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Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Ricarda Huch: Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
authorRicarda Huch
year1922
firstpub1910
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleDas Leben des Grafen Federigo Confalonieri
pages433
created20180730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Infolge der Anstrengungen der Reise verschlimmerte sich Federigos Zustand so, daß er in Villach zurückgelassen werden mußte, von den Beamten und seinen Gefährten aufgegeben. Unter der Pflege warmherziger Menschen indessen, die sein Schicksal rührte, erholte er sich bald so weit, daß der Arzt ihn fähig erklärte, die Reise fortzusetzen. Zu seiner Überraschung eröffnete ihm der neue Kommissar, der zu seiner Begleitung gekommen war, daß er Auftrag habe, ihn nicht nach Brünn, sondern nach Wien zu führen, wo, wenn er nur wolle, sein Schicksal sich in glücklichster Weise ändern würde. Dieser war ein gebildeter und feiner Mann, der auf ein anregendes Gespräch einzugehen verstand, den Faden fallen ließ, wenn er beim Grafen Erschöpfung verspürte, und ihn wieder aufgriff, wenn eine Zerstreuung ihm wohltätig zu sein schien.

Es hatte einen schmerzlichen Reiz für Federigo, denselben Weg durch die verschneiten Berge zu fahren, den kürzlich Teresa für ihn gemacht hatte, das Herz voll von ihm, so wie jetzt seines von ihr voll war. Die Minuten des letzten Wiedersehens gingen an ihm vorüber, wie man die Strophen eines schönen Gesanges nicht müde wird wieder und wieder zu hören. Er hörte ihren Aufschrei: Mein Federigo! und sah in ihren Augen den Stolz und die Seligkeit, sich ihn erkämpft zu haben, zugleich mit dem scheuen Zweifel, ob er in Wahrheit der ihre sei. Er hingegen, so schien es ihm, hatte ihr nichts, nichts von dem gesagt, was in seiner Brust ihr entgegenschlug; er hatte sich nicht zu ihren Füßen niedergeworfen und gesagt: Nimm den, der nur dein ist, nicht weil du sein Leben gerettet hast, sondern weil er dich liebt; er hatte nicht von Reue, nicht von Dank, nicht von Hoffnung gesprochen, 158 außer in Worten, die ihm jetzt trocken und bedeutungslos vorkamen. Er erinnerte sich daran, daß er alle Kraft darauf gewendet hatte, sich nicht gehen zu lassen, um nicht zusammenzubrechen; sowohl um seine Feinde nicht zu Zeugen seiner Schwäche werden zu lassen, wie um Teresa nicht zu erschrecken, die ihn für kräftiger halten sollte, als er damals war. Wenn sie jetzt käme, dachte er, daß er ihr alles sagen würde: daß er ihr so innig angehörte wie der Mensch Gott, dessen allmächtiger Umarmung auch der Ungläubige sich nicht entziehen kann. Seine Vorstellung von ihr wurde zuweilen so lebhaft, daß er glaubte, sie müsse ihm begegnen; sei es auch nur, daß die Natur mit magischen Kräften das Bild der getreuen Frau festgehalten hätte, die über den eisigen Paß jagte, nicht wissend, ob der Mann noch lebend war, um dessen Leben sie kämpfte. Die Jahre, Sorgen und Aufregungen hatten Zeichen in ihr blasses Gesicht geschrieben, dessen treuherzige Unschuld desto süßer durch den Flor des Schicksals leuchtete. Sie, die sein gewesen war, ohne daß er sie besessen hatte, die entsagend abseits gestanden hatte, während er verblendet nach täuschenden Sternen griff, sie war das Kind, die Heldin, die Heilige; von ihr geliebt zu sein und sich ihr zu ergeben, war eine Wonne, die die Schrecken des Todes und alle Martern des Lebens tausendmal aufwog. Wenn er ihr hätte sagen können, daß er die Freiheit und seine früheren Glücksumstände nicht tauschen möchte gegen die Empfindung einer solchen Liebe, wie er für sie fühlte, hätte er nichts vermißt; so schimmernd klar war es ihm, daß das Los des Bettlers selbst, der nichts als sein Elend empfindet, vorzüglicher ist als das eines Fürsten, der besinnungslos genießt. Er war ungeduldig, ihr zu schreiben, wurde aber von seinem Begleiter auf Wien vertröstet, wo die Gelegenheit dazu ihm sicherlich offenstehen würde.

Dort wurde in einem hohen Gebäude abgestiegen, wo 159 mehrere Zimmer im dritten Stock für den Erwarteten mit geschmackvoller Eleganz hergerichtet waren. Da ihm, der noch schwach war, das Treppensteigen mit der schweren Kette am Fuße beschwerlich war, entschuldigte der Kommissar die hohe Lage der Wohnung, worauf Confalonieri lächelnd sagte: »Sie vergessen, daß ich nur auf die Zelle einer Festung Anspruch habe.« Der Kommissar sagte bedeutungsvoll: »Ein Augenblick kann ein Schicksal wenden,« und fügte mit aufrichtiger Teilnahme hinzu, er wünsche von Herzen, der Graf möge sich bald wieder in der Lage befinden, die einzig seiner Person angemessen sei.

