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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine Veränderung brachte die Ankunft Silvio Morettis, dessen Prozeß erst jetzt beendet war, und der Federigos Nachbar wurde. Dessen Hoffnung, durch Moretti Nachrichten aus Mailand und vielleicht von Teresa zu erhalten, wurde freilich getäuscht; er sei bewacht worden wie ein Pestkranker, erzählte Moretti, und habe keines guten Menschen Stimme mehr gehört, seit er von Federigo getrennt worden sei. Doch hatte er von dem Besuche des Kaisers in Mailand gehört, und daß alle Klassen gewetteifert hätten, den Landesvater durch ihre Ergebenheit das schnöde, rebellische Unkraut vergessen zu machen, das einmal den Garten der Treue verunziert hätte, und das nun zertreten sei. Er sei jetzt zufrieden, sagte er, daß er den Anblick der Schergen und Spione nicht mehr ertragen müsse, die sich entwürdigt und ihn gequält hätten, um ihm Geständnisse zu erpressen; statt ihrer verhaßten Gesellschaft genieße er jetzt die Nähe eines Edlen wie Confalonieri, und statt von dem trüben Gefängnishofe von Mailand zurückgestoßen zu werden, schweife sein Blick in die Ebene von Austerlitz, wo er einst gekämpft und gesiegt habe, während der Dampf der Schlacht den Spielberg verhüllte. Von der Muße, zu der er hier gezwungen war, versprach sich Moretti sogar viel. Er hatte sich nämlich schon vor Jahren mit dem Problem des Luftschiffens beschäftigt und war auf einige Ideen gekommen, die er für zukunftsreich hielt. Seine Ansicht war hauptsächlich, man müsse nicht, wie man bisher getan, Bälle durch leichtes Gas in die Luft steigen lassen, sondern Maschinen bauen, für welche der Bau der Vögel das Vorbild wäre. Die Gasbälle würden nie etwas anderes als eine interessante Spielerei sein; nur mit einer Maschine würde man die Luft als fahrbares Element durchsteuern können. Er hatte bisher niemals die Mittel gehabt, um ein Modell nach seinen Grundsätzen zu verfertigen, und fürchtete, sie sich jetzt noch weniger 205 verschaffen zu können; aber er würde zunächst im Kopfe weiter arbeiten, um seine Idee wenigstens theoretisch zu vollenden. Confalonieri zeigte lebhaften Anteil und versprach, wenn sie beide einmal frei sein würden, sein Vermögen zugunsten einer Erfindung zur Verfügung zu stellen, durch welche die Kultur so wesentlich würde gefördert werden. Frei würden sie niemals werden, sagte Moretti, oder denn als Krüppel und Verblödete. Ob Confalonieri glaube, der Kaiser werde so unbesonnen sein, Feinde freizulassen, die er über zehn Jahre lang allein mit ihrer Rache gelassen hätte? Sie würden langsam hingemordet werden, und wenn bei einigen von ihnen der Körper widerstandsfähig wäre, so würde der Geist erliegen. Confalonieri wußte, daß es besser sei, Moretti nicht zu widersprechen, und brachte die Rede wieder auf die Flugmaschine, die auch künftig der Gegenstand ihrer Gespräche war.

