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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schiller hatte sich an diesem Tage nicht mehr sehen lassen und kam am nächsten ohne Gruß ins Zimmer und ohne auf die von Andryane geflissentlich angeregten Gespräche einzugehen; sein Gesicht war lang und hohl, sein Blick leer. Nachdem es einige Tage so gegangen war, kam er eines Abends mit so unsicherem Schritt und so schlecht berechneten Bewegungen, daß er den Wasserkrug, den er brachte, umgeworfen hätte, wenn Andryane ihm nicht schnell zu Hilfe gekommen wäre; es war ersichtlich, daß er zu viel getrunken hatte. Er nickte dankend und sagte: »Ich kann nichts mehr vertragen, und daran seid ihr schuld. Warum wolltet ihr mich von dem Wein abwenden, der mein Bruder und mein einziger Freund ist? Ihr meint es nicht so treu wie er, ihr habt kein Herz für den alten Mann, dem euer Wohl mehr wert als seins war. Auch gut, so werde ich mich wieder mit meinem alten Gesellen vertragen.« In dem Gefühl, daß diese Worte hauptsächlich an ihn gerichtet waren, stand Confalonieri auf und begann etwas zu erwidern; als er sich aber plötzlich dem verwitterten Gesicht und den trüben Augen gegenübersah, unterbrach er sich, eilte auf Schiller zu und fiel ihm um den Hals. Da er sich loszumachen suchte, sagte er unter Tränen lachend: »Ich lasse mich nicht abschütteln. Ich habe meinen besten Freund gekränkt und würde nicht wagen, um seine Verzeihung zu bitten, wenn er nicht ebenso gegen mich schuldig wäre. Konntest du mich nicht verstehen, als ich nicht sprechen konnte, weil mir das Herz brach? Konntest du nicht wissen, daß ich gern glücklich gewesen wäre und glücklich gemacht hätte, wenn 241 ich gedurft, wenn ich gekonnt hätte?« Inzwischen hatte sich Schiller losgemacht, die nassen Augen getrocknet und sah Federigo herausfordernd mit bösen Augen an. »Ich weiß,« sagte er, »warum Ihr nicht durftet, nicht konntet! Ihr wollt immer groß dastehen, niemand soll scheel auf Euch blicken können. Ein armer Teufel darf nicht heikel sein; ich war es auch nicht, als ich in dieser Spelunke Gefangenwärter wurde. Aber Ihr wollt lieber zugrunde gehen, als daß einer die Nase über Euch rümpfen könnte; so geht zugrunde.«

»Ganz Mailand blickt scheel auf mich, ohne daß es mich anficht,« erwiderte Federigo lebhaft; »aber ehe ich mich selber verachten müßte, wollte ich freilich lieber zugrunde gehen.« »Ihr hättet ja das Trinken anfangen können,« brummte Schiller höhnisch. »Mit Wein kann man alles aushalten, auch sich selber zu verachten.«

In dieser Weise ging es in den nächsten Tagen weiter; die grimmige Stimmung Schillers war nicht zu überwinden. Was auch Confalonieri sagen mochte, am Ende fing Schiller wieder an, er, Federigo, habe ihn verhindert, die erste gute Tat seines Lebens zu tun und zugleich dem Basilisken einen Possen zu spielen.

Eines Nachmittags, als Federigo auf die Terrasse ging, sah er, daß Fritz die Wache hatte, und wollte ihn grüßen, wie er sich gewöhnt hatte, es zu tun; aber er empfing einen Blick, der, voll Hohn und Verachtung, ihn wie eine Waffe zurückzutreiben bestimmt schien. Während er auf und ab ging, sah er das hübsche, braune Knabengesicht vor sich mit den kühnen grauen Augen, aus denen ihm sonst ein leidenschaftliches Gefühl zugeflammt war, und die sich jetzt gegen ihn auflehnten; frei und kalt hatten sie ihn angeblitzt, Herren über diese Liebe, die sie als etwas Schmachvolles zerrissen und von sich getan hatten. Die Stimme Krals, der neben ihm plauderte, berührte 242 ihn widerwärtig; unter dem Vorwande des Regens, der niedersprühte, kürzte er den Spaziergang ab. Als er wieder an Fritz vorüberging, streifte dessen strenger Blick gleichgültig an ihm vorbei; es war gerade, als hätten die Augen ihn vorhin zu Boden geworfen und sähen ihn nun nicht mehr.

