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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dies geschah im Hochsommer des Jahres 1830. Schon seit einiger Zeit hatte Andryane ein Nachlassen seiner Sehkraft wahrgenommen, das ihn beunruhigte, und das er namentlich dem Umstande zuschrieb, daß er sich lange damit beschäftigt hatte, soviel italienische Worte er kannte und ihre Bedeutung im Französischen mit dem Nagel auf die getünchte Mauer zu ritzen, deren Blendung seine Augen gereizt hatte. Die Fürsprache des Priesters, der nach Paulovich mehrere Male den Spielberg besuchte, bewirkte, daß einige Augenärzte Andryane untersuchten; sie sprachen sich dahin aus, daß das Leiden nicht ungefährlich sei und allmählich in völlige Blindheit übergehen könne, wenn nicht bald die geeigneten Mittel angewendet würden, die aber nur in Licht, Luft und allgemeiner Kräftigung des Körpers beständen. So bedenklich das auch klang, hielt es Confalonieri doch für günstig; denn er meinte, auf das übereinstimmende Urteil der Ärzte hin werde der Kaiser nicht länger mit der Begnadigung zurückhalten, für welche er vielleicht nur eine geeignete Gelegenheit erwartet habe. Andryane stimmte zwar nicht zu, gab sich aber doch im Herzen der Hoffnung hin, bis ein Zufall die gute Aussicht aufs neue einschränkte.

Es kam nämlich in gewissen Zwischenräumen ein Barbier aus Brünn auf den Spielberg, der den italienischen Staatsgefangenen den Bart zu rasieren hatte und als ein gesprächiger und zugleich gutherziger Mensch gern mit ihnen plauderte, wenn die Laune des anwesenden Wärters es gestattete. Da 274 er als Geselle in Paris gewesen war, nannte er sich Monsieur Renard statt Reinhart und liebte es, französische Brocken in seine Unterhaltung einzuflechten. Mit Vorliebe erzählte er Confalonieri die schrecklichsten Vorfälle, welche sich begeben hatten, und knüpfte daran die Bemerkung, die Welt werde täglich schlechter, und er könne froh sein, daß er fern davon sei und nichts damit zu tun habe. Jetzt nun berichtete er in französischer Sprache, um den Wärter zu hintergehen, von der französischen Revolution im Juli, von der Vertreibung des bourbonischen Königs und von der Unruhe und Aufregung, welche in den anderen Ländern dadurch hervorgerufen sei. Er war sich nicht klar, ob Confalonieri, als ein vornehmer Herr, die Revolution mißbilligte oder, als ein gefangener Hochverräter, darüber froh wäre, und sprach deshalb einerseits im Tone der Entrüstung, hier und da jedoch mit einem belustigten und schadenfrohen Zwinkern, das ihm natürlicher war. Diese Nachricht war für die Gefangenen, die seit langer Zeit nichts von den politischen Vorgängen in Europa erfahren hatten, überraschend und ein Gegenstand vieler Erwägungen; doch neigte Confalonieri mehr, als er es äußerte, dazu, das Ereignis in bezug auf Andryane für unheilvoll zu halten. Es war anzunehmen, daß der Kaiser die revolutionäre Bewegung mit verdoppelter Strenge und Vorsicht erwiderte und das Auftauchen solcher Persönlichkeiten in Frankreich verhinderte, die als aufrührerische Elemente gelten mußten. Den eigenen Einwendungen zum Trotz blieb in Andryane doch noch eine heimliche Hoffnung wach, die erst, als der Winter hereinbrach, ganz erlosch.

