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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Etwa vier Wochen nach der Abreise des Paulovich kam der Gouverneur von Mähren, Graf von Mitrowsky, zu einer Visitation auf den Spielberg. Er hatte, obwohl in den besten Jahren, die Gicht, weswegen der Besuch eine große Anstrengung für ihn war und darauf deutete, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei. Schiller begleitete ihn mit einem Sessel, damit er bequem sitzen könne; das Gesicht des Alten war feierlich verschlossen und verriet durch kein Blinzeln 214 irgendeinen Anteil oder eine Meinung. Der Gouverneur begrüßte Confalonieri und Andryane höflich, fragte, wie es ihnen gehe, ob das Essen gut sei, ob sie das Klima vertrügen und dergleichen, wobei er sie, soweit es der Anstand zuließ, neugierig und etwas mißgestimmt betrachtete. Da ihm der Besuch lästig war, sah er Störenfriede in ihnen, um die mehr Wesens, als ihm nötig schien, gemacht würde; doch war es ihm nicht uninteressant, wie namentlich Confalonieri sich in seiner heiklen Lage ausnähme. Er erhielt die Antwort, sie seien zufrieden, nur bäten sie, daß ihnen an den Winterabenden ein Licht bewilligt würde, damit sie sie durch Lesen verkürzen könnten. Dies brachte den Gouverneur auf ihre Bücher, die er sich zeigen ließ: es waren ein Dante, ein Byron und ein Band von der Naturgeschichte des Busson. Er beneidete sie, daß sie den Dante in der Ursprache lesen könnten, und führte einige Verse in deutscher Übertragung an, wobei sein Vortrag und sein Gesichtsausdruck lebhaftes Verständnis für die Schönheit der Dichtung verrieten. Er, sagte er, habe leider keine Zeit zu seinen Lieblingsstudien, und wenn er nicht von Geschäften geplagt sei, quäle ihn die Gicht; wenn er immer nach den Vorschriften des Spielberg gelebt und sich genährt hätte, würde er vielleicht glücklicher und gesünder sein. »Wenn Sie überhaupt noch da wären, vielleicht,« antwortete Confalonieri lächelnd. Der Gouverneur brach das Gespräch schnell ab und sagte, es gehöre zu seinen Pflichten, von Zeit zu Zeit selbst eine gründliche Untersuchung in den Wohnungen der Staatsgefangenen vorzunehmen, und er wolle nun damit beginnen; er war im Begriff, sich mit Hilfe Schillers aufzurichten, als von Maroncelli gesungen das Duett aus dem Barbier von Sevilla ertönte: Glück und Huld, mein Herr, zum Gruße! Schiller verzog keine Miene, Andryane stellte sich mit einer unwillkürlichen Bewegung vor das Fenster, als könne 215 er die unerlaubte Musik dadurch verbergen; der Gouverneur hingegen horchte auf, ließ sich wieder in den Sessel fallen und beugte sich zur Seite, um den Ton besser aufzufangen. Als schon nach wenigen Takten das harte Klopfen eines Wärters dem Gesang ein Ende machte, zuckte er zusammen, und ein Ruf des Ärgers entfuhr ihm; er besann sich aber gleich darauf und sagte: »Ja so!« – »Ihr Leben scheint den Musen und der Freundschaft gewidmet zu sein,« fuhr er dann fort. »Welche Stimme! Sie verriet den Italiener und den geschulten dazu. Und was für Musik! Mag auch Mozart der höhere Genius sein, die Wonne des Daseins in Tönen entfaltet keiner wie Rossini.« Da Andryane lebhaft zustimmte, entspann sich zwischen beiden ein Gespräch über den Barbier von Sevilla, wobei sie abwechselnd den Wert und die Reize einer jeden Nummer hervorhoben und im Gedächtnis der Oper schwelgten, als würde sie vor ihnen gesungen. Ob Confalonieri ihren Geschmack nicht teile, fragte ihn Graf Mitrowsky. Er könne nicht urteilen, antwortete er, da er schon im Gefängnis gewesen sei, als der Barbier nach Mailand gekommen sei. »Ich hörte ihn in der Scala am letzten Tage meiner Freiheit,« sagte Andryane; »darum ist er mir unvergeßlich, und darum machen die heitersten seiner Melodien mich manchmal weinen.« Der Gouverneur seufzte, winkte Schiller und schickte sich von neuem an, mit der Untersuchung zu beginnen. Er befühlte die Decken und Strohsäcke, die auf der Pritsche lagen, von oben und unten, betastete die Waschschüsseln, kratzte an den Wänden und stöberte in den Winkeln, alles mit augenscheinlicher Anstrengung und leisem Stöhnen. Einen Bleistift, den er in einer Fensternische fand, drehte er langsam zwischen den Fingern und probierte ihn auf dem Nagel; die Bücher durchblätterte er nochmals Seite für Seite. Federigo und Andryane folgten ihm befremdet mit den Augen, was er zu bemerken 216 schien; denn als er fertig war, sprach er nochmals von dem Drucke der Pflicht, die ihm auferlegt sei; sein Gesicht war rot von der Anstrengung, und das Sprechen machte ihm Mühe. »Wir bedauern, Exzellenz, daß wir sie Ihnen nicht abnehmen können,« sagte Confalonieri höflich. Der Graf rückte seinen Kneifer zurecht und betrachtete ihn. »Ich hoffe für uns beide, dies möge das letztemal sein,« sagte er, sich verabschiedend.

