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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Während seines Aufenthaltes auf Schloß Gaesbeck kräftigte sich Federigos Gesundheit etwas, und er dachte, es fehle nur die Sonne, damit er sich ganz erholen könne. Er fand, daß in Belgien die Sonne einen Schleier trage, sie könne nur dünsten und schmoren, nicht braten und backen. Er sehnte sich nach Frankreich, wo das Klima dem italienischen verwandt sei, und wohin ihn auch Andryane zog, der mit seiner Familie nicht weit von Paris lebte. Er lebte dort in glücklichen Verhältnissen, die Fabrik seines verstorbenen Vaters gewährte ihm ein sicheres Einkommen; er war verheiratet und hatte Kinder, von denen das älteste, ein Knabe, auf den Namen des im Kerker zurückgelassenen Freundes getauft war. Aus seinen Briefen an Federigo sprach die alte Liebe und der von der ganzen Familie geteilte Wunsch, dem Einsamen in seinem Hause eine Heimat geben zu können. Es war Anfang September, als Confalonieri, von Paris kommend, in Coye 344 eintraf, ebenso ungeduldig erwartet, wie selbst voll Erwartung. Der Tag leuchtete bis zum fernsten Horizonte; die Luft war wie Götterwein, den gaukelnde Amoretten in kühlen Schalen kredenzten. Sie wiegten sich auf den Kirschbäumen, den Eschen und Platanen, die die breiten Straßen umsäumten, und ließen den ambrosischen Schaum über die zitronengelben, blanken Blätter fließen; sie schütteten ihn in den bläulichen Rauch, der leicht wie die Säule eines fernen Springbrunnens in den Himmel stieg; sie umspielten das Dach des Wagens, der den Reisenden über Land führte, und neigten ihre durchsichtigen Becher überfließend an seine geschlossenen Lippen. Er war zu unruhig, um es zu bemerken; während der ganzen Fahrt gelang es ihm nicht, das schmerzhafte Klopfen seines Herzens zu beschwichtigen. Plötzlich, bevor noch der Wagen das Haus erreicht hatte, hörte er Andryanes Stimme, der Kutscher mußte halten, und er fühlte sich von Andryanes Armen umschlossen und von seinen Tränen überströmt. Ein Wohlsein überkam ihn, wie wenn er nun etwas Abschließendes erreicht hätte, wie wenn er nun so lange weinen könnte, bis alle Bitterkeit und alle Krankheit, alles, was ihn hinderte, zu leben, aus seiner Seele fortgespült wäre. Dies dauerte jedoch nur einen Augenblick; denn Andryane ließ ihn los, betrachtete ihn, rief schluchzend seine Frau, daß er da sei und daß sie ihn begrüßen solle, rief einem Diener zu, den Kutscher abzufertigen, und reichte ihm den kleinen Federigo zur Umarmung. Dann küßte und umarmte er ihn wieder und wieder und sagte jubelnd, nun sei es doch so gekommen, daß sie miteinander frei im schönen Frankreich wären, wovon sie so oft auf dem Spielberg geträumt hätten, ohne doch im Grunde daran zu glauben.

Mit einem Male sah sie Federigo beide vor sich, wie sie damals gewesen waren, in der grotesken Sträflingstracht in 345 dem halbdunklen, kahlen Raume, wußte, was ihm vorgeschwebt hatte, wenn sie von den Möglichkeiten einer solchen Zukunft sprachen, und verglich es mit dem, was war. Damals war er noch der Starke, Unbeugsame, an den sich viele anschmiegten, um von seinen Kräften genährt zu werden; damals lebte Teresa noch und streckte liebevoll flehend die Arme nach ihm aus. Sein Blick umfaßte das breite, niedrige, wohnliche Haus, das den ausgedehnten Garten so gelassen beherrschte, die geräumige Veranda, wo das Spielzeug der Kinder und Bücher und Nähereien der jungen Frau umherlagen, und die männliche Gestalt seines Freundes, der hier gebot und wirkte und genoß. Ein scharfer Schmerz durchbohrte langsam sein Herz: warum war er in dies volle Haus gekommen, wo nirgends ein Platz für ihn und sein Elend war? Er hätte den Wagen rufen und schnell fortfahren mögen, um nie zurückzukommen und dies Bild des Glückes, an dem er keinen Teil hatte, zu vergessen. Während Alexanders Tränen schon getrocknet waren und seine Stimme fröhlich und gewichtig erklang, konnte er nicht aufhören zu weinen; nicht solche Tränen, die Schmerzen auslösten und fortschwemmten, sondern in denen er selbst mit seiner letzten, mühsam gesparten Kraft zerschmolz.

