Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Als Federigo das erstemal nach der Trennung vom Spaziergange in das leere Zimmer zurückkam, fiel ihm der Abend ein, wo er auf dem Spielberge eingetroffen war und den trüben Raum zuerst betreten hatte. Es schien ihm, als sei er damals noch jung, kühn und voll törichter Hoffnungen gewesen. Hatte ihm auch vor dem Grabeshauch, der ihm entgegenschlug, gegraut, so hatte er doch unvergeßlich in seinem Herzen ein Leben gefühlt, das nicht zu löschen war; die Zelle war für ihn nichts anderes gewesen als eine Höhle, in der ein Flüchtling sich eine Weile verbirgt, um weiter in glückliche Freiheit zu eilen, sowie die Sterne günstiger winken. Jetzt wußte er, daß hier sein einziges Haus für immer war, sein Haus und seine Gruft, auf die ein Stein gewälzt war, den kein Mensch lüften konnte. Die Wege und die Flüsse, die er frei ins Weite strömen sah, schlugen keine Brücke in eine selige Ferne, sondern sie waren ein Bild auf sein Fenster gemalt, dessen zudringlicher Anblick die Augen übersättigte.

Am anderen Morgen lag er, als Schiller eintrat, noch auf 249 dem Bett, weil er den Tag nicht hatte beginnen mögen. Schiller setzte sich zu ihm, ohne ihn anzusehen, und ohne etwas zu sagen; er war grau, seine Unterlippe hing herunter, und wie Confalonieri ihn betrachtete, sammelten sich ein paar Tränen in seinen trüben Augen, liefen langsam heraus und verflossen in den tiefen Furchen seines Gesichtes. Federigo richtete sich auf, faßte die Hände des Alten und fragte, was geschehen sei; ob er sich krank fühle, oder was ihm sonst fehle. Es dauerte eine Weile, bis er antworten konnte, dann sagte er, die Augen auf die Wand gerichtet: »Beelzebub hat gesiegt. Dies ist das letztemal, daß ich bei Euch sein kann; denn ich bin weggejagt und auf den Mist geworfen.« Aus der näheren Erklärung ging hervor, daß er nicht eigentlich in Ungnade, sondern unter dem Vorwande seines Alters und seiner Kränklichkeit entlassen war, wie ihm denn auch gestattet wurde, mit einer kleinen Pension auf dem Spielberg bis zu seinem Ende zu bleiben; allein es hatte, wie schon vorher, nicht an scharfen Verweisen gefehlt, daß er in strafbarer Weise die Übergriffe der italienischen Staatsgefangenen begünstigt habe. »Ihr hattet unrecht,« sagte er, »mit Euren Reden von der Würde und Göttlichkeit des Menschen Euch die Flucht und mir das Trinken auszureden. Das sind Gaukeleien, mit denen der Mensch um sein bißchen Glück auf Erden betrogen wird.« »Es kommt nicht an auf Glück,« rief Confalonieri; allein Schiller unterbrach ihn, indem er störrisch mit Kopfschütteln sagte: »Die Erde gehört den Pfaffen und der Himmel auch; den Guten bleibt nichts als ein froher Augenblick, den sie sich erhaschen.« Er könne ihnen nun nicht mehr beistehen; aber zum Glück sei Kral sein Nachfolger geworden, der ein guter Junge sei und seine Worte in Ehren halten werde. Er werde ihm das Versprechen abnehmen, für die Italiener, seine Kinder, so zu sorgen, wie wenn sie seine Brüder wären, und 250 insbesondere ihm, Confalonieri, die Briefe wie bisher zu befördern. Erhielte er einmal die Freiheit wieder, würde er sich ohnehin erkenntlich zeigen; Kral würde es aber auch ohne diese Aussicht tun. Einen anderen, auf den sie sich verlassen könnten, hätten sie nun nicht mehr; denn Fritz, der sich schon seit mehreren Tagen mit Fluchtgedanken getragen hätte, wäre in letzter Nacht entwichen und wohl schon weit. Ob er sich wieder auf die Räuberei legen werde, wisse er nicht; mit Geld habe er ihn nach seinen Kräften versehen. Wäre er jünger, so hätte er wohl mit ihm gehen mögen, zum Sterben aber sei die alte Spelunke gut genug, und er wolle doch auch seine Italiener nicht verlassen, denen er vielleicht noch hier und da ein Buch oder sonst etwas Brauchbares zuwenden könne. Er versprach, im Burggraben spazierenzugehen und nach ihren Fenstern hinaufzuwinken, solange es dem Gefährten gefiele, der von jetzt an immer an seiner Seite sein würde. Auf der Schwelle kehrte er noch einmal um und sagte: »Ihr müßt mir aber keine bösen Blicke geben, wenn ich einmal einen Schluck Wein getrunken habe; denn das würde uns beide kränken, da wir uns nicht mehr versöhnen können.« Er sah dabei ernsthaft aus, in keinem Winkel um seine Augen oder um seine Lippen war ein Blinzeln oder Lächeln; Confalonieri nickte schweigend.

