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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An einem Vormittage im Mai des Jahres 33 las er in der Nachfolge Christi; es war ein in blaugraue Pappe gebundenes Büchlein mit großem Druck auf rauhem, dünnem Papier, das etwas abgegriffen war. Nachdem er eine halbe Stunde aufmerksam gelesen hatte, ließ er das Buch sinken, weil ihn die Frühlingslieblichkeit der Luft zerstreute, die durch das Fenster hereinspielte, an dem er saß. Sie hatte einen zarten, kaum spürbaren Wohlgeruch an sich, mehr von Erde als von Blumen, und war kühl und warm zugleich wie eine Hand, von der man sich gern berühren läßt. Am Horizont verschwammen Farben des Flieders und der Malven ineinander, und die weißen Wölkchen, die am hellblauen Himmel erschienen und verschwanden, waren wie kleine, flügelschlagende Schmetterlinge über einem Blütenfelde oder wie Segel auf entfernten Kähnen, die man eben erschimmern sah und gleich darauf aus den Augen verliert. Wie er den Kopf an das Gitter des Fensters lehnte, hörte er das Quaken der Frösche im Burggraben, das er in diesem Jahre noch nicht bemerkt hatte, und das ihm Freude zu bereiten pflegte, weil es mit der warmen Jahreszeit kam.

Er hörte eine Weile zu und vergaß es wieder; dann schien es ihm plötzlich so, als wären in der Nähe die Töne einer Melodie laut geworden, ein paar Töne wie ein fliegender Faden, den man noch ergreifen könne. Er horchte und dachte nach, und nun war es ihm, als wäre es der Anfang des alten 297 Liedes gewesen, das Andryane zu singen oder zu flöten liebte: O Richard, mein König, die Welt verläßt dich; aber als es nicht wiederkam, sagte er sich, daß er sich getäuscht habe. In der Festung selbst wurde nie mehr gesungen; was man etwa auffing, war das Trällern eines Arbeiters oder eines Kindes jenseits der Mauer, von denen nicht anzunehmen war, daß sie die französische Arie kannten.

Ohne etwas Bestimmtes zu denken, starrte er auf das Buch in seinem Schoße und auf seine Hand, die es hielt und deren Beschaffenheit ihm gerade jetzt, vielleicht in dem hellen Frühlingsschein, auffiel. Sie war früher viel, von Herren wie von Damen, bewundert worden und war auch jetzt noch schön; doch fehlte ihr die nervöse Kraft und die schimmernde Blässe; sie sah aus wie aus altem, gelbem Elfenbein gemacht. Der Anblick dieser Hand erinnerte ihn an etwas, und allmählich fanden seine Gedanken den Weg zu einer anderen, anders geformten Hand, die er ebenso leblos auf einem Buche hatte liegen sehen: es war die Hand des alten Grafen Melzi, und das Buch, in dem er gelesen hatte, war die Nachfolge Christi, in kostbares karminrotes Leder gebunden, von dem die wächserne Farbe der zierlichen, durchsichtigen Greisenhand sich eindrucksvoll abgehoben hatte. Beinah zwanzig Jahre waren seit dem Frühlingsmorgen vergangen, wo er, trunken von Jugendstolz und Jugendhoffnung, an dem Krankenbett gewesen und sich mit Zorn und auch ein wenig Verachtung von dem einst verehrten Manne abgewendet hatte, der auch wie alle dem Alter seinen Zoll zahlte. Er erinnerte sich, wie zugleich das Bewußtsein ihn wie ein Rausch durchglüht hatte, daß die Pflicht und Verantwortung und Lust des Handelns nun bei ihm allein sei, der die Einsicht und die Kraft dazu hatte und ohne Furcht war. Auf einmal mußte er an Pallavicino denken, daß er ähnliche Empfindungen, die ihn damals bewegten, jetzt gegen ihn haben 298 mochte, wie das seiner Jugend und dem Maße seiner Erfahrung entsprach. Hatte er auch dem unglücklichen jungen Freunde niemals gezürnt, so schien es ihm nun doch, als hätte er sich bemühen sollen, eine Verständigung herbeizuführen, indem er ihm eine richtige Auffassung seines jetzigen Standpunktes beizubringen suchte. Er wußte, daß jener unter seinem Verlust und dem Gebot, ihn zu verachten, das er sich auferlegte, gelitten hatte, und an ihm wäre es gewesen, den Zwiespalt aufzulösen oder doch zu mildern. Vielleicht zwar wäre es unmöglich gewesen; denn es mußte wohl so sein, daß die Menschen ihre Bahn mühevoll durchlaufen und die der anderen kreuzen und stören, als wäre jeder eine Welt für sich, durch ewige Schranken von allen anderen getrennt.

