der die Lombardei im Norden begrenzt. Der Umstand, daß die Confalonieri ein Schloß im Kanton Tessin besaßen, welches sie als ihren Stammsitz betrachteten, legte Federigo den Gedanken nahe, sich dort niederzulassen; aber auch das hatte in der damaligen 362 Zeit bedeutende Schwierigkeiten. Während nämlich die demokratische Partei den berühmten Führer und Märtyrer der Liberalen mit Freuden begrüßt hätte, widerstrebten die Konservativen, nicht nur weil sie in seiner Person eine Verstärkung ihrer Gegner sahen, sondern auch um Österreich gefällig zu sein, das keine lombardischen Emigranten an der Grenze dulden wollte. In Anbetracht aller dieser Verhältnisse gab er den Plan auf und erklärte sich auch bereit, die Erlaubnis der österreichischen Regierung einzuholen, bevor er sich auf den Boden der Schweiz begäbe.

Den letzten Teil der Reise durch das Tal des Tessin machte er zu Pferde; in Mendrisio wollte er den alten Grafen erwarten. Er ritt langsam, um sich des italienischen Himmels zu freuen, der ihn nun zum ersten Male wieder umfing, und dessen Schönheit er fast vergessen hatte. Hier war kein Wiesengrund, auf dem Bäume standen, sondern Waldgötter und Nymphen mit biegsamen Leibern tummelten sich, das Gelock von Blättern durchflochten, auf dicken, feuchten, blumengestickten Moosdecken. Wie Hunderte von Rosenblättern flatterten zwischen ihnen und über ihnen winzige Liebesgötter, die die Luft mit Gehängen von Blumen und Früchten bekränzten und höher oben Baldachine aus Gold und blauer Seide trugen. Wie er träumerisch durch das weiche Girren und Säuseln dieser Seligkeit hinritt, fiel ihm ein Vers ein, den Maroncelli auf dem Spielberg oft gesungen hatte, der lautete: »Weh den Verdammten! Keine Straße führt aus ihrer Gruft In das Paradies, aus dem sie stammten.« Seine leichte Stimme hatte die düsteren Worte wie eine Libelle mit unendlichen Kadenzen und Trillern umgaukelt. Die Erinnerung stimmte ihn traurig, er wußte nicht warum; er fühlte sein Herz wie einen schweren Stein, den er mühsam durch das Blütenland schleppen müsse.

Die bevorstehende Begegnung mit seinem Vater, dachte er, 363 habe zu viel Bedrückendes, als daß seine Seele gerade jetzt sich frei regen könnte, und dies Zusammensein müsse erst überstanden sein, bevor er sich mit dem Maße anderer Menschen messen könne.

