Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zunächst begab sich Federigo nach Belgien, wo die Arconati, die im Jahre 1821 Mailand verlassen hatten, das Schloß Gaesbeck besaßen, das alten Freunden und gleichgesinnten Flüchtlingen eine behagliche Zukunft bot. Wie es nie an Emigranten fehlte, war das Haus nie ohne Gäste, die den Wirten als Gegengabe das Bewußtsein vermittelten, eine wirksame Macht in den vaterländischen Kämpfen zu sein. Schloß Gaesbeck glich einem Leuchtturm an gefahrvoller Küste, auf dessen winkendes Feuer die Schiffer zusteuern, und der die Gescheiterten aufnimmt. Der Dichter Berchet gehörte von jeher unter dem Titel eines Lehrers des Sohnes Carlo zum 336 Haushalt; außer ihm war augenblicklich nur der Graf Arrivabene aus Mantua da, der sich 1821 gleichfalls in Belgien niedergelassen hatte. Es tat Federigo wohl, bei seinem Eintritt in das Haus auf allen Seiten den heimischen Dialekt zu hören – denn auch die Dienstboten waren Lombarden – und überall Gegenstände heimischen Kunstgewerbes und heimischer Kunst, zum Teil ihm wohlbekannte, zu sehen. »Ihr habt einstweilen ein einiges Italien in Belgien eröffnet,« sagte er, »da es unten nicht geraten wollte, und ich wünsche dem zukünftigen am Po, daß es so friedlich und wohnlich werden möchte, wie das eure zu sein scheint.« Frau Konstanze entgegnete: »Wir sind einfache Wirtsleute ohne Verdienst, die nur das Glück haben, daß sie zuweilen erlauchten Gästen ihr Haus öffnen können. In diesem Sinne dürften wir es ein Pantheon für lebendige Helden nennen.« Sie nickte bei diesen Worten Federigo mit nachdrücklicher Freundlichkeit zu, über dessen Gesicht ein Schatten flog. »Wenn alle eure Gäste wären wie ich,« sagt er, »würde es eher eine Kapelle für die Gebeine Gefallener sein. Indessen«, setzte er liebenswürdig hinzu, »zweifle ich nicht, daß die meinigen hier wieder Fleisch ansetzen und zum Leben auferstehen werden.«

Während er sich auf seinem Zimmer umkleidete, sprach die Gesellschaft von dem Eindruck, den er gemacht hatte. »Es überlief mich, als er eintrat,« sagte Arconati, indem er sich die Augen trocknete; »es war, wie wenn man eben von einem Abwesenden gesprochen hat, der inzwischen gestorben ist, und sein Geist erscheint. Hätte die arme Teresa ihn damals hingerichtet werden lassen! Es hätte vielleicht der Sache genützt, und er brauchte nicht wie ein Gespenst unter den Lebendigen umzugehen.« Berchet und Arrivabene lachten, und Frau Konstanze tadelte alle miteinander. Man dürfe ihn nicht merken lassen, daß man etwas Auffallendes an ihm finde. 337 Man müsse ihn behandeln wie einen gesunden, kräftigen Menschen, damit er Vertrauen zu sich selbst fassen könne. Er wäre wie einer, der eine schwere Krankheit überstanden habe; sie traue ihm zu, daß er sie überwinden könne. Arrivabene meinte, an seine äußere Erscheinung werde man sich gewöhnen, er sei eben früher als die meisten Menschen gealtert; aber wenn er wirklich ein mystischer Frömmler geworden sei, wie er von Mailand aus gehört habe, und in seinen politischen Ansichten ein ergebener Diener Österreichs, so würde es schwer halten, das alte Verhältnis wiederherzustellen. Frau Konstanze gebot Schweigen; man dürfe keine vorgefaßten Meinungen über ihn haben, sondern müsse voraussetzen, daß er der alte sei. Wie er aber auch sei, sie hätten ihn als Dulder zu verehren. Sie könnten alle nicht wissen, mit was für Waffen man sich eines solchen Schicksals erwehren müsse, die man vielleicht nachher nicht wieder ablegen könne.