Von jetzt an verfiel er in einen dumpfen Trübsinn, der keiner Anregung mehr weichen wollte. Die Erschlaffung seiner Sehnerven nahm zu: er unterschied die Gegenstände weniger deutlich, und wenn er in dem kleinen Gebetbuche las, das der 275 Geistliche ihm gegeben hatte, verschwamm ihm die Schrift, und eine unüberwindliche Müdigkeit zwang ihn, die Augen zu schließen. Ein Ausmalen glücklicher Zukunft verfing nicht mehr; denn abgesehen davon, daß er von der Möglichkeit einer Begnadigung nun nichts mehr hören wollte, sagte er, daß sie ihm nicht einmal mehr erwünscht käme. Als ohnmächtiger Blinder in die Welt zurückzukehren sei schrecklicher, als im Kerker enden, um so mehr, als er nicht wissen könne, wie sich bei seiner Abwesenheit nach dem Tode seines Vaters seine Vermögenslage entwickelt habe; es sei zu spät. Seine Kraft sei erschöpft, alle Früchte am Baume seines Geistes vertrocknet, wie solle er in diesem Zustande seinen Unterhalt verdienen oder, wenn er noch reich sei, seinen Besitz genießen und verwerten? Wenn ihn Confalonieri aufforderte, die alten Lieder zu singen oder zu pfeifen, lehnte er ab, weil Musik ihn traurig mache, seit die Antwort Maroncellis ausbleibe. Das Dichten war ihm dadurch zuwider geworden, daß sein Gedächtnis das vorher Verfaßte nicht mehr festhalten wollte und daher doch nur Bruchstücke zustande kamen. Es kam vor, daß ein Tag verging, ohne daß zwischen ihm und Confalonieri etwas gesprochen wurde außer das Notwendige; Andryane starrte vor sich hin, oder er las in dem kleinen Gebetbuch, dessen Gebete er längst auswendig wußte. Die Kälte war in diesem Winter so außerordentlich, daß beide oft auf den Spaziergang verzichteten, der auf der vereisten, nie von der Sonne berührten Terrasse für die ungenügend Bekleideten und Ernährten qualvoll und ein Anlaß zu Erkältungen war. Im Zimmer war es überheiß, wenn das Feuer im Ofen brannte, oder unerträglich kalt und immer die Luft schlecht. Zuweilen hatte Andryane Anwandlungen seiner früheren Lebhaftigkeit; dann überströmte er Federigo mit Zärtlichkeiten, bat ihn um Verzeihung, daß er ihn quäle und ihm zur Last 276 falle, und ergoß sein Gefühl in Gedichten, um bald wieder in die erstorbene Gleichgültigkeit zurückzufallen.

Im Frühling erhielt Andryane die Erlaubnis, seines Augenleidens wegen sich täglich mehrere Stunden auf der Terrasse aufzuhalten, wodurch bald seine Kräfte sowie seine Stimmung gehoben wurden. Besonderes Vergnügen machte es ihm, die weiblichen Gefangenen zu beobachten, welche unter Aufsicht eines Wärters zu gewissen Tageszeiten im Freien Wäsche wuschen, und seine Laune erheiterte sich vollends, als er durch Kral erfuhr, daß eins dieser Mädchen sich in ihn verliebt habe. Das Mädchen, das den besseren Ständen angehörte und sich infolge eines Liebesverhältnisses in verbrecherische Handlungen verwickelt hatte, war wegen ihres bescheidenen Betragens allgemein beliebt und auch hübsch genug, daß es Andryane reizte, Blicke und Lächeln mit ihr zu wechseln. Die Beständigkeit der guten Witterung kam ihm zu Hilfe, so daß ihm dieser Sommer schneller und angenehmer verging als je einer zuvor auf dem Spielberg. Wie die Töne eines schönen Liedes sich so folgen, als ziehe ein jeder den folgenden magnetisch sich nach, so reihten sich die goldenen Tage ohne Wanken aneinander.