Einige Tage später kam der Vorsteher, der zum Zwecke seiner Wiederverheiratung einen kurzen Urlaub gehabt hatte, in gereizter Stimmung, visitierte gründlicher und rücksichtsloser als sonst und regte sich über eine aus einem Hölzchen und einem Stück Fingernagel gefertigte Schreibfeder auf, die er fand. Die Herren Italiener machten ihm mehr zu schaffen als alle übrigen Gefangenen, polterte er; zwischen ihren Ansprüchen und Klagen und den Rügen des Kaisers führe er ein gequältes, ruheloses Leben. Confalonieri sagte, es wäre ihr Wunsch, ihm Unannehmlichkeiten zu ersparen; wenn sie unabsichtlich ihm solche bereitet hätten, so bedauerten sie es; worauf er einlenkend erwiderte, das wisse er wohl, Paulovich sei an allem schuld, er habe den Kaiser aufgestiftet, ihm dies und jenes hinterbracht über ungenügende Beaufsichtigung auf dem Spielberg und über die mangelnde Zucht, so daß nun täglich mündliche oder schriftliche Vorwürfe einträfen. Er nannte Paulovich, ohne sich dessen bewußt zu werden, mehrmals den Schwarzen und jammerte über die Neigung der Geistlichen, sich in weltliche Angelegenheiten zu mischen, was immer üble Folgen hätte. Da wäre jetzt wieder ein Schreiben des Kaisers eingetroffen: mit seiner Erlaubnis, daß den Staatsgefangenen hier und da ein nützliches Buch dürfe gegeben werden, sei sträflicher Mißbrauch getrieben; das müsse aufhören, er hätte nichts dagegen, wenn sie ein von der Kirche empfohlenes Erbauungsbuch läsen, alles andere sei vom Übel. Die 217 Zuchthäuser sollten keine Pflanzschule von Phantasten und Gelehrten, sondern von frommen und gehorsamen Untertanen sein. Andryane legte beide Hände auf die Bücher, die den Tisch bedeckten, und rief aus: »Die Bücher will man uns nehmen? Alle? Das heißt unsern Geist des Lichtes und der Speise berauben! Das ist nicht möglich!« und mehr dergleichen. Da der Hauptmann wieder nervös wurde, begütigte ihn Federigo mit dem Versprechen, wenn es sein müsse, würden sie sich fügen, ohne ihm Vorwürfe zu machen, wohl wissend, wie menschlich er sich stets gegen sie betragen habe; worauf er sagte, sie möchten die Hoffnung noch nicht ganz verlieren; bis ein förmliches Dekret eingetroffen sei, wolle er ihnen die Bücher lassen; inzwischen könne irgendein unberechenbarer Zufall den Sinn des Kaisers wenden. Er fühlte sich augenscheinlich erleichtert, daß er seiner gehässigen Mitteilung ledig war, und sagte, wenn der Kaiser nur recht unterrichtet werde, so sei er gerecht und milde, und er hoffe, ihn von seiner Schuldlosigkeit und der Reinheit seiner Absichten überzeugen zu können.