Seit geraumer Zeit schon hatte Pallavicino es erreicht, daß der Kaiser ihn auf eine andere Festung versetzte, damit er nichts mehr von Federigo zu sehen und zu hören brauchte, und die vom Spielberg hatten keine Kunde mehr von ihm. In diesem Jahre starben Silvio Moretti und der Zigeuner, dessen Körper zäher gewesen war, als der Arzt anfänglich gemeint hatte. Obwohl er viel hustete und sichtlich abmagerte, war er in guter Stimmung, verhältnismäßig gesprächig und zugänglich. Er summte Federigo die Weisen vor, die er früher auf der Geige gespielt hatte: dann war es diesem, als sähe er eine grenzenlose Steppe, über die Wolken und Winde jagten, und über die ein kleiner Trupp dunkler Menschen zöge, winzig und vergänglich wie die Schatten der Wolken, die Brust von Schwermut und gewaltsamen Leidenschaften zerrissen. Der Zigeuner dachte sich nichts dabei; er glaubte Federigo mit dieser Musik zu erheitern, den er Vater nannte, während er von allen anderen Menschen auf dem Spielberg unverhohlen mit Haß oder Verachtung sprach. »Aber wenn du dir die Freiheit damit erkaufen könntest, daß du mich umbrächtest?« 299 fragte ihn Federigo einmal; worauf er ohne Besinnen antwortete: »Dann täte ich es; aber das ist unmöglich.« Indessen trug er sich zuletzt mit allerlei wunderlichen und unbegründeten Hoffnungen auf Befreiung, und als er in das Spital gebracht wurde, wo er nicht lange danach starb, sah er das als ein glückliches Zeichen an, weil sich seiner Meinung nach von dort aus eher eine Flucht bewerkstelligen ließe.

Bei dem Obersten Moretti trat in den letzten Monaten eine Verdunklung des Bewußtseins ein, so daß er sich mit seiner Flugmaschine auf Reisen oder sonst mit ihr beschäftigt glaubte. Die Wärter, die ihn bedienten, hielt er für Spione der österreichischen Regierung, die ihm sein Geheimnis ablisten wollten, und empfing sie mit Vorwürfen und Drohungen. Er wolle lieber verhungern, sagte er, als die Erfindung preisgeben, die er bestimmt habe, Italien groß zu machen, und ließ oft das Essen unberührt, in der Meinung, er solle dadurch bestochen werden. Federigo, der, nachdem Pallavicino den Spielberg verlassen hatte, wieder in sein früheres Zimmer versetzt und Morettis Nachbar geworden war, ging auf seine Wahnvorstellungen ein und sprach so mit ihm, als ob sie zusammen die Luft durchflögen und Städte, Flüsse und Fluren unter sich sähen; allein auch ihm war es nicht immer möglich, seinen rasch und wild springenden Vorstellungen zu folgen, und Widerspruch oder Hemmung machten ihn toben. Ungenügend gepflegt, denn die Wärter fürchteten sich vor ihm, und durch die immer häufiger werdenden Wutanfälle erschöpft, starb er, indem er friedlich einschlief wie ein Kind, das sich müde geweint hat.

