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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der Mitte des Sommers geschah in den Gefängnissen eine Untat, welche eine wichtige Veränderung zur Folge hatte. Unter den zu schwerem Kerker verurteilten Verbrechern befand sich ein Jude, der der Gegenstand des Hasses und der Verachtung aller übrigen und zwischen diesen Ausgestoßenen ein Ausgestoßener war. Er vergalt die Kränkungen, die er empfing, mit bösartiger Verhöhnung, insbesondere des christlichen Glaubens, wodurch er seine Quäler am empfindlichsten zu treffen dachte, und wodurch er ihrer Abneigung Nahrung und eine eigentliche Begründung gab. Auch die Wärter 267 verabscheuten ihn und nahmen sich seiner nicht an, wenn er von der Überzahl der Angreifer mißhandelt wurde; einzig Hauptmann Smertschek pflegte ihn, wenn etwas von den Ausschreitungen bis zu ihm drang, einigermaßen zu beschützen. Auch er empfand den Abscheu gegen ihn, den sein von Furcht, Haß und unterdrückten Leidenschaften zerrissenes Gesicht, das lange, rötliche, zum Teil ergraute Haarsträhnen umgaben, seine Fremdartigkeit und sein lauerndes Wesen unwillkürlich einflößten; aber der von allen Seiten gehetzte alte Mann tat ihm leid, und da er in religiösen Dingen weitherzig war, ärgerte ihn das blindwütende Vorurteil des Volkes gegen die Juden, und wo ihm ein solches entgegentrat, schlug er sich ohne weiteres auf deren Seite, obwohl er von demselben Gefühl der Abneigung erfüllt war wie diejenigen, die er bekämpfte. Bei einer solchen Gelegenheit nun, wo der alte Jude in roher Weise geschlagen war, weil er, wie die Schuldigen behaupteten, die Jungfrau Maria beschimpft habe, und der Hauptmann Ruhe gebietend zwischen die Wütenden trat, zwar auch den Juden verwarnte, schärfer aber diejenigen bedrohte, die ihn geschlagen hatten, fiel ihn der Jude unversehens an und brachte ihm mit einem Messer einen Stich in die Seite bei, der im ersten Augenblick für tödlich gehalten wurde. Warum der Unselige gerade denjenigen umbringen wollte, der sich bemühte, gerecht gegen ihn zu sein, wurde nicht klar; vielleicht war er einer vorübergehenden Geistesverwirrung unterlegen, oder die gemessene Verachtung des höherstehenden Mannes hatte seine Rachsucht mehr entflammt als der offene Haß seiner Genossen.

Heilte die Wunde auch bald, so war nach diesem Unfall doch dem Hauptmann und besonders seiner Frau der Aufenthalt auf dem Spielberg noch unerträglicher als zuvor geworden, so daß er sich entschloß, die Bitte an den Kaiser zu 268 richten, er möchte ihn anderswohin versetzen. Er war, da diese bewilligt wurde, zwar dankerfüllt, aber im Grunde doch betrübt, daß er den Ort verlassen mußte, wo seine erste Frau gestorben war. Überhaupt hatte der Anfall des alten Juden ihn schwermütig gemacht; er äußerte gegen Confalonieri, daß er beständig darüber nachdenken müsse, was jenen dazu veranlaßt haben könne, und ob er wohl seinen Posten gerecht und pflichtgemäß ausgefüllt habe. Wenn seine erste Frau noch gelebt hätte, würde etwas so Schreckliches nicht vorgefallen sein; das wohltätige Wesen, das von ihr ausgegangen sei, habe sich auf ihn und auf den ganzen Spielberg erstreckt. Er sehe schon ein, daß er diesen für ihn so unleidlichen Ort verlassen müsse, wenn er noch einmal seines Lebens froh werden wolle; dennoch könne er das Gefühl nicht unterdrücken, daß es nicht wohlgetan sei, das Grab seiner Frau zu verlassen. Die Erwiderung Federigos, das Grab seiner Frau sei in seinem Herzen, und er nehme es überallhin mit, machte einen tiefen Eindruck auf den Hauptmann; zuerst sah er den Grafen groß an, als wundere er sich, daß man einen so schönen Gedanken haben könne, dann erfaßte er ihn zusehends besser und gewann eine außerordentliche Befriedigung daraus, so daß er Federigo zum Abschied dankbar und augenscheinlich in leichterer Stimmung die Hand drückte.