Es war im August, als Andryane auf der Landstraße einen Trupp Soldaten sah, die augenscheinlich nicht zu der Besatzung des Spielbergs gehörten. Auf Befragen erzählte Kral, daß die Cholera in Asien ausgebrochen und nach Rußland vorgedrungen sei, und daß diese Soldaten bestimmt seien, einen Grenzkordon zu bilden, um das Einschleppen der Krankheit zu verhüten. Als Confalonieri später sagte, die Soldaten würden dazu nicht genügen, es müßten ganz andere Maßregeln getroffen werden, war Kral verwundert, indem er meinte, die Regierung werde schon das Zulängliche tun, und vor allen Dingen werde Gott das Übel nicht bis hierher 277 kommen lassen. Nicht lange danach jedoch hieß es, in Olmütz sei ein verdächtiger Todesfall vorgekommen, und einige Tage später sagte man dasselbe von der Stadt Brünn. Diekmann allerdings, den der Graf darauf anredete, bestritt es, als sei eine solche Störung der öffentlichen Ordnung unter seiner Aufsicht nicht wohl denkbar; doch griff die Krankheit bald so um sich, daß es nicht möglich war, die Tatsache zu verhehlen, um so weniger, als Kral nun so ängstlich wurde, daß er von nichts anderem sprach und bei Confalonieri Rat, Schutz und Trost suchte. Er wußte eine Geschichte von einem Manne, der nachts mit einem fremden Mädchen gegangen war, um sich zu unterhalten; nachdem sie gegessen und sich hingelegt hatten, wurde das Mädchen krank, der Mann wollte sich entfernen, wurde aber von ihr, die sich schreiend an ihn klammerte, festgehalten. Endlich machte er sich los und eilte fort, fühlte aber schon auf dem Wege nach Hause Fieberschauer und starb im Laufe des folgenden Morgens. Mit solchen Gerüchten, die von einem zum anderen getragen wurden, regte er sich immer mehr auf; er wagte kaum noch zu essen, ja kaum einen Menschen zu berühren, aus Furcht, das Verhängnis könne von ihm auf seinen Leib übergehen. Andryane wurde von dieser Ängstlichkeit angesteckt und jammerte bald, daß sie dem Sterben hilflos preisgegeben seien, bald, im Gegenteil, wollte er eine Fügung Gottes darin sehen und sich dem willkommenen Tod ergeben, der ihn von einem nur aus Leiden bestehenden Leben erlöste.

Confalonieri fragte Diekmann, welche Vorbereitungen zum Schutze der Gefangenen getroffen wären, worauf dieser ein Bild seiner seit dem Auftreten der Cholera entfalteten Tätigkeit entrollte: abgesonderte Baracken wären errichtet, um die Kranken sofort aufzunehmen, die Zahl der Wärter wäre vermehrt, und einige derselben wären von Ärzten unterwiesen, wie die erste Hilfe zu leisten sei, Posten wären aufgestellt, die 278 auch des Nachts etwaige Hilferufe hören und den sofortigen Transport der Erkrankten besorgen würden. Auf die italienischen Staatsgefangenen erstreckten sich freilich diese Maßregeln nicht, da sie unmittelbar vom Kaiser abhingen; der aber würde zu seiner Zeit schon das Notwendige veranlassen. Auf diese Zeit, sagte Confalonieri, die Brauen zusammenziehend, wollten sie lieber nicht warten. Der Kaiser werde billigen, was die Vernunft erheische. Vorkehrungen, die nicht auf alle Gefangenen ausgedehnt würden, verfehlten ihren Zweck. Auch sei ihre Gesundheit und ihr Leben ebenso wertvoll wie das der gemeinen Verbrecher.