Es zeigte sich, daß Paulovich in einer Hinsicht Wort gehalten hatte; denn eines Sonntagmorgens wurden die Gefangenen in die Kirche geführt, um die Messe zu hören. Es geschah in der Weise, daß diejenigen, die zu einem und demselben Prozeß gehörten, zusammen hin und zurück geführt wurden und auch in der Kirche zusammenstanden, so voneinander getrennt, daß sie sich zwar sehen, aber nicht miteinander sprechen konnten. Andryane war in großer Erregung, weil er Silvio Pellico zum ersten Male sehen sollte, zu dem ihn seine Dichtungen wie auch seine Briefe hinzogen und von dem er bis jetzt nur die zarte Stimme gehört hatte. Er sah eine schwächliche Gestalt, ein feines Gesicht mit hoher, schöngebogener Stirn unter spärlichen Haaren, hinter einer Brille milde, matte Augen, eine spitze Nase und einen dünnen Mund, der, wenn er lächelte, durch die Lieblichkeit des Ausdrucks für diese unscheinbare, wenn auch ungewöhnliche Erscheinung gewann. Es beschäftigte Andryane während des übrigen 206 Tages, das Äußere der sämtlichen Gefangenen zu durchgehen und mit ihrem Charakter zu vergleichen sowie mit ihrem früheren Aussehen, soweit dies Federigo bekannt war. Dieser bemühte sich, die trübe Stimmung zu verbergen, die der Anblick der Gefährten in ihm erregt hatte: Die Worte Morettis waren ihm eingefallen, als er die Verwandlung sah, die jetzt schon mit einigen, namentlich mit Pellico, vorgegangen war. Silvio war auch zu der Zeit, wo er ihn kennenlernte, keine schöne oder blendende Erscheinung gewesen; aber ein rastlos spielender Geist hatte die klugen Augen und die freundlichen Lippen anmutig belebt, und ein beständiges Funkeln übermütiger oder sinnvoller Einfälle hatte dem schwachen, kleinbürgerlichen Dasein Reiz und Schwung verliehen. Das war jetzt wie mit einem groben Tuche weggewischt, und übriggeblieben waren nur die feinen Linien, die sich unter einer allzu großen Anstrengung zu krümmen schienen. Das schnelle Hinschwinden so edler Kräfte erschreckte Confalonieri; er wünschte irgend etwas zu unternehmen, um es aufzuhalten, und konnte bei der Gedrücktheit und Gebundenheit ihres Lebens die Mittel dazu nicht finden. Soviel er konnte, ermunterte er Pellico durch Briefe, durch Anteil an seinen Arbeiten und durch Teilnahme für alles, was ihn bewegte; auch bewog er den Arzt, sich seiner anzunehmen; aber alles dies genügte nicht, um die ununterbrochene Wirkung des Heimwehs, der Eingeschlossenheit und der Trägheit des Lebens aufzuwiegen.

Mehr als alle litt Olah unter der Kälte; er hustete beständig, sein Gesicht fiel ein, und seine Schultern beugten sich mehr nach vorn. Als Confalonieri äußerte, er müsse wärmere Kleidung haben und besser ernährt werden, brummte Schiller mißmutig, an einer solchen Bestie liege nichts, von Rechts wegen gehöre er an den Galgen, und da würde er noch mehr klappern. Confalonieri entgegnete: »Von Rechts wegen gehöre 207 ich auch an den Galgen,« und wandte sich an Doktor Bayer mit der Bitte, Olah zu untersuchen und ihm das Notwendige zu verordnen. Dieser schüttelte mißbilligend den Kopf, tat aber doch des Grafen Willen und berichtete nach der Untersuchung, dem Zigeuner wäre nicht zu helfen; es würde ihm gehen wie so oft den tropischen Tieren in den Käfigen der Menagerien: nach ein paar Jahren würde er an der Schwindsucht sterben. Es hätte keinen Sinn, in einem so aussichtslosen Falle noch Umstände zu machen; die Menschenliebe wäre ein schöner Grundsatz, wenn der Graf aber Arzt wäre, würde er bald einsehen, daß man nur die gesunden Menschen lieben, den faulen aber einen Fußtritt geben sollte, damit sie jenen desto eher Platz machten. »Unter Gesunden verstehen Sie die, welche Geld oder Ansehen und Einfluß, und unter Faulen die, welche nichts von alledem haben,« sagte Confalonieri. Doktor Bayer lachte herzhaft und hob belehrend seine große, fleischige Hand, indem er sagte: »Die Unterschiede hat die Natur gemacht; das Raubtier hat scharfe Zähne, der Wurm gar keine; der Reiche kann in das Bad reisen, der Arme stirbt ein paar Jahre früher daheim; einer verträgt das Leben überhaupt schlechter als ein anderer, und dabei wird es wohl sein Bewenden haben.« Da die Kälte an diesem Tage besonders durchdringend war, legte Confalonieri seine eigene Jacke ab und zog sie Kaliban an, der es sich erstaunt gefallen ließ. Am Abend kam Schiller mit bösem Gesicht, ein wollenes Hemd unter seinem Anzuge versteckt haltend, das er Federigo reichte. »Ich kann ohne das Hemd auskommen,« grollte er, »und ich will nicht, daß Sie um der Bestie willen Kälte leiden. Aber ich tue es für Sie, nicht für die Bestie, die nicht erfahren soll, daß ich etwas mit der Sache zu schaffen habe.« Auch Doktor Bayer verordnete dem Zigeuner nachträglich allerlei Stärkungsmittel, obwohl es, wie er Federigo 208 auseinandersetzte, weggeworfenes Geld und der wahren Menschenliebe zuwider sei.

