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Das Leben der Urwelt

Wilhelm Bölsche: Das Leben der Urwelt - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Bölsche
titleDas Leben der Urwelt
publisherGeorg Dollheimer in Leipzig
printrun1. bis 10. Auflage (1. bis 100. Tausend)
illustratorHugo Wolff-Maage
year1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201311
projectid0c669e01
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Ich möchte aber, ehe ich mehr dazu sage, die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, dieses ältere so bedeutsame Stammbaumbild, dem wir alle unsere Reptilsaurier damals verdankt hätten, noch ein Stückchen vertieft und weiter nach unten auszumalen – mit etwas Anschluß noch rückwärts in den ganzen älteren Wirbeltierstammbaum hinein.

Gestreift habe ich die Sache schon einmal in den ersten einleitenden Seiten unserer Betrachtung, aber es gibt sich hier zwanglos der Ort, sie dem Leser auch noch etwas in Form sachlicher Einzelbilder näher zu bringen, womit auch der letzte Ruck nach oben immer weniger schwierig zu werden scheint.

Jedes Stammbaumbild hat ja zuletzt eine gewisse Tendenz, ganz vom Uranfang her, gleichsam ex ovo, heraufgeführt zu werden – und so auch das unserer Saurier.

Man möchte es erst enden lassen bei den beiden allerletzten Grenzdingen, die uns gesetzt sind: der Existenz der Erde überhaupt, auf der sich das alles nur abspielen konnte – und der gegebenen Tatsache des Lebens.

Bekanntlich sind diese beiden äußersten Postulate jedes für sich offen, ein letztes und vorläufig unlösliches Geheimnis.

Eine gewisse Vermutung wird auch uns heute bleiben, daß die Erde jenseits des Lebensanfanges auf ihr selber eine Sternvergangenheit hatte, einmal gewissermaßen wirklich vom Himmel gekommen war.

Aus irgendeinem größeren sonnenhaften Weltzusammenhang.

Aber was wir darüber eine Weile schon fest zu wissen glaubten und was uns sehr stolz machte, hat sich mehr oder minder im Augenblick selber wieder verflüchtigt wie ein blauer Sternennebel des fernen Raums.

Jene Entdeckung der radioaktiven Elementeverwandlung, die ganzen neuen Ideen über Atombau, Wärmeerzeugung, Energie, die vollkommen neue Physik, möchte ich sagen – dazu die in den letzten Jahrzehnten so unendlich fortgeschrittene praktische Einsicht in die Natur der Sonnen, Sonnensysteme und Nebel im All – nicht zum wenigsten auch innere theoretische Zweifel an den alten bestehenden Konstruktionen selbst und was nicht noch – sie haben zunächst alle hergebrachten kosmogonischen Anschauungen noch einmal über den Haufen geworfen, auch die so lange beliebte sogenannte Kant-Laplacesche Theorie. Neue geniale Verknüpfungen aber sind noch nicht zur Stelle und werden wohl auch noch etwas auf sich warten lassen – es ist da heute eine Art von klugem Interregnum eingetreten.

Und ähnlich geht es uns mit der zweiten Grundfrage, was eigentlich das Leben selbst seinem letzten Wesen nach sei.

Abb. 132.
Aus der Geschichte der Fische. Heute leben auf der Erde noch mehrere Gattungen sog. Molchfische, die je nach Bedarf mit fischhaften Kiemen oder bereits mit Lungen atmen können, die sie beide besitzen. Die interessanteste Form ist der große, bis fast 2 m lange Ceratodus Forsteri in zwei Flüssen Queenslands in Australien (vgl. Tafel 38). Er ist ein überlebender Typ aus sehr ferner Urwelt, denn seine charakteristischen kammförmigen Zahnplatten, die er auf Gaumen und Unterkiefer führt, finden sich in Menge noch erhalten bis in die Triasperiode zurück. Unser Bild zeigt einen solchen fossilen Zahn des Ceratodus runcinatus aus Triasschichten von Hoheneck bei Ludwigsburg in natürlicher Große.

Hätten wir dieses Rätsel gelöst, so gäbe es für uns in uns selbst kein Geheimnis mehr, wir würden wissen, was Geist, was Bewußtsein, was Empfinden und Werten der Dinge ist.

Wir wissen aber ebenso gut, was für eine Unendlichkeit uns noch von dieser letzten Erkenntnis trennt.

Eine Weile schien zwar auch hier alles schon einmal kindlich einfach. Als die Erde sich aus einem heißen Sternenzustande so weit abgekühlt hatte, entstand auf ihr durch eine zufällige Urzeugung rein physikalisch-chemisch als eine Art leicht veränderter Apothekenmischung der Natur auch Empfindung, entstand Geist, wie sie in allem Lebenden sich fortan offenbarten.

Es ist die gleiche Erklärung, die noch heute in unserm lebendigen Gehirn aus toten Energievorgängen Bewußtsein zaubern möchte. Etwa mit der Begründung, wie die Lokomotive ihren Dampf, so erzeuge hier die Gehirnmaschine bewußtes Denken. Aber wann ist je Bewußtsein mit einem selber nur mechanischen Produkt wie Lokomotivendampf identisch gewesen?

Auch in diesen Dingen hat heute ein vernünftigeres philosophisches Besinnen die naiven Scheinlösungen wieder beseitigt und das volle Grundrätsel des Geistigen neu eingesetzt, damit aber auch im Leben als solchem das unberührte letzte Weltgeheimnis.

Immerhin würden diese beiden äußersten Rätsel nicht eigentlich Stammbaumhemmnisse in unserm schlichteren Sinne sein – man kann sie ruhig stehen lassen und doch versuchen, diesen Stammbaum überall in sich bis sehr tief hinunter sachlich aufzuhellen.

Viel schlimmer steht es aber dadurch, daß noch einmal innerhalb der Lebensentwicklung auf der Erde sich gleichsam eine feste Mauer für uns durch die Urwelt selber zieht, jenseits deren unser reales Sehen gänzlich aufhört.

Erst von einer gewissen Stufe ab besitzen wir überhaupt Urkunden dieser Lebensentfaltung und zwar von einer relativ schon sehr hohen Stufe ab, einer trotz aller Riesenziffern der Urwelt relativ schon ganz späten Stufe im Entwicklungssinn.