Das von ihm verlassene Zimmer wurde im Laufe des folgenden Jahres von einem jungen Manne bezogen, der mit vielen anderen zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurteilt war, weil sie einer verbotenen Verbindung, dem »Jungen Italien«, 300 angehörten. Er machte Confalonieri durch Klopfen auf sich aufmerksam, stellte sich ihm vor und sagte ihm, daß er sich glücklich schätze, in seiner Nähe zu sein. Sein, des Grafen Name werde von allen denen, die die Einigung und Befreiung Italiens zu ihrem Lebenszweck gemacht hätten, mit Ehrfurcht genannt, als des ersten in Oberitalien, der dies Ideal aufgestellt habe und sein Märtyrer geworden sei. »Ich fürchte,« antwortete Confalonieri, »es werden mehr sein, die meinen Namen mit Erbitterung nennen, da ich viele unglücklich gemacht habe.« Darauf komme es nicht an, entgegnete der andere, der Gabriele Rosa hieß; die Italiener seien zu weichlich, nur auf ihr Wohlergehen bedacht, das müsse anders werden. Nur durch Opfer könne das Große erreicht werden; ein freies Vaterland sei durch Gut und Blut nicht zu teuer erkauft. Er erzählte von dem Genuesen Mazzini, der, überzeugt, daß die Karbonari zu vernünftigen Taten untauglich seien, das »Junge Italien« gegründet habe, dessen Teilnehmer auf jedes persönliche Glück verzichten müßten, um des hohen Zieles willen. Er selbst, Mazzini, lebe das Leben eines armen Verbannten; er versuche ein neues Geschlecht heranzubilden, dessen Triebfeder die Pflicht, nicht der Genuß sei. Seine Anhänger würden erbittert verfolgt, die Gefängnisse seien voll; im Laufe des letzten Jahres wären fünfzehn Personen wegen politischer Vergehen verhaftet worden, einer seiner Freunde habe das Zimmer gehabt, das Confalonieri vor zehn Jahren bewohnt habe. Die sogenannte gute Gesellschaft sei ganz österreichisch, es gehöre zum guten Ton, Verehrung für den Kaiser und alles Kaiserliche zur Schau zu tragen; aber wer aufmerksam horche, könne in weiter Ferne das Pfeifen eines drohenden Windes hören. Ob er nicht wisse, daß der junge Dembowsky, der verstorbenen Gräfin Mathilde Sohn, einen österreichischen Offizier im Duell getötet habe und mit seinen Sekundanten, 301 unter denen der Graf Antonio Belgioioso sich befinde, geflüchtet sei. Auch der Graf Emilio Belgioioso und seine junge, von ihm geschiedene Frau, Gräfin Cristina Trivulzio, hätten als Anhänger Mazzinis in die Schweiz flüchten müssen, und ihr Vermögen sei mit Beschlag belegt.

Wie es Manzoni gehe, fragte Confalonieri. Seine Frau sei kürzlich gestorben, berichtete Rosa, und man sage, daß er dadurch in unheilbare Trauer versenkt sei. Geschrieben habe er nichts mehr; er habe sich rasch erschöpft und zehre vom alten Ruhm, dagegen habe sich sein Schwiegersohn Massimo d'Azeglio sehr hervorgetan mit einem historischen Roman, der mit mehr Feuer und Empfindung geschrieben sei als die »Verlobten«, und der die Vaterlandsliebe im ganzen Volke verbreitet habe.

Es fiel ihm dann ein, daß Confalonieri die »Verlobten« noch nicht gelesen haben könne, da das Buch erst im Jahre 25 erschienen war, und er fügte bei, daß es auch im Ausland als ein Meisterwerk angesehen werde, und daß er ihm nächstens ausführlicher davon erzählen wolle. Zu Manzoni sähe jetzt ganz Italien als zu dem Haupte der Literatur auf, nachdem die Alten, Foscolo, Monti und Pindemonte, alle kurz nacheinander gestorben wären.