Als er fortgegangen war, warf sich Andryane schluchzend an Federigos Brust und klagte, daß er ohne die Bücher zugrunde gehen werde; dann wieder ergriff er eines und begann hastig zu lesen, um den Inhalt auswendig zu lernen. Alle wurden von ähnlicher Verzweiflung ergriffen; auch Schiller war übler Laune und schlug die Türen, weil der Vorsteher ihn hart angelassen hatte. Dies jedoch schüttelte er bald ab, da der arme Mann im Grunde selbst zu beklagen sei, und tröstete sich und die Gefangenen, indem er auf den Schwarzen schimpfte, den er nunmehr den Basilisken nannte. Bisher, sagte er, hätten sie verträglich in dieser Hölle gelebt, wie die drei Männer im feurigen Ofen; nun habe der Basilisk seine Eier gelegt, aus denen eine Drachenbrut auskröche, um sie alle zu verderben. Confalonieri meinte, es sei nun dringend 218 notwendig, seinen Plan wegen einer körperlichen Beschäftigung auszuführen; würde ihnen das gestattet, woran nicht zu zweifeln sei, so brauchten sie den Verlust der Bücher nicht einmal zu beklagen. Das Lesen und Lernen sei allzu einseitig, wer nur lese, nehme ein, ohne auszugeben; sie vor allen Dingen müßten darauf sehen, sich die Selbsttätigkeit zu erhalten, die den Menschen zu einem gottverwandten Wesen mache, und die das Kerkerleben unterdrücke. Bei der Ausübung jedes Handwerks könne man erfinderisch tätig sein; er würde am liebsten Landarbeit verrichten und Gemüse bauen, wenn ihm dazu nur ein Stückchen Land innerhalb des Burgraumes bewilligt werde. Der Plan wurde freudig aufgenommen; doch bezweifelte Schiller, daß er verwirklicht werden könne. Der Kaiser, meinte er, würde vielleicht mit sich reden lassen, wenn er nicht von dem Basilisken umgarnt wäre; der aber würde alles hintertreiben, was den Italienern gut tun könne.

Auch Moretti wunderte sich, daß Confalonieri für möglich hielte, die Erlaubnis zur Arbeit würde sich erwirken lassen. Würde denn einer, der seinen Feind vergiften wolle, sagte er, ihm gleichzeitig ein Gegengift geben? Arbeit würde dem langsamen Hinfaulen des Geistes und des Körpers, wozu der Kaiser sie verdammt habe, am besten entgegenwirken; also würde er sie nicht arbeiten lassen. »Wenn wir nicht sterben,« sagte er, »will er uns zu lebendig Toten machen. Er hat uns Luft, Licht, Nahrung und Bewegung genommen, um unseren Körper zu entkräften, ebenso will er unseren Geist erniedrigen. Keiner von uns wird jemals die Freiheit erlangen, als bis ihm Stolz, Ehrgefühl, Mut und Würde, Verstand und Willenskraft gebrochen sind. Wenn wir kriechende, wedelnde, winselnde Tiere geworden sind, wird er die Türe aufmachen und uns mit einem Tritt unter die Menschen jagen.« Übrigens war es immer seltener möglich, mit Moretti zu sprechen; er fühlte sich 219 häufig krank, und in der Kirche beobachteten die Freunde, daß er das blühende Aussehen verlor. Der Judas an seiner Seite, sagte er, sei der Blutegel, der ihn aussauge. Er kenne ein Märchen von einem Manne, dem, als er im Walde geschlafen habe, eine Schlange in den Mund gekrochen sei, welchen Schlupfwinkel sie nicht mehr habe verlassen wollen. Dem Manne habe vor dem scheußlichen Gaste gegraut, und er habe allen Ärzten und Weisen seine ganze Habe versprochen, wenn sie ihn von dem Inwohner befreiten; aber niemand habe es vermocht, denn die Schlange habe sich, wenn man nach ihr gegriffen, tief in seine Eingeweide zurückgezogen und sei wieder heraufgekrochen, wenn er matt und verzweifelt allein geblieben sei. So sei für ihn die Gegenwart des Spions, die er nicht los werden könne.

