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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Um diese Zeit lebte Teresa nicht mehr: sie war am 27. September 1830 gestorben. Wie während des Sommers ihre Entkräftung zunahm und die Ärzte kaum noch wagten, ihr Hoffnung zu machen, richtete sie nochmals mit Manzonis Hilfe eine Bittschrift an den Kaiser, er möge ihr gewähren, nach Brünn zu ziehen und in den Armen ihres Gatten zu sterben; allein sie wurde nicht erhört, obwohl sich Österreicher und Italiener für sie verwendet hatten. Von der Gefährlichkeit ihres Zustandes hatte sie niemals das Herz gehabt, Federigo zu schreiben; doch als sie einige Wochen vor ihrem Tode an ihn schrieb, glaubte sie ihn auf das vorbereiten zu müssen, was sie als unabwendbar erkannte. Sie sagte, daß sie sich schwächer als sonst fühle, daß ihr Zustand wohl nicht unbedenklich sei, daß es aber in Gottes Hand liege, eine Wendung zum Guten herbeizuführen. Müsse sie aber sterben, so bedeute das keine Verschlimmerung ihrer Lage; räumlich wären sie doch getrennt, weiter, als wenn sich scheidende Meere zwischen ihnen breiteten, eins nur durch die Liebe, die sie zueinander fühlten. Vom Körper getrennt, würde ihre Seele noch inniger sich an ihn schmiegen, noch inniger ihn empfinden und von ihm empfunden werden. In seinem Herzen aufgenommen zu werden, sei immer ihr höchster Wunsch gewesen; jetzt habe es sich ihr aufgetan, sie knie auf der Schwelle des Paradieses, das Gott ihr für die Ewigkeit bereitet habe. Zwischen den vorsichtig gedämpften Worten schlich es leise wie ein zärtlicher, verstohlen rinnender Tränenstrom.

Ein banges Vorgefühl kam ihm aus dem Briefe entgegen; aber allmählich wich es den Gründen, die er sich vorführte: 286 Teresas Nerven seien natürlich zerrüttet, es würde nicht an täglichen Aufregungen durch die Familie fehlen, die ihren Zustand verschlimmerten; gewiß sei sie leidend, aber ernstliche Besorgnisse brauchten deshalb nicht vorzuliegen. Er stellte sich vor, wie gerade und stattlich ihr Körper früher gewesen war; viel Kummer und viel Anstrengungen der Seele hatten sie seitdem angegriffen; daß aber dadurch gesunde Organe erkrankten, hielt er für unwahrscheinlich. Was seine Ansicht am meisten stützte, war die innere Gewißheit des Wiedersehens und Wiederhabens, das ihnen bestimmt sei. Wie man weiß, daß die Sonne den Scheitelpunkt ihrer Bahn erreicht haben muß, bevor sie untergeht, oder daß zu ihrer Jahreszeit die Blumen aufblühen, ob der Himmel heiter oder trübe ist, so stand es ihm fest, daß das Glück dieser unglückvollen Liebe einst kommen würde, wie lange auch die Entbehrung dauern möchte. Dann würde sie wieder jung und stark an seinem Herzen werden, dessen Liebe Balsam sein würde für die Zerstörung, die seine Härte und Verblendung ihr zugefügt hatte. Die Reue hätte ihn erdrückt, wenn seine Liebe nicht hundertmal größer gewesen wäre: sie umhüllte ihn und sie mit einem Mantel von diamantenem Feuer, das selbst der Tod nicht durchdringen konnte. Es gab Tage, wo die Allmacht seines Empfindens ihn mit Triumph erfüllte: ihn hatte der Tod in seine Burg geworfen, um die sich Zeitlosigkeit wie eine schwarze Schlange wand, um die Rabe und Eule und Fledermaus das Leichentuch der Vergessenheit zauberten, die kein Gestern, kein Morgen, keine Zukunft, kein Wechsel verscheuchte; aber im Innersten dieses Grabes sang ein unsterbliches Herz: Ich bete dich an! Wie eine Rose stieg der Gesang aus dem Herzen, zahllose Kelche öffnend, die Finsternis durchduftend, das Gefüge der Mauer durchdringend, und würde zuletzt aus den Spalten der Gruft quellen und in die Sonne jubeln: Ich bete dich an! 287