Silvio Pellico, nach dem Confalonieri fragte, habe sich unter die Röcke der Jesuiten und Nonnen verkrochen und halte die Ohren zu, wenn man ihn bei seinem alten Namen rufe. Er verstehe die Zeit nicht, und sie gehe über ihn weg. Man habe kürzlich eines seiner Dramen im Theater del Re aufgeführt; die Marchionni habe die Heldin gespielt, und die Patrioten hätten geklatscht, um den Märtyrer der guten Sache zu ehren; aber im ganzen habe es kalt gelassen. Die echten Mailänder wollten überhaupt nur die Pasta und die Malibran hören, die neuen Opernsterne, am liebsten in der»Norma« von Bellini, 302 der jetzt viel beliebter sei als Rossini. Er trällerte einen Marsch und eine Arie, um Confalonieri einen Begriff von der Oper zu geben, die in der Scala vierunddreißigmal hintereinander gegeben sei. Übrigens sei Bellini ein Mann ohne Charakter, er habe die bereits begonnene Komposition des »Ernani« aufgegeben, weil die Polizei wegen des Gegenstandes ihm Schwierigkeiten bereitet habe. Die Scala selbst würde Confalonieri nicht wiedererkennen, so schön sei sie neuerdings dekoriert, daß sie einem Feenpalast aus Gold und Elfenbein gleich sei. Sonst werde nicht viel gebaut außer Triumphbögen, wenn der Kaiser erwartet werde. Die kürzlich vollendete Galerie De Cristoforis freilich sei etwas Vorzügliches, was vielleicht keine Stadt des Festlandes aufzuweisen habe: eine lange, mit Glas gedeckte Halle, die die Via Francesco mit der Via del Monte verbinde. Sie sei immer belebt von Neugierigen und Kauflustigen, denn zu beiden Seiten hätten die feinsten Geschäfte ihre Auslagen, und man werde durch Regenwetter nicht gestört, noch durch die Dunkelheit vertrieben; denn bis Mitternacht sei die Galerie erleuchtet. Es wären Cafés dort, und während des Karnevals würden Bälle und Maskeraden dort abgehalten. Die Straße dei Servi sei verbreitert und die Kirche S. Maria dei Servi solle ebendeshalb abgerissen werden; an ihrer Stelle solle eine andere Kirche nach dem Muster des römischen Pantheon errichtet und dem heiligen Karl Borromäus geweiht werden. An der Fassade der Kirche San Fedele werde auch schon lange gearbeitet, und die leere Nische auf dem Platz der Mercanti, wo zur Franzosenzeit die Statue des Brutus gestanden habe, sei nun endlich durch ein Standbild des heiligen Ambrosius ausgefüllt.

Ob Comolli sie gemacht habe, fragte Confalonieri. Der andere besann sich einen Augenblick und sagte: Comolli, nein, der sei vor mehreren Jahren gestorben, diese sei von Scorgini. 303 Außer diesem gelte Pompeo Marchesi jetzt für ausgezeichnet; kürzlich sei in seinem Atelier in den öffentlichen Gärten Feuer ausgebrochen und habe das Modell einer Statue des Cesare Beccaria zerstört, das er für die Brera entworfen habe.

