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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach wenigen Tagen erregte die ausführlichere Besprechung des Fluchtplanes allerlei Bedenken in Federigo. Da es nicht ausbleiben konnte, daß das gelungene Wagnis Verdacht der Beihilfe und Mitwissenschaft gegen die Wärter lenkte, hatte er von Anfang an beschlossen, Schiller und Fritz mit sich zu nehmen; denn abgesehen davon, daß er dadurch Gelegenheit erhielt, ihnen seine Dankbarkeit zu beweisen, wurden sie zugleich vor Strafe und die unschuldigen Zurückbleibenden vor Verdacht geschützt, indem die Entflohenen sich eben durch ihr Entweichen für schuldig erklärten. Hingegen erklärte Schiller, daß Fritz zwar den Grafen begleiten solle, und daß ihn die Aussicht freue, der Graf werde die Zukunft des wilden Jungen in eine gute Bahn lenken; daß er selbst aber entschlossen sei, an seinem Platze zu bleiben. Er wolle nicht fahnenflüchtig werden; Federigo zu befreien, das könne er vor Gott verantworten, selbst zu fliehen nicht, es sei eine Gewissenssache und umsonst, daran zu rütteln. Außerdem sei er zu alt, um sich einen neuen Unterhalt zu schaffen, also würde er von Federigo das Gnadenbrot annehmen müssen, und das würde ihm nicht munden, wenn er auch wisse, daß er es ihm gern und übergern reichen würde. Das sei aber der Flucht keineswegs hinderlich, behauptete er. Niemand würde ihm etwas nachweisen können, man würde schließlich glauben müssen, daß der einzige Fritz die Sache zuwege gebracht habe. 226

In diese Einrichtung konnte sich Federigo nicht finden; er ließ sich nicht überzeugen, daß Schillers Großmut nicht doch schlimme Folgen für ihn haben könnte. Nachdem er lange für sich gezweifelt und erwogen hatte, sagte er eines Abends in der Dämmerung zu Andryane, er befürchte, die Flucht werde nicht zustande kommen, nicht etwa, weil Teresa die Mittel dazu nicht aufbrächte, sondern weil er es nicht tun könne, ohne andere, namentlich Schiller, zu gefährden. Andryane sah ihn erschrocken an: »Tätest du es deinetwegen, so möchtest du recht haben,« sagte er, »und wenn du an andere denkst, warum nicht zuerst an deine Frau? Willst du sie, die dir alles opferte, zum zweiten Male deiner Ehre opfern?« Federigo antwortete nicht sofort, sondern starrte versunken in das Buschwerk unter der Mauer, an dessen letzten, feuchtbraunen Blättern der kühle Wind spielte. Andryane rückte dicht zu ihm und erinnerte ihn daran, wie Teresas Gesundheit schon während des Prozesses gelitten; wie sie jedesmal, wenn er nur auf Reisen gewesen sei, einer Pflanze im Schatten gleich verschmachtet sei; wie er selbst leiden würde, wenn die Sehnsucht nach ihm und die Sorge um ihn sie tötete, in dem Gedanken an die Bitterkeit ihres Sterbens, da sie mit dem Leben zugleich die Hoffnung, den Geliebten wiederzusehen, hätte fallen lassen müssen.

»Würde sie weniger leiden,« sagte Confalonieri, »wenn sie mich wieder hätte und mich in ihren Armen elend sähe?«

Dazu würde es nicht kommen, sagte Andryane; er würde ja nicht müßig sein, sondern versuchen, die zurückgelassenen Gefährten zu befreien; wer könne wissen, welchen Eindruck seine Befreiung in Italien machen würde, und welche Folgen sich daran knüpften?

