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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war August, als Schiller die bevorstehende Ankunft des Priesters Stefan Paulovich meldete, dem der Kaiser die Seelsorge für die italienischen Gefangenen anvertraut hatte. Schiller, dem die Geistlichen in Bausch und Bogen mißfällig waren, erzählte, der vorige sei leidlich gewesen, wenn schon auch ein Salbenschmierer und Augenverdreher, wie das nicht anders sein könne. Jetzt komme einer, der vom Kaiser mit besonderen Vollmachten ausgerüstet sei, um die Mailänder zu bekehren, die viel größere Sünder seien als die Venezianer. Der werde wohl ein gefährlicher Pfiffikus sein; was ihn, Schiller, betreffe, so werde er sich möglichst im Winkel bei seinem Glase halten, damit er ihm nicht vor die Nase komme. Federigo sagte: »Das werden Sie nicht tun, weil Sie damit nicht ihm, sondern sich selbst schaden würden. Übrigens soll man gegen keinen Stand ein Vorurteil haben: ich hatte eins gegen die Gefangenwärter und habe hier erfahren, daß es darunter Leute gibt, die ich gern zu meinen Freunden zählen möchte.« Schiller verbiß ein Lächeln und beharrte bei seiner Meinung: »Ihnen, Herr Graf, bekam die Bohnensuppe nicht, ich kann die Priester nicht vertragen; was dem einen recht ist, ist dem andern billig.« Andryane unterstützte ihn: Federigo sei gläubiger Katholik, er könne ihn darin nicht verstehen, achte jedoch eines jeden Überzeugung. Die Pfaffen aber, die wären Heuchler, denn die Religion, als eine Gefühlssache, könne nun einmal nicht Beruf sein. Ihnen wäre nicht an Gott gelegen, sondern an einem bequemen Leben oder an Ehren und Auszeichnungen, oder sie suchten sogar eine Maske, unter der sie weltliche Laster verstecken könnten. Er für seine Person werde es so halten wie 195 im Gefängnis in Mailand: dem Manne zwar mit geziemender Achtung begegnen, ihm aber offen erklären, daß seine Religion die freie Wissenschaft sei, und daß er sich deshalb von allen kirchlichen Zeremonien fernhalten wolle.

Als Paulovich angekommen war, fragte Andryane, wie er aussehe. »Wie ein Schwein, das im Miste gegraben hat,« sagte Schiller mißmutig, rasselte mit den Schlüsseln und schlug im Hinausgehen die Tür hinter sich zu. Confalonieri, der als der erste zu ihm geführt wurde, mußte an Schillers Worte denken, als er dem Priester gegenüberstand: er hatte eine formlos dicke Gestalt, glattgespannte Haut, kleine Augen, die wie von außen angesetzt sahen, und eine Gesichtsbildung, die man rüsselhaft nennen konnte, obwohl seine Nase nicht groß war. Ein bewegliches Wesen und einen vergnügten Sinn konnte er sehr wohl hinter ernster Würde und Nachdenklichkeit zurückhalten, wie er auch, wenn es nicht zu lange dauern mußte, fromme und bedeutungsvolle Reden führen konnte, die ihm selbst tiefsinnig vorkamen, weil einfache Begriffe schon etwas Neues und Schwieriges für ihn waren. Infolge eines munteren Temperaments und einer unbewußten Menschenkenntnis, die ihn sofort die rechte Art finden ließ, mit jedem umzugehen, hatte er sich trotz niedriger Geburt zu höherer Stellung aufgeschwungen und in ihr zu behaupten vermocht. Was den Kaiser zu ihm hinzog, war seine unbedenkliche Unterwürfigkeit, die Unbefangenheit, mit der er sich der dreistesten Schmeicheleien bediente, und der derbe Mutterwitz, den er in schicklichen Augenblicken entfalten konnte.