Federigo war übel ums Herz; es war ihm unmöglich, mit Andryane darüber zu sprechen, obwohl dieser ihm weit näher stand als Fritz, der kaum erwachsen war, keine geistige Bildung besaß, und den er nur vom Ansehen kannte. Was in dem Jungen vorgegangen war, begriff er: Die Flucht hätte auch ihm die Freiheit gegeben und zugleich die Möglichkeit, unter der Leitung eines verehrten Mannes sich nach seiner Neigung zu entwickeln; aber sicher schmerzte ihn mehr als das Scheitern seiner Wünsche, daß er sich in seinem Helden getäuscht hatte. Er mißachtete ihn, weil er um irgendeiner Rücksicht willen auf die Freiheit, die ihm winkte, verzichtet hatte, die Freiheit, die sein Recht und seine Größe war. Sie war über ihn hingestürmt, nach Sonnen und Sternen hin, und hatte ihm ihren Mantel zugeworfen, um ihn mitzunehmen; indem er ihn nicht ergriff, verwarf er sich selbst, löschte seinen Namen aus und sank in Nacht. Wenn er auch an sich und seinen Handlungen nicht irre wurde, so verstand er doch, daß Fritz so dachte, und es machte ihn traurig. Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und auf ihn einzuwirken, hatte er nicht, auch zweifelte er, ob es ihm gelingen könnte; denn grausam, unvertraulich und unfruchtbar mußten ihm alle Ideen erscheinen, denen die Menschen ihr Glück opfern, während das Leben in seiner Unschuld und Fülle alle, die ihm ergeben sind, an seiner Brust sammelt, wo süße Nahrung für alle quillt. Trotzdem dachte er sich immer wieder aus, was er ihm sagen und womit er ihn treffen könnte, nicht, um seine Verehrung wiederzugewinnen, sondern um seinen Schmerz zu veredeln und seine unklaren Ideale 243 zu ordnen, die ihn immer wieder auf Irrwege führen könnten.

In diesen Tagen kam Paulovich, zufriedener und selbstgefälliger als je, da er vom Kaiser zum Bischof von Cattaro ernannt worden war. Er ließ Andryane alle Einzelheiten seiner neuen Tracht bewundern und erzählte, wie anders als sonst er diesmal von den Mönchen im Kloster zu Brünn empfangen worden sei. Das wäre eine andere Bewirtung als sonst: nichts als zartes und gemästetes Geflügel komme auf den Tisch und auserlesene Leckerbissen, dazu die feinsten Ungarweine und Rheinweine, die sie früher im Keller gespart hätten, um ihm statt dessen sauren Landwein vorzusetzen. Da dächte er oft an seine Kindheit zurück, wo er alle Tage habe Polenta fressen müssen und wo sein Vater, wenn er deswegen unlustig gewesen sei, zu ihm gesagt habe: Werde du geistlich, so kannst du deinen Wanst auch mit Dublonen stopfen! Jetzt sei es wirklich so, und nur an Wein schon manche Dublone da hindurchgelaufen.

Andryane sagte, wenn man das höre, müsse man fast bedauern, nicht Geistlicher geworden zu sein, worauf Paulovich, der Spott hinter diesen Worten witterte, sich ein wenig aufblies und sagte, ja, man müsse freilich auch das Zeug dazu haben, man müsse viel lernen, die Menschen kennen und führen und auf das Irdische verzichten können. »Ihr«, sagte er, »waret töricht genug, auf gefährlichen und verbrecherischen Wegen nach eitlem Ruhm zu streben. Jeder Baum trägt die Früchte, die ihm gemäß sind, und so dürft ihr euch nicht wundern, wenn euch eure sauer und holzig schmecken.« Was das Leinwandzupfen anbetreffe, so habe der Kaiser mit Recht geglaubt, ihnen damit eine hohe Vergünstigung zu gewähren; insbesondere habe er geglaubt, Confalonieris Geschmack damit zu treffen, der sich von jeher als Menschenfreund 244 ausgewiesen habe. Seine besondere Zuneigung für Andryane wollte Paulovich damit beweisen, daß er ihm als Ersatz für die entzogenen Bücher ein Gebetbüchlein mitbrachte, das von den Jesuitenvätern zusammengestellt und durchaus unschädlich und heilsam sei. Der Kaiser habe es selbst durchblättert und auf seine, des Bischofs, Fürbitte seine Genehmigung dazu gegeben. Andryane antwortete, daß ein Gefangener kein Buch brauche, um zu beten, und ließ den dünnen Band absichtlich liegen, obwohl er wußte, daß Paulovich ihm diesen Trotz nachtragen würde.