Aus den langen Tagen vorher haben wir zwar auch noch ungeheure Schieferablagerungen, aber die Fossilien darin sind, wie wir aus mancherlei Indizien entnehmen, nachträglich durch einen inneren Umformungsvorgang, der alle diese älteren Ablagerungen in sogenannte kristallinische Schiefer verwandelt hat, radikal vernichtet.

Wir besitzen gleichsam die Blätter des alten Dokumentenbuches auch dort noch, aber die Schrift darauf ist unleserlich geworden für immer. Und deshalb können wir auch innerhalb der Lebensentwicklung alle Stammbäume nur über ein gewisses Stück zurückführen wenigstens in der sichern Schau, der Rest muß ein mehr oder minder schwankender Indizienbeweis bleiben.

Die Epoche, wo für uns der Vorhang tatsächlich erst in diesem Sinne aufgeht, weil von da ab die Gesteine noch Schrift enthalten, liegt um den Beginn der sogenannten algonkisch-kambrischen Periode (der Name ist wiederum belanglos, nach einem Indianerstamm und einer englischen Landschaft). Hier sei kurz die Reihenfolge der erdgeschichtlichen Hauptperioden in ihren gebräuchlichen Namen noch einmal vergegenwärtigt: Es folgt auf diese algonkisch-kambrische Zeit oder Periode zunächst von unten nach oben die silurische (oder das Silur, nach einem Volksstamm, mit dem die Römer einst in Britannien kämpften), dann die devonische (oder das Devon, nach der Grafschaft Devonshire in England) und endlich die für unsere Kulturmittel so wichtige karbonische (Karbon, Steinkohlenzeit), an die als Übergang noch die permische (oder das Perm) schließt. Diese Zeiten oder Perioden bilden zusammen die Primärzeit (Erstzeit, Altertum der Erdgeschichte im engern Sinne). Als Sekundärzeit (Zweitzeit, Mittelalter) folgt dann das hier behandelte eigentliche Zeitalter der reptilischen Saurierblüte, gegliedert wieder von unten nach oben in die Triaszeit (Trias), Jurazeit (Jura) und Kreidezeit (Kreide). Damit schließt die »Urwelt« im noch sehr fremden, heroischen Sinne ab, und es folgt nun noch gegen uns zu die Tertiärzeit oder Tertiärperiode, dem Wort nach die Drittzeit, im Sinn schon die Neuere Zeit, mit der unser heutiges Erdbild in Landschaft und Leben noch aufs engste verknüpft ist. Einen gewissen Einschnitt bildet zwischen ihr und uns noch einmal das kurze Intermezzo der Diluvialzeit (Diluvium, eigentlich Sintflut- oder Überschwemmungszeit, in Wahrheit charakterisiert durch einen klimatischen Kältesturz, der aber nur der letzte von mehreren auch in die früheren Erdperioden schon einschneidenden war). Wenn man will, kann man mit dieser Diluvialzeit auch eine Quartärzeit (Viertzeit) beginnen lassen, die dann sie und außerdem unsere neueste, gegenwärtige Zeit umfaßte. Diese letzten Trennungen sind aber sehr wenig scharf durchzuführen, da in der Tertiärzeit bereits die ganze heutige Tier- und Pflanzenwelt sich anbahnte und wahrscheinlich mehr oder minder früh auch schon der Mensch selbst dagewesen ist. Vermutlich waren die älteren Perioden unvergleichlich viel länger als die späteren und vor allem als das relativ kleine Stück vom Ende der Kreideperiode bis auf den heutigen Tag. Was ist das aber schon für ein fabelhaft hochentwickeltes, in vollster Aktion pulsendes Leben, das wir da sogleich auf der Urweltszene sehen! Man werfe nur einen Blick auf unsere schöne, zum Teil nach Walther gestaltete Tafel 39 »Tierleben im kambrischen Meer«.

Fast alle Tierstämme, die man so gern noch in ihren primitivsten Urformen sehen möchte, sind darin schon auf ihren hohen, zum Teil geradezu höchsten Entfaltungszuständen in Fluß.

Da wurzeln merkwürdige Seelilien, blühen korallenhafte Tierstöcke, zeigen Quallen ihre bunten Glocken im Blau.

Da schwimmen aus dem an sich schon hohen Stammwipfel der Gliedertiere sogenannte Trilobitenkrebse (Dreilapper zu deutsch), mit dreigeteiltem Panzer, vielfach großen komplizierten Augen und wimmelnden Spaltfüßen der Unterseite. (In der Mitte des Bildes und unten links je ein Exemplar.) Es ist zwar eine Krebsgruppe, die heute wieder ausgestorben ist, aber damals war sie selber keineswegs etwa noch ganz urtümlich, sondern schon äußerst raffiniert gestaltet als eigener Gipfel. Was man ihr gelegentlich zugetraut hat, mag daraus erhellen, daß der beste Kenner der urweltlichen Insekten, Handlirsch in Wien, diese Insekten selbst, wie sie schon im Steinkohlenwalde (Abb. 69) und später in Solnhofen flogen, unmittelbar von solchen Trilobiten hat ableiten wollen, die von Tümpel zu Tümpel auf ihren Panzerdeckeln Schwebeflüge zum Ortswechsel oder zur Liebessuche begonnen hätten – wobei ich an sich dahingestellt lasse, ob das richtig ist oder nicht. Aber auch Übergänge zu den systematisch höchsten Krebsen von heute gab es schon, wie uns eine prachtvolle Fundstelle in Nordamerika erst neuerlich gelehrt hat, die förmlich an Solnhofen erinnern kann. (Vgl. die Bilder nach Walcott.)

Abb. 133.
Aus der Geschichte der Fische. Ein ganz uralter Vertreter der Molchfische, der noch nicht zur Gattung Ceratodus (vgl. Abb. 132) gehörte, aber bereits in der Devonperiode noch jenseits der Steinkohlenzeit lebte – Beweis, wie früh diese Molchfische überhaupt schon zur Stelle waren. Es ist der kleine Dipterus Vallenciennesi aus Schottland in einem Viertel der natürlichen Größe.

Desgleichen waren die Vorfahren jenes skorpionhaften Molukkenkrebses zur Stelle, die alsbald selber phantastische Riesenformen entwickeln sollten, gegen deren schauerliche Phantastik alles heutige auch dieser Ordnung klein und epigonenhaft dünkt.