Er kam Confalonieri liebenswürdig wie ein Gleicher dem Gleichen entgegen, streifte die Ursache seines Hierseins zunächst nicht und fragte nach einer längeren Unterhaltung über allgemeine Dinge ohne Dringlichkeit, warum Federigo in Mailand das Abendmahl nicht habe nehmen wollen, ob 196 seine Überzeugung ihn gehindert habe oder irgendein zufälliger Grund, der vielleicht jetzt weggefallen sei. Federigo sagte, er sei damals so sehr von irdischen Angelegenheiten bewegt gewesen, daß er sich selbst nicht würdig erachtet habe; seine Ehrfurcht vor den Sakramenten sei zu groß, als daß er ohne wahre innere Ergriffenheit daran teilhaben wollte. Dies billigte Paulovich und schloß das Gespräch mit dem Ausdruck der Hoffnung, Confalonieri bald als treuen und gehorsamen Sohn der Kirche mit ihren Segnungen versehen zu können. Während der ganzen Unterredung empfand Federigo ein bestimmtes Widerstreben gegen Paulovich; aber er suchte es in Gedanken an Teresa zu unterdrücken, in deren Sinn er zu handeln wünschte, und die sich kindlich gläubig vor dem Priester, als vor dem Stellvertreter Gottes, gebeugt haben würde.

Von Andryane ließ sich Paulovich die Geschichte seiner Kindheit und Jugend erzählen, was dieser gern, sich immer mehr erwärmend und aufschließend, tat. Vorzüglich sprach er von seiner frühverstorbenen Mutter, an die sich ihm eine durch die Phantasie ausgeschmückte Erinnerung eingeprägt hatte. Er erwähnte, daß er in der Zeit geboren sei, wo die Religion als Staatseinrichtung von der Republik abgeschafft war, und daß seine Mutter vielleicht gerade im Gegensatz zu der bestehenden Gottlosigkeit eine innige Gläubigkeit in sich bewahrt und auf ihn übertragen gehabt habe. Er besann sich auf das geheimnisvolle Entzücken, das die Heiligengeschichten der Mutter in ihm erregten, wie auch der Besuch einer Kirche und jeder Gegenstand und jeder Vorgang, der mit der Religion in Verbindung stand. Als er in die Zelle zurückkehrte, war er noch heiß von Erinnerungen und rühmte an Paulovich sein Verständnis für die Kinderseele und das Zartgefühl, mit dem er seine besondere Lage als eines von 197 der Heimat getrennten Fremdlings begriffen habe. Nach der nächsten Zusammenkunft war er in großer Erregung: Paulovich habe gesagt; es sei ihm nachträglich eingefallen, daß Andryane, als in der religionslosen Zeit geboren, wahrscheinlich die Taufe nicht empfangen habe und infolgedessen der Kirche gar nicht angehöre, von der er sich entfernt zu haben glaube. Man könne also ganz wohl damit beginnen, ihn dem Schoße der Kirche zu übergeben, die mütterlich auch die Ungläubigen umfange und auf unbegreiflichen Wegen zum Heile führe. Paulovich sei herzlich gerührt gewesen über dies wundergleiche Zusammentreffen, durch welches vielleicht eine Seele gerettet werde.

Andryane war über die Aussicht einer etwaigen Taufe so bewegt, daß er die Frage, ob er schon getauft sei oder nicht, auf sich beruhen ließ, um sich in Träumereien über die Geheimnisse und die Glückseligkeit des Glaubens zu vertiefen. Die Zurückhaltung, die Federigo diesem Ereignis gegenüber beobachtete, da nach seinem Dafürhalten manches dagegen sprach, die Handlung jetzt vollziehen zu lassen, verstimmte Alexander ein wenig und veranlaßte ihn, sich Paulovich gegenüber um so schrankenloser auszusprechen, der alle seine Geständnisse mit Geduld und Nachsicht aufnahm. Seit Andryane ihn gebeten hatte, ihn für das Sakrament vorzubereiten, nannte er ihn seinen geistlichen Sohn und behandelte ihn mit wohlwollender Vertraulichkeit. Es wurde auch ein gewisser Unterricht eingeleitet, der zwar häufige Zusammenkünfte veranlaßte, aber nur in einigem Auswendiglernen von Katechismuserklärungen bestand; denn die Hauptsache, sagte Paulovich, sei der Glaube, den Gott ihm schon einflößen werde, wenn er seine Seele nur demütig ausbreite wie ein Bettler seinen Almosensack.