Federigo dachte, daß in Wirklichkeit alles anders wäre, als Alexander sich einbildete; daß er, wenn auch aus dem 227 Kerker befreit, nicht mehr frei wäre, gegen den Kaiser zu kämpfen, der ihm das Leben geschenkt hatte; daß, was er auch unternehmen könnte, das Los seiner Freunde nur verschlimmern würde; aber er sprach nichts davon aus, weil er Andryanes Angst mitfühlte, die schönen Träume aufgeben zu sollen. Die gelichteten Wipfel der alten Kirchhofsbäume ließen die Häupter steinerner Urnen und Genien sichtbar werden, die über den Hügeln auf Sockeln aufgestellt waren. Vom Winde getrieben, strichen die langen Zweige der Trauerweiden und Trauerbirken an den stillen Gestalten vorbei, sie bald verhängend, bald frei machend, die unbeweglich blieben. Einmal wird der Tag kommen, dachte er, wo auch aus unserer Asche ein Garten des Todes wuchert; noch sind wir es, die blühen und rauschen und schwere Früchte an der Sonne süß werden lassen; warum zögern wir, das Leben zu leben, bevor die Dämmerung fällt? Oder ist das das Leben, daß wir kämpfen, zweifeln und entbehren, um desto glühender zu lieben und zu leiden? Ist Genießen nicht Leben? Nicht Blondhaar und Rosenwangen, Lachen und Küsse? Sind es vielleicht Wunden und Schmerzen, und brausen seine innigsten Geheimnisse vielleicht im Tode?

Wie er in Andryanes blasses und geängstetes Gesicht sah, verscheuchte er diese Gedanken und versuchte zu glauben, er habe sich in Grübeleien verloren, wie die Moderluft des Kerkers sie erzeuge. Des jungen Freundes Locken streichelnd, sagte er, daß er wohl einsähe, er, Alexander, habe in vieler Hinsicht recht, und daß noch Zeit genug sei, alles zu überlegen und einzurichten.

Bald nach der Abreise des Paulovich, im Spätherbst, traf die bestimmte Verordnung des Kaisers wegen der Bücher ein, die nun durchgeführt werden mußte. Sämtliche Bücher mußten abgeliefert werden, und danach schienen die trüben 228 Zimmer kahler und kälter; die Zeit war entleert und bodenlos geworden, und jeder Versuch, sie auszufüllen, war vergeblich. Schillers Bemühungen, den Verlust auszugleichen, indem er irgendeinen wunderlichen Schmöker einschmuggelte, den er aufgetrieben hatte, oder indem er Papier und Bleistift lieferte, wurden durch die Visitationen erschwert, die häufiger stattfanden als früher und strenger gehandhabt wurden; fand sich das geringste, so folgten Rügen, Drohungen, Strafen und doppelt scharfe Untersuchungen. Schiller war in grimmiger Laune: Die Herren von der Polizei oder von der Regierung, die jetzt häufig auf den Spielberg kamen, plagten ihn mit Fragen, untersuchten auch sein Zimmer, was früher niemals vorgekommen war, behandelten ihn argwöhnisch, und die ärgerlichen Vorwürfe des Vorstehers mehrten sich. Es fiel Confalonieri und Andryane auf, daß seine Erscheinung sich veränderte; sein Gesicht sah häufig so aus, als wenn Asche darüber verstrichen wäre, seine lange Nase war schmaler und mehr gekrümmt als sonst, er ging beschwerlich, und wenn er nicht aufmerksam auf seine Haltung war, fiel er in sich zusammen. Er ließ es mit schweigendem Nicken zu, wenn Andryane ihm den schweren Wasserkrug abnahm oder hinreichte, damit er sich nicht zu bücken brauche. Zuweilen war ihm anzumerken, daß er über das Maß getrunken hatte, und die Vorstellungen Federigos, er solle den errungenen Sieg nicht preisgeben, verfingen wenig. Etwas ihm Angehöriges müsse jeder Mensch haben, sagte er, der Wein sei sein Bruder, der seine Zärtlichkeit erwidere und ihm wohltue. »Ich brauche Kraft zum Kampfe gegen Beelzebub, der mich verfolgt und mir Fallen stellt. Mit meinem Bruder zusammen werde ich den Widersacher schon noch eine Weile bestehen; aber ich spüre in allen Knochen, daß er mir arg zugesetzt hat.« Beim Einbruch des Winters zog er sich eine Erkältung zu, die ihn 229 drei Tage das Bett zu hüten zwang. Als er wiederkam, sagte er, Confalonieri aus trüben Augen ansehend: »Der Winter kommt, und das Alter kommt. Es wird Zeit, daß ich Euch fortschaffe aus der Spelunke; denn eine Sense, der niemand entrinnt, könnte mich wegmähen, bevor ich meine einzige gute Tat auf Erden getan und dem Beelzebub einen Possen gespielt habe.«