Der alte Graf hatte das Wiedersehen mit unruhiger Eile betrieben, nach seiner Angabe, weil er eines baldigen Todes gewärtig sei und nicht ohne mündliche Versöhnung mit seinem Erstgeborenen scheiden wolle. In Wirklichkeit hielt er sich für ausnehmend gesund und lebensfähig und wünschte die Begegnung aus keinem anderen Grunde, als weil er sich nach Federigo sehnte. Seine Gedanken weilten jetzt oft in der Vergangenheit und namentlich in jenen Jahren, wo Federigo ein kleines Kind und sein Stolz gewesen war. Er erinnerte sich, wie die Besucher den schönen Kleinen bewunderten, dessen feines und weiches Gesicht wie das eines Mädchens gewesen wäre, wenn nicht das Feuer der blauen Augen ihm einen Ausdruck von Stolz und Selbständigkeit gegeben hätte. Seine Lippen bogen sich ein wenig wie der Rand eines Blumenkelches, über den duftende Honigtropfen fließen, und er wußte noch, wie beglückend es war, wenn sie sein ermunterndes Lächeln gelehrig beantworteten. Er erinnerte sich, daß er oft unzufrieden mit dem heranwachsenden Knaben gewesen war, wenn er eine unbändige, trotzige Liebe für seine Mutter äußerte, die krank war und viel allein sein mußte, oder wenn er ein kostbares Spielzeug achtlos wegwarf und leidenschaftlich nach Dingen oder Beschäftigungen verlangte, für die er noch zu klein war oder die ihm aus einem anderen Grunde verboten waren. Indessen schien es dem alten Vitaliano jetzt, als sei er damals, nach Art junger Väter, allzu streng gewesen, und als hätte das erregbare Kind eines freundlicheren Sinnes und einer gelinderen Hand bedurft. Jetzt kam es ihm oft im Traume, daß diese weiche Wange und der liebliche Mund sich sanft an ihn schmiegten, und eine verschwiegene Hoffnung blieb ihm davon 364 zurück, etwas so Süßes und Wunderbares würde sich ereignen, wenn Federigo wieder da wäre. Die Strapazen der Reise, die trotz aller Kürze nicht ganz zu vermeiden waren, verstimmten ihn etwas, und er erschrak beinahe, als plötzlich der Wagen anhielt, eine Stimme, die er kannte, ihn rief und Federigo in seinen Armen lag. Das blasse Gesicht, das er dicht vor sich sah, erschien ihm fremd, krank und alt, und doch kam aus den Augen der Blick, den nur Federigo hatte, und nach dem er sich insgeheim gesehnt hatte. Er schämte sich, daß er so wunderlich gewesen war, das kleine Kind wiederhaben zu wollen, das vor fünfzig Jahren einmal sein gewesen war, und zugleich stieg der Argwohn in ihm auf, daß die liebevolle Nachgiebigkeit und kindliche Unterordnung, die er aus Federigos Briefen gelesen hatte, vielleicht so wenig der Wirklichkeit entsprächen wie seine anderen Träume; aber er erfaßte auch sofort, was dieser Mann in vielen Jahren mußte gelitten haben, während er mit unversöhntem Groll seiner gedacht hatte. Dies alles durchzuckte sein Herz in einem einzigen Augenblick und erschütterte ihn so, daß er in krampfhaftes Weinen ausbrach. Es war für Federigo um so ergreifender, als er seinen Vater niemals zuvor weinen gesehen hatte; auch gebärdete der Alte sich, wie wenn ihm etwas Unerhörtes widerführe; sein Körper schütterte, er schluchzte laut und unwillig und griff mit beiden Händen verzweifelt in sein dichtes weißes Haar.

Als er sich endlich beruhigt hatte, fiel ihm ein, daß vor dem Hause, wo sie abgestiegen waren, viele Menschen versammelt gewesen waren und sie begrüßt hatten, und daß dies vielleicht nicht nur Neugierige gemeinen Schlages, sondern Anhänger seines Sohnes und gefährliche Lärmmacher wären. »Ich hoffe,« sagte er zu Federigo, »wir werden nicht beständig einen tumultuarischen Pöbel unter den Fenstern haben, und du wirst diesen Leuten von Anfang an klar zu verstehen geben, daß du 365 kein Jakobiner bist, und daß du nichts mit solchen gemein hast, die die Ordnung zu stören sich unterfangen.« Federigo sagte beschwichtigend, er habe soviel wie möglich bekanntgemacht, daß er ganz zurückgezogen leben und keine Besuche empfangen wolle; übrigens sei er nun einmal die Zielscheibe unerwünschter Aufmerksamkeit geworden, wovon er einige drollige Beispiele erzählte. »Siehst du!« sagte der Alte; »du wolltest mir niemals glauben, daß dein Treiben dich nur dem Gesindel ehrenwert machte. Was hast du erreicht? Es hätte alles anders werden können!« Indessen wollten sie das ruhen lassen, setzte er hinzu, da Federigo schwieg, und fing an, von allerlei zum Teil weit zurückliegenden und für diesen kaum verständlichen Familienangelegenheiten zu sprechen.