Im Januar hatte er durch Kral Gelegenheit, einen Brief zu besorgen, und schrieb, die wehmütige Stimmung ihres letzten beantwortend, besonders zuversichtlich, um ihr Kraft und Freude einzuflößen. Um ihn solle sie nicht sorgen, seine Gesundheit sei um vieles besser als die letzten Jahre in Mailand, das Bewußtsein ihrer Liebe und der Glaube an die Zukunft halte ihn aufrecht. Sie habe alles für ihn getan, ihm alles gegeben, jetzt solle sie um seinetwillen sich zu erhalten suchen. Sowie es die Jahreszeit erlaubte, solle sie auf das Land ziehen und heitere Gedanken hegen. Dort würden jedes Blatt und jeder Lufthauch ihr sagen, wie sehr geliebt sie sei, und wie glücklich sie sein würden. Die vergangenen Tage würden wiederkehren, die Frühlingstage, die Frühlingsnächte, und nie mehr scheiden.

Es wurde ihm leichter zumute, als der Brief fort war; es war ihm, als müßten die Worte, die heiß von seinem schmelzenden Herzen getropft waren, sie wie sein Herz selbst berühren und sie erwärmen und erquicken. Nachdem Andryane fort war, begann er ihre Antwort mit zunehmender Sehnsucht zu erwarten, obwohl die Zwischenräume, in denen die Briefe sich folgten, durchaus nicht gleichmäßig waren und der ganze Verkehr von unberechenbaren Zufällen abhängig war. An einem Mittag im April brachte Kral ihm eine Handvoll Veilchen, die er im Burggraben für ihn gesammelt hatte; seit Andryane fort war, war er noch mehr als sonst darauf bedacht, den Vereinsamten durch kleine Aufmerksamkeiten zu zerstreuen. Die Veilchen saßen an kurzen Stielen und waren feucht vom Tau, der in dem schattigen Graben erst spät auftrocknete; als Federigo das Gesicht hineindrückte und den Duft einatmete, kamen ihm Erinnerungen an den Garten am See, unbestimmte, aus längst vergangener Zeit, die ihm das Gefühl einer unwiederbringlichen Wonne gaben. 288 Vielleicht war es, daß Teresa und das Kind ihm manches Mal die ersten Veilchen gebracht hatten, beide mit demselben treuherzigen Blick zu ihm aufsehend, Teresa ein wenig unsicher, ob die bescheidene Gabe ihn so entzücken würde, wie das Kind es erwartete. Er saß lange so da, das Gesicht in Veilchen und Tränen gebadet. Deutlich wie niemals zuvor empfand er, daß die vergangenen Tage niemals wiederkehren, und daß, wenn sie es täten, sie niemals denselben Menschen wiederfänden. Doch war diese Wehmut ohne Bitterkeit; wäre er nur mit Teresa vereint, so würden, dachte er, schöne Tage sie geleiten, wenn auch nicht veilchenbekränzte wie einst.

Einige Tage später wurde ihm der vor mehr als einem halben Jahre erfolgte Tod Teresas mitgeteilt. Als er zum Vorsteher geführt wurde, erwog er, was Außergewöhnliches vorliegen könne; denn daß er begnadigt wäre, mußte er bei Lebzeiten des Kaisers für ausgeschlossen halten. Am wahrscheinlichsten war es, daß ihm aus einem Briefe, vielleicht seines Vaters, etwas sollte vorgelesen werden, wie etwas Ähnliches bei anderen vorgekommen war; auch konnte sein Vater erkrankt oder gestorben sein. Diekmann erwiderte Confalonieris Gruß flüchtig, erledigte schnell noch ein paar Schreibereien, und als der Beamte, der den Grafen geführt hatte, ihn aufmerksam machte, daß der Gefangene von Nummer sieben da sei, rieb er sich die Stirn wie einer, den die Menge der Geschäfte zerstreut, murmelte mehrmals Nummer sieben, als könne er sich nicht besinnen, wer das sei, und sagte endlich: »Ach so!« und indem er sich zu Confalonieri wendete, er habe die Pflicht, ihm mitzuteilen, daß seine Frau gestorben sei. Dann machte er sich wieder anderweitig zu tun, und als er sah, daß Confalonieri noch dort stand, sagte er, er könne nun gehen, indem er einen Blick auf den Beamten warf und mit der Hand nach der Tür winkte. 289

