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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Seit Confalonieri Amerika verlassen hatte, war die österreichische Regierung darauf bedacht, alle seine Schritte zu überwachen und seine Gesinnungen zu erspähen. Metternich erinnerte den Gouverneur der Lombardei an die Warnungen, die er vor sechzehn Jahren erhoben hatte, bevor 351 man zur Anklage schritt: nun sei das eingetreten, was er damals habe vermeiden wollen. »Wir haben ihn berühmt gemacht,« schrieb er; »was war er damals in den Augen aller Verständigen als ein eitler, hochmütiger Narr, der von sich reden machen wollte? Jetzt ist er eine Sehenswürdigkeit, wir haben ihm eine Geltung verschafft, die er aus eigenen Mitteln niemals erreicht haben würde.« Zwar war der Zustand der Lombardei und Venetiens so befriedigend, daß man an eine ernstliche Gefahr nicht denken wollte; aber die Vorsicht und das System geboten, eine Schlinge von Beobachtungen um den Grafen zu legen, die man im Notfall nur zuzuziehen brauchte, um ihn unschädlich zu machen. Dies erschien um so notwendiger, als Frankreich die Ausweisung, sich ermannend, zurücknahm und dadurch dem verdächtigen Manne Gelegenheit gab, mit zahlreichen italienischen Emigranten zu verkehren und am italienischen Gebiet entlang zu streifen. Es war deshalb dem Polizeiminister von Mailand lieb, durch einen seiner Assessoren einen jungen Mann kennenzulernen, der eine ausgesprochene Abneigung gegen die Liberalen und sogenannten Patrioten hatte und, da er nichts anderes zu tun hatte, es sich gern zur Aufgabe machte, sie zu überwachen. Der junge Mann hieß Tiberio de Belrocco und wollte von einem alten parmesanischen Geschlechte abstammen, tauchte bald hier, bald dort auf, saß in den Cafés und las Zeitungen und hatte eine Menge von Bekannten, obwohl er in angesehenen und ehrbaren Familien nicht verkehrte. Da niemand wußte, wovon er lebte, noch womit er sich beschäftigte, hielten ihn die meisten für einen Abenteurer, was sie aber nicht hinderte, sich seine Gesellschaft gefallen zu lassen; denn er war elegant und unterhaltend und wußte alles, was in der Gesellschaft besonders an heiklen Dingen vorfiel. Er selbst hielt sich für einen Dichter und glaubte, daß er demnächst, wenn er 352 einmal recht in Stimmung wäre, eine Tragödie verfassen würde, die ihn mit einem Schlage berühmt und reich machte. Die Sicherheit seines Benehmens rührte zum Teil daher, daß er diese künftige Tat voraussetzte und die sich daraus ergebende Ehrenstellung vorwegnahm. Was ihn an der Ausführung seiner Pläne hinderte, waren hauptsächlich die Geldverlegenheiten, denen er auf jede beliebige Art abzuhelfen suchte; und er sah eine tragische Ironie darin, daß er zuweilen den Spion machte, um die Dichterseele zu fristen, die in ihm wohnte. Nicht daß er seine Tätigkeit an sich für verächtlich gehalten hätte; aber er wußte, daß sie von anderen dafür angesehen wurde, und fand, daß für einen Mann von seiner Herkunft jede Anstellung, die Verpflichtungen auferlegte, ein Herabsteigen bedeutete. Übrigens imponierte ihm Österreich als eine Macht, die keine Flausen kennte, sondern nötigenfalls mit Feuer und Schwert dreinführe, während seine Landsleute in seinen Augen eine herabgekommene, gauklerhafte Nation waren, unter denen nur selten einmal ein überlegener Geist aufstände. Über alle Maßen verachtete er die patriotischen Gegner Österreichs, die sich idealistisch gebärdeten, nichts ausrichteten und von der Begeisterungssucht der Habenichtse und der Flachköpfe lebten.