Federigo brach das Gespräch ab und legte sich auf sein Bett; in seinem Kopfe war es so, als ob lange ein lauter, durchdringender Lärm um ihn herum gewesen sei. Eine Masse von Vorstellungen überfiel ihn betäubend; allmählich erst beruhigte er sich damit, daß das alles in weiter, unerreichbarer Ferne war und daß niemand von ihm einen Entschluß oder eine Parteinahme in allen diesen Angelegenheiten verlange. Dann mußte er an die alten Gebäude denken, die niedergerissen waren, und an die neuen, an denen gebaut wurde, und stellte sich die Arbeiter vor, wie sie munter hantierten und an den Gerüsten kletterten, den Staub, der aus dem Schutt in die klare Luft stieg, und die schweren Steinblöcke, wie sie langsam hinaufgewunden wurden. Plötzlich gestaltete sich das Bild so deutlich und farbig, als ob es wirklich vor seinen Augen wäre: er sah die behauenen gelblichen Quadern, die unter dem gewölbten Azur, an dessen glatte, fugenlose Mauer sie anzustoßen schienen, wie Bernstein leuchteten; er fühlte die prickelnden Kristallwellen des Sonnenlichtmeers, das durch das Marmorbett der Straße wogte, und die Gelindigkeit des Schattens in dem Hofe, der den Eintretenden wie ein kühles Bad empfing. Da war keine bröckelnde Erde, kein faulendes Holz, da waren keine welkenden Blätter, keine löslichen Dünste, sondern es war alles aus edlem Stein und Metall, wie ein Saal für Götterbilder. Er sah sich selbst sein eigenes Haus betreten, die Treppe hinaufeilen und die Hand auf den Griff der Tür legen; aber dann ließ er die Hand fallen, und das Bild zerfloß. Es war keine Tür da in ganz Mailand, durch die er hätte eintreten mögen, es war niemand da, der 304 auf ihn wartete, kein Raum, wo er Ruhe gefunden hätte. Der Anblick der niedrigen Decke über seinem Kopfe und der getünchten, bekritzelten Wände, die ihn umschlossen, gab ihm das Gefühl der Sicherheit wieder, das er während des Gespräches mit seinem Nachbar verloren hatte.

Am folgenden Morgen erinnerte er sich, wie furchtbar das erste Erwachen auf dem Spielberg für den Gefangenen sei, und rief den jungen Mann an, um ihn durch seinen Anteil zu trösten oder zu zerstreuen. Es zeigte sich indessen, daß Rosa nicht in so verzweifelter Stimmung war, wie Federigo vorausgesetzt hatte. Er habe ja schon aus dem Buche Pellicos gewußt, wie es auf dem Spielberg sei, sagte er; eigentlich habe er es sich schlimmer vorgestellt, das Essen sei ihm nicht so wichtig, er habe einen guten Magen, und sein Zimmer sei leidlich. Wenn nur die verwünschte Mauer nicht wäre, die den Blick ins Freie hemmte; freilich sei in diesem Lande doch nichts Schönes zu sehen. Er habe sich allerlei Bücher zum Lesen mitgebracht, die man ihm auch gelassen hätte, ein paar Jahre könne er es auf diese Weise schon aushalten, vielleicht würde er niemals im Leben so viel Zeit zum Ausruhen und Lesen haben. Dessenungeachtet sprach er den Grafen oft an, teils weil er selbst doch der Abwechslung bedürftig war, und ebensosehr in der Absicht, jenem eine erwünschte Unterhaltung zu verschaffen. Sie sprachen sowohl durch Klopfen an der Mauer wie mündlich am Fenster, wenn die Unaufmerksamkeit oder Nachsicht der Wachen es geschehen ließ.

Rosa sprach am liebsten von den politischen Dingen; er war überzeugt, daß die Mazzinisten früher oder später ihr Ideal der einheitlichen Republik Italien verwirklichen würden; viel Blut würde vorher noch fließen, viele einzelne müßten geopfert werden. Mazzini hätte anfänglich auf Karl Albert gehofft, der kürzlich, nach dem Tode seines Oheims, die 305 Regierung angetreten habe; aber der verfolge die Patrioten, die Verbündeten seiner Jugend, noch erbitterter als seine Vorgänger und Kollegen und habe sich ganz mit den Jesuiten und Mönchen verbündet. Der Klerus sei eben ein Krebsschaden an Italien, der Papst müsse jedenfalls seiner weltlichen Herrschaft beraubt werden, und am besten wäre, wenn man ihn ganz und gar los werden könnte. Von den neuen Päpsten, die seit Confalonieris Gefangenschaft auf den Heiligen Stuhl gekommen waren, sprach er mit Verachtung, den aus Belluno gebürtigen Gregor XVI. nannte er einen unwissenden, bigotten und tückischen Tiroler. Im Kirchenstaat und im Neapolitanischen seien die Revolutionen an der Tagesordnung: es würde damit zwar zunächst nichts ausgerichtet, stifte aber doch Nutzen, da blutige Rache der Regierungen folgte, die wiederum neue Aufstände hervorrufe, wodurch die Zustände immer unhaltbarer würden.

