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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kaiser hatte im allgemeinen, die Italiener betreffend, das System, zwei zusammenwohnen zu lassen, wozu ihn verschiedene Beweggründe veranlaßten: einmal sollten sie sich gegenseitig Beistand leisten, denn die meisten wurden bald leidend und pflegebedürftig; dann konnten sie durch Trennung oder durch Vereinigung gegen die Neigung bestraft werden; und schließlich konnte in gewissen Fällen der eine den andern beobachten und aushorchen. Indessen ließ er doch auch ein gewisses Wohlwollen walten, indem er meistens die herrschenden Sympathien berücksichtigte, wie denn Pellico mit Maroncelli lebte und Andryane, der dies sehnlich wünschte, mit Confalonieri zusammengetan wurde. Als er sich plötzlich, der nichts erwartet hatte, als in eine andere Zelle geführt zu werden, dem angebeteten Manne gegenübersah, stürzten die 182 Tränen aus seinen Augen, und er konnte lange nichts anderes als den Namen Federigo rufen. »Nun ist es gut,« sagte er endlich, durch seine Tränen lächelnd; »ich habe in meinem ganzen früheren Leben keinen so frohen Augenblick gehabt wie diesen.« Auch Confalonieri war bewegt, als er in das schmale Gesicht des Armen sah, dessen frische Jugendschönheit noch vor einem Vierteljahr auf dem Pranger in Mailand die Zuschauer gerührt hatte. Alexander bewunderte das Zimmer, das mit einem verhältnismäßig großen Fenster versehen war, während alle andern das Licht nur durch eine Art von Gucklöchern erhielten. Es wurde jetzt Frühling: der grüne Flor junger Saaten schwebte über vielen Äckern, zwischen den dunkeln Föhren, aus den Gebüschen und braunen Wäldern züngelte, funkelte und flatterte das Grün hervor, und unter dem festlichen Gewimmel leichter weißer Wölkchen trieben die Landleute Kühe und Pferde mit Pflug und Egge durch die aufquellende Erde.

Nachdem sie eine Weile hinausgeblickt hatten, sagte Federigo: »Wie wohltätig ist das Schauspiel der göttlichen Erde, die ihre Kinder die Arbeit lehrt und ihnen in ihrem Schoße die Belohnung zubereitet, für uns, die ihre Hand losgelassen und ihrer fast vergessen hatten.« »Wie meinst du das?« fragte Andryane lebhaft. »Du kannst doch nicht wünschen, daß die Menschen Bauern geblieben wären und den Babelturm unserer Kultur niemals erbaut hätten?«

»Das meine ich nicht,« sagte Confalonieri. »Ich denke nur, daß wir die erhabene Regel des Säens und Erntens, des Keimens und Vergehens, das Gleichgewicht zwischen Verschlossenheit und Fülle und den sternenstillen Gang der Natur uns einprägen und unsern Handlungen zugrunde legen sollten. Wir wollen süße Früchte von Bäumen, die bittere tragen; wir wollen im Mai genießen, was erst im Herbste reift; wir 183 wollen Glück und Freiheit, obwohl wir nirgends eine Schönheit wahrnehmen, die nicht aus Notwendigkeit hervorginge und dem Zwecke diente.«

Andryane, der aufmerksam zugehört hatte, sagte: »Ich habe dir nicht ganz folgen können; aber du wirst mir helfen, mich an deinen Gedanken teilnehmen zu lassen. Du hast nicht nur eine reichere Erfahrung vor mir voraus, sondern auch einen umfassenderen Geist, einen gebildeteren Sinn und mehr und besser geordnetes Wissen. Wie glücklich bin ich, von dir lernen zu können, und wie wunderbar bin ich vom Schicksal geführt worden! Ich verließ Paris, um das tändelnde Dasein eines jungen Lebemannes abzustreifen und mich zu ernsteren Zielen vorzubereiten. Meine Liebe zu Italien, mein Haß gegen tyrannischen Druck und meine Begeisterungsfähigkeit lockten mich von meinem Wege ab und schienen mich in grausige Finsternis zu stürzen; nun aber sehe ich ein, daß die Vorsehung mich ebendas finden ließ, was ich suchte, und was ich nirgends so rein gefunden hätte. Hier reizen mich keine Zerstreuungen, hier habe ich Gelegenheit, mich in allen Tugenden des Mannes, Entsagung, Selbstüberwindung, Kampf gegen härteste Unbill, zu üben; hier habe ich dich als Lehrer, der zugleich Vorbild ist. Schon jetzt fühle ich, wie sehr ich einst Ursache haben werde, meine Unbesonnenheit zu segnen, die mich dahin führte, wo ich mit dir leiden und von dir lernen kann.«