Das Essen war ganz auf italienische Art zubereitet; ein Risotto alla milanese leitete es ein. Federigo freute sich darüber, aber er nahm nur so wenig, daß Berchet brummte, man schäme sich zu essen, worauf Konstanze rasch einfiel, sie hätten sich alle noch in mancher anderen Hinsicht vor Confalonieri zu schämen. Man lachte, und eine fröhliche Stimmung entstand. Federigo erzählte von der amerikanischen Küche und anderen Eindrücken seines Aufenthaltes, und wie seine Gefährten, lauter gemeinsame Freunde, dort lebten. Sein Tadel der amerikanischen Verhältnisse rief das Lob Deutschlands hervor, wo die Arconati sich lange aufgehalten hatten. Sie sprachen von den allgemein verbreiteten Kenntnissen, von der Ausdauer, mit der Idealen nachgestrebt werde, von der weltmännischen Bildung, mit der man das Fremde anerkenne und aufnehme; aber auch die Belgier rühmten sie als tätig, strebsam und mäßig. Allerhand kleine Reiseerlebnisse wurden 338 aufgefrischt, an denen die Vergangenheit der Arconati und ihrer Freunde reich war. Arrivabene lobte das Geschick, das ihn gezwungen habe, auszuwandern und sich in der Fremde ein Dasein zu begründen. Wäre er in Mantua geblieben, so hätte er vermutlich bis an sein Ende ein Leben voll schläfriger Behaglichkeit geführt, die Fremde habe seine Ansichten erweitert, seine Sinne geweckt, seine Kräfte gestählt. Er genieße jeden Tag, weil er ihn sich selbst erobert habe; früher sei er eine Pflanze gewesen, vom Boden, vom Himmel und von der Gunst vieler Umstände abhängig; hier erst sei er ein Mensch geworden, der stehen könne, wo er wolle. So sei, was er für bitteres Unglück gehalten habe, sein Glück geworden. Ähnlich sprach sich Frau Konstanze aus: wie eng eingemauert sei ihr Kopf früher gewesen; wenn sie jetzt ein wenig freie und weite Aussicht habe, so verdanke sie es dem Umgang mit vielen bedeutenden Menschen verschiedener Länder und der Berührung mit fremden Sitten und Anschauungen.

Federigo wurde während dieses lebhaften Gespräches immer stiller. Er dachte an den Spielberg, wo jeder Tag lang wie ein Jahr und leer wie ein verlorener Augenblick gewesen war. Während diese Menschen, die ihn umgaben, gelebt hatten, gewachsen waren und Reichtümer gesammelt hatten, hatte er unbeweglich auf eine getünchte Wand gestarrt. Er versuchte, sich von diesen Gedanken loszureißen, sich in die allgemeine Unterhaltung zu mischen, aber seine Kräfte reichten nicht mehr aus; er fühlte, wie seine Lider schwer und die Linien in seinem Gesichte tiefer wurden, es war, als ob die Haut fester an seinem Schädel klebte. Ohne ihn zu beobachten, fühlte Frau Konstanze, was in ihm vorging, und versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie sagte, ihre Erfahrungen wären freilich beschränkt und einseitig, sie hätten als vermögende, unabhängige Menschen in einer gebildeten 339 Gesellschaft verkehrt, wo sich ein kosmopolitisches Wesen herausbildete, das die Tiefen der menschlichen Seele und die Unterschiede der Völker maskierte; ihm aber, der hilflos, entblößt von jedem Schutz und jedem Vorteil, ein nackter Mensch unter Fremden, gelebt habe, würden sich die Menschen auch ohne schonende Hülle wie ohne täuschenden Firnis gezeigt haben. Er erwiderte etwas Gleichgültiges, das ihr den Eindruck gab, er habe nicht recht zugehört, und zog sich, sowie sie ihm Gelegenheit gab, auf sein Zimmer zurück.