Tafel 38
Der lebende Molchfisch Ceratodus

Bereits auf der Höhe ihrer allerobersten Organisationsspitze selbst, über die sie nie hinausgekommen, standen die Mollusken – beim Tintenfisch jenes Nautilustyps, der zunächst in gestrecktem, bald auch schon gerolltem Kammergehäuse fuhr.

Und so fort.

Überall nicht mehr Werkstatt, sondern fertige Vollendung im Glanz.

Und bei solcher Lage müssen wir es für den von uns gesuchten Stammbaum der Wirbeltiere immerhin als eine gewisse Gunst begrüßen, daß er beim Emporrollen jenes ersten Vorhangs selber wenigstens noch nicht vollkommen oben war.

Zwar seine untere Hälfte fehlt auch hier unwiederbringlich und kann nur noch durch mehr oder minder vage Hypothesen aus der heutigen Tierwelt recht mangelhaft ausgefüllt werden. Es scheint, daß auch die Wirbeltiere zuletzt von Würmern gekommen waren, die dann im Typ der Manteltiere (Aszidien) zuerst eine Art Wirbelsäule in Vorstufe erwarben – der sonderbare noch lebende Lanzettfisch Amphioxus mag den Schritt von da zum ältesten Fisch eingeleitet haben. Sehen tun wir aber auch von alledem tatsächlich nichts mehr – es sei denn, daß solche Prachtstelle, wie jene erwähnte kambrische, uns eines Tages noch ein weniges von der letzten Übergangsstation beibringen möchte.

Festen Fuß aber fassen wir immerhin beim wirklichen Fisch. Kambrisch besitzt man vorerst nur unsichere Spuren von ihm, wobei doch kaum ein Zweifel besteht, daß er auch dort schon wenigstens da war.

Und zwar scheint er fast augenblicklich bereits in drei ganz festumrissenen Formen zur Stelle gewesen zu sein.

Zunächst in Gestalt von sogenannten Panzerfischen (Plakodermen). Das waren nun allerdings noch richtige seltsame Urwelteigenbrötler, fast überall ohne festes Innenskelett, ohne Dentinzähne, Kiefern und paarige Flossen und meist in einem besondern Schildpanzer vorne eingezwängt steckend, während das Melusinenschwänzchen ihnen hinten heraus hing. Ein absonderlichster Sonderling, der kleine Flügelfisch, barg sich so sogar in einem wahren Doppelkoffer aus verzierten Platten, der Kopfkasten gegen den Rumpfkasten beweglich, dabei noch zwei Panzerangeln daran gelenkt, die man bald auf Klemm-, bald auf Schreck oder Tastorgane gedeutet hat, jedenfalls waren sie zum Schwimmen selbst ganz ungeeignet. (Vgl. die Bilder.) Nun, diese reinen Urweltfratzen starben gleich den Trilobiten, denen sie sogar oft verdächtig glichen, in dieser Gestalt wenigstens schon in älteren Tagen wieder aus, fraglich ob ein Zweig noch in unsern Neunaugen fortlebt.

Tafel 39
Tierleben im kambrischen Meer

Dann aber waren schon da die Haifische, die wir ja auch in Holzmaden später fanden.

Früh eigentlich fertig, relativ hoch und klug, in ihrem Stamm ganz auf sich gestellt – man hat gelegentlich wirklich gemeint, sie könnten schon aus unbekannten Landtieren hinter jenem Vorhang einmal entstanden und erst zweiter Hand wieder ins Wasser gegangen sein. Das wäre ein hübsches Abenteuer!

Aber ich glaube kaum, daß auch sie sich in den höheren Stammbaum selbst in irgend etwas fortgesetzt haben, sie blieben nur was sie waren und dauern so heute noch.

Und als dritter, auch sehr alter Ast zeigten sich jene Ganoiden (auch schon bei Holzmaden als urweltlich erwähnt) mit den schönen Schmelz(Ganoin-)schuppen – der Typ, zu dem noch unser Stör zählt.

Woher auch sie, wissen wir nicht. Aber ziemlich sicher ist jetzt der wirklich zentrale Höhenast.

Aus ihnen gingen spät gegen den Jura selbst zu noch unsere heute so einseitig als »Fisch« dominierenden Knochenfische (etwa Schlag Hering und Hecht) hervor.

Schon lange, lange aber vorher vorhanden und schon durch ganze Altperioden in wunderbarster Blüte, sollten sie schon damals zwei andere Nebentriebe aus sich entwickeln, die nun auch für den weiteren Stammbaum in der Tat von allergrößter Bedeutung wurden, ohne mit jener späteren Knochenfischschöpfung selber doch das geringste zu tun zu haben.

Der eine war die Linie der sogenannten Molchfische, bereits lange vor der Steinkohlenzeit vollgültig und zahlreich da. (Ich zeige im Bilde eine schon devonische Form.) Die andere Linie die der Quastenflossen.

Beide standen sich offenbar sehr nahe, verschwammen vielleicht sogar anfangs gegeneinander.

Jedenfalls aber haben beide uns bis heute je eine markante Gestalt zum Glück noch als »lebendes Fossil« übermacht – die Molchfische neben ein paar Anhängseln belangloser Art den prachtvollen australischen Molchfisch Ceratodus selbst, die Quastenflosser den afrikanischen sogenannten Flösselhecht Polypterus, der mit jenem echten Hecht selber nichts zu tun hat. (Unsere Tafel 38 gibt von Ceratodus eine mustergültig schöne photographische Aufnahme aus dem Londoner Zoologischen Garten.)

Beide aber führen uns eben in diesen noch heute überlebenden »letzten Mohikanern« Tiere vor, die noch aus dem Punkt stehen, mindestens in der Atmung von der Kieme zur Lunge überzugehen – durch Umwandlung der Schwimmblase in solche Landluftlunge. Also mit anderm Wort: entscheidend bereits auf das Amphibium zuzulenken.

Damals aber muß von einer der beiden Gruppen – es dürften doch enger die Molchfische gewesen sein – der Schritt wirklich endgültig geschehen sein.