Zur Zeit, als er sein Amt antrat, befand sich Confalonieri in Marseille, wo er seinen alten Freund, den Grafen Porro, besuchte. Mit diesem, als dem bei weitem leichter Zugänglichen, knüpfte er zuerst an, indem er sich nicht etwa als Gesinnungsgenosse gab, sondern als geistvoller Träumer, der vor allen Dingen die großen Persönlichkeiten suche und verehre und von diesen sich gern hinreißen und belehren lasse. Als er den Wunsch aussprach, den Grafen Confalonieri kennenzulernen, sagte Porro, daß dieser sehr zurückgezogen lebe und schon allzusehr von Besuchen überhäuft sei; aber einer 353 Begegnung im Café konnte er doch nicht wohl ausweichen. Belrocco erzählte Anekdoten von der Herzogin von Parma, der ehemaligen Kaiserin Marie Louise, und dem Grafen Neipperg, deren durch Zeit und bürgerliche Treue befestigtes Liebesverhältnis allgemein wie eine gültige Ehe geachtet wurde. Dies brachte ihn auf den Vizekönig von Mailand und dessen häusliches Leben und die habsburgische Familie überhaupt, von denen er viele lächerliche und gehässige Züge wußte, wie sie, ausgeschmückt oder erfunden, in Italien in Umlauf waren. Wie Federigos Miene immer kälter und müder wurde, fing Belrocco plötzlich an zu lachen und sagte: »Was für ein ungeschickter Esel bin ich, verehrter Graf! Ich wollte Sie zum Reden bringen und habe Sie zum Schweigen gebracht! Ich war auf eine Äußerung aus Ihrem Munde versessen, als ob Sie die Malibran wären, und ich wählte gerade einen Gegenstand, der einem fein empfindenden Manne, wie Sie sind, den Mund verschließen mußte!« Er versicherte, daß ihm die häuslichen Angelegenheiten der Habsburger ganz gleichgültig seien, daß er sich benommen habe wie ein dummer Junge, der zum erstenmal vor das Angesicht eines verehrten Dichters trete und etwas Ungereimtes über seine schönsten Verse vorbringe. Dabei hatte er eine gewandte Zutraulichkeit und eine drollige Art, die Porro belustigte, während Confalonieri ablehnend erwiderte, an ihm sei höchstens das Schweigen beachtenswert, nicht das Reden, wovon er sich durch lange Jahre vollständiger Einsamkeit entwöhnt habe.

Gegen Porro äußerte sich Belrocco später, es sei kläglich, einen ehemals bedeutenden Mann so herabgekommen zu sehen; entweder habe Confalonieri Angst, für einen Gegner Österreichs angesehen zu werden, oder er sei es wirklich nicht mehr, und beides finde er gleich unwürdig. Es möge christlich sein, dem Feinde, der einen geschlagen, die andere Backe hinzuhalten; 354 aber es sei weder italienisch noch edelmännisch. Porro zuckte die Achseln und sagte, Confalonieri sei immer zurückhaltend gewesen, jetzt sei er vollends unergründlich; man müsse sehr mit ihm befreundet sein, um in seinem Innern lesen zu können.