Die Erfahrung, daß er Gesellschaft von Freunden fast ebensowenig ertragen konnte wie die der Amerikaner, hatte etwas Entmutigendes für ihn; aber er nahm doch einen ernstlichen Anlauf, sich dem Leben anzupassen. Ungeachtet der rheumatischen Schmerzen, die er immer noch hatte, und der Müdigkeit, die sich einstellte, sowie er eine Viertelstunde lang geistig oder körperlich tätig war, wechselte er mit Reiten und Spazierengehen ab, um die verlorene Schwungkraft wiederzugewinnen. Bei den Spaziergängen begleitete ihn meistens der zwanzigjährige Sohn der Arconati, Carlo, der in Deutschland studiert und kürzlich mit außerordentlichem Erfolge die philosophische Doktorprüfung bestanden hatte. Auf diesen einzigen Sohn, ihren verwöhnten Liebling, setzten beide Eltern ungemessene Hoffnungen, insofern mit Recht, als sein Verstand außerordentlich war. Es gab keine Gedankenarbeit, die für ihn zu schwierig war; seine Fähigkeit, mathematische Probleme zu lösen und philosophischen Tiefsinn und scholastische Spitzfindigkeiten zu durchdringen, hatte die Professoren in Erstaunen gesetzt. Er seinerseits schätzte diese Leistungen gering, aber ebenso die der anderen, ja sogar der höchsten Geister, die dem Geistesleben der Menschen die Bahnen vorgezeichnet haben, weil das alles für den Einsichtsvollen selbstverständlich, von einem höheren Standpunkt aus aber nur Stückwerk sei. Er 340 fand in keiner Philosophie oder Religion etwas Befriedigendes; für wen das Denken etwas anderes als Selbstzweck sei, dem müsse es Verzweiflung bringen, Frieden gebe nur die Dummheit oder der Stumpfsinn. Die Lippen, die derartiges geläufig vorbrachten, waren kindlich und anmutig und immer auf dem Sprunge zum Lachen, auf das sein rundes, rosiges Gesicht ein Recht zu haben schien. Dies Lachen zu sehen und zu hören, hatte für Federigo etwas Beglückendes: es klang ihm wie das festliche Geläute eines kristallreinen Kinderherzens, für das die hübschen und die häßlichen Dinge nichts als ein wundervolles Spielzeug sind. Der Gegenstand seines unendlichen Plauderns waren meistens die Schwächen seiner Bekannten, für die er einen unentrinnbaren Scharfblick hatte; er kannte die geheimsten Triebfedern ihrer Handlungen und wußte, was sie absichtlich oder unbewußt verschwiegen, so genau, als ob er sie selbst erschaffen hätte. Namentlich über den Dichter Berchet, der ihn erzogen hatte, und über seine Eltern machte er sich fortwährend lustig. Seine Mutter zwar bewunderte er wegen ihrer Tatkraft, Aufrichtigkeit und Menschenliebe, aber er sagte, sie sei häßlich, und eine häßliche Frau sei eigentlich ein Widerspruch in sich, als Frau sei sie ganz verfehlt und verunglückt. Sie sei nicht gefallsüchtig und nicht launenhaft, also könne sich kein Mann in sie verlieben, und doch würde sie jeden Mann glücklich machen, das sei sinnlos. Über die Kindlichkeit ihrer Anschauungen wollte er sich totlachen: im Grunde habe die Welt nach ihrer Meinung nur den einen Fehler, daß die Lombardei dem Kaiser von Österreich in die Hände gefallen sei. Wäre nur diese Ungerechtigkeit gutgemacht, so würde sich alles andere schon finden. Sie sei wie eine Windmühle, wo auf der einen Seite ununterbrochen Korn eingeschüttet würde und auf der anderen das gute Mehl herauskäme und die Flügel sich lustig drehten. 341 Sein Vater dagegen, der wirbele die Körner nur herum, daß sie in alle Winde flögen, der könne keinen satt machen. »Wenn ich stürbe,« sagte er, »würde er nach drei Tagen herausgefunden haben, daß Mama daran schuld wäre, und dann wäre er getröstet: nur müßte Mama täglich die Vorwürfe anhören.« Eines Morgens kam Arconati übler Laune zum Frühstück, weil das Gebell eines Hundes ihn nicht habe schlafen lassen, und verlangte, daß derselbe getötet würde. Es half nicht, daß Frau Konstanze behauptete und von allen feststellen ließ, der Hund habe nicht mehr gebellt, als er seit zwei Jahren immer getan habe, ohne daß er oder sonst jemand sich beklagt hätte; er erneuerte von nun an jeden Morgen die Klage, das Tier sei unerträglich, es mache ihn krank, und einer von ihnen beiden, er oder der Hund, müsse zugrunde gehen. Frau Konstanze mußte sich entschließen, das Tier, das ihr besonders lieb war, erschießen zu lassen, mit dem Erfolge, daß Arconati, als er zufällig den toten Körper sah, Kopfschmerzen bekam und am anderen Tage behauptete, man habe ihn mißverstanden, er würde niemals den Befehl zu einer solchen Grausamkeit gegeben haben. Bei solchen Gelegenheiten neckte ihn Carlo in der lustigsten und treffendsten Weise, ohne sich durch eine etwaige Empfindlichkeit abschrecken zu lassen. Sein Vater würde niemals ein Opfer für Italien bringen, außer Geld, soviel er entbehren könne, sagte er. Wenn es ein italienisches Königreich gäbe, und es würden dort die Zigarren verboten, die er am liebsten rauchte, so würde er nach Österreich auswandern, falls sie da erlaubt wären.