Nach dem Abendessen schlief er in einem Sessel sitzend ein. Sowie er aufwachte, erzählte er munter von seinen körperlichen Leiden und von dem Anteil, den das Ungeschick der Ärzte daran hätte. Keiner von allen, die in Mailand wären, verstände etwas; sie hätten Theorien, über die sie gelehrt redeten, sollten sie aber ihre Weisheit anwenden, da fehlte es. Das wäre überhaupt die neue Mode, das Wissen der Älteren gering zu schätzen und mit hohlen Redensarten übertrumpfen zu wollen. Wenn sie ihm nur Schlaf verschaffen könnten, so wäre ihm geholfen; sein Körper sei gesund und kräftig, nur der Schlaf fehle ihm; aber sie glaubten ihm nicht einmal, daß er so wenig schliefe, wie er sagte. Dann erzählte er von den verkehrten und quälerischen Methoden, die sie zu seiner Behandlung angewandt hätten, und wieviel Geld sie sich dafür hätten zahlen lassen, ohne ihm geholfen zu haben. Seine Augen hatten dabei bald einen mißtrauisch herausfordernden, bald einen klagenden Blick, und sein gefaltetes Gesicht hatte sich dunkel gerötet. Federigo beschränkte sich darauf, ihm mit Anteil zuzuhören und ihn zuweilen zu beklagen. 366

In dieser Weise gestaltete sich das Zusammenleben friedlich und herzlich. Federigo verließ seinen Vater fast nie, und wenn er einmal spazierenritt, so ermunterte seine Erscheinung niemanden, sich ihm zu nähern. Manche hielten ihn für hochmütig; andere meinten, er sei von österreichischen Häschern umgeben, die Befehl hätten, ihn ohne weiteres auf den Spielberg zu schaffen, wenn er der Regierung unbequem würde. Eines Tages traf er Belrocco, der sich überrascht und erfreut stellte, den Grafen zu treffen; er habe auf dem Wege nach Italien nicht unterlassen können, an diesem entzückenden Orte etwas zu verweilen.

Nach Verlauf von acht Tagen glaubte Federigo seinen Heiratsplan berühren zu können, und unterrichtete seinen Vater behutsam davon, während sie gegen Abend langsam spazierengingen; allein die Tatsache schon, daß sein Sohn, ohne ihn zu befragen, einen Beschluß gefaßt hatte, brachte den Alten auf, so daß er stehenblieb und ausrief: »Das wirst du nicht tun! Das erlaube ich nicht!« indem er mit dem Stock, auf den er sich zu stützen pflegte, heftig auf den Boden stieß. Da Federigo sah, daß die Unterhaltung einen bewegten Charakter anzunehmen drohte, wollte er vor allen Dingen nach Hause zurückkehren, wozu er seinen Vater aber erst bewegen konnte, nachdem er sich durch einen Zornesausbruch erschöpft hatte. Je länger die Auseinandersetzung dauerte, desto mehr Gründe fielen dem alten Grafen ein, aus welchen er die Heirat mißbilligen und durchaus zu verhindern suchen mußte: Mehr noch als die Armut der Frau mißbilligte er ihre Nationalität; denn die Verbindung mit einer Engländerin müsse von Österreich als eine Herausforderung aufgefaßt werden. Es sei genug, sagte er, daß Federigo ihn schon einmal durch eine unpassende Heirat unglücklich gemacht hätte. Unter den reichsten und angesehensten Mädchen Mailands hätte er damals die Wahl 367 gehabt, alle würden ihm, seinem Vater, lieb und recht gewesen sein; aber die einzig unwillkommene, die Casati, hätte es sein müssen. Das hätte seinem Leben eine Wendung zum Schlechten gegeben, von daher schriebe sich alles Unglück, das später hereingebrochen wäre. Auch jetzt sei kein Mangel an guten Aussichten in Mailand, und er selbst habe bereits eine solche Möglichkeit ins Auge gefaßt. Da sei namentlich ein Mädchen aus seinem Bekanntenkreise, die aus zufälligen Gründen noch unvermählt sei, und die er für geeignet halte; sie sei mit einem gewissen Grafen verlobt gewesen, der schwachsinnig gewesen sei, und dem sie eine ergebene Pflegerin habe werden wollen, der aber, bevor es zur Heirat gekommen sei, in eine Anstalt habe gebracht werden müssen. Ihre Familie sei von altem Adel und erprobter Gesinnung, und er sei überzeugt, daß sie schon aus Freundschaft für ihn einer Verbindung mit Federigo geneigt sein würde. Ob er denn immer noch so trotzig sei, daß gerade eine auf Frömmigkeit und Vernunft begründete Heirat ihm mißfalle, und daß nur, seinem Vater zum Leidwesen, eine hergelaufene Engländerin ihn zufriedenstellen könne.