Zunächst empfand Federigo keine Veränderung, als daß er keinen Brief mehr erwarten konnte; dann bemerkte er an dem Schwererwerden seines Herzens, daß es nie mehr ein Hauch der Hoffnung oder Freude anregte. Er sah sich aufstehen, gehen, essen und zuweilen einige Worte sprechen und war froh, wenn er nach der Anstrengung, die jede Tätigkeit ihn kostete, sich wieder hinlegen und die Augen schließen konnte. Allmählich fand er sich mit der Tatsache ab, daß Teresa nicht mehr auf Erden war. Er sagte sich, daß ihr Körper ein noch größeres Maß von Leiden nicht mehr ertragen konnte, und daß ein Aufhören des Leidens nicht in der Möglichkeit lag, und daß es töricht wäre, etwas Widersinniges zu verlangen. Es kam ihm unbegreiflich kindisch vor, daß er auf Glück gerechnet hatte wie auf eine bestimmbare Erscheinung; denn nicht nur, daß es auf Glück nicht ankam, es gab nichts, was sich mit allgemeiner Sicherheit so nennen ließ. Teresa hatte ihre Kraft erschöpft: eine schöne Flamme, hatte sie gewärmt und geleuchtet, bis der Stoff verzehrt war, an dem sie brannte. Während manche Seele unter dumpfem Drucke glimmt, ohne jemals sich zu entfalten, ohne zu nützen oder zu erfreuen, hatte sie weithin strahlend gelebt, einem heiligen Feuer auf Altären vergleichbar, in das der Priester duftendes Holz und Gewürze wirft.

Wäre das aber auch nicht gewesen, so hätte er doch nicht Ursache gehabt, sagte er sich, sie zu beklagen, noch sie das Recht, zu klagen. Wenn er die Entwicklung so vieler überdachte, deren Tod er erlebt hatte, und wie gering das Ergebnis ihres Daseins war, so kam er zu dem Schlusse, daß der Mensch mit seinem Trieb, sich als den Mittelpunkt der Welt zu fühlen, lernen müsse, daß die seiner nicht bedürfe und nicht nach ihm frage. Er suchte sich einzuprägen, daß man durch alle erdenklichen Qualen, Anstrengungen und Kämpfe nichts erwirbt als die Einsicht der Wertlosigkeit 290 alles dessen, um was man litt und kämpfte, und seiner selbst: daß es auf nichts ankomme, als auf gewisse große Ordnungen und Gesetze in dem endlosen Auf und Ab des empfindenden Äthers, der uns als Menschheit erscheint. Daß das Verhältnis der Menschen zu Gott überaus vernunftvoll und heilig sei, bezweifelte er nicht; aber er hielt dafür, daß die Art desselben den menschlichen Begriffen und Sinnen nicht zugänglich sei, und daß man sich damit bescheiden müsse, für sich selbst nichts zu sein. Indem man streben müsse, Gott ähnlich zu werden, müsse man eingedenk sein, daß man flüchtiger und bedeutungsloser sei als ein Regentropfen zwischen Himmel und Erde.