Federigo sagte, daß er nichts mehr wünsche, als das Vertrauen, das Alexander in ihn setze, zu rechtfertigen, und daß er bereit sei, ihm von seinen Erfahrungen und Kenntnissen, was immer nützlich sei, mitzuteilen. Die Bücher würden ihnen dabei sehr zustatten kommen. Sie hatten nämlich alle von zu Hause Bücher mitgenommen, die eine mäßige Bibliothek bildeten, deren Gebrauch ihnen auch gestattet wurde, und 184 die sich mit der Zeit vielleicht ergänzen ließ. Sie besprachen miteinander, was sie zunächst vornehmen, und wie sie die Zeit einteilen wollten, und es schien Andryane, als ob der Tag kaum Stunden genug für die mannigfachen Beschäftigungen hätte.

Unter lebhaften Gesprächen verging die Zeit bis zum Abendessen, das um fünf Uhr gebracht wurde; es bestand aus einer Suppe und trockenem Brot. Andryane beklagte sich über die Reizlosigkeit des einförmigen Essens, das sich bei dem Mangel an Bewegung noch schwerer verdauen lasse. Sie fingen beide an, in dem kleinen Zimmer auf und ab zu gehen, zwischendurch am Fenster verweilend, um nicht schwindlig zu werden. Von der unendlichen Ebene verschwand das Licht; nur von den Wipfeln der Bäume des alten Kirchhofs im Westen strömte noch rötlicher Schein auf die moosige Mauer und die spitzen Grabsteine, die sie überragten. Auf den bleichen Wegen zogen die Bauern von der Feldarbeit nach Hause, und nachdem diese verschwunden waren, kam nichts mehr als zuweilen einmal ein langsames Fuhrwerk über die breite Landstraße. Im Burggraben ging ein halberwachsenes Mädchen auf bloßen Füßen auf und ab, als ob sie auf etwas warte; zuweilen bückte sie sich nach einem wilden Veilchen oder einer Anemone, die sie bald hernach wieder fortwarf, dann stand sie still mit schlaff herunterhängenden Armen und gesenktem Kopfe, so daß man ihren braunen Nacken sehen konnte.

Das Gespräch war allmählich erloschen. Confalonieri machte das Auf- und Abgehen bald müde, so daß er sich auf die Pritsche niederlegen und ausruhen mußte. Zum Lesen war es schon zu trübe im Zimmer; Andryane setzte sich auf einen Stuhl und starrte vor sich hin. »Wie töricht sind alle meine Vorsätze und Pläne,« sagte er nach einer Weile mit gepreßter 185 Stimme. »Was für einen Sinn hat es, Kenntnisse zu sammeln, die ich niemals verwerten kann, und meinen Geist zu veredeln, mit dem ich vielleicht niemals wirken werde? Was ich auch hier mir aneignen könnte, hat nicht mehr Wert als der Klumpen Gold, den Robinson auf seiner Insel fand, und den er verächtlich mit dem Fuße zur Seite stieß.« Federigo richtete sich auf und sagte, das sei falsch; der Mensch solle streben, Gott ähnlich zu werden, ohne zu fragen, ob und was er dadurch wirken werde. So gösse auch die Sonne Licht und Wärme nicht aus, um Leben zu zeugen oder zu pflegen, und könne doch nicht strahlen, ohne es zu tun. Außerdem sei es für ihn keine Frage, daß der Kaiser ihn, Andryane, bald begnadigen werde, daß er aber bei seiner Jugend, selbst wenn er einige Jahre hier zubringen müßte, noch eine schöne Laufbahn in der Heimat vor sich habe. Andryane schüttelte den Kopf und ließ seine Tränen zwischen den Fingern hindurchrinnen. Um sich selbst auf andere Gedanken zu bringen, ging er ans Fenster und pfiff die Melodie eines französischen Volksliedes, das Pellico besonders lieb war, um diesen zu einer leisen Unterhaltung an das Fenster zu rufen. Anstatt seiner kam die Stimme Maroncellis, der mitteilte, Silvio habe solche Kopf- und Brustschmerzen, daß er nicht vom Bett aufstehen könne; doch hatte er noch nicht ausgesprochen, als ein wachehabender Soldat ihn unterbrach und mit groben Drohungen Stillschweigen befahl.