Abb. 134.
Zur Entstehung der Schildkröten. Der Karroosaurier Eunotosaurus africanus aus der mittleren Permzeit des Kaplandes, von dem man vermutet, daß er der Vorfahr der Schildkröten gewesen ist. Das unvollständige Skelett ist von unten gesehen und etwas verkleinert. Man beachte die ungemein verbreiterten Rumpfrippen. Nach Watson.

Es war dazu wesentlich nur noch als zweite Tat nötig, daß vier Flossen auch in vier Füße verwandelt wurden. Bereits in der Devonzeit, die der Steinkohlenzeit unmittelbar vorausging und große günstige Brackwassersümpfe hatte, muß auch dieser Fortschritt vollbracht gewesen sein, denn man besitzt aus Nordamerika eine älteste daher stammende »Fußspur«. Ein vermittelndes Tier mit schon sichtbar kleinen Füßchen bei sonstiger Molchfischlebensweise scheinen die Engländer neuerdings noch für die Steinkohlenzeit in einem Tier Eogyrinus festgestellt zu haben.

Damit war aber die Bahn frei auch für unsere alturweltlichen Lurchsaurier selbst – nachdem auch hier einmal die schwere Nuß einer Typumwandlung geknackt war, war der Rest wohl wieder nur Anpassungsausgestaltung.

Ich denke mir aber, daß entweder gleich schon wieder in der Nähe dieses Schritts oder doch wenig später und jedenfalls auch noch in der Steinkohlenzeit sich die abermals neue Abzweigung auch zu den Karroo-Reptilen und damit ins endgültige Echtsaurierische vollzogen hat.

Es war ja bei der erstaunlichen Ähnlichkeit beider Parteien im ganzen Knochenbau eigentlich auch hier nur noch ein Bruch in der Lebensweise nötig.

Die Karrooer setzten sich eben wirklich endgültig aufs Land und schafften auch für ihre Jungen die amphibischen Kaulquappenkiemen ab zugunsten fertiger Dauerlungen, was dann das ganze weitere Sauriertum als Urgesetz bereits übernahm.

Auf dieser Höhe stehen sie in der Permperiode eindeutig vor uns.

Die Molchsaurier in ihrer alten eigenen Freßdrachengestalt hielten sich (so pflegt es ja meist zu sein) selber allerdings auch noch eine Weile neben ihnen (die Umwandlung selbst trifft ja stets nur eine Ecke im alten Gesamtbestand), erzeugten sogar noch in die Triastage, also bis in das engere Saurieralter hinein erst jene allergrößten eigenen »Drachen« vom Schlage des schwäbischen Mastodonsaurus – bis sie wenigstens in diesem heroischen Typ auf ihrer Seite doch eingingen und das Amphibium fortan nur noch in seinen heutigen Kleinformen als Molch und Frosch fortvegetierte.

Abb. 135.
Zur Entstehung der Schildkröten. Die noch lebende kolossale Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), die in allen wärmeren Meeren, obwohl sehr selten, lebt und 2 m lang wird bei 600 kg Gewicht.

Nun aber – wenn das alles so weit wirklich stimmen soll, wie wurde es in der nächsten Folge wieder mit den Karroosauriern selbst?

Auch sie sind, wie erwähnt, in der gleichen Triasperiode nach so ruhmvollem Anfang ebenfalls wieder spurlos verschwunden. Warum?

Hier würde jetzt jene zweite Vermutung einsetzen müssen.

Die gleichen Forscher, die sie den Übergang noch vom amphibischen Vorsaurier bilden lassen, nehmen an, daß sie, einmal als erste da, konsequent sich nunmehr in die übrigen Echtsauriertypen aufgelöst haben, indem sie sie alle aus sich noch herausgebaren.

Einzelne zu einseitig gewordene Anpassungen mögen ja auch bei ihnen wirklich eingegangen sein. Der Normalstamm aber starb nicht aus, sondern wandelte sich in jene anderen Typen restlos um.

Den engeren Weg glaubt man dazu leidlich wenigstens verfolgen zu können.

Schon bei den Karrooern selbst, wie wir sie kennen, treten allerlei verdächtige Hinneigungen wie prophetisch auf – einmal etwas Krokodilzug, einmal Eidechsenzug und so fort.

Im engern aber kann man etwa folgende Linien wohl noch ziehen.

Ein paar sehr kleine Typen unverkennbaren Karroobezugs, die man massenhaft in einem alten Perm-Sumpfboden bei Niederhäßlich-Dresden gefunden hat, sahen der besagten Brückenechse schon so ähnlich, daß man sie gelegentlich wirklich Paläohatterien (Alt-Brückenechsen) getauft hat. Hier biegt der Pfad entschieden bereits sehr nah heran, womit nach oben Eidechse, Schlange und Mosasaurus gegeben gewesen wären. Selbst Züge, die an den späteren Waran erinnern, kommen bereits einmal nahe zum Kammtyp Dimetrodon in der Karrooreihe selber vor.

Abb. 136.
Das Geheimnis der Säugetiere. Bruchstück vom Schädel eines uralten Säugetiers, das bereits mit den Karroosauriern zusammenlebte, des Tritylodon longaevus aus Schichten der Triaszeit in Basutoland (Südafrika). Halbe natürliche Größe. Links von unten, rechts von der Seite.

Anklang zu den Neben- und Lügenkrokodilen ergibt sich ebenfalls ohne allzuviel Zwang, womit indirekt Dinosaurier und Flugsaurier wieder umgriffen wären, falls jene Aetosaurusecke dort stimmt.

Die Landvorfahren der Plesio- und Ichthyosaurier fänden örtlich wie zeitlich aber auch keinen rechten andern Anhalt als eben bei den Karrooern als solchen Ur- und Erst-Landtieren.

Ich sage, man kann wenigstens so bauen, unbeschadet, daß wir die meisten Einzelbrücken nicht mehr sehen und vollends von der Methode des Übergangs nirgendwo etwas wissen.

So also das gesamte Umrißbild.

Ich denke, es gibt doch immerhin einen roten Faden auch in unsere Saurier hinein. Und man hört leise, fern über ihre Araukarien- und Ginkgowälder hin wirklich etwas von dem Blätterrauschen in dem großen Gedankenwalde, den wir Menschen Entwicklungsidee und Fortschritt nennen.