Während sich dies mit Andryane begab, war Confalonieri 198 in seinem Innern tiefbeschäftigt; denn da er sich bereit erklärt hatte, das Abendmahl zu empfangen, mußte er sich darauf vorbereiten, eine Generalbeichte abzulegen, die jenem Akt voranzugehen hatte. Indem er sein vergangenes Leben überblickte, erschien er sich selbst in einem andern Lichte als jemals vorher: In früherer Zeit war er immer überzeugt, nicht nur das Rechte, sondern das Notwendige zu tun; er beklagte, daß er eine Frau habe, die nicht für ihn passe, und hielt es für selbstverständlich, daß er Zeit, Interesse und Empfindung andern zuwendete; er zürnte, daß sein Vater keine seiner Ideen teilte, und war der Ansicht, daß er das äußerste Maß von Selbstüberwindung leiste, indem er ihm äußerlich die Achtung des Sohnes erweise; es bekümmerte oder entrüstete ihn, wenn er die Männer weichlich, gleichgültig oder leichtsinnig fand; aber er dachte niemals daran, ihre Tugenden gegen seine Fehler abzuwägen. Darin hatte er gewiß recht gehabt, daß er Italien einer gänzlichen Erneuerung bedürftig hielt; zweifelhaft aber schien es ihm jetzt, ob er die richtigen Mittel gewählt habe, diese herbeizuführen. Fraglich war es, ob die Italiener nach lange ertragener Fremdherrschaft und Bevormundung fähig waren, sich selbst zu regieren. Ob er das Recht hatte, um ungewisser Ziele willen das Glück und Leben vieler Menschen auf das Spiel zu setzen. Er hatte vergessen, daß die Menschen nicht mehr anstreben sollen, als das Wohl einzelner zu befördern; er hatte sich blindlings zu den wenigen gezählt, die, das Wohl einzelner mißachtend, ihr Bild des Guten zu verwirklichen wagen dürfen. Mit einem Male wurde er sich aller der Härten seines Handelns bewußt, unter der diejenigen, die ihm nahestanden, von jeher gelitten hatten. Wo er nicht willige Hingebung oder denn Geist, Leben, Tätigkeit und großen Sinn fand, hatte er sich weggewendet; wieviel hätte er vielleicht über seinen Vater 199 vermocht, wenn er, liebevoll auf seine Meinungen eingehend, ihm die seinigen bescheiden näher gebracht hätte; wie anders hätte Teresas Leben verlaufen können, wenn er es der Mühe wert gehalten hätte, ihr schönes Herz an sich zu ziehen und zu enthüllen, das sie kindlich scheu und herbe verbarg. Es war ihm eigenartig anziehend, die Spuren seines Charakters und seines Schicksals zu verfolgen und einen sinnvollen Zusammenhang zu entdecken, und er freute sich darauf, die Einsicht, die er gewonnen hatte, einem andern mitzuteilen. Hätte er sich Paulovich auch nicht dazu auserlesen, so nahm er sich vor, die geheiligte Person in ihm zu sehen, die durch das Wunder der christlichen Liebe das Bekenntnis der Sünder aufzunehmen und abzuwägen befähigt war.

In dem Augenblick jedoch, als er Paulovich gegenüberstand, der für diese Gelegenheit eine besondere, selbstgefällige Feierlichkeit angenommen hatte, fühlte er, wie am ersten Tage, ein kaum zu überwindendes Widerstreben. Dieses nahm zu, während Paulovich ihm eine Ansprache hielt, er möge nun äußerlich und innerlich sich beugen wie vor Gott und sich ganz eröffnen, ohne etwas zurückzubehalten, indem er den Beichtvater entscheiden lasse, was Sünde sei und was nicht. Wäre Teresa dagewesen, wie gern hätte er sich zu ihren Füßen niedergeworfen und kniend bekannt: ich glaubte mehr zu sein als alle und mehr als du und war deiner nicht würdig; aber was für ein Widersinn war es, diesen Hohlkopf zum Mitwisser seiner Seele zu machen! Seines Beschlusses eingedenk, wollte er sich trotzdem bezwingen, ging schnell auf Paulovich zu und kniete auf dem Schemel nieder, der für ihn bereitstand; nachdem er dann die übliche Eingangsformel gesprochen hatte, bat er den Priester, Fragen an ihn zu richten, da er sich auf ein zusammenhängendes Bekenntnis nicht vorbereitet habe. Auf diesen Wunsch nach längeren Erörterungen 200 eingehend, sagte Paulovich, bei Confalonieris Vergangenheit müsse man zuerst an seine politischen Verirrungen denken; er habe zwar im Laufe des Prozesses allerlei bemerkenswerte Geständnisse gemacht, doch habe noch viel daran gefehlt, daß das Ergebnis Seine Majestät befriedigt habe. Hier möge er einsetzen, um das Versäumte nachzuholen.