Es schien Andryane, als ob seit dem Abendessen lange, schwere Stunden vergangen wären; aber als sie nach der Uhr sahen, war es noch nicht sieben. Die Zeit war hier etwas anderes als draußen im Leben; hier war sie ein ungeheueres Rad, das die Gefangenen selbst drehen mußten, und das stillestand, wenn sie erlahmten. Dann stockte alles, und das Nichts, in dem keine Brust atmen kann, senkte sich erstickend 186 auf den traurigen Felsen hinunter. Die Rufe der einander ablösenden Wachen, die wie die Hammerschläge des riesigen Uhrwerks fielen, klangen dann gespensterhaft grausig, als rassele das Triebwerk noch, obwohl das Rad erstarrt sei.

Die endliche Ankunft des Sommers machte das Leben leichter; denn nun konnte durch die geöffneten Fenster reine Luft einströmen, auf den Feldern und Wiesen und auf der ganzen farbigen Ebene ging immer etwas vor, was unterhaltend und schön anzusehen war, und es blieb bis zum Abend hell in den Zimmern. Confalonieri gab Andryane Unterricht in der englischen, deutschen und italienischen Sprache, die dieser erst zu studieren angefangen hatte; auch in den Naturwissenschaften, in der Geschichte, Staatswissenschaft und Volkswirtschaftslehre besaß er gründliche Kenntnisse. Andryane hatte sich mit Mathematik und Philosophie beschäftigt, kannte die schöne französische Literatur gründlich und die der andern Länder, soweit sie ihm durch Übersetzungen zugänglich war, und gab durch seine stets rege Wißbegierde immer neuen Anlaß zu fesselnden Gesprächen. In dem neuen »Conciliatore«, der durch Beiträge aller entstand, wurde das Gelesene besprochen, oder es wurden Fragen beleuchtet, die einer aufwarf. Pellico machte sich wieder an dramatische Arbeiten, die Maroncelli in Musik zu setzen pflegte und mit seiner gut geschulten Stimme, die natürliche Beweglichkeit und süßesten Schmelz besaß, wenn duldsame Wachen da waren, halblaut sang. War Fritz da, so wußten die Italiener, daß sie ungestört sprechen, pfeifen und singen konnten, ja zuweilen antwortete er mit einem deutschen Liedchen, das sie ihm leicht ablernten, und das ihm, von ihren tonreicheren Stimmen gesungen, neu und um vieles lieblicher erschien. Lieber als alles andere indessen war es ihm, wenn Confalonieri am Fenster war und sich mit Pellico unterhielt: zuweilen glückte 187 es ihm, vereinzelte Worte zu verstehen, aus denen er sich den Sinn des Ganzen zusammenzustellen suchte; aber es beglückte ihn schon, die stolzen Züge des unglücklichen Grafen zu sehen und einen Blick aus seinen belebenden Augen zu erhaschen. Indessen auch von den anderen Wachen wurden viele im Laufe des Sommers unachtsamer; es starb nämlich die Frau des Vorstehers, was diesen so weich stimmte, daß er, teils weil er in seinen Kummer versunken war, teils um in ihrem mitleidsvollen Sinne zu handeln, die Zügel fallen ließ und dadurch die Angestellten und die Mannschaft zu Nachlässigkeit und Nachsicht ermunterte. Wenn die Tagesarbeit getan war, kam es vor, daß Andryane und Maroncelli, an ihre Fenster gelehnt, Auftritte aus den Dramen Pellicos hersagten, besonders den, wo Paolo und Francesca einander die verbotene Liebe gestehen, und daß nicht nur ihre Gefährten zuhörten, sondern auch die Wachen, die den Sinn nicht verstehen konnten, neugierig lauschten. Die Spaziergänge wurden oft weit über die halbe Stunde, die einem jeden dazu bewilligt war, ausgedehnt, wenn auch davon freilich nicht abgegangen wurde, daß jeweilen nur einer allein ausgehen durfte.