Wird diese Entwicklungsidee einmal, wie zu hoffen, selber noch ein gut Stück reifer über gewisse Kinderschuhe von gestern hinaus, so mag sie endlich auch hier an tiefste Rätsel rühren – wozu ja oben schon ein Wort gesagt.

Und inzwischen bezeichne ich nur bei unsern Karrooern selbst noch ganz kurz zwei solcher letzten Geheimnisse, womit unsere Betrachtung für diesmal ihren Kreis beschließen darf.

Das eine ist vielleicht im Augenblick schon gelöst. Das andere wie eine große Sphinx im Hintergrund, deren Schatten aber nur noch in diesen Kreis fällt.

Das erste betrifft eigenartigerweise die Herkunft unserer Schildkröten.

Unsere Erzählung hat diese merkwürdigen reptilischen Gesellen bisher nur ganz flüchtig gestreift. Und doch hat jeder wohl einmal vor ihnen gedacht, sie sehen noch jetzt aus wie ein Stück richtigster Urwelt. Besonders jene ungeheuren elefantenhaften Landformen erscheinen so, die jetzt auf ihren fernen Weltmeerinseln, den Galapagos und Seychellen, rasch aussterben und bald nur noch in ein paar letzten Exemplaren in unsern großstädtischen Aquarien fortvegetieren werden. Solche uralte Landschildkröte, der man bis dreihundert Jahre auf den Rücken gibt, ragt als Person ja schon in unsere Kultur wie ein ehrwürdiges Geschichtsdokument.

Die Art aber, wie das ganze große und kleine Volk heute noch in seinem Doppelpanzer, der hier nicht so sehr umgegürteter Harnisch, als eine Art von innen entgegenwachsender Selbstverknöcherung und vorgeschobenen Palisadenzauns des eigenen Skelettes ist, eingekapselt steckt, erinnert an das Verwegenste, was die Urwelt ihren Geschöpfen geschaffen. Man hat die Schildkröten danach gern Kinder eines wilderen, revolutionäreren Erdentags genannt, in dem der Einzelne sich gar nicht genug in sich selber zurückziehen und absperren konnte. Und auch in ihrer heutigen Verbreitung scheinen sie noch fast den ganzen Eroberungskreis der alten Saurier zu spiegeln: auch sie zeigen außer jenen Gestalten der Festländer oder Inseln Süßwasserformen, ja Schwimmer des freien Ozeans, die es noch jetzt mit den Ichthyosauriern aufnehmen könnten. Nur die Luft bleibt versagt, was die Schwere eben des Gehäuses, in dem die Lebensuhr des Tieres ticken muß, bedingt; die fliegende Schildkröte ist immer nur ein Scherz unserer Dichter gewesen.

Bei alledem blieb aber unsere Ausbeute über ihr tatsächliches Urweltleben lange eine merkwürdig geringe.

Gewiß, sie waren schon in all den großen Tagen der Saurierblüte selber mit dabei gewesen. Sie durchquerten auch damals die Weltmeere neben den wirklichen Wassersauriern, gelegentlich ebenfalls ergriffen von dem Größenzug gewisser Urwelt. Dann fuhren sie etwa als Typ Archelon in der Niobrarasee mit hakigen Greifenköpfen einher, die allein einen Meter groß – das ganze Ungeheuer dazu, wenn die Angaben nicht übertreiben, mehr als vier Meter, also in ihrem Element einem erwachsenen Walroß von heute gleich. (Vgl. die Tafel 18, wo rechts solcher Riese sichtbar wird.)

Gelegentlich glaubt man sie auch allerlei engere Anpassungswege dort nehmen zu sehen. So schaffen sie auf der Gewohnheitsfahrt durchs uferlose Blau gleich jenen Meerkrokodilen einen Teil Ballast der allzu schweren Uhrkapsel ab, schlagen sozusagen Fenster hinein wie jener eine Hornsaurier in seinen Knochenkragen. Wieder aber lockt sie dann wohl die Ausbreitung ihres Gebiets (vielleicht war im Meer auch zu viel noch größeres Freßvolk) auf das Land hinauf – dann bauen sie, doch nach neuer Methode, den Panzer erneut auf solider Grundlage um. Und nochmals, wenn gewisse geistvolle Deutungen stimmen, zieht es sie wie den Fliegenden Holländer in die geliebte Wasserweite zurück, wo sie jetzt ein drittes Mal buchstäblich umsatteln – vielleicht ist unsere noch lebende mächtige Lederschildkröte mit teilweise abermals erweichtem Panzer hier ein Endprodukt gewesen.

Aber der eigentliche gegebene Grundtyp erleidet doch mit all diesem kleinen Hin und Her keine entscheidende Änderung, die uns belehren könnte, woher sie nun im ganzen stammten. Und erst mit dem fernsten Kapitel des Saurierbuches scheint auch da etwas anders zu werden – mit der Triaszeit.

Dort wird nun doch so viel zunächst deutlich, daß die gesamte Schildkröterei ursprünglich überhaupt nicht aus dem Meer stammte, sondern ihren Anfang rein beim Lande hatte.

Im guten Schwaben wieder bei Belodon und Aetosauruslein, wie in Halberstadt bei des trefflichen Jaekel ersten Springsauriern erscheinen jetzt ausschließlich große Landschildkröten. Wobei ja immerhin nahe liegt, daß dieser Landanfang für den schweren Panzer auch der logischere gewesen sei. Doch sogleich ergibt sich die Frage: wie es auch auf diesem Lande zu dieser ganz exorbitanten Kapsel, wie sie kein anderer späterer Saurier zeigt, gekommen sei?

Abb. 137.
Das Geheimnis der Säugetiere. An den neu erschlossenen glänzenden Fundstätten urweltlicher Tiere in der Mongolei haben sich jetzt in Schichten der oberen Kreide auch ganze Schädel kleiner Säugetiere gefunden, von denen hier zwei im natürlichen Umriß und (darüber) in Wiederherstellung des mutmaßlichen Lebensbildes nach Gregory vorgeführt werden. Das Tier links (oben und unten) wird als Zalambdalestes Lechei bezeichnet und scheint ein Insektenfresser gewesen zu sein, das Tier rechts (oben und unten) wurde Deltatherium praetuberculare genannt und scheint schon ein Verwandter der Ur-Raubtiere (Creodonten) gewesen zu sein. Also beide Typen schon nicht mehr ganz urtümlich. Die Größe war reichlich die einer Hausratte.