Er habe von seinen Sünden gegen Gott sprechen wollen, sagte Confalonieri, indem er sich aufrichtete; über die politischen Angelegenheiten habe er sich an der zuständigen Stelle ausgesprochen und habe dem nichts mehr hinzuzufügen. Paulovich lehnte sich mit wichtigem Lächeln in seinen Sessel zurück und sagte, da sei er falsch unterrichtet, wenn er glaube, die Kirche befasse sich nicht mit politischen Dingen. Ob ihm die Bulle nicht bekannt sei, in der Papst Leo alle diejenigen verdamme, die geheimen Gesellschaften angehörten oder angehört hätten oder mit Gliedern geheimer Gesellschaften wissentlich umgingen? Bevor er sich in dieser Hinsicht nicht gründlich gereinigt hätte, könne er ihn nicht absolvieren. Inzwischen war Confalonieri aufgestanden und bat nun, die Bulle lesen zu dürfen, um sich von ihrer Bedeutung Kenntnis zu verschaffen; er stand schlank und fest vor Paulovich, der mit ärgerlich gerötetem Gesicht und unmutig vorgeschobenem Munde seine Beute entschlüpfen sah. Die Bulle solle er haben, sagte er, und werde schon sehen, wer recht habe; übrigens solle er bedenken, daß er beim Kaiser ohnehin nicht gut angeschrieben sei und Ursache habe, ihn nicht noch mehr gegen sich aufzubringen.

Federigo fühlte sich befreit, wie wenn er die Hülle einer unpassenden Rolle, die zu spielen ihm aufgedrängt wäre, für immer von sich geworfen hätte. Daß er aus dieses Mannes Händen das Sakrament nicht empfangen wolle, ja überhaupt nicht, solange er unfrei wäre, stand in ihm fest; aber obwohl dieser Entschluß sein Herz eines peinlichen Druckes entledigte, 201 so stimmte ihn doch traurig, was er als Folge davon erkannte. Nicht das hielt er für das Schlimmste, daß der Kaiser in seiner Unversöhnlichkeit gegen ihn bestärkt werden würde, sondern daß Teresa sich betrüben würde, wenn entstellte Berichte über seine Gottlosigkeit zu ihr drängen. Die Unmöglichkeit, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, war ihm noch niemals so unerträglich schmerzvoll gewesen, so sehr, daß er Schiller davon erzählte, der ihn nach der Ursache seines gedankenvollen Wesens fragte. »Es ist nur gut,« sagte Schiller, »daß Sie mit dem Schwarzen auseinander sind. Ich fürchtete schon, weil ich sah, daß irgend etwas im Gange war, Sie wollten sich auch taufen lassen.« Confalonieri lachte und sagte, wenn er ein Heide wäre und alle Priester wie Paulovich, würde er ungetauft sterben. Schiller rieb sich die Hände, klopfte Federigo billigend auf die Schulter und sagte: »Bleiben Sie nur fest, Herr Graf, lassen Sie sich von dem Schwarzen nicht ins Bockshorn jagen. In der Hölle drüben mag er regieren, hier in dieser bin ich Meister und werde dem alten Maulwurf schon eins auf die Nase geben, wenn er sie in unser Revier steckt.« Als die Taufe Andryanes an einem schönen Septembersonntage vor sich ging, war er niedergeschlagen und wehmütig, machte aber keine Bemerkung gegen ihn, um ihn nicht zu kränken, und sagte halb entschuldigend zu Federigo: »Unser Pfau muß eben einmal ein Rad schlagen.«