Eines Tages erzählte Kral, als er das Mittagessen brachte, mit wichtigem Gesicht, der Kaiser sei erkrankt, und es werde in allen Kirchen für ihn gebetet. Zum ersten Male stellte sich die Möglichkeit naher Befreiung durch den Tod des Kaisers dar; Andryane meinte, lebhaft ergriffen, vielleicht habe Gott sie durch das letzte Ereignis der Flucht prüfen wollen, und da sie gut bestanden hätten, indem sie es verschmähten, sich eigenmächtig und mit etwaiger Schädigung anderer zu retten, öffne er ihnen nun selbst allen wie durch ein Wunder den Kerker. Alles sei dann eine natürliche und weise Fügung gewesen, die Leiden des Kerkers eine Schule, aus der man mit gestähltem Charakter und gereifter Einsicht hervorginge. Paulovich bestätigte das Gerücht und veranstaltete gleichfalls einen Gottesdienst für die Genesung des Monarchen, an welchem teilzunehmen er die Gefangenen aufforderte; doch genügte ihm das nicht, sondern er fragte einen jeden einzeln über seine Gefühle hinsichtlich dieses Ereignisses aus, ob sie aufrichtig für die Gesundheit des Kranken beten könnten oder etwa gar aus selbstsüchtigen Gründen seinen Tod herbeisehnten. Confalonieri erwiderte, er sei sich bewußt, daß er dem Kaiser ein schlechter Untertan gewesen sei, daß der Kaiser ein Recht habe, ihn mit Härte zu behandeln, daß er ihm das 245 Leben geschenkt und ihn dadurch zur Dankbarkeit verpflichtet habe. Einen Vorteil, den des Kaisers Tod ihm bringe, würde er genießen, aber sein Leben nie mehr trüben, im Gegenteil sich bemühen, durch seine Person ihm keinen Anstoß mehr zu erregen oder Schaden zuzufügen.

Diese Erklärung verbreitete Paulovich unter den Gefährten Federigos, mit vielen süßlichen Worten verbrämt, als überfließe er von Reue und Unterwürfigkeit, und fachte dadurch Zwietracht an, indem namentlich Pallavicino ein Zeugnis niederträchtiger Gesinnung darin sehen wollte. Er sagte zu seinen Freunden, daß er den Kaiser nach aller Schmach und Ungerechtigkeit, die er von ihm erfahren, noch weit mehr hasse als früher, daß kein Zwang seine Vaterlandsliebe würde unterdrücken können, und daß er sie, sowie er Gelegenheit hätte, von neuem betätigen würde. Wer anders empfinde, sei ein Heuchler oder ein schwachsinniger und schwachmütiger Mensch wie Pellico, der vor dem Unglück in den Schoß der Kirche sich geflüchtet habe. Schändlich sei es vollends, daß ebender, der den Kampf gegen Österreich angeführt habe, das Ideal nun verleugne und seinen Anhängern ein Vorbild knechtischer Gesinnung gebe, sei es, um sich dadurch Begünstigung zu erschleichen, oder weil er, im Glück übermütig, im Unglück seine Schwachheit verrate.

Indessen kam diese Erbitterung nicht jetzt zum Ausbruch, wo die schwankende Hoffnung auf einen bevorstehenden Wechsel des schrecklichen Geschicks alle Gemüter beunruhigte. Pellico quälte sich damit, daß er für den Kaiser beten wollte, was er für eines christlichen Untertanen Pflicht hielt, und währenddessen doch nicht, wie er Federigo klagte, den inbrünstigsten Haß aus seinem Gemüt entfernen konnte, der alle seine Gedanken vergiftete. Andryane dagegen gab sich seiner frohen Erwartung unbedenklich hin und tadelte alle, 246 die es nicht ebenso machten. Ein kindliches Herz sei Gott wohlgefällig, er wolle den Menschen weder gefühllos noch verstellt. Ihm sei es lieb, wenn seine Menschen sich an seiner Sonne, seinem Frühling freuten, und wenn er ihnen aus dem Hinwelken eines Greises Leben sprießen lasse, so wolle er, daß sie es dankbar empfingen, ohne zu grübeln. Mittags kam Kral, als er das Essen brachte, mit besorgtem Gesicht und sagte, in der Stadt gehe das Gerücht, der Kaiser liege im Sterben, und in den Kirchen lägen die Leute auf den Knien, um für die Erhaltung des kostbaren Lebens zu bitten. Er sah kümmerlich aus, wie wenn eine ihm teure Person in Gefahr sei, und wiederholte mehrmals, der Kaiser sei sehr edel und milde gewesen, und es sei eine schreckliche Sache, daß ein solcher Mann sterben müsse wie ein gewöhnlicher. Dabei warf er ab und zu einen scheuen Blick auf Confalonieri und Andryane, als habe er sie im Verdacht, daß sie diese Ansichten und Gefühle nicht teilten, und als ob er davon lieber kein Augenzeuge sein möchte.