Einige Wochen vor Ostern kam Paulovich, der inzwischen vom Kaiser zum Hofkaplan ernannt war, wieder auf dem Spielberg an, von Maroncelli in einem Gedicht begrüßt, zu welchem er eine Horazische Ode verwertet hatte. Da er es nämlich für ersprießlich hielt, seine Huldigungen fortzusetzen, erleichterte er sich die Aufgabe dadurch, daß er passende Gedichte umarbeitete, anfangs behutsam, allmählich aber, als der Erfolg die gänzliche Unbekanntschaft des Paulovich mit der Literatur klar erwies, unbedenklicher, so daß er sich sogar der Liebessonette Petrarcas bediente. Die Genugtuung des Kaplans über den ihm dargebrachten Weihrauch war so lebhaft, daß er die Gedichte allen zeigte, dabei das Talent, die Frömmigkeit und Hingebung Maroncellis angelegentlich herausstreichend, wodurch er den Schabernack selbst ausbreitete und das Vergnügen vermehrte. Der wohlgelungene Spaß stachelte Pallavicino an, etwas Ähnliches zu unternehmen, um womöglich Maroncelli zu übertrumpfen, und er verfiel darauf, die Begier des Paulovich nach Geständnissen, mit der er alle plagte, auszunützen. Während er sich zuerst ungebärdig gegen den Priester benommen und ihn durch prahlerische Ungläubigkeit gekränkt hatte, gab er nun vor, in sich gegangen zu sein und Mitteilungen über eine gefährliche Verschwörung machen zu wollen, die er entdeckt habe. Er habe nämlich spät abends von seinem Fenster aus im Burggraben zwei schattenhafte Gestalten erkannt, die sich offenbar mit einem im Hause Befindlichen hätten in Verbindung setzen wollen. Ob sie das erreicht hätten, könne er nicht sagen; doch hätte er sie untereinander in schlechtem Italienisch reden hören und die Worte Überfall, Mord und Flucht unterschieden; auch die Namen des Kaisers und des Hofkaplans seien in 209 unehrerbietiger Weise genannt worden. Von dieser törichten Fabel konnte Paulovich nicht genug hören und wurde auch von Pallavicino gut bedient, der freilich genug zu tun hatte, um sich immer neue und haarsträubendere Einzelheiten auszudenken. Da trotzdem nichts Handgreifliches dabei herauskam, beschloß Paulovich, dem Komplott selbst nachzuspüren, und wurde von nun an des Abends öfter im Burggraben gesehen, wo er, hinter Gesträuch versteckt, die Ausgeburten Pallavicinos zu überraschen gedachte.

Während dieser über den Erfolg entzückt war, erregte die Komödie das Mißfallen der andern: Pellico und Andryane fanden es anstößig, einen Geistlichen zum Narren zu halten, Confalonieri meinte außerdem, wenn es an den Tag käme, würde Paulovich sich nicht nur an Pallavicino, sondern an ihnen allen rächen, wozu er der Lage nach die beste Gelegenheit hätte. Er stellte Pallavicino bei Gelegenheit des Kirchenbesuches vor, daß er zu weit gegangen sei, und daß er einlenken müsse, worauf der erwiderte, Gefahr der Entdeckung liege nicht vor, käme aber doch etwas heraus, so würde Paulovich schweigen, um sich nicht lächerlich zu machen. Schließlich könne er sich mit einem Rückfall in seinen Wahnsinn entschuldigen, den er jetzt besser spielen würde als früher, da er ihm unterdessen in Wirklichkeit nahegekommen sei. Hingegen kam Confalonieri mehrmals darauf zurück und beharrte dabei, die Sache sei unziemlich und gefährlich, und Pallavicino müsse ihr auf irgendeine Art ein Ende machen und die Spitze abbrechen, bis dieser schroff ablehnend sagte, er sei anderer Meinung und wolle, auch in Ketten frei, sich nichts vorschreiben lassen. Gegen andere äußerte er, daß er die Herrschaft, die Confalonieri sich auch hier anmaße, nicht mehr anerkennen wolle; nur die blinde Unterwürfigkeit unter seine Befehle habe ihn und sie alle in das Elend dieses Kerkers geführt. 210