Auch bei Confalonieri machte sich der Winter bemerkbar, indem sich seine rheumatischen Schmerzen einstellten. Trotzdem die Unterhaltungen durch die Mauer ihm dadurch noch beschwerlicher als sonst wurden, setzte er sie oft stundenlang fort, um Moretti zu zerstreuen, dessen Zustand fortwährend bedenklicher wurde. Über die Flugmaschine wollte er nicht mehr sprechen: es sei sein Wille, daß die Erfindung, die vielleicht einen großen Umschwung in Verkehr und Handel und Kriegführung herbeiführen werde, keinem andern Lande zugute kommen solle als Italien. Lieber solle sie verlorengehen und niemand jemals von ihr erfahren, als daß Österreich sie für sich ausnützte, und deshalb müsse er auf der Hut sein, daß der Spion an seiner Seite nichts davon höre. Confalonieri meinte, wenn man imstande sei, den Fortschritt der Menschheit zu fördern, müsse man den Ehrgeiz der Nationen hintansetzen; aber davon wollte Moretti nichts hören. Keinem andern als dem ersten Könige von Italien solle sein Paradiesvogel zuteil werden; bis jener aufstehe, solle auch dieser sich verbergen. Im Widerspruch mit seiner üblichen Vorsicht äußerte er zuweilen in Soleras Gegenwart Dinge, die, wenn dieser sie hinterbrachte, ihm ernstlich schaden konnten. Sogar über Solera selbst fing er an, sich in beschimpfender Weise auszulassen, wenn dieser im Zimmer war, sei es, daß er seine Gegenwart vergaß oder die Folgen seiner Handlungen nicht mehr überblicken konnte. Ohne Federigos Frage zu erwarten, 230 erzählte er ihm von dem unerträglichen Verhältnis: er sei jenen Unglücklichen gleich, die man aus Grausamkeit mit einem Leichnam zusammengebunden habe; wie jene unaufhörlich den Verwesungsgeruch einatmen müßten, so umhülle ihn der giftige Dunst des Verräters. Es hülfe nicht, die Augen zu schließen und nicht zu schlafen; ja, er fürchte den Schlaf, weil er dann die spähenden Augen nicht verscheuchen könne, die an ihm herumkröchen und sein Herz benagten, um seine Gedanken zu entwenden. Seine einzige Erholung sei, auf das Schlachtfeld zu sehen, wo er einst das Schwert geführt habe; hätte er das noch, das würde ihn befreien.

Eine unbehagliche Empfindung überlief Confalonieri; nach seinem Dafürhalten, sagte er, müsse Moretti versuchen, dem erzwungenen Zusammensein ein Ende zu bereiten. Wenn er dem Kaiser eine Bitte deswegen einreiche, werde sie gewiß berücksichtigt werden; der Kaiser habe im allgemeinen ihre Wünsche und Bedürfnisse in dieser Hinsicht geachtet. Moretti glaubte das nicht: Was der Kaiser mit seiner scheinbaren Milde beabsichtige, wisse er nicht; soviel sei gewiß, seiner Handlungen letzter Zweck sei, sie alle zu vernichten. Ohne weiter mit dem Obersten zu rechten oder auf ihn einzudringen, beschloß Federigo, dem Direktor vorzustellen, daß es, um schrecklichen, unabsehbaren Folgen vorzubeugen, notwendig sei, Moretti und Solera voneinander zu trennen. Der Hauptmann pflegte nach wie vor jede Woche ein Stündchen bei Federigo zu verplaudern. Gewöhnlich sprach er während der ganzen Zeit von seiner ersten Frau, von ihrer Freundlichkeit, von ihrem Mitgefühl mit den Gefangenen, von ihren sanften Augen, mit denen sie die wilde Kinderschar und eigentlich auch ihn selbst regiert habe. Hätte sie nicht in diesem rauhen Klima wohnen müssen, hätte sie vielleicht länger am Leben bleiben können; das sei aber nicht möglich gewesen, die Stelle, 231 so unfroh sie sei, habe ihm doch die Familie ernährt. Jetzt zwar wolle er bald um Versetzung einkommen; seine Frau finde den Aufenthalt trostlos und lasse nicht nach mit Bitten. Ihm für sein Teil sei der Fleck Erde doch lieb geworden, mit seinen frohen und traurigen Erinnerungen; das gehe ja aber seine Frau nichts an, und er stimme ihr im ganzen bei; namentlich in der letzten Zeit habe er einen schweren Stand gehabt. Der Kaiser, der so milde sei, werde gewiß die Gnade haben, nach so langem Dienst ihm eine leichtere Stelle zu gewähren.