Eines Nachmittags, als Andryane mit Kral spazierenging, kam Schiller in Confalonieris Zimmer, setzte sich, von ihm aufgefordert, auf die Pritsche und sagte, der Graf habe früher einmal geklagt, daß er keine Nachricht an seine Frau gelangen lassen und keine von ihr erhalten könne. Jetzt sei er zu dem Beschluß gekommen, solche Briefe vermitteln zu wollen, und wenn die Gräfin so treu und kühn sei, wie man sagte, könnten sie miteinander ihm zur Flucht verhelfen. Confalonieri fragte staunend, wie er sich dies zu erklären habe? Warum er gerade ihn retten wolle und nicht zum Beispiel Pellico, der mehr unter der Gefangenschaft leide als er selbst? »Eben darum,« sagte Schiller, »weil Sie ein so stolzer Mann sind, täte es mir leid um Sie, wenn Sie auch so kümmerlich und kläglich werden sollten wie die andern. Sie gehören nicht hierher, Herr Graf, und, weiß Gott, ich will es mich teuer kosten lassen, wenn ich Sie befreien kann!« Confalonieri setzte sich neben ihn, umarmte ihn und rief: »Schiller! Schiller! Das wolltet Ihr für mich tun? Aber die Pflicht! Eure Pflicht ist Euer Gott!« 220 Schiller blinzelte halb schalkhaft, halb wehmütig mit den Augen und sagte: »Herr Graf, vor vielen Jahren, als ich mit meinem Regiment in Istrien stand, kam einmal ein Mann in das Lager mit einem Adler, den er in den Karstbergen gefangen haben wollte und gegen Geld zeigte. Der Adler hatte um seinen abgeschabten Hals ein ledernes Band mit silbernem Schild, auf welchem die Jahreszahl 1483 eingegraben stand, das Jahr also, in welchem Christoph Kolumbus die Neue Welt entdeckte, womit der Mann beweisen wollte, daß der Adler in jenem Jahre schon gelebt habe. War das nun Wahrheit oder Betrug? Der Adler sah mit solchen Augen über uns hinweg, als ob er dächte: Ich habe Millionen von diesem Gewürm leben und sterben gesehen und weiß, daß es nicht lohnt, ihretwegen den Blick von der Sonne abzuwenden. Gegen Abend wollte der Mann, um einige Geschäfte zu besorgen, in ein stundenweit entferntes Dorf gehen und vertraute den Vogel für die Nacht unserem Schutze. Als die Kameraden schliefen, betrachtete ich mir den Adler, der starr und dunkel wie ein Felsen des Gebirges in dem engen Käfige saß, und dachte, ob ich ihn heraus lassen sollte. Es gelüstete mich sehr, und es wäre wohl nicht herausgekommen, wenn ich es getan hätte; aber ich dachte daran, daß der Mann ihn unter meine Aufsicht gestellt hatte, und unterließ es. Am anderen Tage konnte ich den Adler und seine Augen nicht aus dem Sinn bringen, und jetzt noch kommt mir je zuweilen eine Stunde, wo ich denke: Hätte ich damals den Adler befreit, so säße er jetzt auf den Bergen und hätte nur die Sonne und die Sterne über seinem Haupte; anstatt dessen ist er im Käfig verfault.«

Confalonieri lachte, indes ihm Tränen aus den Augen stürzten; er stand auf, reckte sich und ging mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, von Schillers zufriedenen Blicken begleitet. Andryane wußte sich vor Freude nicht zu 221 fassen. Federigo wieder und wieder umarmend, sagte er, der Gedanke, daß der Freund frei sei, werde ihm künftig die Gefangenschaft leicht machen. »Denkst du,« sagte Federigo, »ich werde dich hier zurücklassen? Ohne dich verlasse ich den Spielberg nicht.« Schiller wollte Einwendungen machen, zu zweien sei die Flucht schwieriger zu bewerkstelligen; doch gab er Federigos Überredung nach und versprach, an ihm solle es nicht fehlen. Zunächst schrieb Federigo an Teresa, wenn sie die Flucht ins Werk setzen könne, so sei er mit Hilfe getreuer Männer imstande, aus der Festung zu entkommen; die Abfertigung des Briefes übernahm Schiller.