Nach diesem Mißerfolge zog Belrocco sich nicht zurück, sondern verdoppelte seinen Eifer, um überall zu sein, wo er des Grafen Anwesenheit vermuten konnte. Es kam damals ein italienischer Improvisator nach Marseille, dem der Ruf außergewöhnlicher Begabung vorausgegangen war und den zu hören sich infolgedessen ein zahlreiches und auserlesenes Publikum versammelte. Die italienische Kolonie, die vollständig vertreten war, saß auf den vorderen Bänken, Confalonieri neben Porro, der nach allen Seiten grüßte und winkte, während jener nur einen flüchtigen Blick in die Runde warf. Besonders als er bemerkte, daß Belrocco hinter ihm saß, vermied er es, sich nach rückwärts zu wenden. Das Programm wurde im Augenblick entworfen in der Weise, daß der Improvisator Vorschläge aus dem Publikum entgegennahm und den gewünschten Gegenstand lyrisch oder dramatisch, wie es geeignet schien, behandelte. Die Zeit war schon vorgerückt, als jemand, vielleicht durch Confalonieris Gegenwart angeregt, dem Improvisator den Titel: »Der Gefangene auf dem Spielberg« zurief, was mit lebhaftem Beifall unterstützt wurde. Federigo zuckte zusammen wie von einer taktlosen Zudringlichkeit betroffen; er hatte das bestimmte Gefühl, als sei der Vorschlag von Belrocco ausgegangen. Indes der Improvisator, den Arm aufgestützt und die Augen beschattet, sich in seinen Gegenstand vertiefte und das Publikum in verhaltener Bewegung wartete, wurden seine Mienen kälter und abweisender, wie wenn er eine Maske über das Gesicht zöge. Nach wenigen Minuten richtete sich der Improvisator auf und fing seinen Vortrag an. Er sprach wie ein Wanderer, der in der 355 Abenddämmerung die Burg vor seinen Blicken aufsteigen und ein blasses Gesicht an einem ihrer Fenster auftauchen sieht, mit dem er Zwiesprache hält. Die gedämpfte Stimme war wie ferner, flötender Gesang, der Federigo nach sich zog auf jene Straße, die er allein kannte, auf der die Leichenwagen nach dem Friedhof fuhren, und die, wenn es dunkel wurde, trocken, kalt und bleich wie die Wüsten des Mondes zwischen den tief überhängenden Birken hervorstarrte. Mit zögerndem Schritt und unruhig bewegtem Herzen stieg er sie hinan, bis er die Mauer vor sich sah, die das Grab hatte schließen sollen, und die Terrasse, über die der eisige Nordwind strich, und auf der die kränkliche, niemals von der Sonne berührte weiße Rose blühte. Er blickte hin, ob die Tür sich nicht öffnete und jemand herausträte und zärtlich die zitternden Blätter der einsamen Pflanze streichelte: jemand, der ebenso abgezehrt war wie sie, und dessen schwerfälligen Gang das Rasseln einer Kette begleitete. Ein unwiderstehliches Heimweh dahin, aus dem menschenvollen Saale fort, wo alle Augen sich bohrend auf ihn richteten, ergriff sein Herz; er bückte sich ein wenig und zog die Hand mit dem Mantel vor das Gesicht, um nichts mehr zu sehen und nicht mehr gesehen zu werden. Von dem Gedichte, das inzwischen die Zuhörer zu Tränen gerührt hatte, und dem nach kurzer Pause ein Sturm des Beifalls folgte, hatte er nichts gehört. Es konnte ihm nicht entgehen, daß die Huldigung mehr ihm als dem Improvisator galt; die Damen wehten ihre Tücher, und viele von denen, die er auch nur flüchtig kannte, drängten sich zu ihm, um ihm die Hand zu drücken, unter ihnen Belrocco. »Ich weiß, daß Sie es nicht lieben, so hervorgezogen zu werden, verehrter Graf,« sagte dieser; »aber wir müßten keine Italiener, ich möchte fast sagen keine Menschen sein, wenn diesmal das Herz nicht den Takt überwältigt hätte.«

Seinen Auftraggebern berichtete Belrocco, er habe 356 Confalonieri scharf beobachtet und halte ihn für einen versteckten, gefährlichen Menschen. Er gebe sich als ein den Händeln der Welt fernstehender Dulder, als ein vornehmer Sonderling, der mit dem Leben abgeschlossen habe; das sei aber wohlberechnete Pose, durch welche er aufzufallen und die Einbildungskraft der Menschen zu reizen hoffe. Man könne ihn dem Schießpulver vergleichen, das, einer Handvoll Asche ähnlich, verheerende Explosionen hervorrufen könne. So gealtert und gebrochen, wie vielfach gesagt würde, und wie er selbst verbreitet habe, sei er übrigens nicht; er sähe gerade so leidend aus, wie es den Frauen interessant vorkäme, und wüßte, wie er von jeher getan hätte, seine Erscheinung durch sorgsam gewählte Kleidung zu heben. Während er den Einsiedler spielte, liebe er es, sich öffentlich zu zeigen; ob er bestimmte verbrecherische Absichten damit verbinde, oder ob er nur von dem angeborenen Hange getrieben sei, von sich reden zu machen, könne er noch nicht entscheiden. Keinesfalls könne man ihm trauen, weder seinem Betragen noch seinen ausdrücklichen Worten; denn er sei ein Schauspieler, der niemals aus der Rolle falle.

 

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