Wenn er daran dachte, daß eine Zeit gewesen war, wo er Eugen Beauharnais haßte wegen eines Blickes, den er mit Teresa gewechselt hatte, so dachte er an sich wie an einen fremden Menschen, dessen Verblendung bis zum Wahnwitz ging; es kam ihm jetzt so vor, als wären sie beide von Ewigkeit her tot gewesen, und als hätte er das wissen müssen. Oder wenn er an jene Fiebernacht dachte, wo er Mompiani beschwor, in das Haus des Grafen Bubna zu dringen und ihn vor den Verschworenen zu schützen, so kamen ihm jene Pläne und seine Angst und Erregung so unsinnig und unbegreiflich vor wie etwa dem Gebildeten die Wilden, die mit Lärm von Becken und Schellen den vermeintlichen Wolf zu verjagen denken, von dem sie wähnen, daß er den Mond verschlingen wolle. Es war ihm wie ein Traum, daß er einmal in weiter Ferne auf sonnigen Hügeln Entwürfe gemacht hatte, die Menschen zu beglücken, und daß er damit begonnen hatte, sich gegen den Kaiser aufzulehnen, den Gott vielleicht auf seinen Platz gestellt hatte, weil gerade seine Person und sein Wirken unerforschlichen Zwecken dienten, vielleicht auch, weil es gleichgültig war, wer regierte und nach welchen Gesetzen. 291

Die Sehnsucht nach Teresa, die ihn zuerst beständig begleitet hatte, hörte allmählich auf, wenn er auch oft an sie dachte; ebensowenig sehnte er sich nach Andryane oder einem anderen Freunde, obwohl er sie alle treu im Gedächtnisse bewahrte. Kral sah er gern, am liebsten aber hatte er den Zigeuner um sich, der ihm von seinen Wanderungen erzählte oder ihm die Weisen seines Volkes vorsummte oder stumm und zufrieden wie ein Hund bei ihm saß. Lästig waren ihm die wöchentlichen und außerordentlichen Visitationen, so daß ihn die Duldsamkeit, mit der er sie über sich ergehen ließ, eine ermüdende Anstrengung kostete; er beklagte sich nie mehr über irgend etwas und antwortete nicht mehr auf die an ihn gerichteten Fragen, als die Höflichkeit erforderte. Gewisse Augenblicke, Tage und Zeiten waren ihm lieb: der Sommer, der Sonntag, wo er die Gefährten sehen und begrüßen konnte, der Spaziergang auf der Terrasse und die klaren Nächte.

Abends, wenn alle Geräusche des Tages bis auf den Schritt der Wache im Gange, den er nicht mehr bemerkte, verstummt waren, kam ein Gefühl vollkommener Ruhe über ihn, wie wenn er ein bedeutendes Ziel erkämpft hätte. Er stellte sich dann an das Fenster und erwartete das Erscheinen der Sterne, von denen ihm viele vertraut waren; die auffallenden Bilder kannte er aus früherer Zeit, andere hatte er sich an der Farbe oder Stellung gemerkt. Er wußte, wann jeder kam, und wie lange er sichtbar blieb, und unterhielt sich damit, sie aufzusuchen. Als Knabe hatte er auf einem Landgut seiner Eltern an einem von Zypressen und Weiden ummauerten Weiher die Schwäne gefüttert; wenn er sich dem Ufer näherte, kamen die glänzenden Tiere eines nach dem anderen still gezogen, beugten den steilen Hals zu der bewegungslosen, dunklen Wasserfläche oder standen still, den Blick erwartend auf ihn gerichtet. So schwammen die Sterne aus der Tiefe der Nacht 292 zu ihm heran, wenn er an das Fenster trat, das weiße Gefieder von himmlischem Äther blitzend. Das finstere Gemäuer, an das er gekettet war, versank unter ihm, so daß er sich frei auf dem Scheitel der Erde fühlte, umgeben von Brüdern, die, einem Schwur getreu, ihrem Verlassenen zu Hilfe gekommen waren. Unverletzlich gerüstet standen sie in Ehrfurcht und Mitleid um sein wundes Herz geschart. Oft bewegte sich sein Gemüt zu ihnen mit dem Gedanken: Nehmt mich hin mit meinen Schmerzen und Träumen, laßt mich ruhen und auf ewig untergehen, oder tragt mich und bringt mich wieder, euer möchte ich sein, da ich die Tore des Lebens hinter mir geschlossen habe! Allein er fühlte sich dem Tode zu nahe, als daß man hätte sagen können, er sehnte ihn herbei. Es hatte nichts Bitteres mehr für ihn, zu denken, daß er auf diesem Friedhofe liegen würde, durch kein Zeichen von den Gebeinen namenloser Verbrecher unterschieden; vielmehr kam ihm dieser Garten, den er von seinem Fenster aus sehen konnte, wie seine Heimat vor. Er sah den Wipfel einer Schwarzpappel, die sich wie eine Bergeskuppe wölbte, und den einer Akazie, der zu ihrer Blütezeit weich wie eine bläulichweiße Wolke über der moosigen Mauer schwebte. Unter diesen Bäumen lustwandelte der Tod, der unbekannte Vertraute, mit dem er die Herrschaft dieses dunkeln Felsens teilte, und der auf ihn wartete, gelassen von der niedrigen Mauer über die Ebene hinausblickend und über die flutende Zeit.