Federigo versuchte anfangs, Berichtigungen oder Erklärungen einzuflechten; da sie jedoch unbeachtet übergangen oder nach Belieben verdreht wurden, unterließ er es und schwieg zuletzt ganz. Zunächst reizte das den Alten noch mehr, so daß er böse herausfordernde Blicke auf Federigo warf, der müde in seinen Sessel zurückgewichen war. Von jeher war ihm in dem Gesicht seines Sohnes, obwohl es Züge seines Geschlechtes trug, etwas Fremdartiges und Unverständliches gewesen, und das fiel ihm auch jetzt auf, wie er ihn betrachtete. Der schmale Kopf mit dem gelockten grauen Haar hatte etwas jünglingshaft Stolzes, obwohl er müde gegen den Sessel lehnte; aber das Gesicht kam ihm wieder alt vor, sehr alt, 368 älter, als er selbst sich fühlte. Es hatte keinen Ausdruck, weder von Ärger noch von Bitterkeit oder Kummer, und doch sah man, daß es viele Gedanken verbarg. Vielleicht dachte er, wieviel Geduld das Leben erfordere, oder wie lärmend es sei, oder wieviel davon nutzlos vergeudet würde; aber vielleicht auch waren seine Gedanken weitab und niemandem zugänglich. Das Gerede mancher Leute ging dem Alten durch den Kopf, als sei Federigo auf dem Spielberg ein Heiliger geworden, und zugleich empfing er den Eindruck von etwas kindlich Hilflosem und Schutzflehendem. Er hatte ein nachträgliches Gefühl, als habe er stundenlang auf den traurigen und wehrlosen Mann eingeredet, der sein Kind war und ihn mit geduldiger Liebe umgab. Er stand auf, ging zu Federigo hinüber und sagte: »Dies alles stelle ich dir vor, weil ich es gut mit dir meine. Ich habe immer nur dein Bestes gewollt.« Dabei reichte er ihm mit einer unsicheren Gebärde die Hand hin, die Federigo stumm an seine Lippen zog. »Wir wollen zu Bett gehen,« fuhr der Alte fort, »es ist spät geworden,« und fügte hinzu, es sei freilich zu befürchten, daß er nach der vorausgegangenen Erregung nicht würde schlafen können.

Die Heftigkeit des Widerstandes war damit dauernd gebrochen, wenn auch die Einwände und Klagen des alten Grafen noch nicht aufhörten. Er sprach jetzt namentlich davon, daß Federigo es dem Andenken Teresas, die sich ihm geopfert hätte, schuldig sei, unvermählt zu bleiben, und daß insbesondere die Familie Casati durch eine Wiederverheiratung sich gekränkt fühlen würde. Indessen wollte er schließlich mit allem zufrieden sein, was zu Federigos Glück beitrüge, und als die zu seinem Aufenthalt in Mendrisio vorgesehene Zeit abgelaufen war, trennten sie sich in herzlichem Einverständnis. Hieran schloß sich der Besuch der Schwäger Gabrio und Camillo und anderer Familienmitglieder, von denen 369 namentlich die jüngeren in Bewunderung zu dem verwandten Fremdling, der viel geduldet hatte, aufsahen. Kleine Reisen innerhalb der Schweiz und das Wiedersehen mit alten Freunden erheiterten Federigo vollends; als er, auf seine Verbindung mit Sophie bedacht, nach Paris zurückkehrte, fand man ihn verjüngt und jenem Federigo wieder ähnlich, der den Spielberg noch nicht gesehen hatte.

 

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.