Mit heißen Wangen und geröteten Augen kam der Neugetaufte um die Mittagszeit zurück, noch erfüllt von dem Eindruck, den die heilige Handlung in der kleinen Kirche auf ihn gemacht habe. In den herrlichen Kathedralen Frankreichs sei sein Herz nie so sehr im tiefsten Grunde erschüttert gewesen wie in dieser dürftigen Kapelle. Könne er sich auch noch nicht einen guten Christen nennen, so fühle er doch den Glauben in sich keimen und zweifle nicht, daß er sich täglich reicher 202 entfalten werde; denn der Glaube sei die einzige Pflanze, die zum Gedeihen nicht der Sonne des Glückes, sondern der Schatten des tiefsten Elends bedürfe. Paulovich sei zwar wohl beschränkt von Verstande, aber ein herzensguter Mensch, der beim Kaiser für seine und ihrer aller Begnadigung wirken werde, und der ihm versprochen habe, die Erlaubnis zum sonntäglichen Kirchenbesuche für sie durchzusetzen. Er habe ihm auch erzählt, nicht nur der Kaiser, sondern alle Erzherzoge und Erzherzoginnen seien gerührt über die Taufe, welche der Kirche eine Seele gerettet und einen Strahl himmlischer Gnade in die Mauern des Spielberg geleitet habe.

In ähnlicher Weise wie Andryane äußerte sich Pellico über Paulovich: er sei zwar nicht in allen Dingen vollkommen, meine es aber gut; außerdem müsse man sich daran gewöhnen, den Priester, nicht den Menschen zu verehren. Eines Tages begab sich etwas Unvorhergesehenes mit Maroncelli. Dieser nämlich wechselte immer noch, wenn sich eine Gelegenheit fand, mit der Ungarin Früchte und Liebesgedichte und hatte gerade ein solches in der Hand, um es durch Kaliban zu befördern, als er abgeholt und zu Paulovich geführt wurde. Im Laufe der religiösen Unterredung, die bei Maroncellis Gesprächigkeit sehr lebhaft ausfiel, entglitt ihm der Zettel, den er in den Ärmel geschoben hatte, und wurde von Paulovich entdeckt. In der Meinung, einen wichtigen Fang getan zu haben, schickte sich dieser mit kniffligen Fragen zu einem Verhör an, das Maroncelli mit der Erklärung abbrach, er habe das Gedicht mit Absicht fallen lassen, nämlich dem zu Füßen, für den es bestimmt sei, und dem es selbst zu überreichen er nicht gewagt habe. Der Inhalt des Gedichtes, Dank für Wohltaten, die wie Tau auf seine verschmachtende Seele fielen, und durch die er sich aus Nacht des Leidens neugeboren fühle, ließ in Paulovich noch einige Zweifel zurück, die aber 203 Maroncelli zerstreute, indem er mit verwegener Unbefangenheit Punkt für Punkt auslegte, alles in allem, wie das von Paulovich ausstrahlende Christentum eben der Segen sei, der ihn zu einem neuen Menschen gemacht habe. Durch Andryane bereits an angenehme Ausdrücke gefühlvoller Dankbarkeit gewöhnt, stand Paulovich endlich nicht länger an, die Verse Maroncellis als sein Eigentum anzuerkennen, und schrieb die verliebte Übertriebenheit der Ausdrücke der Wirkung zu, die seine Persönlichkeit nun einmal hervorbringe. Da er in der Folge Maroncelli gegenüber mit wohlwollender Laune auf das Gedicht zurückkam, hielt es dieser für angezeigt, einige weitere folgen zu lassen, in denen er sich nun viel überschwenglicher herausließ und mit den hochtrabendsten Schmeicheleien nicht zurückhielt. Er krönte seine Arbeit, als das Ende des geistlichen Besuches herannahte, durch ein Abschiedsgedicht, in welchem er sich mit Eurydike verglich, die als ein Schatten im Hades schmachten müsse, bis Orpheus einkehren und ihn durch den Zauber seiner Worte wieder zum Lichte führen werde.

Es war Herbst geworden, als Paulovich abreiste. Von den Fenstern der Gefängnisse sah man viele Tage nichts als vom graubleichen Himmel niedersinkenden Regen und, wenn er nachließ, das entblößte Land und die entblätterten Bäume. An den Sturmtagen war der Spaziergang auf der Terrasse ein Abenteuer, auf das Confalonieri oft verzichten mußte; denn es war nicht erlaubt, sich durch einen Mantel gegen die Kälte zu schützen. Auch wurde kein Licht gegeben, um die Dunkelheit zu vertreiben, die jetzt schon um vier Uhr in die Zellen kam. Um diese Zeit stellte sich Federigo an das Fenster und hing seinen Gedanken nach, während die hin und her sausenden Fledermäuse das Gewebe der Nacht vor das weit entfaltete Bild der großen Ebene webten. 204

 

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