In den ersten Jahren, bevor die vom Mailänder Prozeß ankamen, hatten die italienischen Gefangenen die Erlaubnis gehabt, im Burghof spazierenzugehen, wo sie mit andern Menschen, namentlich mit der Frau des Vorstehers und ihren Kindern, in Berührung kamen. Dies aber hatte durch folgende Begebenheit ein Ende genommen. Eine Fruchthändlerin, die im Hofe ihren Stand hatte, verliebte sich in Maroncelli, der, als ein junger, hübscher, schwarzlockiger, kühn und freundlich blickender, dazu beklagenswerter Mensch, wohl geeignet war, solche Empfindungen einzuflößen. Es hatte damit angefangen, daß Maroncelli im Vorübergehen einen verlangenden Blick auf ihre Kirschen, Erdbeeren und Äpfel warf und die 188 gutmütige Frau ihm winkte, sich zu nehmen, was er wolle; da er den Kopf schüttelte und lachend seine leeren Hände zeigte, griff sie gewaltig in einen Korb voll Kirschen und stopfte ihm selbst in die Taschen, was hineingehen wollte. Das nächstemal wollte Maroncelli nicht wieder an ihrer Bude vorübergehen, um nicht aus ihrer Wohltätigkeit Vorteil zu ziehen; aber es zeigte sich, daß sie darüber empfindlich war, und so kam es, daß sie fast täglich ihn und auch Pellico, der mit ihm draußen war, mit Früchten versorgte, und er ihr in ebenso heimlich zugesteckten Gedichten dankte, woran sie, obwohl sie oft Mühe hatte, sie sich übersetzen zu lassen, die größte Freude hatte. Allmählich verliebte sich die Frau, welche nicht mehr jung, aber sehr leidenschaftlicher Natur war, über die Maßen in Maroncelli; und da sie sich an Hand der Gedichte eingeredet hatte, er teile ihre Gefühle, so wurde sie völlig verdreht und trat eines Tages vor den Vorsteher mit der Erklärung, sie wolle Maroncelli heiraten, und er solle ihn zu diesem Zwecke freilassen. Als der Hauptmann lachte, wurde sie zornig; sie war eine Ungarin, stattlich gewachsen, hatte ein häßliches, aber sehr ausdrucksvolles Gesicht, auf dem sich Wut, Schmerz, und was sonst in ihr vorging, überzeugend malte, und es begann ihm ihrer Heftigkeit gegenüber unbehaglich zumute zu werden. Er versuchte ihr auseinanderzusetzen, daß ein Staatsgefangener auf dem Spielberg nicht heiraten dürfe, womit er ihre Entrüstung nur noch mehr erregte; denn sie hielt dies für eine eigenmächtige Grausamkeit des Vorstehers, gegen welche sie die Güte des Kaisers anrufen wollte. Jetzt erschrak der Hauptmann heftig; denn wenn diese tolle Frau wirklich, wie sie erklärte, nach Wien ging und ihre Sache dem Kaiser vortrug, so mußten ein Skandal schlimmster Art und Weiterungen ohne Ende sich ergeben. Gewalt gegen eine Frau anzuwenden, war ihm 189 peinlich, und Vernunft wollte sie nicht annehmen; in dieser Not verfaßte Maroncelli einen Brief, in dem er ihr bekannte, daß er sie zwar liebe, daß er aber an eine Frau in seiner Heimat gebunden sei, der er die Treu als ehrenhafter Mann nicht brechen wolle, weswegen er blutenden Herzens auf sie verzichte, und löste dadurch die unheilvolle Verwicklung auf. Die Frau wurde zunächst infolge der Enttäuschung tiefsinnig und menschenscheu, kam aber nach ein paar Monaten wieder zum Vorschein und setzte ihren Obsthandel fort. Maroncelli begrüßte sie zuweilen vom Burggraben aus, wo sie, da er meist verlassen war, sich ganz wohl unbemerkt aufhalten konnte; denn den Spaziergängen im Hofe hatte der Hauptmann nach dieser Katastrophe schleunig ein Ende gemacht.

Anstatt dessen wurde den Gefangenen eine Terrasse angewiesen, die sich dicht an den von ihnen bewohnten Flügel der Burg anschloß und wie dieser nach Norden gelegen war; bot sie insofern keinen Vorteil, so gewährte sie doch einen viel weiteren Rundblick, als man von den kleinen Fenstern aus genießen konnte. Trat man aus dem engen Gange, an dem die Zellen lagen, auf die Terrasse, so war es, als würde einem Blinden mit einem Male das Licht und die Welt geschenkt, so überschwenglich drängten Himmel und Flur und eine Fülle farbiger Bilder dem Auge entgegen. Da waren Felder, Straßen, Weiden und Dörfer reizend ineinandergefügt und ineinander tätig und lebendig, die Nähe mit unendlicher Ferne verknüpft, und das mächtig entströmende Bild im Westen begrenzt durch den uralten Hain über den Gräbern und im Osten durch die nördlichen Ausläufer der Stadt Brünn mit breiten Klosterdächern und starren Türmen. Freilich gab es auf der Terrasse nichts Grünes; um so teurer war den Gefangenen eine weiße Rose, die zufällig an der Mauer wuchs, ein von der Sonne nie beschienenes, der Kälte und den 190 Stürmen des Nordens ausgesetztes dürftiges Gewächs mit kränklichen Blüten.