Am folgenden Abend, nachdem die Sonne untergegangen war, erschien Schiller im Burggraben; als er Federigos ansichtig wurde, lächelte er, nickte zufrieden vor sich hin und blickte wieder lächelnd hinauf. Es war für diesen eine wohltätige Unterhaltung, zu warten, bis die vertraute Gestalt unter den Bäumen hervorkam, und ihr zu folgen, bis die dicken Gesträuche ihn seinen Blicken wieder entzogen. Es war noch eine letzte Spur soldatischer Strammheit in dem hageren und verwitterten Körper, wenn er zuweilen stehenblieb und sich aufrichtete; aber wenn er ging, kam bald etwas Gebeugtes und 251 Gelöstes in seine Glieder, das ein Gefühl von Wohlbehagen des Ausruhens erweckte. Federigo mußte an den Gefährten denken, von dem Schiller gesagt hatte, daß er von nun an immer an seiner Seite sein werde. Lautlos ging der geheimnisvolle Dämon neben und hinter ihm, mit mächtigem Gang die wankenden Greisenschritte behütend, von einem sanften, grünlichen Licht umflossen, das schimmernd an den dunklen Gebüschen hängen blieb.

Täglich freute sich Federigo auf diese Besuche, die nur dann ausblieben, wenn der Husten oder sonstige Beschwerden den Alten einmal im Bette hielten. Vom Morgen bis in die Nacht war er am Fenster, zuweilen in einem Gespräch mit Pellico oder in Gedanken oder nur in Betrachtung der Landschaft und dessen, was sich draußen begab. Einmal spielte sich vor seinen Augen ein kleiner Auftritt ab, der seine Aufmerksamkeit besonders fesselte. Er sah nämlich vor einem Hause von ländlicher Bauart am Fuße des Spielbergs eine Frau mit einem Kinde einen Mann erwarten und empfangen, der auf der Straße von der Stadt herkam, wo er vermutlich sein Geschäft betrieb. Er konnte so viel erkennen, daß die Frau ein einfaches loses Kleid trug, das von einem schärpenartigen Bande zusammengehalten wurde, und das Kind, ein etwa dreijähriges Mädchen mit goldgelben Locken, ein feuerrotes Kittelchen, das Hals, Arme und Beine frei ließ. Gleichzeitig setzten sich der Mann, die Frau und das Kind in Bewegung, um einander entgegenzulaufen; als sie sich erreicht hatten, umarmten und küßten sich der Mann und die Frau, und das Kind umfaßte beide, so gut es eben konnte, bis die beiden sich bückten, es aufhoben und in ihre Umarmung vereinigten. In Federigos Augen traten Tränen; es betrübte ihn, daß die drei bald darauf in das Haus gingen, wie er sich vorstellte, um das kleine Mädchen zu Bett zu bringen, oder um das Abendessen zu 252 nehmen. Er betrachtete nun das Haus näher: es war gelblichweiß angemalt, hatte grüne Läden und ein flaches Dach; auf zwei Seiten war es fast zugedeckt von alten Holunderbäumen mit absonderlich gekrümmten Stämmen, an der gegenüberliegenden, die nach Süden ging, befand sich eine kleine, offene Vorhalle, die durch hölzerne Pfeiler gebildet war. Das Haus lag in einem Garten, wo Gemüse gebaut wurde; aber es gab dort auch einen mit Gras bewachsenen Abhang, auf dem Obstbäume standen, und wo Blumen zu blühen schienen. Daß der Holunder in Blüte stand, konnte er sehen, und daß man die weißen Dolden von den Fenstern des Erdgeschosses sowohl als von denen des ersten Stockes aus erreichen konnte. Er erwartete mit Ungeduld den folgenden Tag, um mehr von den Menschen zu sehen, die seine Teilnahme erregt hatten. Bald hatte er festgestellt, daß die Frau und das Kind den Mann jeden Morgen um sieben Uhr an die Gartentür begleiteten und Abschied von ihm nahmen, ihn mittags wieder empfingen und etwa um zwei Uhr wieder fortgehen sahen, daß der Empfang des Abends aber der ausgiebigste war, vermutlich, weil sie dann am meisten Zeit hatten. Gewöhnlich kamen die Frau und das Kind schon frühzeitig an die Gartentür und spielten zusammen, während sie warteten, und er konnte ihnen anmerken, in welchem Augenblicke sie des Mannes ansichtig wurden; dann zerrte das Kind am Kleide der Frau, um sie zum Gehen zu veranlassen, aber sie pflegte zu warten, bis er näher herangekommen war, und lief ihm dann entgegen. Alle drei hatten einen verschiedenen Rhythmus in der Bewegung, doch war er bei allen stark und hinreißend. Durch Kral brachte Confalonieri in Erfahrung, daß der Mann Werkmeister in einer Fabrik und ein Fremder sei, Ungar oder Pole; daß er bei den Beamten wie bei den Arbeitern beliebt sei als ein lustiger und immer hilfsbereiter Mann; daß das Häuschen 253 ihm und seiner Frau gehöre, und daß sie ein bescheidenes Auskommen hätten. Unmerklich gewöhnte sich Federigo daran, mit diesen Menschen zu leben; er kannte ihre Lebensweise, er wußte, um welche Zeit die Frau in den Garten kam, um das Gemüse für den Mittagstisch zu holen, oder um die Gartenarbeiten zu verrichten, und freute und bekümmerte sich um ihretwillen um die Gunst oder Ungunst des Wetters. Einmal warteten sie des Abends vergeblich auf den Mann; er sah, wie die Frau anfing, ängstlich zu werden, wie sie trotzdem das Kind zu beschwichtigen suchte, und wurde selbst aufgeregt, wie sie in das Haus ging, wiederkam und wieder hineinging, offenbar um ihre Besorgnisse durch irgendeine Beschäftigung zu zerstreuen. Plötzlich, als sie gerade wieder mit dem Kinde in den Garten hineinging, drehte sie sich um, offenbar, weil der Erwartete von weitem ihren oder des Kindes Namen gerufen hatte, und fing sogleich an, ihm entgegenzulaufen; es war ihm, als sähe er ihr Herz schlagen, und als zitterten auch das Haus und der Holunderbaum.