Es gab jedoch auch Tage und Nächte, wo er sich zu müde und zu gleichgültig fühlte, um von der Pritsche aufzustehen und an das Fenster zu gehen. Dann empfand er weder Langeweile noch Betrübnis: es stand alles still in ihm, und die Dinge und Vorstellungen waren zu weit entfernt, als daß er irgendeine Beziehung zu ihnen gefühlt hätte. Wenn er hätte sprechen oder lesen müssen, wäre es ihm eine Pein gewesen. 293

An das Holunderhaus und seine Bewohner hatte er seit dem Tode Teresas nicht mehr gedacht, als eines Tages während des Spazierganges auf der Terrasse sein Blick darauf fiel und ihm zum Bewußtsein kam, wie verändert es aussah. Die grünen Fensterläden waren geschlossen, es war frisch angestrichen, und die alten Holunderbäume waren ausgerissen, sowohl der, welcher die eine Seite, mehrere Fenster verdunkelnd, ganz umklammert hatte, wie der andere, der die Pforte so überwuchs, daß der Mann und die Frau sich ein wenig hatten bücken müssen, wenn sie aus und ein gingen. Auch die Ulme war fortgenommen, wodurch der Umriß des Grundstücks anders geworden war; bei flüchtigem Hinschauen hätte man glauben können, ein neues Haus stände da in einem neuen Garten. Auf die Frage Federigos, ob die Leute ausgezogen wären, erzählte Kral, die Frau sei damals an der Cholera gestorben, und der Mann sei so betrübt gewesen, daß er nicht mehr in Brünn hätte bleiben wollen, sondern in seine Heimat zurückgekehrt sei. Seitdem habe es leer gestanden; vor einem halben Jahr habe es zwar einen Käufer gefunden, der habe es aber zuvor putzen und schön herrichten lassen und werde nun vielleicht bald einziehen. Er fügte nach einer Pause hinzu, daß er damals dem Grafen nichts davon gesagt habe in der Meinung, es würde ihn betrüben. Federigo nickte und dankte; er war durchaus nicht traurig, sondern hatte ein Gefühl, als ob alles in der Ordnung sei, nun die Frau wohlbehütet in dem Garten des Todes in seiner Nähe liege; denn obwohl er nicht wußte, wo sie begraben war, konnte er nicht umhin, vorauszusetzen, daß sie auf dem Friedhof des Spielbergs wäre. Er hatte ein Gefühl, als erweitere sich seine Herrschaft, wenn recht viele in seinen Bezirk kämen und sich zu seinen Füßen niederlegten.

Empfindlich war es für ihn, daß Kral fortging, der, 294 nachdem er zwölf Jahre lang auf dem Spielberg gedient hatte, sich getraute, um seine Entlassung einzukommen. Confalonieri selbst hatte ihn dazu ermutigt und dabei beraten. War auch seine Mutter inzwischen gestorben, so wartete doch seine Braut noch auf ihn, und die Aussicht, sie zu heiraten und mit seinen Ersparnissen ein kleines Geschäft anzufangen, das ihm ein wenig freie Zeit lassen würde, zu lesen und zu lernen, stimmte ihn fröhlich. Erst als der Zeitpunkt seiner Abreise sich näherte, wurde er unsicher und bereute fast, einen in so mancher Hinsicht verwegenen Entschluß gefaßt zu haben; auch kam es ihm wie ein Unrecht vor, den Grafen zu verlassen, der kaum je in einem Gefängniswärter einen so treuen Diener wiederfinden würde. Während der letzten Tage kamen ihm die Tränen, sowie Federigo zu sprechen anfing, und als er vor der Tür stand, um ihm Lebewohl zu sagen, kehrte er nach kurzem Kampfe wieder um, weil er es nicht über sich vermochte, und trug einem Kameraden die letzten Grüße auf.