Wenn er etwas Derartiges behauptete, machte er seinen Vater nach und schilderte erbarmungslos die selbstsüchtigen Vorgänge, die sich dabei in ihm abspielten; dennoch wirkte es niemals abstoßend auf Confalonieri, sondern wie wenn 342 man ein Kind mit Händen und Füßen eifrig und glücklich im Schmutz wühlen sieht. Auch liebte Carlo seinen Vater und hätte es nicht gut ertragen, wenn ein anderer ihn angegriffen hätte. Was Berchet betraf, so belustigte es ihn, daß er für einen Revolutionär galt und beinahe einmal zum Tode verurteilt wäre; ihm gehe Ruhe und Ordnung über alles, er sei ein überzeugter Anhänger des Legitimen, nur beim Versemachen sei er auf Abwege geraten. Dies müsse eine Art Koller gewesen sein, der sich mit dem zunehmenden Alter verloren habe; denn er könne schon lange nicht mehr dichten, geschweige denn vom Sturze der Tyrannen. Wenn Federigo zu ihm sagte, er, Carlo, müsse einmal ein tüchtiger Mann werden und die Fehler der anderen vermeiden, schüttelte er sich und antwortete, er sei schlimmer, jämmerlicher und lächerlicher als alle anderen, er werde nie etwas anderes werden als ein Hanswurst, der jedermann auslache. Zuweilen jedoch sagte er, wenn Federigo sich seiner annehmen wolle, so möchte doch vielleicht noch die Kraft zu etwas Großem in ihm aufgehen, Federigo müsse nur befehlen, so werde er folgen; und er lächelte ihn dazu aus seinen schmalen, perlmutterschimmernden Augen und mit seinem plauderhaften Munde zutraulich-zärtlich an.

Arconati bemerkte die Verehrung seines Sohnes für Confalonieri und konnte einen leichten Ärger darüber nicht unterdrücken. Er legte es öfters darauf ab, ihn zu einer Spötterei über Federigo zu reizen, worauf Carlo, auch wenn er übrigens dazu geneigt gewesen wäre, nicht einging, weil er seinen Vater durchschaute. Dieser sagte, Confalonieris Gegenwart habe etwas Drückendes, man wisse nie, was er eigentlich dächte und empfände. Er spiele den Märtyrer, jeder hätte sein Päckchen zu tragen, er sollte sich einmal gehen lassen und unbefangen fröhlich mit Freunden sein. »Der Unglückliche,« 343 entgegnete Frau Konstanze entrüstet, »er hat keine Frau, kein Kind und kein Vaterland, er hängt von einem Vater ab, mit dem ihn niemals Liebe verbunden hat, er hat eine Last bitterer Erinnerungen und keine Hoffnung. Wäre es nicht verständlich, wenn er die Kapuze über das Gesicht zöge wie Silvio Pellico? Anstatt dessen nimmt er diese elende Gabe des Lebens an, wie wenn es etwas Kostbares wäre, und sucht sich hineinzuschicken und es zu verwerten. Lacht er auch selbst nicht, so tut es ihm doch wohl, unseren Carlo lachen zu hören, und wieviel Ursache er auch zu klagen hätte, hat er doch noch keine Klage laut werden lassen.« Ebendas, sagte Arconati, sei ihm unangenehm. Wenn er jammerte und klagte, würde er auch bald lachen lernen. Er habe immer das Gefühl, als könne dieser zusammengeballte, geknebelte Jammer sich einmal losreißen und das Haus und die ganze Erde überfluten.

 

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.