Wie seine Einbildungskraft sich mit dieser Familie beschäftigte, kam ihm in den Sinn, daß er selbst vor langer Zeit etwas Ähnliches erlebt hatte, als er im dritten oder vierten Jahre seiner Ehe einen Sommer mit Teresa und dem Kinde auf seinem Landgut in Valmadrera gewesen war. Damals war er häufig nach Como oder Chiasso geritten, um Nachrichten aus der Stadt zu holen oder Bekannte zu sprechen, und wenn er gegen Abend wiedergekommen war, hatte Teresa, das Kind an der Hand oder auf dem Arme, am Gartentor unter den alten Akazien, die es begrenzten, auf ihn gewartet. Er sah sie vor sich mit der Schlankheit des Körpers, die sie damals hatte, das volle, runde Gesicht von Spiel und Freude gerötet, die strahlenden Augen, die ihm entgegenjubelten. Des Kindes Augen glichen den ihren; sie waren meist ernsthaft, 254 aber sie lachten und sprühten, wenn sie ihn und das Pferd erblickten, die beide zugleich Liebe und eine reizende Furcht in ihm erregten. Es schrie vor Angst und Entzücken, wenn er es in die Luft warf oder es auf den Rücken des Fuchses setzte, den er damals vorzugsweise ritt, und ihn ein wenig traben ließ. Es war ihm so, als wäre in jenem Jahre ein langer, nie getrübter, veilchenbekränzter Frühling gewesen; die Stelle vor dem Gartentor, wo er vom Pferde stieg, war immer mit rosigen und blauen Akazienblüten bedeckt, und wenn sie zur Veranda gingen, hatte das Kind, auf seiner Schulter sitzend, reife Kirschen von dem Baume gepflückt, der am Hause stand.