Zunächst waren Maroncelli und Pallavicino die Lieblinge des Kaplans, während der Verkehr mit Andryane ein wenig kühler zu werden begann. Diesen fingen die kindischen Katechismusgespräche zu langweilen an, und es entfuhr ihm zuweilen ein kecker und witziger Einwand, worüber sich Paulovich ärgerte, der seinerseits kein Interesse für Andryanes Seelenvorgänge mehr aufbrachte und merken ließ, daß es ihm vielmehr darauf ankomme, durch ihn hinter die Geheimnisse des Grafen Confalonieri zu kommen. Seine Erbitterung gegen diesen nahm zu, je entschlossener er dabei blieb, sich der Sakramente zu enthalten, und die bald schmeichelnden, bald drohenden Angriffe des Priesters mit unermüdlicher Höflichkeit und Gewandtheit zurückschlug. Mit Moretti fand nur eine einzige Zusammenkunft statt: er ließ sich zwar zu Paulovich führen, erklärte ihm aber sogleich in würdigen Worten, er glaube an Gott, denn dafür zeuge das Gewissen, und die Welt müsse einen Grund haben, glaube jedoch nicht, daß Gott sich den Menschen anders als durch die Natur und den Geist im allgemeinen geoffenbart habe, und halte sich deshalb von allen Religionen fern. Auf weiteres Zureden antwortete er nur durch stumme Verbeugungen und war in Zukunft zu keiner Fortsetzung des Gespräches zu bewegen. Zu Confalonieri sagte er, er habe sofort durchschaut, daß Paulovich eine Kreatur des Kaisers sei, ein Spion, dessen Aufgabe sei, sie auszuhorchen. Er nannte ihn eine Giftbombe und behauptete, der Augenblick werde kommen, wo sie platzen und ihre Schädlichkeit verspritzen werde.

Es war gegen das Ende vom Aufenthalte des Paulovich, daß in Maroncelli der Argwohn aufstieg, der Priester habe seine Schelmerei gewittert, das heißt, da man ihm das nicht zutrauen konnte, er sei von irgend jemand darauf gebracht worden. Er nahm die Gedichte nicht wie sonst zufrieden 211 entgegen, sondern sprach mit übellaunig verzogenem Munde von Anklängen und tadelte die verliebte Sprache als mit wahrem Christentum unvereinbar und auf einen verwilderten Zustand des Gemütes deutend. Ebenso stellte er an Pallavicino Fragen, die ihn in Widersprüche verwickeln sollten, ließ sich nicht mehr im Burggraben sehen und setzte in seinem Benehmen allen gegenüber an die Stelle der Herablassung und Vertraulichkeit Tadelsucht und mißtrauische Zurückhaltung. Der beunruhigende Verdacht wurde von Schiller verstärkt: Der Schwarze, erzählte er, belästige ihn seit einiger Zeit mit Fragen, suche ihm aufzupassen und habe sogar seine Zuverlässigkeit beim Vorsteher in Zweifel ziehen wollen. »Gott sei Dank hat er recht,« sagte Schiller hohnlachend, »und ich werde es mich keine Mühe verdrießen lassen, in diesem Betrug und Kampfe den Sieg zu behalten.«

Peinlicher noch als die unbestimmte Angst vor den feindlichen Absichten des Priesters war für die Gefangenen der Gedanke, daß ein Verräter unter ihnen sein müsse. Es waren mehrere da, denen sich zutrauen ließ, daß sie Verkürzung oder Erleichterung ihrer Strafe durch Angeberei erkauften; doch richtete sich der allgemeine Verdacht am bestimmtesten auf einen ehemaligen Richter namens Solera, der im venezianischen Prozesse verurteilt war. Die Erscheinung und das Wesen des Mannes waren geeignet, gegen ihn einzunehmen: er war gedrückt in der Haltung, schleichend im Gange, verkehrte nicht mit den andern, drängte sich anstatt dessen, nach dem Berichte Schillers, mit widriger Demut an Paulovich und ließ sich von den Wärtern beim Gebet überraschen. Die Berücksichtigung, die der Kaiser ihm zuteil werden ließ, hatte sich bereits darin gezeigt, daß er die Versorgung von Soleras mittelloser Familie übernommen hatte. Es erregte Befremden und neuen Argwohn, daß er plötzlich zu Moretti einquartiert 212 wurde, der, mit seiner Einsamkeit zufrieden, keinen Wunsch nach Veränderung hatte laut werden lassen.