War es auch eine reine Schutzsache, wie bei den Krokodilen oder den Stegosauriern und Akanthosauriern?

Natürlich hat man daran – eben in der damals so scharf beginnenden Zeit der bösen Tigersaurier – wieder zuerst gedacht. Aber dazu hätte doch wirklich etwas Hautharnisch genügt. Wozu dieser innere kompakte Knochengerüstbau? Und hier tauchte schon früh auch eine zweite besondere Idee auf.

Sollte nicht noch ein anderer »Schutz« in Betracht gekommen sein, der mehr an unsere späteren Gürteltiere bei den Säugetieren erinnerte? Auch sie tragen mächtige Panzer und haben verschiedenartigen Vorteil davon. Unter anderem dient der Panzer bei ihnen aber einer ganz besonderen Anpassung – nämlich dem Graben in der Erde. Als Bollwerk gleichsam gegen zu verschiebende und aufstürzende Erdmassen. Und sollte so etwas nicht auch bei den Urformen der Schildkröten mitgespielt haben können?

Diesmal aber beginnt unser Blick zu wandern.

Jene Altlandschildkröten der Triaszeit werden auch sonst merkbar urtümlicher. Sie zeigen noch Spuren von Zähnen und anderen Merkmalen, die keine spätere Schildkröte mehr gekannt hat.

Nun denken wir aber im Sinne des oben Erzählten, daß alles sonst Reptilische wahrscheinlich zuletzt von den Karroosauriern kam – also wohl rein theoretisch auch unsere Schildkröten.

Und enger auch dabei fällt uns etwas ein.

Abb. 138.
Das Geheimnis der Säugetiere. Die urtümlichsten noch lebenden Säugetiere sind die Schnabeltiere des australischen Gebiets, die noch Eier legen, ihre Jungen aber bereits nach Säugetierart ernähren. Hier das Landschnabeltier Echidna aculeata (auch Schnabel- oder Ameisenigel genannt, obgleich es kein Igel ist) nach einer photogr. Aufnahme im Berliner Zoologischen Garten (vgl. Abb. 139 und 140).

Unter jenen echten Karrooern selbst waren schon leise an Schildkröten erinnernde Typen, wie Dikyuodon. Sie selber aber waren wohl sicher Erdgräber. Diese lokale Anpassung genügte uns ja für die Enträtselung des ganzen Typs als solchen nicht, aber sie blieb als gelegentliche engere Marke bestehen. Sollten die Schildkröten also nicht damals in Afrika, im Gondwanaland so vieler Wandlungen und Geheimnisse, gerade von solchen Grab-Karrooern ausgegangen sein, die beim Graben diesmal nicht nur Hebel und Stemmeisen, sondern tatsächlich auch gelegentlich solchen Panzer mit innerster Knochenverankerung als Gegenstütze ausgebildet hatten?

Abb. 139.
Das Geheimnis der Säugetiere. Eier, wie sie von den Schnabeltieren noch gelegt werden. Links das Ei des Landschnabeltiers (vgl. Abb. 138), rechts das des Wasserschnabeltiers. Vier Fünftel der natürlichen Größe. Bei dem Landschnabeltier wird das Ei in einem besondern Brutbeutel ausgebrütet (vgl. Abb. 140).

Kurz gesagt: die Sache ist heute durch einen äußerst glücklichen Fund aus den Karrooschichten der Permzeit selbst so gut, scheint es, wie erwiesen.

Es hat sich ein kleiner Karrooer gefunden (Eunotosaurus benannt ohne Bezug übrigens zu jenem Plesiosauriden Nothosaurus von vorhin), der einerseits wohl ersichtlich als Landform seiner Ursteppe auch solcher Erdgräber war. Andererseits aber hatte er tatsächlich vollen Ernst dabei gemacht mit eben solcher Panzerbildung auf dem Schildkrötenweg. Außen hatte er bereits Hautverknöcherungen angelegt. Innen aber zugleich die Rumpfrippen zu Platten erweitert, die sich gegenseitig berührten als Anfang des inneren Palisadenwerkes dort (vgl. das Bild). Noch ist die Sache ersichtlich nicht ganz fertig. Wie auch statt des Hornschnabels (in anderm solchen Grabtyp hakte diesen doch Dikynodon schon einmal fast erreicht) noch echte Zähne bestanden. Es macht aber nicht die leiseste Mühe, sich auch die erste wirkliche Landschildkröte mit noch etwas Konsequenz des Bauplans angelenkt zu denken.

Der Schluß wäre dann vollends einfach.

Das Übergangstier Eunotosaurus lebte bereits in der Permzeit so. In der Trias von Schwaben und Halberstadt wäre der Typ aber schon klar dagewesen, brauchte auch in veränderter Landeslage nicht mehr selber dort zu graben, wenn er nur den Panzer hatte, der natürlich nachher auch ein trefflicher Angreiferschutz (wenn schon innerlich etwas übers Ziel schießend mit seiner extremen Verknöcherung) gewesen ist.

Tafel 40
Vegetationsbild nach Ausgang des Zeitalters der großen Saurier

Jedenfalls aber würde gerade unsere Schildkröte unmittelbarer und bildechter noch als alles andere Sauriervolk aus den Wundern von Gondwanaland selbst stammen. Nicht nur vom Typ dort, sondern auch der charakteristischen engeren Anpassung eines Teils der alten Karrooer. Sie kröche heute noch etwa in solchem Galapagos-Riesen als »Elefantenschildkröte« vor uns als der wohl echteste »Karrooer«, den die Urwelt uns lebend erhalten hat. Allergraueste Urwelt wäre es, die tatsächlich gerade sie noch umwitterte, die so »urweltlich« aussah. Und wer sie in unserm unvergleichlichen Berliner Aquarium als später Enkel so schaute, der dürfte sich sagen, daß er immer noch etwas miterlebe von Pareiasaurus und Dikynodon.

Abb. 140.
Das Geheimnis der Säugetiere. Das Landschnabeltier (vgl. Abb. 138) von der Unterseite, um den Brutbeutel zu zeigen, in dem hier das abgelegte Ei ausgebrütet wird. Nach Haacke.