Federigo sagte, er hoffe, daß des Hauptmanns Wünsche sich erfüllten; sie freilich würden seine Menschlichkeit vermissen. Hier anknüpfend, trug er seine Bitte und seine Bedenken, Moretti betreffend, vor: der Oberst befinde sich seiner Meinung nach in einer krankhaften geistigen Verfassung, er sei infolgedessen unberechenbar, und man würde am besten tun, ihn nicht zu reizen, sondern ihn in der Einsamkeit ruhig werden zu lassen. Der Hauptmann öffnete seine braunen Augen voll Schrecken und ohne Verständnis und fragte, ob es so weit sei, daß er Moretti an die Kette legen lassen müsse; er möchte den Kaiser nicht schon wieder behelligen und könne doch nichts ohne seine Zustimmung vornehmen, er sei in einer wahrhaft unerträglichen Lage, und wenn er nicht schleunig an einen andern Ort komme, werde der Spielberg noch sein Grab werden. Indessen gelang es Federigo, ihn zu beschwichtigen und ihm das Versprechen abzunehmen, er werde die Trennung Soleras von Moretti beim Kaiser zu erwirken suchen.

Im März kam Schiller, nachdem er wieder einige Tage das Bett hatte hüten müssen, zu Federigo und sagte ihm, er solle Teresa schreiben, es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Im Bett sei ihm der Gedanke gekommen, es könne sich begeben, daß er nicht wieder aufstände. Was aber dann werden solle? Man könne nicht wissen, was für ein Mann sein 232 Nachfolger werde; im besten Falle würde es Kral: der sei zwar ein guter Mensch und bete den Grafen an, würde aber nie den Mut haben, ihm zur Flucht behilflich zu sein. Fritz bliebe wohl, auf den er sich unbedingt verlassen könne; aber der allein würde es nicht ausrichten können. Bald käme der Basilisk, und solange der da sei, könne nichts unternommen werden; bis zum Sommer dürfe man aber nicht warten, sonst möchte es leicht für immer zu spät sein.

Federigo antwortete, seine Frau zur Eile anzutreiben, sei überflüssig; vielleicht habe man ihr geraten, die Schneeschmelze abzuwarten, weil dann die Wege leichter fahrbar wären. Komme etwas dazwischen, so solle das ein Urteil Gottes sein, dem er sich ohne Groll unterwerfen wolle, mit dem er sogar im tiefsten Herzen übereinstimme. Schiller wurde böse: eine solche Verzagtheit habe er nicht von Confalonieri erwartet; wenn auch seine Freunde zürnten oder sich betrübten, wenn auch dieser oder jener ihn verlästerte, deswegen auf das Glück der Freiheit zu verzichten, wäre weichlich und schwachmütig. Wenn nun jene begnadigt würden? Ob sie freiwillig ihm zuliebe hierbleiben würden? Und dahin würde es kommen! Einer nach dem andern würde begnadigt werden, nur er nicht. Wenn er wolle, daß er, Schiller, ihn noch liebe und achte und bewundere, müsse er solche Quengeleien lassen.