Das möchte wohl sein, erwiderte Diekmann, allein der Kaiser müsse das besser wissen. Übrigens seien die Einrichtungen auf dem Spielberg so und würden so gehandhabt, daß er mit Stolz behaupten möchte, es würden an keinem Orte so wenig Fälle vorkommen wie auf dem Spielberg. In gewisser Hinsicht sei das wahr, entgegnete Confalonieri, hier sei keine Gelegenheit zu Ausschweifungen, die oft gefährlich würden. Hingegen müßte für bessere Luft in ihren Zimmern gesorgt werden; auch müßten sie in dieser Zeit besser ernährt werden; denn das Wesentliche sei, daß der Magen die Kraft habe, die Keime der Krankheit zu zerstören; ferner müßten sie im Notfall sofortige Hilfe erlangen können. Wenn Diekmann dazu nichts tun könne, wolle er sich an den Kommandanten oder an den Gouverneur wenden. Die Andeutung, daß er nicht allein maßgebend sei, reizte Diekmann zu einer boshaften Bemerkung, nämlich, er freue sich, zu sehen, daß einem zu lebenslänglichem Kerker Verurteilten noch so viel am Leben liege; es sei das ein Beweis, daß er sich auf dem Spielberg einigermaßen wohl fühle. Federigo hob den Kopf, in seinen Augen flammte es, und um seinen Mund flog ein Lächeln, das stolz und ein wenig herablassend war. »Es 279 handelt sich nicht nur um mich,« sagte er, »sondern um junge Männer, die diesen Ort voraussichtlich über kurz oder lang verlassen werden, und vor denen eine schöne und ehrenvolle Zukunft liegt. Was mich betrifft, so möchte ich mich bewahren für irgendein Unglück oder Glück, mit dem die unerforschliche Vorsehung mich etwa noch begnaden möchte.« Diekmann sah ihn verdutzt an und wußte nichts zu erwidern; als er gegangen war, fiel Andryane dem Freunde um den Hals und rief: »Schönster und wunderbarster aller Menschen! Woher kommt dir plötzlich diese Herrlichkeit? Ist dir dein und unser Leben im Ernst noch so wichtig, das wir vernünftigerweise froh sein müßten Gott zurückgeben zu dürfen?« »Wichtig?« sagte Confalonieri; »es ist mir heiliger als je. Daß wir nicht so wichtig sind, wie wir ehemals meinten, habe ich eingesehen, weder wir, noch unsere Taten, noch unsere Pläne. Andere werden kommen und tun, was wir zu tun unterließen, weiser und erfolgreicher als wir; und kämen sie nicht, was läge daran? Aber gerade weil ich das begriffen habe, wüßte ich jetzt, wie ich das Leben leben sollte. Jetzt würde ich nicht mein Wesen ins Unermeßliche stürzen wollen, sondern das Nächste mit Liebe an mich heranziehen. Ich würde die Menschen lieben und die Arbeit tun, die der Augenblick mir zuführte, den Augenblick selbst wie einen Gesandten Gottes bewerten. Die Erde fruchtbar zu machen, die Saat zu säen, den Keim wachsen zu sehen, selbst eine Pflanze zu sein, die an der Sonne aus der Sonne sich bildete, das würde mich beglücken.« Alexander begeisterte sich an der Vorstellung von einer Zukunft, wo Federigo an Teresas Seite, er mit seinem geliebten Weibe und geliebten Kindern in Frankreich miteinander lebten und der erlittenen Mühsal wie eines drückenden Traumes oder einer kurzen Prüfung gedächten. »Wie dem auch sei,« sagte Federigo, »so will ich dir gestehen, daß ich außer allem diesem 280 und abgesehen davon, daß ich zu den anderen Schmerzen Teresa nicht auch den meines Todes bereiten möchte, mich deshalb gegen die Cholera wehre, weil mir vor ekelhaften Krankheiten graut.« Alle die Eingaben jedoch, die er an verschiedene Instanzen richtete, fruchteten nichts; denn sie verwiesen auf die Entscheidung des Kaisers, die nicht eintraf. So blieb nichts übrig, als sich dem Zufall anzuvertrauen. Kral, der viel ängstlicher war als die schlecht versorgten Italiener, behauptete, daß die Cholera nicht leicht auf den Spielberg kommen würde, daß aber, sowie einer erkrankt sei, rettungslos alle angesteckt werden und sterben würden. Da die Gefangenen in der Woche sich nicht sahen und nicht immer voneinander hörten, überblickte des Sonntags in der Kirche jeder erwartungsvoll die Plätze der Gefährten, und wenn einer fehlte, fürchteten die anderen, ihn nicht wiederzusehen. Nachdem in einer Nacht Geschrei, Kettenklirren und ungewöhnliches Hin- und Herlaufen in den unteren Räumen verraten hatten, daß eine Erkrankung eingetreten war, bemächtigte sich aller das unbehagliche Gefühl, als sei der furchtbare Gast nun eingetreten, unsichtbar gegenwärtig in jedem Winkel, auf jedem Stuhl und jedem Lager, um einem von ihnen im nächsten Augenblick den giftigen Atem ins Herz zu hauchen. »Ich fürchte nichts,« sagte Borsieri; »nachdem ich sieben Jahre lang mährische Bohnensuppe gegessen habe, werde ich auch die Cholera verdauen.« Aber Kral war überzeugt, daß sie samt und sonders verloren wären.