Er hatte damals nicht geahnt, wie glücklich er war. Was die meisten Menschen sich mühsam erringen und unter Kämpfen festhalten, hatte er besessen, als wäre es mit ihm geboren, und vielleicht hatte er es deshalb nicht erkannt und sich von schimmernden Idealen aus dem heiligen Bannkreise des Hauses locken lassen. Jetzt glaubte er einzusehen, daß es ein kurzsichtiger Wahn sei, ein Volk über das andere zu stellen oder eine Regierungsform über die andere, oder von gewissen Gesetzen und Einrichtungen das Heil der Menschen zu erwarten. Wieviel Gutes hätte er wirken können, ohne Anstoß zu erregen und ohne Schaden zu stiften, wenn er sich begnügt hätte, Weib und Kind zu hegen, seinen Nachbarn hilfreich zu sein und alles das Nützliche zu leisten, was gerade der Tag und die Stunde erforderte! Denn hätten alle Umwälzungen und Taten schließlich ein anderes Ende als dies, daß der Mann freite und Kinder erzeugte und diese wieder dahin führte, daß sie dasselbe täten? Wenn er an das Holunderhaus dachte, so empfand er, daß dies Leben der Inbegriff des Lebens sei, sein einziger Preis und Sinn, die Krone aller Wünsche und Hoffnungen. Er hatte es besessen und verloren, 255 ohne es zu wissen, Tod und Trennung, Kränkungen, Enttäuschungen und bittere Erfahrung hatten den süßen Frühling auf immer zugedeckt. Dies dachte er; aber unter dem Gedanken war ein sicheres Gefühl, daß die entschwundenen Tage wiederkehren würden, golden gereift, innig bewußt, zauberhaft erfüllend und beschließend. Dies heimliche Gefühl war immer in ihm, wenn er die drei Menschen im Holunderhaus beobachtete, und vermehrte seine Teilnahme, die so weit ging, daß er das Haus selbst und die Bäume und Pflanzen, die er erkennen konnte, lieb hatte und mit den Blicken hegte, als ob sie ihm gehörten. Im Spätsommer blühten am Zaune Sonnenblumen und rote Malven; oben auf der Anhöhe, wo die Obstbäume wuchsen, und wo die Kleine in ihrem leuchtenden Kittel zuweilen hinunterrollte, stand eine Ulme, die durch ihre Form auffiel. Auf kurzem, dickem Stamme breitete sich das Gewirr der dichten Zweige dunkel aus und erinnerte ihn an einen Berg mit vielen Höhlen und labyrinthischen Schluchten; darin sammelten sich zahllose Vögel, die zu gewissen Stunden ausflogen und zu anderen wiederkamen, zuweilen auch das alte Haupt in losen Kreisen umflatterten, das ihnen Zuflucht gab.

Um diese Zeit starb einer der Gefangenen aus dem venezianischen Prozesse, namens Villa, ein schwacher Mensch, der sich durch Angeberei Straflosigkeit zu erkaufen versucht hatte. Da er nur auf das Sinnenleben gestellt war und ererbten Reichtum behaglich genossen hatte, fing er im Kerker sofort zu verfallen an und schwand bei der Unwirksamkeit der kleinen Mittel, die der Arzt ihm zuwenden konnte, unaufhaltsam an der Auszehrung hin. Ein Freund von ihm, ein Priester und gutherziger, harmloser Mensch, den Villas Leichtfertigkeit erst zum Karbonarismus verleitet, dann verraten hatte, pflegte ihn und bereitete ihn mit Hilfe seiner kindlichen und angelernten Frömmigkeit auf den Tod vor, in den er sich nach 256 langem Jammer ergeben hatte. Während der letzten Tage war sein Bett von guten Weinen und allerhand Leckerbissen umgeben, die der Kaiser ihm zur Stärkung bewilligt hatte, die er aber nicht mehr berührte. Unter den übrigen herrschte eine gedrückte Stimmung; Pellico, der nie ganz gesund war, litt so sehr unter Brustschmerzen, daß er sich nicht bis an das Fenster schleppen konnte. Moretti sagte zu Confalonieri, daß Pellico vermutlich der nächste sein würde, der stürbe; freilich könne es auch sein, daß der Kaiser ihn vorher begnadigte, da er schon gebrochen und so gut wie gestorben sei; er könne nichts mehr als weinen und beten.