Bald darauf kam eine Botschaft aus Brünn, der Befreier sei dort angekommen, am folgenden Abend um sieben Uhr werde ein Wagen unterhalb des Friedhofs auf Confalonieri und seinen Freund warten. Andryane brach in Tränen aus und küßte den Alten, dessen kleine Augen lustig seinen Triumph herausblitzten. Eine Schwierigkeit bestand darin, daß es ebenso unmöglich war, das Gefängnis mit der Kette am Fuße unbemerkt zu verlassen, wie sie ohne Hilfe eines Schmiedes zu 233 entfernen. Nun war zwar kürzlich auf Veranlassung des Arztes Federigo wegen eines besonders heftigen rheumatischen Anfalls die Kette abgenommen; ein Mittel aber, Alexander von der seinen zu befreien, wollte niemandem einfallen. Mehrere Vorschläge wurden ersonnen und verworfen, dazwischen erklärte Andryane, zurückbleiben zu wollen, damit der Plan nicht durch ihn scheitere; wenn nur Federigo frei werde, sei das schon Glück genug für ihn. Federigo, der eine Weile unbeteiligt am Fenster gestanden hatte, drehte sich plötzlich um und sagte, daß er noch nicht entschlossen sei zu fliehen, und daß er eine Stunde allein sein wolle, um zur Klarheit zu kommen. Schiller schlug mit seinem Schlüsselbunde hart auf den Tisch: Da solle das Donnerwetter hereinschlagen! Jetzt, wo alles bereit sei, gebe es kein Zurück! Sie hätten keine Zeit mit Flausen zu verlieren! Federigo sah ihn groß an und wiederholte seinen Wunsch, allein zu bleiben, worauf Schiller brummend fortging und Andryane sich still in das Nebenzimmer begab. Bevor eine halbe Stunde vergangen war, ging Federigo zu ihm, der traurig auf seiner Pritsche saß, und sagte: »Es kann nicht sein, ich kann es mir nicht abringen. Wir müssen uns fügen.« Er habe alles abgewogen, Teresens Glück und Unglück, sein Leben und nicht zum mindesten Alexanders Hoffnungen: alles zusammen könne seine Schmach nicht aufwiegen, wenn er seine Gefährten im Stiche lasse, um in seines Weibes Armen das Glück der Freiheit zu genießen. Nach Italien könne er nicht zurück, und könnte er es, so würde es nur sein, um in der Dunkelheit ein feiges Leben zu führen. Vielleicht daß andere anders urteilten; er selbst würde sich der Untreue zeihen und sich verachten.

Außer sich rief Andryane: »Ach, du denkst nur an dich! Du denkst nicht an sie, die nur für dich lebt, die, kommst du 234 ihr nicht wieder, um dich vergeht! Laß mich für sie bitten! Denke, daß sie es wäre, die dich beschwört, sie nicht zu verlassen!« Er kniete, indem er dies sagte, vor Federigo nieder, faßte seine Hände und hob sein junges, abgemagertes Gesicht mit den zärtlichen Augen flehend zu ihm auf. Französische und italienische Worte durcheinander mengend, ließ er Bitten, Klagen und Gründe hervorströmen, hauptsächlich daß Teresa ebenso wertvoll, ja wertvoller sei als seine Freunde, daß er ihr ebensoviel Rücksicht und Opfer schuldig sei, und daß ihn nur der Umstand verblende, daß er selbst gewinne, indem er sich für sie rettete. Federigo entwand ihm seine Hände und trocknete den Schweiß von den Schläfen. »Du verwirrst mich so, daß ich die Kraft, zu urteilen, verliere,« sagte er gequält.