Confalonieri, der auf seinen Spaziergängen fast immer von Kral begleitet war, hatte sich bald über den Zustand und die Verhältnisse der Stadt und des Landes unterrichtet und auch Krals Lebensgeschichte und Lebensziele erfahren. Kral war der Sohn eines armen böhmischen Dorfschneiders, nach dessen frühem Tode der Knabe sich gewöhnt hatte, als die Stütze der geliebten Mutter betrachtet zu werden. Als begabt und lernfähig war er bei Pfarrer und Lehrer so beliebt gewesen, daß sie zuzeiten daran gedacht hatten, einen Lehrer aus ihm zu machen, was aber der Tod des Vaters vereitelte; er las und lernte nur noch in knappen Mußestunden, um einem angeborenen Triebe genugzutun. Kaum erwachsen, verlobte er sich mit einem Nachbarskinde, einem braven und fleißigen Mädchen, mußte aber sie und die Mutter verlassen, um in den Krieg zu ziehen, nach dessen Beendigung ihm die Stelle als Gefangenwärter auf dem Spielberg angeboten wurde. Trotz seines Widerstrebens gegen den Schergendienst nahm er sie an in der Hoffnung, dadurch schneller zu Gelde zu kommen und zu irgendeiner Zeit einmal zu seiner Mutter zurückkehren und sein Mädchen heiraten zu können. Mit dieser Aussicht lebte er vergnügt, ja im Herzensgrunde glückselig von einem Tage und von einem Jahr zum andern, nur bedrückt durch die Furcht, unversehens etwas im Dienste zu verfehlen und dadurch in unabsehbare Nöte zu geraten, oder betrübt durch den Anblick menschlichen Kummers, über den ihn aber die Gewohnheit, der Gedanke an Gottes Weisheit und Güte und die Möglichkeit, selbst durch Gefälligkeit und Mitgefühl ein wenig zu lindern, schnell tröstete. Die Italiener mochte er gern leiden und faßte für Confalonieri eine schwärmerische Zuneigung, die so mit Ehrfurcht gemischt war, daß er 191 im Grunde mehr Angst vor ihm als vor Schiller oder dem Vorsteher hatte. Bei den Spaziergängen ließ Federigo sich von ihm erzählen, oder er lehrte Kral fremde Sprachen oder brachte ihm sonst etwas Wissenswertes bei, was dieser ohne Unterschied mit auffallender Gelehrigkeit und unbegrenzter Begierde aufnahm. Außer daß er gern lernte, kamen ihm auch Kenntnisse wie ein nützlicher Besitz und beinah so wertvoll vor wie Geld, das er über alles schätzte, ein wenig aus natürlicher Habgier, hauptsächlich aber, um seine Mutter und seine Verlobte damit zu beglücken und um sich damit aus seiner Niedrigkeit emporzuarbeiten. Die Aussicht, den unverheirateten und kinderlosen Schiller einmal zu beerben, welche dieser ihm andeutungsweise eröffnet hatte, trug dazu bei, ihm die Zukunft wundervoll und ergiebig erscheinen zu lassen, und kettete ihn um so fester an Schiller, dem er ohnehin wie einem Vater ergeben war. Gerade deswegen kränkte ihn Schillers Trunksucht, der er zwar nur gelegentlich im Unmaß frönte, während er sich für gewöhnlich mit der Dosis begnügte, die ihm auf Stunden eine gewisse behagliche Stimmung verschaffte, ohne seine Zurechnungsfähigkeit im geringsten zu erschüttern. Kral, dem schon ein Schluck zu Kopfe stieg, und dem Wein im Grunde widerwärtig wie Arznei, ja wie Gift war, mißbilligte auch das tägliche, wohlabgewogene Trinken, welches Schiller das notwendige oder moralische nannte, und klagte verstohlen gegen Confalonieri, wie der sonst musterhafte Mann sich durch die üble Gewohnheit schade und schon manchen Verweis dadurch zugezogen habe.