Confalonieri hatte gegen alles dieses manches einzuwenden, doch tat er es in zurückhaltender und höflicher Weise. Im Grunde konnte er wenig Interesse dafür aufbringen; aber er ließ es so wenig merken, wie er in einer langweiligen Gesellschaft gegähnt hätte. Rosa machte ihm den Eindruck eines zielbewußten, energischen und ausdauernden jungen Mannes, und er erinnerte sich, wie oft er den Mangel dieser Eigenschaften an den Italienern beklagt hatte, und er dachte, daß er ein weniger fremdes Gefühl ihm gegenüber behalten würde, wenn er ihn sehen könnte, was nicht der Fall war. Wie anstrengend es ihm auch sein mochte, führte er doch lange Gespräche an der Mauer mit ihm und suchte ihn zu trösten, als er nach einigen Monaten trotz aller Tapferkeit unter dem Drucke des Kerkerlebens ein wenig zu leiden anfing. Inzwischen zutraulicher geworden, erzählte er dem Grafen von einem geliebten Mädchen, an dessen Treue während seiner 306 Gefangenschaft zu glauben ihm schwer wurde. Sie sei eine so verführerische Schelmin; aus ihren tanzenden Lockenringen, aus ihren winzigen Fingerspitzen, von ihren immer bewegten, plaudernden und lachenden Lippen sprängen unsichtbare Schlangen und ketteten die Herzen an ihre leichtherzige kleine Person. Sie habe vielleicht keine Schuld, als daß sie allzu reizend sei, um nicht zu gefallen, und allzu empfindend, um die erregten Gefühle nicht zu erwidern; sie sei des Lebens zu voll, um einen Begrabenen, wie er sei, zu lieben.

Federigo sagte, wenn sie ihm unter diesen Umständen nicht treu bleiben könne, sei sie wohl überhaupt nicht für die Ehe geschaffen; auch habe er ja gewußt, daß er um seiner Ideale willen auf persönliches Glück vielleicht würde verzichten müssen, und gelobt, es zu tun. Schließlich bestehe das Glück nicht im Genuß, sondern in der Empfindung; oft sei die Erfüllung der Untergang der Liebe; zu lieben, das sei Glück, und in Kampf und Not erstarke gerade die Kraft zu lieben. Ach, antwortete Rosa auf einen dieser Sätze, das sei die Weisheit des Alters und des Unglücks; sie gehe ihm nicht ein, obwohl er wisse, daß jedes Wort richtig sei.

Federigo bemühte sich, nicht merken zu lassen, daß ihn diese Worte schmerzlich getroffen hatten. Er wollte lesen, um darüber hinwegzukommen; aber seine Gedanken blieben nicht bei dem oft durchdachten Gegenstande, auch war das Licht an diesem Frühlingsabend schon zu trübe in seiner Zelle. Er tadelte sich selbst als allzu empfindlich; denn niemand wußte besser als er selbst, daß er alt und unglücklich war. Dennoch starrte er auf diese Worte wie in einen Spiegel, aus dem ihn sein Gesicht wie eine fremde Maske anstarrte, vor der ihm graute, und die er doch nicht los werden könnte. Er stand auf, um die Sterne zu suchen, deren bleicher Schimmer sie kaum von dem milchigen Himmel unterschied; ein verschwimmendes 307 Häuschen erinnerte ihn an zusammengeneigte Weiden und Birken über einem vergessenen Male. Die Zeit kam ihm wünschenswert vor, wo er ganz allein, ohne den jungen Nachbar gewesen war; wo er auf nichts bedacht war, als das Rad der Tage immer wieder hinaufzuwälzen, bis es einmal nicht mehr herabrollen oder bis er zusammenbrechen würde.