Das zweite Geheimnis rührt dann, wie gesagt, nur noch gleichsam mit einem Geisterfuß in dieses Buch. Ich schildere es nicht mehr, ich deute es nur noch an.

Es betrifft, wenn auch hier die Indizien stimmen sollten, nichts Geringeres als bereits den Ursprung der Säugetiere. Also der großen Erfüller selbst, die berufen sein sollten, die neue Welt und neue Zeit bis an unsere Tage heran zu beherrschen aus einem neuen Geist, nachdem die Wunder und Schauer der eigentlichen Urwelt verweht.

Seit den Tagen des großen Cuvier weiß man, daß auch diese Säugetiere, die nach dem großen Sterben auf der ganzen Linie das Erbe der Saurier antraten, schon in der Saurierzeit selbst wie ein ganz feiner Unterton nebenher gegangen sind.

Wie jene Archäopteryx schon früh als Vogel, bloß in sich bereits bedeutend »fertiger« für ihren eigenen Typ.

Kleine einzelne Kieferchen, von im Wasser treibenden Leichen gelegentlich abgefallen und z. B. im englischen Jura zusammengeschwemmt zu ganzen Nestern, haben uns gelegentlich auch davon vage Kunde gegeben. Winzige Zähnchen wieder in Schwaben. Einmal ein größeres Schädelbruchstück aus dem Karroolande selbst. (Vgl. Bild.) Weit zurück, bis in die Triasperiode, heute heißt es schon bis in Permtage, geht das auch so. Also so alt, wie die Karrooer selbst waren. Immer doch nur wie schattenhaft vorüberhuschend – von kleinen im Weltbilde noch verschwindenden Geschöpfchen – wie Ratten bloß groß, höchstens wie Hasen in Zeiten, da die Donnerechsen sich wie Walfische über Land wälzten, daß die Erde von ihnen erdröhnte.

Eine eigentliche Rolle hatten diese Wichtelmännchen offenbar nirgendwo noch gespielt, vielleicht noch weniger wie jene Archäopteryx selbst, ein Schattenspiel der Zukunft erst, aber keine eigene neue Welt – ehe eben das »große Sterben« der andern der neuen »Idee« in ihnen plötzlich Raum geben sollte.

Seltsam aber eines dabei.

Keine dieser Spuren weist auf wirkliche »Vorfahren« auch des Säugetiers.

Wohl verraten sie zum Teil etwas ältere Typen, die in der heute noch bestehenden Reihe unseres Systems ganz oder doch ziemlich tief unten stehen, dabei aber alle doch auch noch heute neben uns fortleben.

Bei jenen englischen Kieferchen rät man (schon der alte Cuvier tat es) auf heutige australische oder amerikanische Beuteltiere, also eine vielleicht etwas altertümliche Gruppe, die heute räumlich eingeschränkt erscheint, aber doch nach wie vor da ist, ich erinnere nur an Känguruh oder Beutelratte.

Jene schwäbischen Zähnchen, auch das etwas größere Karroofragment, haben wenigstens einen Teil der Forscher an das Jugendgebiß der erwachsen heute zahnlosen australischen Wasser-Schnabeltiere erinnert – das wären wohl ziemlich sicher die primitivsten heutigen Säuger, die ihre Jungen zwar auch mit Milch nähren, aber zugleich noch Eier legen. Das eng verwandte Landschnabeltier kombiniert dieses Eierlegen sogar noch mit dem Brauch jener Beuteltiere, indem es auch das Ei zunächst in einem Beutel ausbrütet. Immerhin doch auch für uns noch Zeitgenossen, die wir wenigstens in dieser Landform in jedem zoologischen Garten haben.

Wobei ich nicht verhehlen will, daß einem ersten Kenner neuerlich selbst dieser Bezug zweifelhaft geworden ist.

Denn kürzlich zu hoher Freude an jenen wunderbaren neuen Fundstätten der Mongolei entdeckte ganze rattengroße Schädelchen (sie konnten sogar im Lebensumriß ergänzt werden) scheinen mindestens für die Kreidezeit auch schon wesentlich höhere Säugerordnungen anzudeuten: das eine einen Insektenfresser, wie unsere allbekannten Igel und Maulwürfe noch sind, ein anderes gar bereits ein kleines Ur-Raubtier. (Vgl. das Bild.)

Abb. 141.
Das Geheimnis der Säugetiere. Das wiederhergestellte Skelett eines Karroosauriers Cynognathus crateronotus aus den Triasschichten des Kaplandes, nach Gregory und Camp. Bei ihm und seinen engeren Verwandten tauchen besonders im Gebiß merkwürdige Ähnlichkeiten mit den Säugetieren auf.

Also keinerlei Übergang irgendwo bisher zu den Sauriern selbst, nur eben schon echtes Gegenwartsmaterial. War der kommende höhere Typ auch damals gleich fertig mit abgespalten worden, als diese Saurier aus dem Amphibischen traten?

Nun, hier mischt sich doch, scheint es, immerhin etwas Merkwürdiges aus unseren Karrooern selbst ein. So geheimnisvoll, so zweideutig es sein mag. Und es soll doch wenigstens noch erwähnt sein als zugehörig zum Saurierbuch.

Ich sagte oben, ich ließe eine Zeitgestalt bei ihnen neben den Hundszähnern und Wangensauriern vorerst noch beiseite. Hier muß doch auch sie flüchtig, als solcher Schatten im Schattenspiel heran.

Dieser Typ entwickelte nämlich – es handelt sich diesmal auch dort um Fleischfresser – schon in den Perm- und Triastagen am Kap der Guten Hoffnung einmal ein entschieden an Säugetiere anklingendes Gebiß.

Die Zähne differenzierten sich ihm plötzlich ganz in der Stille zu einer Art echter Schneide-, Eck- und Backzähne. Und zugleich traten geheimnisvolle Vorahnungen des gleichen »Säugetierischen« mehr oder minder auch im Gaumen wie dem Bau und der Anlenkung des Unterkiefers hervor. Während allerdings der ganze übrige Körper noch völlig Karrooer blieb. (Man betrachte das Bild des Cynognathus als eine Stichprobe wieder aus einer ganzen Reihe.) Was war hier, ebenso schattenhaft wie drüben das Auftauchen echter Säugetiere und anscheinend sofort wieder vorübergehend, von der andern, diesmal der saurierischen Seite geschehen?