Nachdem Federigo sich in behaglicher Umgebung, die Andryane und seine Frau für ihn vorbereitet hatten, ausgeruht hatte, begann die Nähe und die zärtliche Liebe des Freundes wohltuend auf ihn zu wirken. Andryanes Frau, die er sich nach ihren Briefen und seinen Andeutungen als eine zarte, schwärmerische Frau vorgestellt hatte, war eine kleine rundliche Brünette mit munteren Augen, der man anmerkte, daß sie in allen praktischen Dingen erfahren war, die schnell und verständig zugriff, und die auch in Gesellschaft sicher und angemessen aufzutreten wußte. Sie war gutmütig und hilfreich und bediente sich gern, wenn ihr Gefühl angeregt wurde, des 346 erhabensten oder innigsten Ausdrucks, dessen Überschwenglichkeit aber ihre vergnügte Erscheinung abschwächte. Ihres Mannes Neigung, sie in eine künstliche Beleuchtung zu stellen, als wäre sie eine heroisch opferwillige, nach hochgesteigerten Idealen strebende Frau, war ihr unlieb und veranlaßte sie oft, ihn zu necken oder zu tadeln. Ihrer Verehrung für Confalonieri gab sie dadurch Ausdruck, daß sie ihn möglichst gut zu verpflegen suchte, wobei sie sich so herzlich und zurückhaltend zugleich benahm, daß er nicht umhin konnte, ihr dankbar zu sein. Andryanes Liebe ermüdete ihn etwas; er sollte alles sehen, alles erfahren, sich über alles äußern, was ihm im Grunde gleichgültig war. Andryane zweifelte nicht daran, daß es ihm gelingen würde, die Lebensflamme in Federigo anzufachen, geradesogut wie er Holz im Kamine anzünden und dadurch das Zimmer erwärmen könne. Er war so voll Eifer und Liebe, wie wenn er einen Ertrunkenen oder Erfrorenen in den Armen hätte und ihn durch Reiben und durch seinen Atem zu beleben versuchen wollte. Die Sicherheit des Auftretens und die selbstbewußte Art zu sprechen hatte er früher nicht gehabt; auch äußerlich war er verändert: In den letzten Gefängnisjahren war seine Haut grau und schlaff geworden, und das Verkümmern seiner angeborenen Kraft und Schönheit hatte etwas Rührendes für Confalonieri gehabt; jetzt war er breit und ein wenig dick und von blühender Farbe; nur die Augen waren schwach und glanzlos geblieben. Von seiner Tätigkeit an der Fabrik sprach er wenig, um so mehr aber von seinen politischen Betätigungen; daß er nirgends mehr die alte Einfachheit und Redlichkeit der Gesinnung fände, daß der Hang nach materiellen Genüssen alles überwuchere, daß die Politiker alle vom persönlichen Ehrgeiz geleitet würden, daß er aber sich bemühen wolle, religiöse Gesinnung im Volke zu verbreiten, um der einreißenden Begehrlichkeit zu steuern. 347 Das absolute Königtum werde er nach wie vor bekämpfen; aber gerade in einem freien Staate müßte der Besitz gesichert sein, und aus diesem Grunde müsse er sich zunächst zur konservativen Partei halten, obwohl er seinen früheren Grundsätzen treu geblieben sei. Er verfügte über eine große Anzahl rednerischer Wendungen und über eine Salbung, wie einer, der von Gott eigens geweiht ist, um Vorbild und Lehrer des Volkes zu sein.