In der Nacht, die diesem Tage folgte, konnte Federigo nicht schlafen. Er rief sich zurück, was er geschrieben hatte, und tadelte sich, daß er, ganz auf das Tatsächliche sich beschränkend, seiner Liebe nur mit wenigen Worten Ausdruck gegeben hatte. Stellte er sich jedoch vor, wie sie seinen Brief erhielte und läse, so schien es ihm, als hätte er nicht mehr zu sagen brauchen, als müsse die Kraft seines Herzens unmittelbar aus dem Blatt in ihr Herz überströmen. Wenn er sagte, daß sie das süße Licht seiner Dunkelheit sei, der wundervolle Karfunkelstein, der, lange verkannt und mißachtet, in der Finsternis plötzlich zu leuchten angefangen habe, so waren das spielende Bilder, mit denen er, wenn er bei ihr wäre, wohl glückliche Stunden schmücken könnte; aber alle Worte schrumpften welk zusammen, wenn er sie zu Trägern seiner Glut in die Ferne machen wollte. Wie herrlich und staunenswert die Tempelwelt der Gedanken sein mochte, sie stürzte zusammen, wenn die Titanen des Lebens das blitzende Haupt rührten. So wie sein Herz schlug jetzt das ihre in ungestümer Hoffnung: ein Siegesmarsch, der Worte und Gedanken zerschmetterte.

Die Erwartung der Antwort ließ Confalonieri und Andryane den Druck weniger empfinden, den die Anwesenheit 222 des Paulovich im Herbste mit sich brachte. Er trug diesmal seine Selbstgefälligkeit und Behaglichkeit mit besonderem Nachdruck zur Schau und sonnte sich in den Klagen seiner Beichtkinder über den Verlust ihrer Bücher; wenigstens hielt er sich gern dabei auf, ihnen die Berechtigung der Maßregel zu erklären. Andryane konnte es nicht lassen, immer wieder zu verfechten, die Ausbildung des Geistes sei etwas Lobenswertes und von Gott Gewolltes, während Paulovich im Gegenteil behauptete, die Wissenschaft mache den Menschen hochmütig und verführe ihn dazu, auf den eigenen Verstand und die eigene Kraft zu bauen, anstatt sich in kindlicher Unterwürfigkeit den Befehlen Gottes und seiner Vertreter auf Erden hinzugeben. Gerade sie, die Italiener, hätten das bewiesen, indem sie auf ihre Bildung gepocht hätten und gleichzeitig durch Unbotmäßigkeit gegen ihren höchsten irdischen Herrn zu Verbrechern geworden wären. Erhitzte sich Andryane bei solchen Streitigkeiten, so schüttelte der Priester bedauernd den Kopf, daß seine ehemalige Fügsamkeit nachlasse, und warnte, der Kaiser würde sich gezwungen sehen, die Züchtigung zu verschärfen, bis vollständige Besserung erzielt sei. Jedoch versprach er, die Bitte der Gefangenen um Erlaubnis zu körperlicher Beschäftigung zu befürworten, weil darin keine strafbare Anmaßung zu liegen scheine. Andryane lachte mit Schiller über das aufgeblasene Benehmen des Schwarzen in der Aussicht, daß er nicht lange mehr darunter leiden würde.

An einem Spätherbsttage kam die Antwort Teresas, die schrieb, daß ihr Bruder Gabrio in Verkleidung nach Brünn kommen und an dem später zu bestimmenden Tage zu einer bestimmten Stunde Federigo im Wagen erwarten und sicher über die Grenze bringen werde. Sie bedürften noch einiger Monate, um alles so vorzubereiten, daß ein Mißlingen 223 ausgeschlossen sei; im Frühling, wenn der Schnee geschmolzen sei, werde er einen Brief erhalten, der ihm den Tag und die Stunde angebe, wo er sich bereitzuhalten habe. Außerdem schrieb sie, daß sie dem Kaiser bei Gelegenheit seines Besuches in Mailand eine Bittschrift überreicht habe, er möge ihr gestatten, sich in Brünn niederzulassen, wo sie in der Nähe des Gemahls, wenn auch getrennt von ihm, leben könne, daß er sie aber mit harten Worten abgewiesen und sie dadurch zu der Einsicht gebracht habe, es sei für sie keine Hoffnung außer in der Flucht. Die Schwägerin Andryanes dagegen habe er in Audienz empfangen und ihre Bitte um Begnadigung zwar für den Augenblick abgeschlagen, sie aber auf die Zukunft vertröstet, wenn Andryane völlig gebessert sein würde. Sie schrieb ferner, daß im Laufe des letzten Jahres ihre Freundin, die Gräfin Frecavalli, gestorben sei, desgleichen kürzlich der Feldmarschall Bubna, der seit Federigos Abreise keinen Tag habe vergehen lassen, ohne sie zu besuchen.