Die Versuche, die Salvotti noch in den letzten Tagen seiner Gefangenschaft gemacht hatte, um Angaben über seine Mitverschworenen von ihm zu erhalten, gaben Federigo eine Gewähr für den Zweck seines Hierseins, und er hätte die nutzlosen Veranstaltungen beklagt, wenn es ihn nicht interessiert hätte zu erfahren, wie weit der Kaiser es treiben würde, und wenn er nicht gehofft hätte, die ungerechten Verdächtigungen, die gegen ihn erhoben waren, zurückweisen zu können. Am Abend des dritten Tages wurde ihm der Besuch einer hohen Persönlichkeit angekündigt, zu deren Empfange Diener mehr Wachskerzen anzündeten, als gewöhnlich brannten, und einen Teetisch vorbereiteten. Federigo dachte, während er den Zurüstungen zusah, daß jetzt die Flügeltüren sich öffnen und seine Freunde eintreten könnten: Porro und Trecchi und Pecchio und Bianca Milesi und Mathilde Dembowsky und alle andern, die in den Räumen seines Hauses sich heimisch fühlten. Er glaubte ihre Stimmen zu hören, von denen er nicht wußte, wo sie waren, wie es ihnen ging, und wie sie seiner dachten, dem die Kette am Fuße klirrte. Etwas nach acht Uhr trat Fürst Metternich ein, der dem Grafen aus ehemaliger Geselligkeit bekannt war, außer Atem und mit 160 scherzhaftem Vorwurf, daß Federigo so hoch wohne. Er erkundigte sich nach seinem Befinden, und wie die Reise ihm bekommen sei, bedauerte die Unbequemlichkeiten, denen er unterwegs ausgesetzt gewesen sei, erwähnte den unlängst erfolgten plötzlichen Tod des Prinzen Eugen Beauharnais und kam damit auf die Wandelbarkeit des Schicksals und auf die Revolutionen in Italien. Diese seien nun abgeschlossen, sagte er, und zwar siegreich für den Kaiser, der kein anderes Interesse mehr als ein theoretisches an ihnen hätte. Die Entwicklung dieser irrigen und verderblichen Strömung in Europa gründlich kennenzulernen, wäre des Kaisers Wunsch, und er könne das am besten durch Confalonieri, dessen einflußreiche Persönlichkeit der Mittelpunkt des weitverzweigten Gewebes gewesen sei. Könne der Kaiser auch nichts Neues durch ihn erfahren, so könne doch das, was er schon wisse, durch Confalonieri bestätigt werden. Daß dieser während des Prozesses in seinen Aussagen so zurückhaltend gewesen sei, wäre durch ein, wenn auch falsches Ehrgefühl zu erklären und bis zu einem gewissen Grade zu entschuldigen gewesen; jetzt aber, da der Prozeß abgeschlossen sei und er die Wahrheit sagen könne, ohne zu schaden, da neue Verhaftungen nicht mehr vorgenommen würden, liege es nur an dem guten Willen Confalonieris, ob er dem Kaiser seine Ergebenheit beweisen und zugleich für sein eigenes Glück sorgen wolle.

Metternich war insofern ein Menschenkenner, als er ziemlich genau vorhersagen konnte, wie ein Mensch sich unter gewissen Umständen verhalten würde, wenn er ihn einmal oder einige Male gesprochen hatte, und er war von vornherein überzeugt, daß sein Auftrag ergebnislos bleiben würde. Er spürte hinter der Höflichkeit und liebenswürdigen Beredsamkeit des Grafen die Unzugänglichkeit seines innersten Wesens, das ihn herb und fremdartig anmutete, so glatt und angenehm 161 auch äußerlich der Verkehr sich abspielte. Während das Gespräch sich stundenlang hinzog, von beiden mit Geschick und Anmut geführt, dachte der Fürst bei sich, daß er eher einen blutigen Jakobiner zum Renegaten würde machen können, als diesen Aristokraten, der den Namen des Kaisers nicht ohne Ehrerbietung erwähnte und sich der Dankesschuld gegen ihn bewußt schien, bewegen zu offenbaren, was er verschweigen wollte. Nur um dem erhaltenen Auftrage zu genügen, fragte er, ob Confalonieri vielleicht Scheu trage, ihm, dem Fürsten, Eröffnungen zu machen; ob er vielleicht einer höheren Person gegenüber, die bereit sei, selbst seine Geständnisse entgegenzunehmen, seine verderbliche Zurückhaltung würde fallen lassen. Confalonieri, der sofort begriff, daß es sich um den Kaiser handelte, sagte ruhig, er würde niemandem lieber sein Vertrauen als dem Fürsten Metternich schenken; allein er habe nichts zu sagen, was nicht schon aus seinem Verhör bekannt sei, und es sei insofern ein Unvermögen die wahre Grundlage seiner vermeintlichen Halsstarrigkeit.

Nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen hatte, stand Metternich auf und verabschiedete sich eilig mit der Bemerkung, die Zeit sei ihm so schnell verflossen, daß er beinah die rechte Stunde versäumt habe, um einen Ball zu besuchen, und forderte Confalonieri noch einmal auf, es ihn wissen zu lassen, wenn er sich künftig doch noch auf etwas Mitteilenswertes besinnen sollte. Es war schon elf Uhr, und Federigo legte sich ermattet zu Bett; aber er konnte nicht einschlafen, sondern wurde mit jedem Augenblick wacher und unruhiger, wo seine Gedanken das eben Erlebte wiederholten, wie man fieberhaft in einem aufregenden Buch blättert, das man zu Ende gelesen hat. Jetzt fühlte er, daß er noch eine gestalt- und namenlose Hoffnung gehabt hatte, die nun vernichtet 162 war, daß er um sich herum noch helle, freie Wege ins Weite gesehen hatte; jetzt reckte sich hart vor ihm die jähe Mauer der Festung in die entweichende Luft. Er fühlte den Druck der schweren Eisenkette um seine Gelenke und die Wucht, mit der sie ihn herunterzog, sogar jetzt, wo er lag. Eine schreckliche Begierde, aufzustehen und irgendwo einen Ausweg in die Freiheit zu suchen, überkam ihn, die er noch nie zuvor gehabt hatte. Er zweifelte, ob es durchaus so hätte kommen müssen; ob er nicht um Teresas willen, der er es im Geiste gelobt hatte, noch unterwürfiger sich hätte gebärden sollen, um den Kaiser zufriedenzustellen. Es schauderte ihn bei der Vorstellung, daß er dem Manne hätte gegenüberstehen sollen, der seinen Vater mit harten Worten abgefertigt hatte, und der sich zum Spion zu erniedrigen bereit war, um des Vergnügens willen, ihn als reumütigen Sklaven zu seinen Füßen zu sehen. Gegen das Opfer seiner Ehre wollte er ihn begnadigen, weil er des Befleckten künftig sicher sein könnte, den nicht nur seine Freunde nicht mehr gekannt, aus dessen Händen die Ärmsten Mailands das Almosen nicht mehr genommen hätten. In einer plötzlichen Aufwallung des Hasses und der Verachtung staute sich das Blut in seinem Herzen, so daß er hätte aufschreien mögen, um sich von der Beklemmung, die über ihn kam, zu befreien. Hatte der Kaiser ihn für einen Schwächling gehalten, den er mit der Angst vor dem Jammer lebenslänglichen Kerkers und mit der Sehnsucht nach den Genüssen des Lebens zum Verräter machen könnte? Hatte er vielleicht nach den Verhören, die er jedenfalls gelesen hatte, sich das schimpfliche Urteil über ihn gebildet? Er dachte an Metternich, wie er auf dem Ball erscheinen würde, von Männern und Frauen umschwärmt, wie er, wenn er ihn nicht schon vergessen hätte, mit vielsagendem Lächeln von dem stolzen mailändischen Grafen erzählen würde, der jetzt ein 163 Sträfling sei, und den viele für einen Mörder und Angeber hielten. Wie er sich nun an die wüsten Ereignisse und Beschuldigungen erinnerte, die zehn Jahre zurücklagen, fiel ihm Eugen Beauharnais ein, dessen Tod er soeben erfahren hatte, und den er einst so sehr gehaßt hatte, daß er sich damals kaum hätte enthalten können, seinen Tod als etwas Erwünschtes zu begrüßen. Heute war es ihm gleichgültig, ja er beklagte den Mann, der von seiner Kraft und Jugend, von einer liebenswerten und liebenden Frau, von mancherlei Entwürfen hatte hinwegmüssen. Er hätte sich durchaus jenes Haßgefühles nicht mehr bemächtigen können, das ihn einst so qualvoll erfüllte, und das Bewußtsein von der Bedeutungslosigkeit alles dessen, was dem Menschen wichtig erscheint, beruhigte ihn. Allmählich vermochte er wieder mit Inbrunst an Teresa zu denken und sich zu sagen, daß es töricht sei, sich um die Verkennung des Kaisers und unbekannter Menschen zu kümmern, da sie ihn liebte. Ja, sie betete ihn an, sie, die Heilige, ihn, der ihr viel zuleide getan hatte. Fast freute er sich darauf, nun die Reise nach dem Spielberg anzutreten, wo er Freunde finden würde, die seiner bedurften, und wo er allein mit Kleinodien war, die niemand ihm nehmen konnte, mit seiner und der Geliebten Liebe.

 

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