An einem Nachmittage, als Kral mit Confalonieri auf der Terrasse spazierenging, sahen sie von der Stadt her vier oder fünf Leichenwagen hintereinander dem Friedhofe zufahren. Bei keinem derselben war ein Gefolge; auf den Särgen, die zu dritt auf die Wagen gestellt waren, lagen weder Trauerdecken noch Kränze; auch hörte man kein Läuten und keine 281 Musik; die Pferde, die nachlässig mit schwarzen Tüchern behangen waren, wurden von den Kutschern mit der Peitsche zur Eile angetrieben und galoppierten ein paar Schritte, um unter der drückenden Schwüle bald wieder zu erlahmen. Am Himmel standen blaugraue, von der Sonne beleuchtete Wolken, wie flammende Scheiterhaufen; die Türme der Stadt, die weißen Häuser und die hohen Bäume, deren viele noch dunkelgrüne, andere gelbe Blätter hatten, sahen aus wie Metall in weißem Feuer glühend. Selbst auf der Terrasse war es so heiß, daß man die Hand nicht lange auf der Brüstung mochte liegen lassen. So gehe es den ganzen Tag zu, sagte Kral, mit schreckhaft aufgerissenen Augen auf den Leichenzug starrend; am schlimmsten aber sei es bei Nacht. Dann erst würden die meisten Leichen beerdigt; denn man wolle die große Zahl der Todesfälle verheimlichen. Von Mitternacht bis gegen den Sonnenaufgang könne man die Karren rollen hören, auf denen die Toten lägen, nicht eingesargt, nur in Tücher gewickelt, um in eine gemeinsame Grube geschüttet zu werden, die schon vorbereitet der Zufuhr harre. Man wisse wohl, daß unter den Leichen auch Lebende sich befänden, die ohnmächtig oder betäubt, von den Trägern in der Eile mit ergriffen würden. Confalonieri sagte, es sei unrecht, die Leichen nicht zu verbrennen; man könne nicht erwarten, daß die Seuche aufhöre, wenn man das Gift, anstatt es zu zerstören, in der Erde aufbewahre und weiterverbreite. Kral schüttelte sich; seit dem gestrigen Tage, sagte er, fühle er sich nicht gut, auch jetzt sei ihm schwindlig. Das komme von der Hitze, sagte Confalonieri und ging mit ihm ins Haus.

Sie wollten eben in sein Zimmer eintreten, als der Zigeuner Olah mit einem Wärter den Gang hinunterkam, einen Eimer in der Hand, der ihm augenscheinlich zu schwer wurde. Sie wurden aufmerksam und blieben stehen, als er plötzlich den 282 Eimer hinsetzte und sich mit beiden Händen nach dem Kopfe faßte, wie wenn er heftige Schmerzen hätte oder sich sonst elend fühlte. Der neben ihm gehende Wärter rief ihn an, was er mache, und wollte ihn am Arme packen; da aber der Zigeuner im selben Augenblick, von einem Krampf befallen, zu Boden stürzte, schrie er: die Cholera! und rannte davon, ebenso Kral, der mit Entsetzen zugesehen hatte. Confalonieri rief ihnen zornig nach, sie sollten dableiben und dem Unglücklichen helfen; indessen als er sah, daß es umsonst war, nahm er den Bewußtlosen in seinen Arm, schleppte ihn in sein Zimmer und legte ihn, von Andryane unterstützt, auf seine Pritsche. Ihm beizustehen, hatten sie nichts als Wasser, womit sie ihm die Schläfen rieben. Inzwischen hatte Kral einen Krankenwärter geholt und kam selbst mit ihm zurück, tiefbeschämt nicht nur wegen seiner Ängstlichkeit, sondern hauptsächlich, weil er den Schlüssel in des Grafen Zimmer hatte stecken lassen, was eine unentschuldbare Pflichtversäumnis war und die schlimmsten Folgen für ihn hätte haben können. Hatte er bisher Federigo verehrt, so war er ihm jetzt nicht anders als ein Hund ergeben, der sich bewußt ist, Schläge von seinem Herrn zu verdienen. Nachdem festgestellt war, daß Olah die Cholera nicht hatte, war er ein wenig von seiner Furchtsamkeit geheilt, so daß er sich zuweilen über die der anderen lustig machte. Doch wurde die Stimmung im Laufe des Winters noch gedrückter, da die Seuche nicht, wie man angenommen hatte, mit der Kälte aufhörte, sondern nur nachließ, während die Kränklichkeit der Gefangenen, wie stets in der kalten Jahreszeit, zunahm. Nun Andryane von der Erlaubnis, sich so lange wie möglich auf der Terrasse aufzuhalten, keinen Gebrauch mehr machen konnte, verschlimmerte sich der Zustand seiner Augen, ohne daß die Ärzte einzuschreiten vermochten, so daß die Befürchtung, zu erblinden, sich seiner wieder 283 bemächtigte. Er bereute, sich im vergangenen Sommer froheren Stimmungen hingegeben zu haben, da es folgerichtig und besser für ihn gewesen wäre, wenn er damals schon für immer auf die Zukunft verzichtet und seine Seele hätte absterben lassen, anstatt sie noch einmal mit Empfindungen zu täuschen.