Der Oberst war über den Eindringling außer sich; die beständige Gegenwart eines Menschen in seinem Zimmer, sagte er zu Confalonieri, würde ihm jedenfalls störend sein, vollends die eines solchen, der ihm Widerwillen einflöße. Auch ohne daß er ihn ansehe, verursache der Mann ihm körperliches Unbehagen, mit ihm sprechen könne er nicht, und auch seine Arbeit könne er nicht fortsetzen. Einsamkeit sei das einzige, was er verlange, und er habe ein Recht darauf, da er zu schwerem Kerker verurteilt sei, der dem Buchstaben nach in Einzelhaft bestehe. Confalonieri stimmte ihm bei und versuchte nur vorsichtig, Solera in etwas günstigerem Lichte erscheinen zu lassen, namentlich insofern er an dieser Vereinigung unschuldig sei und sie selbst vielleicht nicht einmal gewünscht habe. Bisher hatte Moretti seinen Nachbar häufig durch Klopfen zu einem Gespräch eingeladen, jetzt geschah das selten, zuweilen antwortete er nicht einmal, wenn Confalonieri ihn anrief. Er sehne sich mehr als je nach Federigo, sagte er, aber er könne nicht sprechen, wenn Solera dabei sei, denn der sei ein Spion und würde alles dem Paulovich hinterbringen. Er habe schon angefangen, Fragen an ihn zu stellen, wie er mit dem und jenem zufrieden sei, wie er über dies und das denke, und währenddessen wären seine kohlschwarzen Augen an ihn herangekrochen wie Mäuse, die sich in ihn hineinwühlen wollten. »Das ist eine häßliche Vorstellung,« sagte Confalonieri. »Antworte doch ruhig und sprich mit mir wie sonst. Wir haben nichts mehr zu fürchten; und wer würde an unsern Gesprächen über die Flugmaschine Anstoß nehmen?« Zu fürchten, entgegnete Moretti, sei viel; der Vorsteher hätte das Recht, die Gefangenen mit eisernen Ringen an die Mauer zu schmieden und sie wie Hunde zu peitschen. Und würde man 213 nicht glauben, daß die Flugmaschine ein Instrument sei, mit dem sie die Flucht bewerkstelligen wollten? Schlimmer noch als dies aber wäre, daß auch seine Gedanken bewacht würden; unablässig kröchen die spähenden Augen an ihm herum, um sie zu erhaschen, wenn er sie herausließe.

Der Zustand Morettis machte Federigo lebhafte Sorge, und er dachte, daß körperliche Arbeit das einzige Mittel sein würde, um eine Änderung herbeizuführen. Auch Andryanes Stimmung fing an, gedrückt zu werden; er klagte, daß er die Bücher bereits auswendig wisse; im Anfang habe er gedacht, er könne sein Leben damit ausfüllen, nun sagten sie ihm nichts mehr. Vieles, was ihm stets tiefsinnig und wundervoll erschienen sei, fange an, ihm nichtssagend oder abgedroschen vorzukommen. Federigo riet ihm zu turnen, und sprach ihm von seinem Plan, die Erlaubnis zu irgendeiner körperlichen Beschäftigung nachzusuchen. Wenn es gelänge, Paulovich zu gewinnen, daß er die Bitte beim Kaiser befürworte, würde dieser vermutlich einwilligen; Andryane, der noch einigermaßen in Gnade sei, könne vielleicht selbst geschickt darauf hinwirken. Die Aussicht hatte viel Anziehendes für Andryane: er malte sich aus, wie er Paulovich den Plan mundgerecht machen wollte, und, wenn es zur Ausführung käme, was für ein Handwerk er sich auswählen würde.

 

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