Jedoch kamen Augenblicke, wo er diesen wichtigen Beruf vergaß und ganz in der Freude aufging, Federigo bei sich zu haben. Als es dunkelte und eine Dienerin das Licht besorgen wollte, schickte er sie fort, um wie einst auf dem Spielberg mit Federigo die Nacht zu erwarten. Er kniete neben ihm nieder, schmiegte sich an ihn und sagte: »Weißt du, daß ich manches Mal Heimweh nach jener Zeit habe, wo ich so unglücklich war und du mich tröstetest?«

Sie waren zu wenig allein, als daß Federigo nur einen Teil von dem hätte aussprechen können, was sein Herz belastete, und was er nur Andryane glaubte sagen zu können. Auch störte ihn Alexanders Gewohnheit, Personen von hohem Rang und klangvollem Namen als seine Freunde anzuführen, wie wenn er sich des Umgangs mit hochgestellten Leuten rühmen wollte. Wenn er beiläufig einflocht, daß dieser oder jener Staatsmann ihn um Rat gefragt, oder daß man bei Hofe von ihm gesprochen habe, mußte Confalonieri denken, ob er vielleicht die Anhänglichkeit Andryanes seinem Titel zu danken habe, und ob er vielleicht auch jetzt mehr ein Schaustück sei, mit dem man prunke und sich selbst Glanz verleihe, als der im Herzen gehegte Freund. Es berührte ihn aus diesem Grunde peinlich, als Andryane erzählte, er sei beschäftigt, seine Erinnerungen an die Gefangenschaft niederzuschreiben, und werde den ersten Teil bald veröffentlichen; denn der Argwohn stieg in ihm auf, 348 das sei auch eine Posaune, um den eigenen Ruhm in die Welt zu blasen. Er meinte, da Silvio Pellico das Leben auf dem Spielberg in so musterhafter Weise dargestellt habe, sei es nicht nötig und nicht ratsam, denselben Gegenstand zu behandeln; aber Andryane entgegnete lebhaft, er könne seine schriftstellerische Begabung zwar nicht mit der Silvio Pellicos vergleichen, dafür werde seine Schilderung wahrer und erschütternder sein. Pellico sei zum Teil durch sein Temperament und seine Grundsätze, zum Teil durch seine Lage als Italiener und besonders durch den Umstand, daß seine Gefährten zur Zeit der Veröffentlichung des Buches noch gefangen gewesen wären, zu einer beschönigenden Darstellung gedrängt worden. Von Confalonieri habe er ganz geschwiegen, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus wohlbedachter Rücksicht. Das sei jetzt, wo Confalonieri frei sei, nicht mehr nötig und ihm nicht erträglich. Die ganze Welt müsse ihn kennenlernen, wie er sei, seine stille Größe, seine Vaterlandsliebe, seine opferwillige Freundestreue, die unerschütterliche Erhabenheit seines Charakters. Nur er, der die Zeit der tiefsten Erniedrigung mit ihm durchgemacht habe, kenne seine Seelengröße ganz und wolle die Welt ihn mit seinen Augen sehen lassen.

»Freundesaugen«, sagte Federigo, »kann nur einer haben, nicht die Welt. Mache mich nicht noch berühmter, als ich bin,« fügte er lächelnd hinzu; »ich habe in Amerika genug darunter gelitten, und hier in Europa könnte es noch ärgere Folgen für mich haben. Laß mich lieber unbemerkt in der Menge verschwinden!« Alexander sagte abwehrend, er kenne Federigos Bescheidenheit, könne aber keine Rücksicht darauf nehmen, er solle und müsse nach Verdienst gewürdigt werden. Italien müsse seine Helden und wahren Freunde kennen, deren es vielleicht eher, als man jetzt meine, bedürfen werde. Da er nicht auf den Gedanken kam, Federigo fürchte hauptsächlich, 349 Österreich gegen sich aufzubringen, gewann dieser es nicht über sich, ihn daran zu erinnern, sondern behielt sich vor, es bei einer geeigneten Gelegenheit zu tun.