Könnten diese säugetierzähnigen Karrooer doch noch dem Geheimnis der Säugetierschöpfung selbst näher gewesen sein zu ihrem Tag?

Ehe noch ein Ichthyosaurus, Plesiosaurus, Aetosaurus oder eine Brückenechse aus ihnen nach der andern, der saurierischen Seite stieg – könnten sie schon der wahre Ahnenstamm am Ende auch dieser Säuger selbst gewesen sein – wie heute noch drüben in Australien das Schnabeltier Eier legt, so das größte Ei in der Entwicklung des Erdenlebens gelegt haben, das zum Säugetier und damit zum Menschen führen sollte?

Wieder erhebt sich natürlich das Farbenspiel auch hier der Meinungen, der Möglichkeiten.

Ob das Verhältnis ernstlich solches engste Stammbaumverhältnis gewesen sein könnte?

Oder doch auch der Säugetiertyp sich damals ganz unabhängig irgendwie ans eigenster Wurzel rang, und nur ein Abglanz seines Bildungsdranges gleichsam hier und da auch durch die zeitgenössische Saurierwelt noch mit ging, auch sie gelegentlich etwas säugetierhafter in einem Einzelzuge machend? Wie etwas, das in der Luft lag, aber doch nur am rechten Fleck wirklich aufging.

Wie eine Idee in unserer Kultur auch einmal da, dort halb und unfruchtbar anklingt und wieder verklingt, um sich doch erst an der rechten Stelle zu einer neuen Kraft zu entwickeln, die eine Welt aus den Angeln hebt? Oder bezaubert uns gar nur der Zufall einer ganz kleinen Parallelanpassung, die überhaupt nichts mit den großen Dingen zu tun hatte?

Ich deute, wie einmal als weltgeschichtliches Wort bei einem Größten gesagt wurde, die Grenze nur an, aber ich überschreite sie nicht.

Was aber, ob so, ob so, bleibt, ist, daß die ungeheure Wende selbst damals irgendwie doch erfolgt sein muß.

Die Wende, die zuletzt zum Menschen führen sollte in einer Ära der Dinge, gegen die alles Saurierische als solches noch einmal versank, wie ein wilder roher Vorweltspuk. Wie einer jener Titanenkämpfe der alten Mythologien gegen ein verjüngtes, befreites Geschlecht.

Nehmen wir auch hier, wie wir müssen, alle Höherentwicklung als einen Geistesvorgang, ob es sich nun um Sterne oder Ichthyosaurier oder sieghafte Kulturgedanken handle – so hat sich damals in der Schöpfung der kommende Menschengeist selbst in der Idee durchgesetzt mit dem ersten Säugetier – während die andere Linie trotz allen noch kommenden eigenen wilden Gigantenspiels nach ihrem innersten Gesetz sank und sank – als Sauriergeist mit Köpfchen zuletzt wie jenem des Stegosaurus.

Ob wir vielleicht auch noch immer gar nichts sehen und wissen von dem wahren Hergang – in jener Stunde damals ist das uralte »Es werde Licht« zum zweitenmal jedenfalls gesprochen worden: »Es werde Menschengeist.« Geheimnisvoll das zweite, wie das erste. Wir sind noch einmal wie in dem fernen Wunder des Lebens selbst vor dem großen Urgeheimnis, das allem Licht und allem Geiste innewohnt. Ob du nun heute geboren wirst – oder einst im großen Zeugungsschauer jener neuen Entwicklungswende dein ganzes Ahnengeschlecht, dein Geistesvolk, in dem du zuletzt ruhst und das durch unendliche Weitergestaltung in deine Menschheit und dein eigenes Menschheitsteil, dein Volk, eingeht.

Senke dein Buch – hier beginnt eine neue Erzählung. Der Drache fällt, und Siegfried der Lichtgott steigt.

Berichtigungen

Seite 6, Zeile 4 von unten lies: liliiformis. Seite 18, Zeile 8 von unten lies: catenatus. Seite 44, Zeile 14 von unten: nochmals. Seite 46, Zeile 3 von oben: Kämpfer. Seite 47, Zeile 1 von oben: Willemer. Seite 72, Zeile 8 von oben: Luftauftrieb. Seite 141, Zeile 4 von unten: Festlandrand. In der Unterschrift von Tafel 31 lies: nahe zu statt nahezu. In Abb. 86 sind die Zähne des Vogels nicht zum Ausdruck gekommen.

Abbildungen

Die Bilder in diesem Werk sind (mit Ausnahme weniger Wiedergaben nach Photographie) sämtlich einheitlich neu gezeichnet durch Herrn Kunstmaler Hugo Wolff-Maage. Als wissenschaftliche Vorlagen haben zum Teil gedient und sind für den Zweck des Buches umgezeichnet worden solche aus: Zittel, Grundzüge der Paläontologie, neu bearbeitet von Broili und Schlosser; Walther, Geschichte der Erde und des Lebens; Walther, Geologie Deutschlands; Fraas, Führer durch die Naturaliensammlung zu Stuttgart; Abel, Lebensbilder aus der Tierwelt der Vorzeit; Handlirsch, Über fossile Insekten 1911; Krämer, Weltall und Menschheit; C.W. Schmidt, Natur und Mensch; Dacqué, Das fossile Lebewesen; Weber, Die Säugetiere, 2. Aufl.; Bölsche, Entwicklungsgeschichte der Natur; Bölsche, Festländer und Meere; Zeitschrift »Der Naturforscher«; »Paläontologische Zeitschrift«; Zeitschrift »Das Aquarium«; Zeitschrift »Natur und Museum«. Bei den Tafeln 18, 21, 26, 27, 28, 29, 36 sind Gemälde von Knight teilweise benutzt. Die Photographien nach Originalen von Dr. Hauff, Holzmaden (Tafel 12, 13, 14, 20), des Senckenbergmuseums zu Frankfurt a.M., des Londoner Zoologischen Gartens (nach The Times), des Berliner Zoologischen Gartens und Aquariums. Herzlicher Dank für Unterstützung bei den Bildern ist zu sagen den Herren Professor Janensch, Professor Potonié, Professor Gothan zu Berlin

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