Als Federigo eine Gelegenheit ergriff, um Schiller deswegen Vorstellungen zu machen, wollte er anfangs ausweichen, dann sagte er, in einer solchen Spelunke, wie der Spielberg sei, könne ein Ehrenmann nicht leben, ohne sich zu betrinken. Ob der Graf glaube, daß er dazu geboren sei, Räuber und Mörder 192 an die Kette zu legen oder seine Leute, wie die Italiener, einzusperren und langsam verhungern zu sehen? Nach längeren Erörterungen ließ er sich endlich dazu herbei, die Geschichte seiner Laufbahn zu erzählen. Ein Schweizer aus dem Kanton Uri, hatte er sich als junger Mensch, da es ihm zu wenig dünkte, am Gotthard Kristalle zu graben oder das Vieh auf die Weide zu treiben, in das österreichische Heer anwerben lassen, wurde aber zeitweise so sehr von Heimweh befallen, daß er nur mit Hilfe des Weines, wie er behauptete, die Lust, zu desertieren oder den Tod zu suchen, überwinden konnte. In der Trunkenheit ließ er sich eine grobe Vernachlässigung im Dienste zuschulden kommen, deren Folge schimpfliche Entlassung gewesen wäre, wenn nicht seine Vorgesetzten die Tüchtigkeit, die ihn im allgemeinen auszeichnete, berücksichtigt hätten. So blieb er im Heere, rückte aber nicht vor, während er sich früher Hoffnung auf ehrenvolle Beförderung hatte machen können. Der Gedanke, daß allen Anstrengungen zum Trotz er sich nie mehr aus dem dumpfen Geleise des Alltagslebens würde erheben können, erzeugte einen Ingrimm gegen sich selbst in ihm, den er durch Trinken glaubte betäuben zu müssen; und als er, Invalide geworden, die Stelle auf dem Spielberg erhielt, fing er vollends an, den Wein als unumgängliche Voraussetzung seines Berufes zu betrachten. Wegen seiner Rechtlichkeit und Zuverlässigkeit, seiner unermüdlichen Leistungsfähigkeit und Ordnungsliebe, seines Überblicks, kurz, wegen seiner Brauchbarkeit, die ihn unersetzlich machte, ließ ihm der Hauptmann die gelegentlichen Anwandlungen von Trunkfälligkeit mit andern Eigenheiten, wie Trotz und Widerspenstigkeit, hingehen, die den Schweizern seiner Meinung nach nun einmal im Blute lägen.

Ja, sagte Federigo, so habe er einen Flecken auf den andern 193 gemacht, anstatt sofort den ersten zu vertilgen. Wenn man den ersten Fehltritt nicht sogleich als Schwungbrett nach oben benützte, sänke man tiefer, und der Aufschwung würde immer schwieriger, wenn auch, solange nur das Leben dauere, noch möglich. Brüllend vor Lachen fragte Schiller, wie alt der Graf glaube, daß er sei? Mit siebzig Jahren, den einen Fuß im Grabe, den andern in der Hölle des Spielberg, würde er nicht ein solcher Narr sein, sich durch Kasteiungen zum Heiligen zu martern. »Das sind Ausreden,« sagte Federigo; erstens schade das Trinken seiner Gesundheit, zweitens könnte er sich verdienten Tadel zuziehen; vor allen Dingen aber müsse und solle der Mensch nach Vervollkommnung streben, auch wenn er in einem Loche begraben sei, wohin nie ein Mensch gelange, ja selbst wenn das Auge Gottes nicht dorthin gelangen könne. Er, Schiller, sei aber in einem ganz andern Falle, er könne viel nützen und viel schaden, er gebe das Beispiel für viele andere, die gleichfalls nützen und schaden könnten, und zwar wehrlosen Gefangenen, wie er und seine Freunde. Ein derartiges Zureden machte endlich so viel Eindruck auf Schiller, daß er sich selbst das Wort gab, das gelegentliche oder edle Trinken ganz zu unterlassen und das moralische auf ein geringeres Maß herabzusetzen.

Confalonieri erholte sich im Laufe des Sommers so sehr, daß er seit seiner ersten schweren Krankheit sich nicht mehr so wohl befunden hatte; die Ohnmachten waren schon nach den ersten Wochen ausgeblieben, nun ließen auch die rheumatischen Schmerzen nach, und nur selten einmal kamen vorübergehende Anfälle von Atemnot. Er meinte, wenn er nur Sonne hätte, würde er wieder ganz in den Besitz der früheren Gesundheit gelangen. Im Hochsommer wurde eine Stelle auf der Terrasse von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen; er betrachtete es als ein Glück und Glückeszeichen, wenn sein 194 Spaziergang so fiel, daß die sanfte Glut ihn erwartete und still empfing.

 

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