Confalonieri las den Brief mehrere Male hintereinander, bis er ihn auswendig zu wissen glaubte, und zerriß ihn dann in winzige Fetzen, die er aus dem Fenster blies; sie stiegen wie Schaumperlen in einem Champagnerglase in die duftende Herbstluft. Es war Nachmittag, und Kral kam, um ihn zum Spazierengehen abzuholen; im Vorbeigehen sah er, daß Fritz am Eingange der Terrasse auf Posten stand, und grüßte ihn mit einem schnellen, frohen Lächeln. Mit wenigen Schritten ging er bis an die Balustrade und blickte, sich weit vorbeugend, in das Land hinunter; wie ein ozeangleicher Strom rollte die glückliche Ebene, den Pfeilern, die Stadt und Friedhof bildeten, sich entreißend, in die schimmernde Ferne. Die roten und gelben Gebüsche, die hellen Häuser, die bunten Gärten waren wie Schiffe unter jubelnden Fahnen, hochgetragen von der Erde, die, ihrer Frucht entladen, frei aufrauschend in die 224 Unendlichkeit stürzte. Kral stellte sich dicht neben Confalonieri und sah scheu verwundert zu ihm auf; es sähe aus, als wolle er Flügel ausbreiten und fortfliegen, sagte er. »Möchtest du das nicht?« fragte Federigo und ließ Kral erzählen, daß er wohl zuweilen Lust habe, die Welt zu sehen, daß er aber doch beim ersten Plätzchen, das ihm gefiele, denken würde, hier möchte er mit seiner Mutter und seiner Braut bleiben, und so lohne sichs gar nicht, fortzugehen. Er würde sich auch auf dem Spielberg wohl fühlen, wenn er diese beiden bei sich hätte; hier könne man, wenn das Abendrot über die schwarzen Wälder wandere, von schönen Tälern und Fluren träumen, wie sie doch wohl nirgends zu finden wären.

Confalonieri hörte die Worte, ohne sie in seinem Bewußtsein aufzunehmen, so voll war sein Sinn von Gedanken an das Vergangene und an das Zukünftige. Er hatte das Empfinden, auf einer schmalen, schwebenden Brücke zu gehen, die unendlich hoch über bodenloser Tiefe hinge, und von der immerwährend Menschen abglitten, um im Ungewissen zu verschwinden. Nun war auch Bubna gefallen, der gute und siegreiche Feldherr, und gefallen war die kühne Gräfin, der die Grübchen, wenn sie lächelte, das herbe Gesicht so lieblich veränderten. Er dagegen, der die schwere Kette an den Füßen schleppte, ging leicht und sicher, ohne Schwindel und Grauen, über den Abgrund, dem flammenden Ziele entgegen. Er, den die kalten Finger des knöchernen Henkers schon umklammert hatten, er lebte, um Glück und Freiheit hundertfach zu genießen; sie waren Staub. Wie Gott auch immer mit ihren Seelen schaltete, von allem Irdischen waren sie ausgeschlossen; den Kerker, der sie umschloß, öffnete kein Schlüssel, und könnte Licht auch hineindringen, so könnten sie es nie mehr empfinden. Er glaubte zu wissen, daß es die Liebe war, die ihn so hielt und trug, sein Herz bindend an ein anderes Herz, 225 das wie eine Sonne unfehlbar und unerschütterlich über allen Gefahren und über dem Tode leuchtete.

Andryane betrachtete ihn zärtlich, als er vom Spaziergange zurückkehrte. »Jetzt siehst du so aus,« sagte er, »wie du mir geschildert wurdest, bevor ich dich kennenlernte: Dein Auge überwölbt die Welt wie eine saphirblaue Sommernacht.«

 

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