Sie wurden durch Kral unterbrochen, der Andryane zum Spaziergange abholte, aber schon nach wenigen Minuten mit ihm zurückkehrte, der sich, auf den Stufen, die zu der Terrasse führten, ausgleitend, den Fuß so sehr verletzt hatte, daß er kaum aufzutreten imstande war. Da der Fuß gebrochen sein konnte, wurde der Arzt geholt, um ihn etwa sofort einzurenken. Sowie Kral hinausgegangen war, um dafür zu sorgen, rief Andryane Confalonieri zu sich, bog seinen Kopf zu sich herunter und flüsterte ihm glücklich lachend zu: »Das ist ein Zeichen, das Gott uns gibt! Sie werden mir die Kette abnehmen müssen, und ich bin frei, mit dir zu fliehen.« Während der Doktor den Fuß untersuchte, eine Zerrung der Muskeln feststellte und wegen der schnell zunehmenden Schwellung die Kette abnehmen ließ, stand Federigo im Nebenzimmer am Fenster und hörte zwischen den Worten, die dort gewechselt wurden, die weichen Laute des Tauwindes, der sich ungestüm gegen das Gitter warf. Aus der unruhvollen Helligkeit des Vorfrühlingsabends wehte es wie Möwenflügel und flatternde Fahnen; das leichte, flockige Gewölk, das erschien und 235 verschwand, schien sich unter seinen Füßen zu ballen und ihn emporzutragen.

Trotz der heftigen Schmerzen, die er litt, machte Andryane, auf Federigos Arm gestützt, Versuche zu gehen; Schiller, der dazu kam, klopfte ihm auf die Schulter und sagte, er hätte nicht geglaubt, daß er ein solcher Held sein könne. »Wenn ihr erst wüßtet, wie weh es tut,« sagte der Belobte eifrig und mit strahlenden Augen; »es ist, als ob ich auf glühendem Eisen ginge.« Nur ungern ließ er sich bewegen, damit aufzuhören; Federigo und Schiller meinten, daß er seinen Zustand nur verschlimmere, während er mit Hilfe kalter Umschläge bis morgen schon um vieles besser sein könne. Federigo ließ der Gedanke an das nahe Wiedersehen Teresas keinen Schlaf finden; er fühlte ihre Hand, ihren Mund, ihren Leib, als läge sie neben ihm; der Duft, der aus ihren Haaren stieg, betäubte ihn; sein Körper loderte und bebte, wie wenn Feuer durch seine Adern liefe und ihn erschütterte. Gegen Morgen schlief er ein, erwachte aber bald wieder mit einem schwer drückenden Gefühl hoffnungslosen Wehes.

Nachdem er noch eine Weile in Gedanken gelegen hatte, stand er auf, setzte sich zu Andryane und fragte, indem er sich über ihn beugte: »Würdest du mich auch dann noch lieben, wenn ein Entschluß von mir unsere Flucht vereitelte?« In Andryanes Gesicht malte sich fassungsloses Erschrecken, das aber nach kurzem Kampfe einem zärtlichen Lächeln wich, mit dem er sagte: »Lieben würde ich dich immer, vielleicht noch mehr, weil ich die Größe deines Herzens daran ermäße; aber ich bitte dich, opfere nicht um niedere Güter die höheren, die dir keine Reue zurückerkaufte.« Federigo stand auf, um sich, da es Sonntag war, zum Besuch des Gottesdienstes vorzubereiten, dem Andryane seines Fußes wegen nicht beiwohnen konnte. Als er in der Kapelle stand und die kleine 236 Schar seiner Gefährten in den grotesken Sträflingskleidern überblickte, kam es ihm vor, als habe er einen Traum geträumt, indem er auf den Fluchtplan eingegangen war. Wie hatte er denken können, am nächsten Sonntage und alle Sonntage, die kämen, sollte das trotzige Häuflein in dem frostigen Raume vor dem plattgesichtigen, unverständliche Worte murmelnden Pfaffen stehen, und er wäre fern, frei, im Genusse des Glücks? Wie hätte er ferner denken können, daß er auf der Schwelle horchte, ob alles still wäre, daß er behutsam über den Gang und die Treppe hinunterschliche, daß er mit stockendem Atem in eine Wagentür schlüpfte und zusammenführe, wenn er Räderrollen oder Pferdetraben hinter sich hörte? Es war so unmöglich, daß er nicht mehr glauben konnte, er habe es jemals ernstlich erwogen.