Die beiden rührten das Essen nicht an; sie gingen eine Weile mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, oder sie stellten sich an das Fenster und blickten schweigend auf das grünende Land. Plötzlich jedoch trat in Andryanes Stimmung ein Umschlag ein: er bereute, sich einer Freude hingegeben zu haben, die ihm jetzt kannibalisch erschien. Wer könne wissen, wieviel Gutes der Kaiser insgeheim getan habe? Wieviel mehr wert er vor Gott sei als er? Ob nicht das, was ihnen als Grausamkeit erscheine, strenges Pflichtgefühl sei, dem er sein Herz opfern zu müssen glaube? Und was dergleichen nachträgliche Billigkeiten mehr waren. Überall machte sich trotz der eisernen Regelung der Stunden eine gewisse Erregung bemerkbar; die Wärter und Soldaten standen beieinander und flüsterten und ließen die Gefangenen plaudern, 247 wie sie mochten, oder sie fuhren plötzlich mit übertriebener Grobheit dazwischen.

Am folgenden Tage, als Andryane auf der Terrasse spazierenging, fingen alle Glocken der Kirchen Brünns zu läuten an. Es war, als müsse die Masse der Töne das leichte Gewebe der Luft zerdrücken, und als drängten sich die bläulichen und rosigen Schultern geschäftiger Genien gegen den stürzenden Klang, um ihn über die Erde hinaufzutragen. Andryane klopfte das Herz: er sah sich unsicher nach Kral um und fragte, was das Geläut zu bedeuten habe, worauf dieser mit einem ausweichenden Blick erwiderte, es gehe dem Kaiser besser, und in den Kirchen werde Gott gedankt, daß er die Gebete des Volkes erhört habe. Als Andryane wieder ins Zimmer zurückkam, brach er in Tränen aus. Federigo machte einen Versuch, ihn zu trösten; aber weil es ihm selbst schlecht zu Sinne war, ließ er es an diesem Tage gehen. Sie lagen jeder auf seiner Pritsche, ohne miteinander zu sprechen.

Paulovich feierte das Ereignis durch besonders gute Laune und Gesprächigkeit; indem er seine fetten Hände auf den Knien rieb und seine Augen schadenfroh belustigt umherspielen ließ, sagte er: »Gott hat unsere Gebete erhört,« und malte aus, welche Wohltat es für Europa, Österreich und Italien und schließlich für ihn selbst sei, daß der Monarch noch lebe. Er sei gewiß, daß er in Wien schon mit Ungeduld erwartet werde; denn die italienischen Gefangenen lägen dem Kaiser besonders am Herzen; aber er beschließe nicht über sie ohne seinen Rat und Beistand. Auch sie, die Gefangenen, würden ihn vermissen, wenn er auch seinen Nachfolger selbst angeleitet habe; aber sein Volk in Cattaro bedürfe seiner gleichfalls, und nachdem er sich so lange auf dem Spielberg schwer geplagt habe, komme ihm der neue, bessere Wirkungskreis wohl zu. 248

Als er fort war und Confalonieri sich freute, daß er nicht zurückkomme, sagte Schiller traurig: »Was hilft uns das? Der Basilisk hat seine Eier gelegt und kann durch sie noch lange stechen und Gift spritzen.« Daran dachten sie, als Andryane bald darauf von Confalonieri getrennt und mit jenem Solera vereinigt wurde, dessen Gesellschaft Moretti so unerträglich gewesen war. Es geschah ohne Vorbereitung und wurde so rücksichtslos ausgeführt, daß Andryane kaum Zeit gelassen wurde, den Freund zum Abschiede zu umarmen. Moretti war der Meinung, daß diese Maßregel den Zweck habe, Andryane durch Solera über Confalonieri auszuhorchen, da es Paulovich nicht gelungen war, ihn zum Sprechen zu bringen.

 

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