Zu dieser Zeit hielt sich der Kaiser in Brünn auf, ohne daß irgendein Gnadenerlaß seine Nähe angekündigt hätte. Rosa sagte, daß ihm eine Begnadigung höchst ungelegen sein würde; er wolle viel lieber ein paar Jahre gefangen sitzen, als auch nur durch einen Schein von Verpflichtung an den Kaiser gebunden sein. Er sei mit dem Kaiser in Krieg und wolle es bleiben. Als bekannt wurde, daß die Abreise des Monarchen durch einen Anfall von Rheumatismus verzögert werde, sagte er, daß man mit Franzens Tode nicht rechnen könne, da er zwar von Haus aus kränklich, aber zäh sei. Auch sollten die Patrioten seinen Tod gar nicht herbeiwünschen; seine Engherzigkeit und Härte fachten den Haß gegen Österreich an; sein Nachfolger, der ganz von Metternich abhänge, würde wahrscheinlich vorsichtiger verfahren und dadurch die Entwicklung nur verlangsamen. Für Confalonieri freilich, meinte er, sei der Tod des Kaisers die einzige Möglichkeit der Befreiung, und insofern sei er zu wünschen. Das sei richtig, sagte Federigo, namentlich für seine Gefährten, die viel jünger als er seien, würde es ein Glück bedeuten; aber wenn man an Rheumatismus stürbe, würde er wohl dem Kaiser vorangehen.

Während des Winters und namentlich in den Monaten Januar und Februar waren seine rheumatischen Schmerzen so heftig, daß er eine Zeitlang dem Gottesdienst nicht beiwohnen konnte. Als er am letzten Sonntage im Februar zum ersten Male wieder hinging, begegnete er auf dem Hofe Borsieri und Castiglia, die ihn erfreut begrüßten und sich nach 308 seinem Befinden erkundigten. »Ich bin eine Festung, die der Winter belagert,« sagte er, »der Frühling wird mir bald Entsatz bringen.« Die Luft war lauwarm, der gleichmäßig graue Himmel ließ die Sonne in der Größe und Farbe einer Zitrone wie durch ein Loch sehen.

Man sprach von der Länge des mährischen Winters und daß die vorwitzigen, milden Tage durch Schnee und Eis wieder würden vertrieben werden. Trotzdem gab sich Federigo der wohltuenden Wirkung der sanft erwärmten und doch frischen Luft hin; er hatte keine Schmerzen, und das Atmen wurde ihm leichter. Die Predigt ließ er unbeachtet an sich vorüberrollen und empfand das Nichtzuhören fast wie ein Vergnügen; erst als der Priester mit verändertem Tonfall das Schlußgebet begann, wendete er ihm seine Aufmerksamkeit zu. Der üblichen Formel, die dem Wohle des Kaiserhauses galt, fügte er diesmal eine besondere Bitte um Genesung des Kaisers hinzu, dessen Krankheit die ganze Monarchie in schwere Sorge versetzt habe. Dies fiel um so mehr auf, als die früheren, nicht seltenen Erkrankungen des Kaisers niemals in der Kirche erwähnt worden waren, und es ließ sich daraus schließen, daß in diesem Falle sein Ableben zweifellos bevorstehe. Als Borsieri beim Verlassen der Kirche an Federigo vorüberging, drückte er ihm verstohlen die Hand und flüsterte ihm zu: »Siehst du die weiße Wolke am Himmel? Da duelliert sich mein Gebet mit dem des Pfaffen.« Federigo mußte lachen; aber er wunderte sich, daß Borsieri den Vorfall so ernst nahm und so sichtlich dadurch aufgeregt wurde. Er hielt für das wahrscheinlichste, daß der Kaiser wieder gesund werden würde, wie es sonst immer geschehen war; und sollte er sterben, so würde vermutlich die Zeit kommen, wo seine Gefährten und vielleicht auch er den Spielberg verlassen könnten; es überlief ihn kein Schauer der Ungeduld oder Freude bei dieser 309 Vorstellung, die er vielmehr wie etwas Störendes zurückschob.