Als nach dem Gottesdienste Schiller kam, teilte ihm Federigo mit, er habe sich endgültig entschlossen, auf die Flucht zu verzichten; Schiller solle so gütig sein, einen Brief dieses Inhalts sofort an seinen Schwager in Brünn gelangen zu lassen. Er war sehr bleich, und es lagen graue Schatten unter seinen Augen. Schiller, den Andryane schon vorzubereiten versucht hatte, stieß Federigos Hand mit dem Briefe wütend zurück; der Teufel solle alle miteinander holen, rief er mehrmals, er wolle nichts mehr mit der Sache zu tun haben und den Brief nicht bestellen, möge daraus entstehen, was wolle. Es zuckte über Federigos Gesicht, und alle seine Muskeln schienen sich schmerzhaft zusammenzuziehen. »Besorgen Sie den Brief!« sagte er, mühsam seine Stimme dämpfend; »kein Wort mehr! Gehorchen Sie mir!« Andryane humpelte so schnell er konnte auf Schiller zu, umarmte ihn, drückte ihm den Brief, den er Federigo abgenommen hatte, gewaltsam in die Hand und redete ihm erklärend und beschwichtigend zu, während er ihn aus dem Zimmer schob. 237

An den Sonntagen fiel der Spaziergang aus, und sie wurden dadurch besonders lang, drückend und schwermütig. Nachdem Federigo lange still auf dem Bett gelegen hatte, stand er auf und wollte seine Handlungsweise gegen Andryane verantworten; dieser unterbrach ihn jedoch, das sei nicht nötig, was ihn bewogen hätte, wisse er, sie wollten nicht mehr darüber reden. Federigo dankte ihm und schlug vor, sie wollten statt dessen ausdenken, womit sie die Zeit ausfüllen könnten, bis sie eine Beschäftigung nach ihrem Wunsche hätten. Während des Gesprächs erinnerte sich Andryane daran, daß er sich zuweilen mit Versemachen abgegeben hatte und auch für talentvoll gehalten worden war, und beriet sich mit dem Freunde über eine größere Dichtung, die er, in der Art der Odyssee oder der Äneide, hervorbringen wollte.

Das Abendbrot war ihnen schon gebracht worden, so daß sie niemanden mehr zu sehen erwarteten, als, am Sonntage eine doppelt ungewöhnliche Erscheinung, Hauptmann Smertschek bei ihnen eintrat. Die Befürchtung, der Fluchtplan sei verraten, verscheuchte sein zufriedenes Gesicht und die behagliche Stimmung, in der er sich, augenscheinlich nach einem besonders festlichen Mittagessen, befand. Er sei gekommen, um etwas mitzuteilen, sagte er; der Kaiser habe die Bitte der Staatsgefangenen wegen einer Beschäftigung huldvoll erhört, wenn er sie auch freilich etwas anders aufgefaßt habe, als sie, soviel er davon wisse, gemeint gewesen sei, sie sollten nämlich alte Leinwand geliefert bekommen und diese zu Verbandzwecken zerzupfen. Andryane wollte sich aufrichten und lebhaft erwidern, aber Confalonieri, der neben ihm saß und von Zeit zu Zeit seine Umschläge erneuerte, drückte ihn auf das Lager zurück und sagte, zu dem Hauptmann gewendet: »Der Herr Hofkaplan, der dem Kaiser unsere Bitte übermittelt hat, muß uns demnach falsch verstanden haben; wir werden also 238 unmittelbar eine Bittschrift bei Seiner Majestät einreichen.« Smertschek wiegte sich verlegen hin und her; das wäre kaum rätlich, sagte er, der Kaiser würde das nicht gut aufnehmen, sie möchten es einstweilen mit der Arbeit versuchen, es wäre immerhin eine Zerstreuung. »Wir wollen keine Zerstreuung,« rief Andryane heftig, Tränen der Enttäuschung und Entrüstung im Auge, »wir wollen unser Blut durch Bewegung erfrischen, wir wollen nützliche Arbeit leisten, die unserer Kraft angemessen ist, damit wir fühlen, daß wir Menschen sind, nicht verwesendes Fleisch in Gräbern!« Man hörte eine Weile nichts als das Räuspern des Hauptmanns und das Fließen des gerade niederströmenden Regens; dann sagte Federigo, er könne nicht glauben, daß der Kaiser eine in geziemenden Worten abgefaßte Erklärung übel aufnehmen werde; wenn die anderen einverstanden wären, wolle er den Versuch machen. Das könnten sie ja, wenn sie wollten, sagte der Hauptmann, das stehe ihnen frei, er habe nur eine gutgemeinte Warnung äußern wollen. Jedenfalls müsse er ihnen das sagen, daß der Kaiser angeordnet habe, die Leinwand, die ihnen zugeteilt würde, müsse nach einem gewissen Zeitraum verarbeitet wieder abgeliefert werden, daß sie also, bis ein anderer Befehl eintreffe, sich damit abzufinden hätten. »Wir mußten uns die Bewilligung einer Arbeit als Gnade erbitten,« sagte Federigo; »ich zweifle, ob man sie als Pflicht von uns zu fordern berechtigt ist.« Der Hauptmann, der ungeduldig zu werden begann, zuckte die Schultern und rief: »Berechtigt! Meine Herren, was der Kaiser tut, das ist berechtigt. In Ihrer Lage ist es Firlefanz, sich über Rechtstitel aufzuregen. Schließlich ist es einerlei, wie man seine Zeit hinbringt, und wer weiß, ob es auf die Dauer nicht kurzweiliger ist, Leinwand zu zupfen, als Erde zu schaufeln.« Da niemand antwortete, fuhr er fort, der Kaiser habe jedenfalls erwartet, Freude und Dank zu 239 erregen, und wenn er sich in der Wahl des Mittels auch vergriffen habe, so sei doch seine Absicht gut gewesen. Auch gegen ihn selbst habe er gnädige Worte gebraucht und habe ferner befohlen, daß Solera vom Obersten Moretti getrennt werde und dieser fürs erste allein bleibe.