Der an seine Stelle trat, ein Beamter namens Diekmann, der sich aus untergeordneter Stellung heraufgearbeitet hatte, war durchaus anders geartet und ließ sofort merken, daß unter ihm ein neues System beginne. Er war durch und durch voll Betriebsamkeit, Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit, schwelgte in dem Bewußtsein, es mit diesen Tugenden so weit gebracht zu haben und wenn nicht die Glückseligkeit, so doch die Vollkommenheit in alle Verhältnisse hineinzutragen. Was unter seinem Vorgänger gewesen und geschehen war, betrachtete er 269 als untauglich und schickte sich zuversichtlich an, auch hier die Musterwirtschaft einzurichten, die gleichsam ein Ausfluß seines Charakters war. Die Gefangenen waren für ihn bewegliche Gegenstände, welche die herzustellende Ordnung entweder störten oder vorteilhaft vollendeten; übrigens wollte er ihnen weder wohl noch übel und kam nicht auf den Gedanken, daß sie persönliche Eigenheiten oder Ansprüche haben könnten. Infolgedessen vollzog er die wöchentlichen Visitationen mit geräuschvoller Gründlichkeit, hörte etwaige Beschwerden, ungeduldig zur Kürze und Sachlichkeit ermahnend, stirnrunzelnd an und erledigte sie schleunig, nur die Zweckmäßigkeit des Ganzen im Auge. In ein menschliches Verhältnis zu ihm zu treten, war unmöglich.

Erst im Spätherbst wurde die Mauer fertig, jenseit welcher nur noch die äußersten, im Horizont verschwimmenden Streifen der Ebene und eine Kette blauer Hügel sichtbar waren. Confalonieri vermied es seitdem, an das Fenster zu treten, und brachte die meiste Zeit, da mit der Kälte sich seine rheumatischen Schmerzen wieder einstellten, auf der Pritsche liegend zu. Um diese Zeit wurde in dem größeren ihrer Zimmer über der Tür ein Öllämpchen befestigt, welches von fünf bis um sieben Uhr brannte und über den nächsten Umkreis eine trübe Helligkeit verbreitete. Auf Federigos Frage, was das zu bedeuten habe, erinnerte Diekmann ihn daran, daß sie um abendliche Beleuchtung während des Winters gebeten hatten, um länger lesen zu können, augenscheinlich stolz darauf, daß er von allem, was vor seiner Zeit vorgefallen war, genau Bescheid wußte. Die darauf bezügliche kaiserliche Erlaubnis sei jetzt eingetroffen, und wenn sie nun auch keine Bücher mehr hätten, könnten sie doch länger Strümpfe stricken oder sich sonst des Lichtes erfreuen. Das Lämpchen, das an die geweihten Lichter erinnerte, die in der Nacht des Festes Allerseelen auf den Gräbern und 270 in den Grüften zu brennen pflegen, machte einen schaurigen Eindruck auf Andryane, so daß er um die Zeit, wo es brannte, aufgeregt und geängstigt und zum Weinen geneigt war.

Obwohl aus dem größeren Fenster, das Confalonieris Zimmer vor denen der anderen Gefangenen voraushatte, seit der Errichtung der Mauer kein nennenswerter Vorteil mehr gezogen werden konnte, so war es ihm und Andryane doch empfindlich, als sie ihre Zelle an Pallavicino und den mit ihm zusammenwohnenden Freund abtreten mußten, weil dieser brustleidend war und einen möglichst luftigen Raum bewohnen sollte. Wären auch die Zimmer, die sie anstatt dessen erhielten, nicht enger und dunkler gewesen, so hätten sie doch nur ungern den Raum verlassen, in dem sie mehrere Jahre zugebracht hatten, und in dem ihnen jeder Stein und jede Spalte vertraut war. Vor allen Dingen schmerzlich aber war es Confalonieri, sich von dem Obersten Moretti entfernen zu müssen, dem seine Nähe und Fürsorge ein Trost gewesen war, um so mehr, als er nicht wußte, ob Pallavicino auf seine Eigentümlichkeiten einzugehen verstehen würde.

Eines Tages wurde Andryane von einem Wärter aufgefordert, ihm augenblicklich zum Vorsteher zu folgen, und da dies nur in außergewöhnlichen Fällen geschah, glaubte Federigo nichts anderes, als daß sein Freund begnadigt worden sei und nicht zurückkehren werde. Anstatt dessen wurde ihm mitgeteilt, daß sein Vater gestorben sei, und ihm einige Stellen aus dem Briefe seiner Schwägerin vorgelesen, in welchem sie ihn davon in Kenntnis setzte. Die Worte, mit denen sie ihm erzählte, daß der Sterbende häufig seiner gedacht und die Hoffnung geäußert habe, seine Leidenszeit im Kerker möge ihn zu Gott führen, machten einen solchen Eindruck auf ihn, daß er seine protestantischen Neigungen nicht nur aufgab, sondern bereute, jemals in Gedanken vom katholischen Glauben 271 abgewichen zu sein. Er gab sich von nun an einer andächtigen und verzückten Frömmigkeit hin wie einer, der sich von einem geliebten Gegenstand Verzeihung für vorübergehende Untreue verdienen möchte, und beschloß, mit Verwerfung seiner früheren Pläne, die Geschichte der Kreuzzüge in ein episches Gedicht zu fassen. Da sie jetzt nur selten ein Stück Papier und einen Bleistift sich verschaffen konnten, riet ihm Confalonieri, jeden Vers, den er gemacht habe, auswendig zu lernen und so das Ganze, bis einmal bessere Zeiten kämen, in seinem Gedächtnis aufzubewahren. Hiermit wurde die Zeit einigermaßen hingebracht; doch erlahmte Andryane oft, so daß Federigo Mühe hatte, ihn durch Ratschläge und Anerkennung zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen.