Diese jedoch sollte zunächst nicht kommen; denn schon im Laufe des folgenden Tages zeigte dem Grafen ein Eilbrief des Polizeipräfekten aus Paris an, er müsse Frankreich verlassen, weil die österreichische Regierung gegen seinen Aufenthalt Einspruch erhoben habe.

Es schien unfaßbar, daß das langersehnte Zusammensein, dessen man eben anfing, sich ruhiger zu erfreuen, so jäh zerrissen werden sollte. Andryane war voll Scham und Wut über die würdelose Nachgiebigkeit der Regierung seines Landes und konnte sich nicht hineinfinden, daß Federigo sich fügen wollte, ohne seiner Entrüstung einen weithin vernehmbaren Ausdruck zu geben. Erschöpft von der Erregung des Abschieds, die der des Wiedersehens so schnell gefolgt war, saß der Graf eine Weile in die Ecke seines Wagens gelehnt, ohne sich einer Empfindung oder eines Gedankens bewußt zu werden. Da es ihm plötzlich einfiel, daß er nicht noch einmal zurückgewinkt hatte, bog er sich vor, wie wenn er es nachholen könnte; aber er sah nur die Landstraße zwischen Stoppelfeldern, keine Häuser mehr hinter sich. Er machte eine Bewegung, um den Kutscher wenden zu lassen; denn es war ihm, als müsse er Alexander noch einmal inniger Lebewohl sagen, so wie es ihrer Freundschaft und ihren Erinnerungen entspräche; aber er führte es nicht aus. Ein beklemmendes Angstgefühl preßte seine Brust zusammen: er hatte seine Begleitung abgelehnt, weil er fürchtete, Andryane möchte den Behörden gegenüber seine Entrüstung allzusehr merken lassen und ihm dadurch schaden, der durchaus Österreich keinen Grund zur Unzufriedenheit geben wollte. Es ekelte ihn vor diesen Umtrieben und Bedenken, die schuld daran waren, daß er den getreuesten 350 Freund jetzt nicht an seiner Seite hatte. Wohin auf Erden er jetzt gehen konnte, da war er der überflüssige Kranke oder der bestaunte Märtyrer oder der begnadigte, reumütige Frevler; nur in diesem Herzen war er der Held, der gewagt und verloren, der unsäglich geliebt und gekämpft und gelitten hatte und dennoch nicht überwunden war. Rückwärts am Wege stand neben Andryane, der dem verschwundenen Wagen noch immer nachblickte, dies edle Bild, der Doppelgänger, der seine Züge trug und doch nicht eins mit ihm war; es war ihm, als sähe er es langsam zurückweichen, in der Herbstluft spurlos verbleichen wie ein Stern in der Morgenbläue, und als sei das, was er mühsam weiterschleppe, nichts als eine abgeworfene, der Verwesung preisgegebene Haut.

Dagegen erhob sich allmählich eine andere Stimme, die ihm sagte, daß es anders sei, daß er sich von unwirksamen Phantasien entferne und den richtigen Weg in das menschliche Leben gehe. Der Vergangenheit nicht mehr zu gedenken und mit seiner Lage, so beschränkt sie auch sein mochte, sich zu begnügen, das war seine Pflicht. Die Versöhnung mit Österreich mußte er suchen, um die mit seinem Vater zu ermöglichen, mochten immer höhnende oder trauernde Stimmen sagen, er, der einst den mächtigsten Kaiser Europas herausgefordert habe, trage jetzt gefügig seine Ketten, um bequeme Tage zu haben. Er hatte keine andere Aufgabe mehr, als aus kleinen, unansehnlichen Bausteinen sich ein Leben zu bauen, das niemandem im Wege war.

 

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