Als er fort war, machte Andryane dem Grafen Vorwürfe, daß er sich nicht deutlicher und kräftiger ausgesprochen hätte oder ihn hätte sprechen lassen, und brach zuletzt in Tränen aus. Federigo trat an das Fenster. Der Regen stürzte noch immer gerade herunter, und in sein starkes Rauschen mischten sich die heller rieselnden Stimmen der kleinen Bäche und Güsse, die aus den Traufen und an den Mauern hinunterliefen. Es dunkelte, und er dachte daran, daß jetzt die Zeit wäre, wo unterhalb des Friedhofs der Wagen stehen sollte, der ihn in die Freiheit geführt hätte; nun lösten Dunkelheit und unendliche Fluten auf, was an Licht und Traum und Hoffnung dagewesen war. Dort unten hatte das Leben gestanden und auf ihn gewartet, den sonnenhaften Leib eingehüllt in rauchende Regenströme, das stolze Auge liebreich aufgeschlagen nach der Zinne des Kerkers; dann, da er nicht kam, war es für immer fortgegangen, um seiner zu vergessen. Oder es war keine Göttin, sondern seine Frau, seine Geliebte, ein armes, schmerzleidendes Weib, die sich, da er nicht kam, in die aufgeweichte Gräbererde geworfen hatte und dort verlassen lag, und es war ihr unstillbares Schluchzen, das die Burg umschlang, an den Mauern rüttelte und die Nacht bis an den Himmel durchrauschte. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und er empfand eine zwingende Sehnsucht, sich hinzugeben und sich in Weinen zu erschöpfen; aber es gelang ihm, den Trieb zu unterdrücken, dem seine Gewohnheit, sich zu beherrschen, entgegen war. Er ging zu Andryane, machte ihm einen frischen Umschlag und suchte ihn durch den Gedanken an die von ihm geplante 240 Dichtung zu zerstreuen. Dann fiel ihm ein, daß, da es Sonntag war, Moretti vielleicht noch nicht von dem ihn betreffenden Beschluß in Kenntnis gesetzt sei, und er beeilte sich, ihm die beglückende Botschaft anzukündigen.

 

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