Das milde Wetter dauerte weiter; Federigo genoß es, und da er sich erinnerte, daß auch in Italien gewöhnlich im März eine Reihe warmer Tage kam, denen ein zweiter Winter folgte, so daß selbst der April oft noch starke Kälte brachte, schien ihm etwas Gesetzmäßiges darin zu liegen, und er dachte über den etwaigen Zusammenhang nach.

Einen Tag nach dem Tage, an welchem der Kaiser in Schönbrunn gestorben war, ging er mit dem Oberwärter auf der Terrasse spazieren und fragte ihn nach den Wetterregeln der Bauern in seiner Heimat aus. Er gab ausführlichen Bescheid und sagte auch, der März müsse milde sein, weil dann die Saaten keimten; im April wären sie schon kräftiger und könnten dem Unwetter eher widerstehen. Es war noch nicht Mittag, und einige Bauern trieben ihren Pflug über die gewölbten Äcker, deren gelockerte Erde sammetbraun wie die dunklen Blätter des Goldlacks war. Die Pflüge waren von Kühen und Rindern gezogen und glichen in ihrer gleichmäßigen Bewegung gehorsamen Sternen, die an den unsichtbaren Fäden eines ausgespannten Zaubernetzes auf und nieder gingen. Der Himmel war etwas dunkler als an den vorhergehenden Tagen und die zitronengelbe Sonne ein wenig glänzender; hoch im Blau drehte sich ein Flug weißer Tauben im Kreise wie ein frisch erblühter Frühlingsbrautkranz. Die Luft und das Licht und die Gegenstände lagen so weich und leicht ineinander, als wäre nirgends ein Zwischenraum und doch auch keine Berührung.

Während der Graf und sein Begleiter miteinander sprachen, fingen die tiefen Glocken in der Stadt langsam zu läuten an, und Federigo fragte, ob ein Begräbnis stattfinde. Der Oberwärter schüttelte den Kopf und sagte nach einer Weile, das könne nur den Tod des Kaisers zu bedeuten haben; er habe 310 schon vor zwei Tagen die letzte Ölung empfangen, weil er von den Ärzten aufgegeben sei. Es sei ja verboten gewesen, darüber zu sprechen, aber nun könne es doch nicht geheimbleiben und sei auch kein Geheimnis. Federigo stellte einige auf die Krankheit des Kaisers bezügliche Fragen, dann blieb er stehen und lehnte sich gegen die Mauer. Es war ihm so zumute, als ob er weinen möchte, eine so gewaltsame Traurigkeit kam über ihn. Er erinnerte sich plötzlich, was er vor Jahren sich vorgestellt hatte, wenn er die Möglichkeit dieses Augenblickes erwog; er dachte, wie Teresas Herz schlagen würde, wenn sie dies Geläut vernehmen könnte, und was es ihm dann bedeutet hätte. Diesen ehernen Schall hörten die gleichgültigen Bauern, die mit ihrem Werkzeug weiter in die Erde gruben, die Soldaten, die schläfrig auf ihrem Posten standen und nur an den Augenblick dachten, wo sie abgelöst würden, die dumpfen Kühe und Schafe und die Vögel, die mitten im Klange schwammen, ohne sich seiner bewußt zu werden; nur sie nicht, nur sie nicht, der er das Glück gegeben hätte. Der Oberwärter, der sich nicht klar war, welcher Art die Gefühle sein möchten, die den Grafen augenscheinlich bewegten, ging schweigend auf und ab, bis dieser sich wieder zu ihm gesellte und das vorher unterbrochene Gespräch fortsetzte. Als er sich wieder in seinem Zimmer befand, war er zu müde, um noch eine Erregung zu fühlen, und auch später kam sie nicht wieder.

 

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