Übrigens befand sich Moretti besser, seit er allein war. Er beschäftigte sich viel mit seiner Erfindung und rief Federigo fast täglich an, um ihm von seinen Fortschritten und Plänen sowie von seinen Hoffnungen auf Rache zu erzählen. Er war der Meinung, daß diejenige Nation, welche die Luft befahren könne, einen Aufschwung über alle anderen nehmen, namentlich im Kriege dem Gegner überlegen sein müsse. Ihr, sagte er, stehe in Wahrheit eine Legion Engel zu Gebote, eine himmlische Heerschar, deren die Regimenter der Erde sich nicht erwehren könnten, und er liebte, sich vorzustellen, daß Italien das Reich sein würde, das unter diesem Zeichen siegte. Würden seine Gedanken jemals ausgeführt, so sollte das erste Schiff den Namen Spielberg führen, damit einst in der grenzenlosen Freiheit des Raumes des düsteren Felsens gedacht würde, an den sie geschmiedet gewesen wären. Federigo, der von jeher viel Wert auf die Vereinfachung und Beschleunigung des Verkehrs gelegt hatte, malte sich Reisen aus, die er auf dem Luftwege unternähme, ja, er träumte von der Möglichkeit, über die Atmosphäre, die die Erde umgibt, hinauszudringen. Oft, wenn er nachts am Fenster stand, zog er mit den Augen eine Bahn durch den schwarzen Ozean, in dem die 257 fernen Inseln schimmerten, und landete an silbernen Gestaden, mit klopfendem Herzen auf den ersten Laut des fremden Giganten horchend.

Indessen war der nächste, der nach Villa starb, nicht Pellico, sondern der alte Schiller. Er war leidlich durch die gute Jahreszeit gekommen, und wenn er abends mit Kral beim Weine saß, erzählte er Geschichten aus seiner Kriegszeit, von Mord, Brand und Scheußlichkeiten aller Art, welche dartun sollten, daß auf Erden die wahre Hölle und der Triumph des Bösen sei. Er fand Vergnügen daran, diese Ansicht an immer haarsträubenderen Beispielen zu beweisen und Kral zu verhöhnen, der mit frommem Mute irgendwelche Absicht und Wohlweisheit Gottes auch aus den heillosesten Katastrophen herausklauben wollte. Als die Kälte kam, wurde er krank, unterließ es aber doch nicht, durch den aufgeweichten Schnee im Burggraben zu gehen, um zu seinen Freunden, den Italienern, heraufzunicken. Dabei zog er sich eine Lungenentzündung zu und starb nach kurzem Kranksein, wie ein Müder, der gern einschläft.

Kral brachte schluchzend die Nachricht und erzählte erst einige Tage später, was sich am Vorabend des Todes zugetragen hatte. Schiller hatte nämlich, durch einen Schluck Wein zu vollem Bewußtsein gebracht und in gute Stimmung versetzt, Kral zu sich gewinkt und ihm anvertraut, daß er nichts besitze, da er sein Erspartes schon vor Jahren an einen entfernten Verwandten in seiner Heimat, der in Not gewesen sei, verloren habe, und daß die Geschichte mit der Erbschaft nur ein Schwank zur Ergötzung gewesen sei. Kral habe doch bis dahin viel Freude durch diese Aussicht gehabt, er solle sich das jetzt nicht gereuen lassen und solle ihm, Schiller, trotzdem ein gutes Andenken bewahren.

Im ersten Augenblick, sagte Kral, sei er erstaunt gewesen, 258 bald habe er aber eingesehen, daß es besser so sei; denn im anderen Falle hätte er vielleicht nicht so traurig sein können über das Hinscheiden des guten alten Mannes, der ihm ein Vater gewesen sei, weil der gefährliche Mammon ihn abgeleitet hätte, was sein Gemüt später ohne Zweifel mit vergeblicher Reue erfüllt haben würde. Jetzt könne er von Herzen traurig sein, so wie er früher von Herzen froh gewesen sei über die vermeintliche Erbschaft.

Noch eine Veränderung trat dadurch ein, daß Doktor Bayer ausblieb, in Ungnade gefallen, weil er, wie es hieß, ein Geschenk von den Angehörigen eines italienischen Gefangenen angenommen habe. An seiner Statt kam ein Arzt slawischer Herkunft, der in Krankheitsfällen meist erklärte, es liege nichts vor, es werde sich schon von selbst geben, so daß man sich seiner nur im Notfalle bediente. Bei dem ersten Besuche, den er Confalonieri machte, sagte er, daß kein Grund vorhanden sei, ihm Kaffee zu verordnen, worauf diese Begünstigung zurückgezogen wurde.

 

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.