Im März fiel in trübes Tauwetter neuer Schnee; die Natur schien sich in Verwesung aufzulösen. Eines Tages hörte Andryane in der Dämmerung den Schrei eines Raben vor dem Fenster, der sich mehrfach wiederholte und ihm so lästig war, daß er aus der Luke sah, ob er ihn etwa verscheuchen könne. Er saß auf der Spitze eines vorragenden Dachfirstes, und sein dunkler Körper ragte groß in die graubleiche, ungewisse Schneeluft; ihn durch das Werfen mit kleinen Schneekugeln aufzutreiben, gelang nicht. Andryane regte sich darüber auf: die Nähe des Unglücksboten beängstigte ihn, er habe das Gefühl, als rufe das Schicksal ihn beim Namen, bevor es ihn treffen wolle. Federigo sagte, der Winter treibe Raben und andere Vögel, die nicht auswanderten, aus den vereisten und verschneiten Wäldern und Feldern zu den Wohnungen der Menschen, wo sie Futter zu finden hofften; insofern deuteten sie freilich Unglück an, da für das Volk Glück und Unglück hauptsächlich durch den Wechsel der Jahreszeiten bedingt sei. Übrigens hätten sie auf dem Spielberg nichts zu fürchten, nur zu hoffen. Der Rabe flog einige Male auf, umflatterte die Mauerecke, wo er gesessen hatte, und ließ sich dann wieder nieder; erst mit der Dunkelheit verschwand er. Am anderen Morgen, als Andryane aufwachte, hörte er wieder das melancholische Krächzen und fand den rätselhaften Gast auf demselben Platze. Er fühlte sich dadurch aufs äußerste beunruhigt, und Federigos Behauptung, es hätten oft und oft Raben auf dem Gesimse gerastet und nach ihrer Art gekräht und Kreise gezogen, reizte ihn mehr, als daß sie ihn trösteten. Gegen Mittag 284 flog der Vogel fort und kam nicht zurück, wie wenn er sich seiner Botschaft entledigt hätte. Den ganzen Tag über war Andryane unruhig und ängstlich; aber da sich nichts begab, verging diese Stimmung und machte der trübsinnigen Gleichgültigkeit Platz, in die er jetzt meistens versunken war.

Am folgenden Nachmittage, nachdem sie das Abendessen schon eingenommen hatten, hörten sie das eigentümliche Rasseln, das mit dem Öffnen der das Stockwerk abschließenden Haupttür verbunden war. Da diese für gewöhnlich nicht und um diese Zeit niemals benutzt wurde, außer wenn etwas Wichtiges vorlag, dachten beide sofort an jenen Sonntagabend, als Pellico und Maroncelli die Begnadigung erhielten. »Es gilt dir,« sagte Confalonieri zu Andryane, der aufgestanden war und festgewurzelt zitternd auf dem Fleck stehenblieb, um zu horchen, wohin die Schritte sich wendeten. Es war in der Tat der Polizeidirektor, der Andryane aufforderte, ihm zum Vorsteher zu folgen, mit der verheißenden Miene und dem munteren Tone eines Mannes, der eine erwünschte Nachricht bringt und dadurch anzeigte, daß es sich um Befreiung handelte. Andryane sah sich fast bestürzt nach Confalonieri um; plötzlich brach er in Tränen aus und warf sich laut schluchzend in seine Arme. »Ich bin glücklich,« sagte dieser mehreremal schnell und herzlich, indem er ihn wieder und wieder an sich zog und küßte; sie wußten beide, daß die Gefangenen, denen die Begnadigung angesagt war, nicht mehr in ihre Zelle zurückkehren konnten, sondern in die Stadt geführt und dort bis zur Weiterreise in angemessener Weise untergebracht wurden.

Noch eine Stunde lang horchte Federigo bei jedem Geräusch auf, ob Andryane nicht dennoch wiederkäme; aber es blieb alles still, wie es zuvor gewesen war. Erst am anderen Morgen, als er auf dem Stuhl neben Andryanes Pritsche den Kamm und die Seife liegen sah, die ihm gehört hatten, fing er an zu 285 weinen. Das Zimmer schien ihm leer und frostig und die Stille wie ein Stein; es war ihm, als hätte er ein liebes Kind verloren.

 

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