In demselben Jahre erkrankte Maroncelli: er bekam ein Geschwür am Knie, dessen unzweckmäßige Behandlung den Verlust des Beines herbeiführte. Während der langen Wochen, die bis zum Entschlusse des Arztes und zur Erlaubnis des Kaisers vergingen, widmete ihm Pellico die sorgsamste Pflege, die des Kranken unbesiegbare Munterkeit und liebliche Denkart ihm erleichterte. Als er eines Sonntags zum ersten Male wieder beim Gottesdienste erschien, ergriff es alle, denjenigen als Krüppel an der Krücke humpeln zu sehen, dessen elastisch hüpfender Gang stets den behenden Schlag eines sorglosen Herzens anzudeuten schien. Seine braunen Augen lachten nach allen Seiten, und die rosigbräunliche Farbe fehlte nicht ganz auf seinen Wangen; nur daß er etwas Fett am Gesicht und Körper angesetzt hatte, ließ ihn älter und weniger frisch als sonst erscheinen. Pellico sah, durch die lange Pflege und den Anblick und das Mitleiden qualvoller Schmerzen angegriffen, traurig, krank und verkümmert aus.

Nicht lange danach hörten Confalonieri und Andryane an einem Nachmittage, kurz nachdem sie das Abendessen 272 eingenommen hatten, Schritte auf dem Gange, die keinem der gewöhnlich dort verkehrenden Wärter angehörten und überhaupt zu dieser Stunde auffallend waren. Beide horchten mit angehaltenem Atem: die Schritte gingen bis zu der von Pellico und Maroncelli bewohnten Zelle, und unter den Personen, die diese nach einer Weile verließen, befand sich Maroncelli, den das Aufstoßen der Krücke verriet. Sie hörten ihn, als sich die Schritte ihrer Tür näherten, langsamer gehen, unterschieden ein leise geflüstertes Addio und sahen einen Zettel aus dem Schlüsselloch fallen, den er hineingeschoben hatte, und auf welchem mit einer Nadel gestochen stand: »Wir sind frei, lebt wohl, lebt wohl!« Confalonieri sagte, in dem Augenblick, als die auffallenden Schritte hörbar geworden wären, sei ihm der bestimmte Gedanke gekommen, ihm sollte der Tod Teresas mitgeteilt werden; er habe aufgeatmet, als die Schritte an ihrer Tür vorübergegangen wären, aber das angstvolle Schlagen seines Herzens habe noch nicht wieder nachgelassen. Nun sei es statt dessen ein Glücksbote gewesen; Pellico wäre gewiß des Todes gewesen, wenn er noch länger auf dem Spielberg hätte bleiben müssen. Andryane nickte; die Kehle war ihm zugeschnürt, und als sein Blick, der hilfesuchend über die nackten Mauern hinlief, an den eisernen Ringen hängenblieb, an welche die Gefangenen festgeschlossen werden konnten, brach er in Tränen aus. »Sieh,« sagte Federigo, »diese Begnadigung ist ein Zeichen, daß der Zorn des Kaisers nachgelassen hat, und daß auch du dich bald der Freiheit wirst erfreuen können.« Andryane schüttelte heftig den Kopf und sagte: »Im Gegenteil, nun aus dem kargen Quell der Gnade ein Tropfen geflossen ist, wird er auf lange Zeit versiegt sein.« Mit allerlei Gründen suchte Federigo ihn zu einer anderen Ansicht zu überreden und erreichte schließlich, ihn etwas heiterer zu stimmen. Indem er sich an des Freundes 273 Brust warf, erwiderte er ihm unter Tränen lächelnd, daß er weit entfernt sei, Pellico und Maroncelli ihr Glück zu mißgönnen, sie nicht einmal beneide, da vielmehr sein Schmerz, Federigo zu verlassen, wenn er allein begnadigt würde, die Freude, frei zu sein, weit übertreffen würde.

 

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