Sein Nachfolger war ein trockener, aber nicht ungutmütiger Mensch, mit dem Federigo gut auskam, obwohl sich persönliche Beziehungen zwischen ihnen nicht entwickelten. Er hatte für manche Dinge Sinn, die Kral gleichgültig gewesen waren, und mit denen Confalonieri jetzt sich zu beschäftigen liebte; so merkte er sich, an welchen Tagen Regen oder Schnee fiel, woher der Wind kam, und was für Veränderungen er brachte, wie kalt oder wie warm es war und auffallende Bewölkungen des Himmels. Er tat das, ohne etwas daraus zu folgern, nur so, wie ein Sammler sammelt; aber es war ihm angenehm, daß jemand auf seine Beobachtungen und Notizen Wert legte, und er sorgte bereitwillig für die entsprechenden Berichte aus der Stadt, mit denen der Graf die Wettererscheinungen in der Höhe vergleichen wollte. Er wußte auch, wieviel Fabriken in der Stadt waren, wieviel Arbeiter dort angestellt waren, 295 wieviel Lohn sie erhielten, wieviel Kinder die Schule besuchten, wieviel Land beackert wurde und wieviel als Weide diente und dergleichen mehr, was alles Federigo interessierte. Über das Wetter in anderen Ländern berichtete er auch freiwillig, was er in Zeitungen auftrieb; aber mit anderen Gegenständen war er zurückhaltend, weil sie ihm zur Politik zu gehören schienen, worüber zu sprechen ihm verboten war.

Die langen und regelmäßigen Beobachtungen brachten es dahin, daß Federigo die geringsten Veränderungen in der Atmosphäre nicht entgingen und er den Charakter der Witterung aus Symptomen vorhersagen konnte, die von den meisten unbemerkt blieben. Er hörte es dem Winde ab, aus welcher Richtung er blies; er fühlte den Grad der Feuchtigkeit, der in der Luft war, an seiner Hand und sah ihn an den Sternen; er zog Schlüsse aus der Lage, der Gestalt und Beweglichkeit der Wolken. Glaubte er auch nicht, daß er die Gesetze der atmosphärischen Erscheinungen herausbekommen könnte, so unterhielt es ihn doch, Stoff dazu zu sammeln, und es kam ihm dabei zugute, daß er sich von jeher für Physik interessiert hatte und die Kenntnisse seiner Zeit besaß. Kennte man erst einmal diese Gesetze genau, so dachte er, daß es vielleicht den Menschen möglich werden würde, diese wechselvollen und einflußreichen Ereignisse ihrerseits zu beeinflussen.

Die Tage vergingen Federigo in dieser Weise schneller als sonst, und es kam vor, daß es ihm an Zeit fehlte, Briefe an seine Gefährten zu schreiben, die Kaliban nach wie vor beförderte. Was die Kirche betrifft, so war er dabei geblieben, weder zu beichten noch das Abendmahl zu nehmen; aber er wohnte Sonntags dem Gottesdienste bei und unterhielt sich gern über religiöse Fragen mit den Geistlichen, die der Kaiser in gewissen Zeitabständen auf den Spielberg schickte. Einer von diesen, der besonders weitherzig war, gab ihm verschiedene 296 religiöse Bücher, die dem Geiste eines gebildeten und denkenden Menschen Anregung und Nahrung geben konnten, nämlich die Gedanken von Pascal, die Bekenntnisse des Augustinus und die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis. Diese Bücher las Federigo mehrere Male mit immer wachsendem Interesse und glaubte sie jedesmal besser zu verstehen.

 

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